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Veröffentlicht am 29.01.2020

Was sollte das denn sein?!

Draussen
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Ich bin kein treuer, aber doch sporadischer Leser der Kluftinger-Krimis und mit einem Thriller hat man mich schnell angelockt. Nachdem ich mir den Beginn dieses Romans als Leseprobe zu Gemüte geführt hatte, ...

Ich bin kein treuer, aber doch sporadischer Leser der Kluftinger-Krimis und mit einem Thriller hat man mich schnell angelockt. Nachdem ich mir den Beginn dieses Romans als Leseprobe zu Gemüte geführt hatte, war ich auch schnell gefesselt. Ein Typ, der sich mit fremden Kindern als Outlaws durchschlägt und komplett unter dem Radar agiert, und die Kinder mehr oder weniger zu Kampfmaschinen, die als Hardcore-Prepper leben, ausbildet, da sie sich in steter Lebensgefahr befinden sollen: Da bildete sich über meinem Kopf doch prompt ein „Warum?“-Fragezeichen.
Parallel findet man bald darauf übrigens immer mal wieder, auch durchaus längere, Einschübe, die von einem Fremdenlegionär berichten sowie Szenen, in denen Wirtschaft und Politik miteinander techtelmechteln… diese Kombination erschien sehr seltsam und eben auch arg zusammenhanglos; das Ganze hatte für mich schnell etwas von Verschwörung, bei dem entflohene Mutanten oder gejagt werden, auf dass man weiter mit ihnen herumexperimentieren kann. Oder wasauchimmer tun.

Eingangs war ich noch sehr begeistert, den „Prepperteil“, wenn man es denn so nennen will, fand ich ungemein spannend, aber später nahm meine Begeisterung Seite für Seite mehr ab, bis ich letztlich gar kurz davor stand, die Lektüre abzubrechen. Denn vor Allem, als der Fremdenlegionär und die Regierung mehr von der Handlung zu beanspruchen begannen, wurde „Draußen“ für mich derart absurd, dass ich tatsächlich überlegte, ob dieser Thriller überhaupt ernst oder nicht doch eher als Satire gemeint war? Nach der ersten Hälfte von „Draußen“ war ich mir auch sicher, dass das Autorenduo künftig von weiteren Thrillern besser Abstand halten sollte – und wollte eigentlich nur noch wissen, wie zum Geier der Plot sich denn noch glaubwürdig zusammenfügen sollte. Ähm ja, gar nicht.
Das war die albernste „Auflösung“, die ich bis heute je gelesen habe, und die für mich auch absolut keinen Sinn ergab: Die Hintergrundgeschichte hatte sich am anderen Ende der Welt abgespielt, als die jetzigen Jugendlichen noch Kinder gewesen waren… wie konnte sich da denn irgendwer noch von denen bedroht fühlen? Zumal erstmal gar niemand davon wusste, dass es da immer noch diese zwei Kinder gegeben hatte?! Und wieso war Stephan mit den Beiden ausgerechnet nach Deutschland gekommen, wenn er doch davon ausging, dass sie vor Allem da in Lebensgefahr schweben würden?! Zum Vergleich (um nicht das Ende zu spoilern): Wenn mich Stürme verängstigen, ziehe ich doch nun auch nicht von der Schweiz aus in einen US-Bundesstaat, der regelmäßig von Hurricanes heimgesucht wird, um denen näher zu kommen? Zugegeben, ein wenig hinkt dieser Vergleich, aber da hinkt die Auflösung wenigstens nicht länger alleine…


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

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Veröffentlicht am 21.12.2019

Das wunderschönste Kochbuch, das ich bislang je in den Händen hielt!

Weihnachten in Amsterdam
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Wenn ich mir die bisherigen Rezensionen zu „Weihnachten in Amsterdam“ ansehe, komme ich mir doch wie ein relativer Außenseiter vor, denn ich fand dieses Buch im Großen und Ganzen absolut großartig, auch ...

