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Veröffentlicht am 24.01.2021

Leben ist, etwas hinter und etwas vor sich haben

Ich komme mit
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Man erfährt den Fortgang der Geschichte in kurzen Kapiteln, immer abwechselnd aus Vitas und Lazys Sicht. Vitas Handlungen, Gedanken und Erinnerungen werden in der 3. Person erzählt, während Lazy in seinen ...

Man erfährt den Fortgang der Geschichte in kurzen Kapiteln, immer abwechselnd aus Vitas und Lazys Sicht. Vitas Handlungen, Gedanken und Erinnerungen werden in der 3. Person erzählt, während Lazy in seinen Kapiteln der Ich-Erzähler ist. Auch der Schreibstil wechselt. Während Vitas Kapitel eher ruhig, gemächlich, von Erinnerungen gefüllt und manchmal ein wenig lebenssatt sind, erzählt Lazy in kurzen, manchmal bruchstückhaften Sätzen, als würde ihm die Zeit und die Kraft fehlen, sie zu vollenden. Als die Hoffnungslosigkeit der Krankheit über ihn herein bricht, ist plötzlich Vita da, die alte Nachbarin, die er bisher weder beachtet noch gemocht hat. Das mit dem Mögen beruhte wohl auf Gegenseitigkeit, wie man bereits im Prolog erfährt. Doch nun ist alles anders. Vita kümmert sich um ihn, und sie nähern sich immer mehr an. Mit der Zeit entsteht eine ganz besondere Freundschaft. Die Protagonisten werden wichtig füreinander.
Der Roman hat mich ziemlich beschäftigt und geht mir immer noch im Kopf herum. Man wird sehr stark mit Lazys Krankheit und seinen Befindlichkeiten konfrontiert. Ich muss gestehen, dass ich mit schweren Krankheiten schlecht umgehen kann, entsprechend schwierig war die Lektüre teilweise für mich. Aber die schöne Schreibweise hat mich dann doch immer wieder dazu gebracht, das Schicksal der beiden Protagonisten weiter zu verfolgen. Vita und Lazy machen sich viele Gedanken und philosophieren über das Leben. Es wird fast ein Spiel daraus, wenn immer wieder Sätze fallen wie „Leben ist ein Geschenk. Man kann‘s nur einmal auspacken.“ oder „Leben ist, es in die Hand zu nehmen“.
Die Autorin schreibt sehr bildhaft und schmückt ihre Schilderungen mit Metaphern und interessanten, kreativen Wortschöpfungen aus. Und so liest sich das Buch leicht, obwohl die Handlung alles andere als das ist. Es ist rührend, wie Vita für den totkranken Lazy sorgt, und sie begleitet ihn zu einem Sehnsuchtsort, in die Türkei zur Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe, wo es einen kleinen Fuchs als Wandrelief gibt, zu dem Lazy eine besondere Verbindung hat.
Die letzte große Reise wollen sie gemeinsam angehen, und sie bereiten den Abschied bewusst und gründlich vor. Schweren Herzens habe ich diese Passagen gelesen. Das Ende ist dann ganz anders als gedacht. Ich sehe es nicht als Happy End, denn als solches ist es wohl auch nicht gedacht, aber es ist in alle Richtungen offen. Man kann die Fäden hoffnungsvoll oder auch mutlos weiterspinnen. Obwohl mich der außergewöhnliche Schreibstil und die Dialoge verzaubert haben, kann ich nicht sagen, dass mir das Buch „gefallen“ hat, dafür war die Handlung zu leidvoll und die dadurch gegebene Stimmung zu schwermütig. Aber es hat mich tief beeindruckt, bewegt und nachdenklich gemacht und sich dadurch fünf Sterne redlich verdient.

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Veröffentlicht am 15.01.2021

Rückkehr in eine vergessene Gegenwart

Die Rückkehr
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„Die Rückkehr“ ist Rebecca Wests Debütroman aus dem Jahr 1918. Zugleich ist es der einzige Roman einer Frau, der die Schrecken des ersten Weltkriegs verarbeitet.