Wenn ich mir die bisherigen Rezensionen zu „Weihnachten in Amsterdam“ ansehe, komme ich mir doch wie ein relativer Außenseiter vor, denn ich fand dieses Buch im Großen und Ganzen absolut großartig, auch wenn ich nicht weiß, ob „Winter in Amsterdam“ nicht der passendere Titel gewesen wäre. Denn Weihnachten ist zwar der Mittelpunkt, auf den hin alles zuläuft und da gibt es einige mehr oder minder (je nachdem, ob man z.B. selbst der alleinige Ausrichter der Weihnachtsfeierlichkeiten ist) praktikable Tipps, wie man sich zeittechnisch besser aufstellen könnte, aber es sind auch genügend Rezepte enthalten, die einen über den ganzen Winter bringen können. ;)
Meiner Meinung nach sind die Rezepte auch eher rein winterlich und nicht gewollt auf weihnachtlich getrimmt; insgesamt eine schöne Entsprechung zum klassischen „Sonntagsbratenmahl“; für den Alltag finde ich sie mitunter dann halt doch zu festlich und einfach too much.

Einiges habe ich bereits nachgekocht bzw. nachgebacken und Einiges habe ich schon noch fest eingeplant; ich sehe mich jetzt nicht als die große Köchin an. Ehrlich gesagt, habe ich damit erst vor drei Jahren „richtig“ angefangen, als ich auf den Termin für eine Herz-OP wartete und nix groß tun konnte. Da erst ist Kochen zu einer Art Beschäftigungstherapie für mich geworden, aus der sich dann ein echtes Hobby entwickelt hat. Aber ich habe bis heute nie sowas „Gutbürgerliches“ wie einen Schmorbraten oder Ähnliches zubereitet; doch die Rezepte in „Weihnachten in Amsterdam“ fand ich nun allesamt nicht so kompliziert. Weniges muss ich auslassen bzw. variieren, weil es bestimmte Dinge in unserem Haushalt nicht gibt oder auch bestimmte Sachen hier in den Läden nicht aufzutreiben sind und nicht so einfach ersetzt werden können (im Gegenteil z.B. zum Alkohol, mit dem ich äußerst selten und für die ganze Familie schonmal nie koche, da die Hälfte der Sippschaft Alkohol strikt ablehnt), wobei ich da wohl schon recht gut aufgestellt bin. Wenn ich in anderen Rezensionen lese, dass bemängelt wird, dass es zu viele ungewöhnliche Zutaten in den Rezepten gäbe… ehrlich gesagt, war ich ja hingegen positiv überrascht, dass hier nur wenige exotische Zutaten erforderlich sind. Oder ist das Ladenangebot hier in der Schweiz einfach nur sehr viel ähnlicher dem niederländischen Sortiment?
Ich fand die Rezepte bislang auch nie sonderlich kompliziert; diverse Gerichte waren zugegeben zwar deutlich zeitaufwändiger in der Zubereitung, aber schwierig waren sie eigentlich nie.

Dazu ist die Aufmachung des Buchs wunderwunderschön; ich glaube, bislang ist mir kein schöner gestaltetes Kochbuch untergekommen; in der Hinsicht gerate ich wirklich ins Schwärmen, aber vonwegen „Weihnachten in Amsterdam“: Da hätte ich es nur noch schöner gefunden, wenn man vielleicht auch diverse Amsterdamer Familien zu Wort hätte kommen lassen, wie genau denn Weihnachten bei ihnen zuhause abläuft.

Insgesamt erfreue ich mich aber sehr an diesem Kochbuch und würde es durchaus auch an andere begeisterte Hobbyköche und –köchinnen in meinem Umfeld weiterverschenken/weiterempfehlen, wobei ich Letzteres schon mehrmals getan habe. :)

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Veröffentlicht am 18.11.2019

In der Kürze läge mehr Würze

Das Geheimnis von Shadowbrook
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„Das Geheimnis von Shadowbrook“ erinnerte mich eingangs von der Atmosphäre und dem Stil her ein wenig an DuMauriers „Rebecca“, wobei sich der Roman recht schnell mehr in Richtung des Thrills aus „Schrei ...