Das Coverbild, eine Fotografie in Sepia, ...

„Die Rückkehr“ ist Rebecca Wests Debütroman aus dem Jahr 1918. Zugleich ist es der einzige Roman einer Frau, der die Schrecken des ersten Weltkriegs verarbeitet.

Das Coverbild, eine Fotografie in Sepia, zeigt eine Frau, die ein holzgetäfeltes Treppenhaus hinab geht. Die abgebildete Person könnte Kitty, die Ehefrau aber auch Jenny, die Ich-Erzählerin sein, das bleibt offen.

Chris Baldry kommt von der Front nach Hause. Äußerlich unversehrt, hat er jedoch seelische und geistige Verletzungen davongetragen; er hat durch einen Granatenschock einen Teil seines Gedächtnisses verloren. An die letzten fünfzehn Jahre kann er sich nicht mehr erinnern, ebenso wenig wie an seine Ehefrau Kitty. Bei seiner Ankunft ist sie eine Fremde für ihn. Lediglich seine Cousine Jenny ist ihm vertraut, und er sehnt sich nach seiner Jugendliebe Margaret. Diese ist verheiratet und lebt in ärmlichen Verhältnissen. Da sie Chris noch immer zugetan ist, erklärt sie sich bereit, zu ihm zu kommen, mit dem Einverständnis von Kitty und Jenny. Wie sie es auch drehen und wenden, es muss eine Lösung gefunden werden, und egal wie diese aussieht, wird irgend jemand seelische Verluste ertragen müssen. Die drei Frauen, jede auf ihre Art, tun alles, um Chris glücklich zu machen und dem realen Leben wieder zuzuführen.

Die ganze verfahrene Situation wird aus der Sicht von Jenny erzählt. Sie beschreibt ihre Gedanken und Empfindungen und versucht zu schlichten. Die tragischste Gestalt in der Geschichte ist Kitty, die schöne Ehefrau, die für ihren Mann eigentlich gar nicht existiert und die ertragen muss, dass er sich Margaret zuwendet, dieser Frau, die in Kittys Augen eher gewöhnlich ist. Umso schwerer fällt es Kitty, diese Konkurrenz zu akzeptieren. Jenny ist die selbstlose Vermittlerin, die für alle in gewissem Maße Verständnis hat, ohne selbst verstanden oder beachtet zu werden. Chris scheint glücklich zu sein, in seiner kleinen Welt, in die sich sein Geist nach dem Kriegstrauma geflüchtet hat. Dass seine Jugendliebe gealtert ist, nimmt er kaum wahr, sondern er blickt ihr in die Seele und sieht den liebevollen Menschen in ihr.

Bei Jenny hatte ich den Eindruck, dass sie hin und her gerissen ist zwischen Besorgtheit, Verständnis aber auch Verachtung, denn vor allem anfangs kann sie Margaret nicht akzeptieren, und man liest so manchen abfälligen Gedanken.

Das Ende bietet eine Lösung, ist aber doch in gewissem Sinn offen, und man kann sich selbst zusammenreimen, was die Protagonisten daraus machen.

Der Schreibstil ist schön und erfüllt von blumigen Umschreibungen. Man kann ihn einerseits genießen, aber ich muss gestehen, dass ich mich manchmal in den langen, verschnörkelten Sätzen regelrecht verirrt habe. Obwohl es sich eher um ein dünnes Buch handelt, ist es keinesfalls geeignet, es zwischendurch zu lesen, denn man muss sich konzentriert darauf einlassen. Dann wird man auf jeden Fall davon profitieren.

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Veröffentlicht am 11.01.2021

Es ist nicht alles Gold, was glänzt!

Die Salbenmacherin und der Stein der Weisen
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Über die Salbenmacherin Olivera und ihre Familie liegt nun bereits der fünfte Band vor. Er spielt in Nürnberg, im April 1410. Es ist erst ein gutes halbes Jahr vergangen, seit Olivera fast ihr damals noch ...