„Das Geheimnis von Shadowbrook“ erinnerte mich eingangs von der Atmosphäre und dem Stil her ein wenig an DuMauriers „Rebecca“, wobei sich der Roman recht schnell mehr in Richtung des Thrills aus „Schrei in der Nacht“ von Mary Higgins Clark bewegte, wobei ich diese beiden Romanen sehr schätze: Sie zählen eindeutig zu meinen literarischen Dauerfavoriten – so hatte ich dann auch recht schnell sehr hohe Erwartungen, was „Das Geheimnis von Shadowbrook“ anging.
Letztlich habe ich es als gutes Buch empfunden, auch wenn es sich nicht in die Reihe besagter Dauerfavoriten einreihen konnte: Ich hatte auf eine klare 5-Lektüre spekuliert, erhalten habe ich eine –für mich- glatte 4-Geschichte.

Eingangs fand ich Clara einen sehr einzigartigen, spannenden Charakter; durch die Glasknochenkrankheit war sie eigentlich fast vollständig inhäusig aufgewachsen, so dass sie kaum in Berührung mit der Außenwelt kam und auch nicht „klassisch“ sozialisiert wurde, da sich ihre Kontakte eben sehr auf die Personen in ihrem nächsten Umfeld beschränkten, die sie krankheitsbedingt buchstäblich in Watte packten. Claras erste Ausflüge vor die eigene Haustür ließen mich an eine Touristin denken, die unvorbereitet, aber neugierig, eine ihr völlig fremde Kultur entdeckt. Dabei scheint Clara auch nicht in den Zeitgeist zu passen; die Haupthandlung setzt kurz vor Beginn des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ein und wäre Clara gesund gewesen, hätte man sie vermutlich bei den Suffragetten finden können: Sie scheint sehr modern, sehr selbstsicher, schon recht feministisch, was sicherlich auch daran liegt, dass sie als Kind und Jugendliche keine gesellschaftstypische Mann/Frau-Unterscheidung kennengelernt hat. Da sie zuhause allerdings das „Goldene Kind“ gewesen zu sein schien, um das sich alles drehte und dem man da quasi alles möglich zu machen versuchte, war ihr Konfliktpotential aber auch eher in die Richtung ausgeprägt, dass sie sich stur an sich selbst festbiss, bis die Gegenseite zermürbt war – ab einem gewissen Punkt fand ich Clara einfach nicht mehr herrlich selbstbewusst, sondern teils entnervend dickköpfig. Während ich anfangs noch bereit war sie aufgrund ihrer Art zu idolisieren, würde ich einen Charakter wie sie letztlich lieber nichtmals in meinem weiteren Umfeld gewusst haben. Irgendwann empfand ich sie als anstrengend distanzlos und hatte das Gefühl, dass sie zwar erkannte, aber absolut nicht respektierte, wenn sie einem Anderen zu sehr in dessen „persönlichen Tanzbereich“ eindrang. Teils war sie in meinen Augen also viel zu aufdringlich. Hauptsächlich hat dann auch die Figur der Clara den einen letzten Stern zur Höchstwertung für mich hinweggenommen, wozu auch beitrug, dass eingangs ständig die Intensität ihrer Krankheit hervorgehoben wurde, die damit einhergehenden Risiken, dass sie sich quasi ständig einen Knochen brach, wenn sie sich nur einmal um sich selbst drehte, aber spätestens ab ihrer Reise nach Shadowbrook war die Krankheit kaum mehr ein Problem und wurde nur noch einmal thematisch ordentlich verbraten; ansonsten war sie plötzlich nicht mehr gefährdet als Otto Normalverbraucher, der sich höchstens mal was aus Schusseligkeit raus verletzt. Das kam mir doch bald irgendwie spanisch vor.

Zudem war dafür, dass der Roman im Deutschen „Das Geheimnis von Shadowbrook“ heißt, jenes Geheimnis irgendwie hintergründig. Es sollte spuken, Clara war überzeugt, dass es keine Geister gibt und daher eine rationale Erklärung für die stattfindenden Phänomene geben müsse, aber zum Einen war der Spuk eher von der ganz simplen, langweiligen Sorte und zum Anderen war ich mir bald auch nicht mehr sicher, ob das Haus überhaupt noch ein Geheimnis in sich bergen würde – grad das letzte Viertel des Romans war dann doch eher zäh, wie ich fand; es zog sich sehr in die Länge und da fand ich die Auflösung schließlich auch reichlich unspektakulär. Für mich wurde da aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Das war enttäuschend, zumal die Mauern Shadowbrooks in der Geschichte des Hauses definitiv einige sehr krasse Dinge zwischen sich hatten stattfinden sehen. Insgesamt dennoch ein nettes Drama, das aber auch gut auf ein paar Seiten weniger hätte untergebracht werden können.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 02.11.2019

Brandheißes Thema!?

Sieh mich an
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In diesem Fall finde ich den englischen Originaltitel „Scars like Wings“ einmal mehr sehr viel besser, weil passender, und einfacher als den gewählten deutschen Titel „Sieh mich an“, der mich zum Einen ...

In diesem Fall finde ich den englischen Originaltitel „Scars like Wings“ einmal mehr sehr viel besser, weil passender, und einfacher als den gewählten deutschen Titel „Sieh mich an“, der mich zum Einen sehr an den Kinsella-Titel „Schau mir in die Augen, Audrey“ (den ich im Vergleich zum Originaltitel „Finding Audrey“ übrigens auch nicht allzu gelungen finde) erinnert und der zum Anderen von seinem eigenen Untertitel „Jeder hat Narben. Manche sind nur besser zu sehen.“ erschlagen wird. Zudem bezieht sich „Scars like Wings“ auf ein Gedicht des kanadischen Poeten Atticus, der via Instagram berühmt geworden ist, wobei sich vor Allem dieser Ausdruck „Scars like Wings“ wie ein roter Faden durch die komplette Handlung zieht. Das war mir in der deutschen Fassung nun ein wenig zu beiläufig dargestellt (ich habe tatsächlich auch das englischsprachige Original neben der deutschen Übersetzung gelesen, und diese Referenz wirkte in der englischen Version sehr viel eindrücklicher).