Über die Salbenmacherin Olivera und ihre Familie liegt nun bereits der fünfte Band vor. Er spielt in Nürnberg, im April 1410. Es ist erst ein gutes halbes Jahr vergangen, seit Olivera fast ihr damals noch ungeborenes Kind und ihr Leben verloren hätte. Seitdem hat sie das Haus nicht verlassen und sich um ihren kleinen Sohn Lukas gekümmert. Nun ist es ihr aber ein Bedürfnis, wieder im Spital zu arbeiten, um den Alten und Kranken zu helfen. Ihrem Mann Götz ist nicht wohl dabei, denn sie haben immer noch mächtige Feinde in der Stadt, aber Olivera ist der Meinung, das Leben muss weitergehen, und sie möchte wieder in einen geregelten Alltag finden. Mit der Ruhe ist es jedoch schnell vorbei, als ein mysteriöser Heiler in die Stadt kommt. Der Adept behauptet, er hätte den Stein der Weisen und könne Gold herstellen. Viele Bürger fallen auf Alphonsius und seine Versprechungen herein. Auch Oliveras Mann Götz, der Stadtapotheker, ist nicht ganz frei von Aberglauben, wie sich nun herausstellt. Auch wenn er Alphonsius die Puppe für einen Unsichtbarkeitszauber nur abgekauft hat, um dem Rat zu beweisen, dass es sich um einen Schwindel handelt, so scheint er doch der Meinung zu sein, dass die Geschichte ein Körnchen Wahrheit enthalten könnte. Olivera will die Angelegenheit auf ihre Art aus der Welt schaffen und löst damit unbewusst eine Kette von Ereignissen aus, die wiederum eine Gefahr für sie selbst und ihre Familie darstellen. Eine ungeahnte Begegnung bringt Erinnerungen an die Vergangenheit zu Tage.

Über ein „Wiedersehen“ mit den bereits vertrauten Charakteren habe ich mich sehr gefreut. Die hilfsbereite und liebenswerte Olivera muss man einfach gerne haben. Ihr Mann Götz, der mir in den letzten Bänden vernünftig und umsichtig erschien, wirkt in diesem neuen Roman manchmal mürrisch und aufbrausend, was ich dem Umstand zuschreibe, dass durch die Ereignisse in der Vergangenheit sein Nervenkostüm eher dünn ist. Fakt ist auch, dass er zwar mittlerweile selbst dem städtischen Rat angehört, ihm aber nur allzu bewusst ist, dass er mächtige Feinde unter den Ratsherren hat. Die Sorgen lassen ihn oft unbeherrscht reagieren, worunter häufig Jona zu leiden hat. Jona, ehemaliges Bettler- und Straßenkind, hat sein Misstrauen bis dato nicht abgelegt und fürchtet ständig, etwas falsch zu machen und wieder in der Gosse zu landen. Aber Olivera ist er treu ergeben, denn ihr verdankt er sehr viel. Auch die Magd Gerlin, eine ehemalige Prostituierte, steht in Oliveras Schuld. Sie hilft ihr und der Familie wo immer sie kann, hat aber auch ein eigenes Problem, das sie aus der Welt schaffen möchte.

Silvia Stolzenburg schreibt kurzweilig und fesselnd. Auch Oliveras neuestes Abenteuer hat sich für mich wieder als wahrer Pageturner erwiesen. Vor allem die zweite Hälfte des Buches habe ich in einem Rutsch durchgelesen, so stark hatte mich die Geschichte gepackt, denn am Ende überschlagen sich die Ereignisse.

Besonders gut gefällt mir an den Romanen der Olivera-Reihe, dass sie so viel über die damaligen Heilmethoden aussagen. Es ist faszinierend, Olivera und dem Henker über die Schulter zu schauen, wenn sie Wunden behandeln oder auch, im Falle eines Verbrechens, auf Spurensuche gehen und dabei ungewöhnliche Methoden anwenden, die heutzutage gruselig anmuten, für die Menschen damals aber Normalität waren. Was die korrekte Recherche angeht, leistet die Autorin ganze Arbeit, und in ihrem Nachwort erzählt sie noch ein wenig zu Fakten und Fiktion, was mich immer besonders interessiert.

Die Gedanken, die Götz sich am Ende dieses Romans macht, lassen mich stark hoffen, dass es eine Fortsetzung geben wird, wenn auch vielleicht in einem anderen Setting.

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Veröffentlicht am 06.01.2021

Ein Weihnachtsfest unter erschwerten Bedingungen

Weihnachten am Ku'damm
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„Weihnachten am Ku‘damm“ ist eine ergänzende Geschichte zu Brigitte Riebes 50er-Jahre-Trilogie über die Thalheim-Schwestern. Der relativ kurze Roman spielt nach Kriegsende, im Hungerwinter 1946/47. Die ...

„Weihnachten am Ku‘damm“ ist eine ergänzende Geschichte zu Brigitte Riebes 50er-Jahre-Trilogie über die Thalheim-Schwestern. Der relativ kurze Roman spielt nach Kriegsende, im Hungerwinter 1946/47. Die Menschen in Deutschland wissen nicht, wo sie im zerstörten Berlin Essen und Heizmaterial herbekommen sollen. Die Familie Thalheim lebt auf beengtem Raum. Ihr einstmals gut gehendes Bekleidungs-Kaufhaus fiel einem Bombenhagel zum Opfer. Sehr eindringlich schildert der Roman die Situation der Menschen damals. Ich habe die Trilogie über die Thalheim-Schwestern noch nicht gelesen, aber bereits in diesem kleinen Roman habe ich sie und ihre Familie sehr gut kennengelernt. Die Charaktere sind allesamt sehr lebendig dargestellt. Kleine Andeutungen in der Handlung machen Lust darauf, die Trilogie zu lesen, denn es werden Beziehungen angesprochen, die man gerne weiter verfolgen möchte. Als die Thalheim-Schwestern den kleinen Erich halb erfroren und verhungert vor ihrem Laden auffinden, ist für sie sofort klar, dass sie dem Jungen helfen. Der starke Zusammenhalt innerhalb der Familie, die Nächstenliebe, die sie geben, obwohl es ihnen selbst nicht rosig geht und der Erfindungsreichtum, mit dem sie sich durchs Leben schlagen, das alles macht Lust darauf, mehr über die Protagonisten zu erfahren, denn trotz allen Elends, das damals herrschte, ist die Stimmung positiv und optimistisch. Dies ist ein wunderbares Büchlein, das sich schnell und flüssig liest. Die Geschichte ist kurzweilig, aber nicht oberflächlich. Sie spiegelt die damalige Lebenssituation sehr deutlich wieder und führt uns vor Augen, wie gut es uns heutzutage geht, denn im Vergleich zu den Menschen damals leben wir heute wie die Maden im Speck. Für mich ist es ein Roman, der die Weihnachtsbotschaft sehr klar und deutlich vermittelt.

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Veröffentlicht am 28.12.2020

Jesus, der Mensch mit seinen Ängsten und Zweifeln

Die Passion
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Dieses Buch hat keine eigentliche Handlung, sondern lebt einzig vom Protagonisten und seinem Monolog. Es geht um Jesus Christus, der die Nacht vor seiner Hinrichtung einsam in seiner Zelle verbringt. Amélie ...

Dieses Buch hat keine eigentliche Handlung, sondern lebt einzig vom Protagonisten und seinem Monolog. Es geht um Jesus Christus, der die Nacht vor seiner Hinrichtung einsam in seiner Zelle verbringt. Amélie Nothomb hat versucht, sich in ihn hinein zu versetzen und seine Gedanken und Gefühle wiederzugeben.

Er sagt, ihm sei nichts Menschliches fremd, und in diesem Buch wird er selbst auch nur allzu menschlich dargestellt.