Insgesamt habe ich den Roman „Sieh mich an“ aber sehr gerne gemocht; klar, die Thematik ist wichtig und groß – wenn ich auch mit einigen Punkten leicht gehadert habe: Zum Einen fand ich es unglaubwürdig, dass Ava an ihrer neuen Schule prompt auf Piper trifft, die nicht nur in derselben Therapiegruppe wie sie ist, sondern ganz zufällig ebenfalls just erst bei einem Autounfall schwere Verbrennungen nebst einer – hoffentlich nur temporären- Lähmung erlitten hat. In ihrer Rolle als Außenseiter ist Ava also vom ersten Schultag an nicht ganz so verloren wie sie zuvor geglaubt hat. Die Figur der Piper ist zwar wesentlich für die Geschichte, aber ich kam nicht umhin, ständig zu denken, dass die Handlung auf gewisse Weise doch auch impliziert, dass Ava total angeschmiert gewesen wäre, hätte es da keinen weiteren Schüler mit massiven Verbrennungen gegeben. In Bezug auf Piper fand ich es zudem schwierig, dass sie jene Schule vor dem Unfall schon besucht hatte und da zu den populären Schülerinnen gehört hatte; dass sich Piper von ihrer früheren Clique fernhält, war auf gewisse Weise nachvollziehbar, aber ich hatte ansonsten nicht das Gefühl, dass sie an der Schule überhaupt bekannt gewesen wäre. Im Roman wirkt sie völlig unsichtbar unter all den Mitschülern, mit denen sie eigentlich seit Jahren bekannt sein sollte, und das, obschon Piper mit ihrem neuen Erscheinungsbild sehr offensiv auftritt und sich generell eher extrovertiert gibt.
Dass Piper dennoch auch zu kämpfen hat, wird von Anfang an unterschwellig klargemacht, denn Ava weist ab und an beiläufig daraufhin, dass ihre Therapeutin nicht müde wird zu erklären, dass es einen Durchbruch darstellt, im Verlaufe der Therapie einen massiven Zusammenbruch zu erleiden. Auch Ava, die sich von massivsten Verbrennungen gezeichnet nun eher unfreiwillig in der Welt „da draußen“ wiederfindet, nachdem sie sich auf eine „Probewoche Schule“ eingelassen hat, steuert selbst reichlich überfordert auf einen solchen zu: Und was an dieser Stelle eher negativ und dramatisch klingt, drückt letztlich eigentlich lediglich den Moment der finalen Selbstidentifikation dar. Ava fühlt sich nach dem Brand monströs und alleine, kapselt sich dabei aber auch nach außen hin völlig ab, weil sie nicht länger das Gefühl hat, dass in der äußeren Hülle noch sie selbst steckt. (So wie Piper sich in ihrem Körper nach dem Unfall ebenfalls als „wer anders“ darstellt.) Angesichts der Thematik ist es natürlich kaum verwunderlich, dass letztlich erkannt werden soll, dass die Optik nicht den Menschen definiert und dass man trotzdem noch man selbst sein kann, auch wenn tragische Umstände verursachen, dass man plötzlich und unerwartet in einem scheinbar gänzlich fremden Körper steckt.
Positiv fand ich, dass die Handlung hier „normal“ endet; es gibt kein Wunder, es ist nicht Kitsch as Kitsch can: Das Buch endet authentisch. Mit einem gewissen Maß an (Selbst)Bewusstsein ohne dass es klingt als gäbe es künftig keine Vorurteile, Ängste, Probleme… mehr. Es ist ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz, egal ob man sich nun eher mit den „offensichtlich“ Vernarbten identifiziert (positiv fand ich übrigens, dass in der Therapiegruppe auch Patienten anwesend waren, deren Narben kleiner waren, weil sie sich z.B. als Kleinkind verbrannt hatten und eben über ihre Kindernarben hinausgewachsen waren, oder deren Narben sich leicht verstecken ließen, wobei Wert daraufgelegt wurde, dass da eben keine Abwertungen stattfanden) oder mit denen, die ihnen begegnen. Insgesamt ist das ein Jugendroman, der das Kleine-Prinzen-Credo „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ verdeutlicht, und den ich trotz meiner kleinen Kritikpunkte sehr gerne gelesen habe. In der Tat war ich ein wenig traurig, als ich am Ende angelangt war. Definitiv nicht nur dann lesenswert, wenn man noch über jugendliches Alter verfügt!


[Ein Rezensionsexemplar war mir unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 06.10.2019

Halb richtig gut, halb völlig überflüssig!

Im Wald der Lügen
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Ich zitiere meine Mutter, die das Buch zufällig bei mir entdeckte und angesichts des Klappentexts spontan rief: „Das klingt aber spannend! Hast du das schon durch, kann ich es mir ausleihen? Das würde ...

Ich zitiere meine Mutter, die das Buch zufällig bei mir entdeckte und angesichts des Klappentexts spontan rief: „Das klingt aber spannend! Hast du das schon durch, kann ich es mir ausleihen? Das würde ich auch gerne lesen!“ Zu jenem Zeitpunkt hatte ich den Roman allerdings just erst erhalten, einige Tage später habe ich mein ausgelesenes Exemplar jedoch an meine Mutter weiterreichen können, wobei ich auf ihre Nachfrage, wie mir der Roman denn nun gefallen habe, lediglich ein wenig verhaltener antworten konnte: Angie steht hier gar nicht so sehr im Mittelpunkt, wie der Klappentext es mich hatte vermuten lassen. Tatsächlich erzählt der achronologisch verlaufende Roman, in dem immer wieder auf die Vergangenheit zurückgeblickt wird, sehr viel von der Geschichte der Beziehung zwischen der verschwundenen Silja und dem toten Henry, die Anfang der 1940er Jahre spontan entbrannt ist, wobei aufgrund des Zweiten Weltkriegs und Henrys Tätigkeit für die US-Army die Ehe der Beiden eingangs auch eher eine Formalie war und Henry seine eigene Tochter auch erst kennenlernte, als sie bereits im Kleinkindalter angelangt war und er, kriegsversehrt, aus Europa zurückkehrte.
Für mich war Silja letztlich der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte; sie empfand ich als eine sehr starke, selbstbewusste Frauenfigur, die nun eben plötzlich mit einem nahezu völlig fremden Kriegstraumatisierten zusammenleben musste, obschon sie das merklich gar nicht wollte. Aber nun gut, das „Heute“ dieses Buchs findet eben 1960 statt und ich bin mir sehr sicher, dass Silja in der heutigen Zeit Henry ohne zu zögern vor die Tür setzen und sich scheiden lassen würde, zumal sie im Buch ebenfalls bereits mit einer Trennung liebäugelt, welche von Henry aber vehement abgelehnt wird.

Den Handlungsstrang, der die Geschichte von Silja (und Henry) erzählt, fand ich ungemein packend; die hat mir sehr gut gefallen – leider fand ich dieses ganze spätere Angie-Paul-Ruby-Scharmützel rund um Henrys Tod und Siljas Verschwinden eher völlig überflüssig. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass Angie eine allzu glückliche Ehe mit Paul führt und in einer absolut heilen Welt lebt; sie war halt eine Frau Anfang 20, die einen etwas älteren Mann geheiratet und mit dem nun ein Baby hatte, aber ein Gefühl von echter Liebe und tiefem Vertrauen kam für mich zwischen den Beiden nicht raus. Tatsächlich hatte es mich sogar überrascht, als Angies noch ziemlich junges Alter irgendwann erwähnt wurde; altersmäßig hatte ich sie bis dahin mindestens zehn, eher noch 15, Jahre älter eingeschätzt, zumal sie Ruby gegenüber eher sehr, sehr mütterlich auftritt, während sie rein rechnerisch ihre große Schwester hätte sein können, ohne dass der Abstand zwischen ihren Jahrgängen in irgendeiner Form außergewöhnlich gewesen wäre.

Ich hätte den Roman weitaus besser gefunden, hätte die Autorin einfach die Geschichte der Familien von Silja, Henry und Ruby erzählt und Angie und Paul komplett außenvorgelassen bzw. nur als Nebenfiguren auftreten lassen: Grade Angie hat einfach überhaupt keine Rolle für die grundsätzliche Erzählung gespielt und ich war irgendwann richtiggehend genervt, wenn die Handlung von der Vergangenheit abrupt wieder in die Gegenwart sprang. Der simple Hintergrund von Henrys Tod und Siljas Verschwinden hätte mir als Ende auch ausgereicht, aber in diesem Punkt musste ebenfalls noch ein Schritt weitergegangen und dem Ganzen noch mehr „Dramatik“ verliehen werden, was das Ganze in meinen Augen letztlich viel zu überzogen wirken ließ. Dieses „Über-Ende“ und im Allgemeinen das reichlich überflüssige Auftreten Angies in der Geschichte haben mir das gesamte Buch letztlich leider doch auch reichlich verleidet; schade, denn die Geschichte von Silja und Henry, um die es eigentlich ging, war eigentlich viel zu gut um sie schließlich wie eine ausgepresste Zitrone minderer Qualität aussehen zu lassen!