In gewisser Weise hat mir dieses Buch Jesus näher gebracht, der in seinem Wesen göttliche Weisheit mit menschlicher Schwäche vereint. Seine rückblickenden Betrachtungen über sein Leben und die Ereignisse, die unweigerlich zu seiner Verhaftung und Verurteilung führten, sind nicht frei von Enttäuschung und lassen auch einen gewissen Sarkasmus erkennen. Mit Verwunderung und einem Anflug von Bitterkeit nimmt er die Reaktionen der Menschen auf seine Wunder wahr.

So kurz vor seiner Hinrichtung hat er zum Teil sehr tiefgründige Gedankengänge. Die Worte, die Amelie Nothomb in den Mund legt, sind nachdenklich und philosophischer Art. Er überlegt, ob er eine Wahl gehabt hätte, aber er hadert nicht mit seinem Schicksal, das er annimmt, vor dem er sich aber auch fürchtet und dem er am liebsten entgehen würde. Allein mit sich und seinen Gedanken gibt er sehr viel Persönliches und Menschliches preis. So philosophiert er zum Beispiel über den Durst von Körper, Geist und Seele. Es sind sehr interessante Gedanken, die mich zum Grübeln bringen. Auch seine innige Liebe zu Magdalena wird thematisiert. Überhaupt genießt Jesus die Körperlichkeit, solange er noch kann. Manches ist ziemlich überspitzt dargestellt bzw. passt so gar nicht in unser gängiges Jesus-Bild. Wieder andere Sätze könnte ich mir gut vorstellen, dass er sie genau so hätte sagen können. Das Buch provoziert und stellt Glaubensfragen auf den Kopf. Amélie Nothombs Jesus ist nur allzu menschlich und hat quasi für eine Nacht die Aura des Gottessohnes in die Ecke gestellt bzw. abgelegt. Meines Erachtens kann dieses kleine und doch so inhaltsschwere Buch ungläubige und gläubige Menschen gleichermaßen ansprechen. Tief gläubige Menschen, die sich zu 100 % auf die Bibel beziehen, werden jedoch vermutlich nicht glücklich mit dem hier gezeigten Jesus- und Gottesbild. Es wühlt auf und möchte stellenweise provozieren. Ob man mit diesem Buch etwas anfangen kann, kommt wohl darauf an, welches Glaubensbild man selbst hat. Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich sage, die Geschichten der Bibel gehen mir zum Teil nicht wirklich nahe, denn sie sind meist völlig emotionslos und entstammen einer Welt, die uns heute fremd ist. Dieses Büchlein strotzt nur so von Gefühlen und emotionalen Aussagen. Auch ist Jesus, wie ihn die Autorin darstellt, einerseits allwissend, denn er sieht vieles voraus und hat aus seiner Situation heraus auch einen Blick auf unsere heutige Zeit. Und doch ist er nur allzu sehr Mensch, mit seinen Schwächen und Ängsten, wie er nicht nur sich selbst und seine Mitmenschen kritisiert, sondern durchaus auch kritische, wenn auch liebevolle, Worte über Gott, seinen Vater, findet. Wer sich auf dieses Buch einlässt, muss also Kritik an Gott verkraften, an seiner Schöpfung, dem Menschen und auch an dem Entschluss, seinen Sohn für die Sünden der Menschheit zu opfern. Dazu sagt Jesus hier: „Wie schrecklich, im Voraus zu wissen, dass mein Leiden umsonst sein wird!“ Schaut man sich heute in der Welt um, könnte man meinen, dass diese Einschätzung sehr realistisch ist.

Mich hat dieses schmale Buch mit seinen 128 Seiten tief berührt und mir sehr viel Stoff zum Grübeln geliefert. Der französische Originaltitel ist übrigens „Soif“ (=Durst), was überaus passend ist, denn dieses menschliche Bedürfnis spielt eine große Rolle und tritt von Anfang bis zum Schluss immer wieder in Erscheinung. Man begleitet Jesus auf seinem Leidensweg bis zum bitteren Ende und darüber hinaus. Meine Sichtweise auf sein Schicksal hat sich zwar durch dieses Buch nicht grundlegend geändert, aber sie hat neue Dimensionen dazu bekommen, über die ich noch lange und oft nachdenken werde.

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