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Veröffentlicht am 08.08.2019

Der bisher hellste Lebensabschnitt, in finsteren Wäldern...

Sal
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Man muss nur öffentlich verfügbare Leseproben dieses Romans lesen, welche den Anfang des Romans abbilden, um angesichts der Kurzbeschreibung schon ein wenig irritiert zu sein: Sehr beiläufig, aber doch ...

Man muss nur öffentlich verfügbare Leseproben dieses Romans lesen, welche den Anfang des Romans abbilden, um angesichts der Kurzbeschreibung schon ein wenig irritiert zu sein: Sehr beiläufig, aber doch sehr direkt, erzählt Sal da nämlich, dass besagter Freund der Mutter, vor dem Sal ihre kleine Schwester Peppa schützen will, „das Einzige ist, was sie bislang getötet hat“. Die Flucht vor diesem Mann, der Sal bereits jahrelang sexuell missbraucht hat, ist also in erster Linie eine Flucht vor der Polizei – und dem Jugendamt, welches Sal selbst gerne schon früher hinzugezogen hätte, aber sie war doch indoktriniert worden, dass in jenem Fall die Schwestern ganz sicher voneinander getrennt werden würden.
Auch abseits der Problematik des sexuellen Missbrauchs, der in diesem Roman zwar erwähnt, aber nicht detailliert thematisiert wird, entstammen Sal und Peppa aus einer arg dysfunktionalen Familie: Beide Mädchen, von verschiedenen Vätern abstammend, lieben ihre Mutter sehr, die nach außen hin auf „heile Welt“ zu machen versucht, dabei aber starke Alkoholikerin ist, und mit ihren Kindern in einer Gegend lebt, die sich gemeinhin wohl als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnen lassen kann, und ihre Familie eher schlecht als recht z.B. als Stripperin durchbringt. Auch ihr (später dann ermordeter) Freund ist ein saufender Kleinganove, was Sal immerhin zupass kommt, da sie ihm im Rausch die von ihm geklauten Kreditkarten wiederum stibitzen kann, um sich die nötigen Sachen für ihre von langer Hand geplanten Flucht in die schottische Wildnis besorgen zu können.
Seit einem Jahr hat sich Sal sämtliche Survivalvideos auf YouTube angesehen, sich sämtliche Instruktionen genauestens eingeprägt; immer wieder erklärt sie später ganz genau, was sie nun warum tut – und für mich zeigte genau dieses Verhalten ganz besonders das Dilemma auf, in dem die Schwestern steckten, und wie schwertraumatisiert dieses Kind sein musste (und aus demselben Grund schockierte mich auch der letztliche Ausgang des Ganzen für Sal ein wenig). Wie verzweifelt, und im wahrsten Sinn des Wortes: bedrängt, muss sich eine 13Jährige fühlen, die meint, keine andere Wahl zu haben als sich mit ihrer Schwester tief in den Wäldern zu verstecken, um sich dort ein „Leben“ aufzubauen? Ich fand es völlig erschreckend, dass Sal alles über Monate hinweg scheinbar eiskalt und bis ins kleinste Detail durchgeplant hatte.
Im bisherigen Leben war Sal die „Erwachsene“ und eigentlich kaum einmal Kind gewesen: Nach der Geburt Peppas war es hauptsächlich Sal, die sich um ihre Schwester kümmerte, die weite Teile der im Haushalt anfallenden Arbeiten erledigte, da die Mutter ja ständig volltrunken war; im Alter von 10 begannen der sexuelle Missbrauch, während dem angekündigt wurde, sobald Peppa 10 sei, sei auch sie „fällig“… als dann plötzlich die leicht verrückt wirkende Eigenbrötlerin Ingrid, die ganz bewusst und freiwillig mitten im Wald lebt, wird auch relativ schnell deutlich, wie sehr die Mädchen eine „echte“, erwachsene Mutterfigur benötigen, denn Ingrid wird sehr schnell zu einer Vertrauten, die den Kindern auch hilfreich zur Seite steht und sich um sie kümmert, grad wenn sie doch mit unerwarteten Widrigkeiten konfrontiert werden…
Ich hatte sehr bald das Gefühl, dass erst dieses Leben draußen, die Gespräche mit Ingrid, Sal, und auch Peppa, so richtig geerdet hat und dass dies im Prinzip das erste „normale“ Geschehen ihres Lebens sei, obschon es ja definitiv nicht gängig ist, dass Geschwisterkinder, ob nun ohne oder auch mit den Eltern, in ein selbstgebautes Camp im Nirgendwo ziehen.
Sobald die Figur der Ingrid eingeführt wurde, tauten Sal und Peppa zudem auf und wurden allgemein offener, kindlicher. Bis dahin hatte es mich noch ein wenig irritiert, dass Sal mit ihren 13 Jahren derart abgeklärt war und beide Schwestern auch da eher reichlich lapidar reagierten, wo ich deutlichere Gefühlsausbrüche, oder überhaupt einfach nur einen etwas weniger nüchternen, staubtrockenen Auftritt erwartet hatte – aber andererseits waren die Zwei ja ohnehin daran gewöhnt, dass es im Leben quasi hauptsächlich um „irgendwie überleben“ ging und dass sie für sich selbst verantwortlich waren. Dennoch fand ich es verwunderlich, dass es nie zu einem Temperamentausbruch welcher Intensität auch immer kam.

Insgesamt wirkte die Geschichte auf mich aber trotzdem leicht befremdlich, eher emotionslos und glasklar erzählt. Mich hat „Sal“ auf seltsame Weise aber auch sehr fasziniert und ich habe weiterundweitergelesen, vor Allem auch, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte für die Schwestern weiterhin verliefe und eben auch ausginge. „Sal“ war letztlich ein sehr gutes, aber nicht überwältigendes Buch, und ich räume ein, dass mich in Sachen „als Kind in miese Umstände hineingeboren und (draußen in der Wildnis) damit klarkommen“ der zuletzt ebenfalls auch auf Deutsch erschienene Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens weitaus mehr beeindruckt hat; eindringliche Titel sind es aber beide allemal!



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 03.08.2019

Stimmungsvoll, auf eine schwere Weise

Dunkelsommer
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Im Falle von „Dunkelsommer“ ist der Titel Programm: Die Handlung trägt sich zwar (vornehmlich) im Sommer zu, das jedoch in einer eher abgelegenen, dicht bewaldeten Gegend Schwedens, wo die Natur schon ...

Im Falle von „Dunkelsommer“ ist der Titel Programm: Die Handlung trägt sich zwar (vornehmlich) im Sommer zu, das jedoch in einer eher abgelegenen, dicht bewaldeten Gegend Schwedens, wo die Natur schon entsprechend viel Licht schluckt – das eben selbst zu einer Jahreszeit, während der es in Schweden nahezu rund um die Uhr taghell ist. Ohnehin ist „Dunkelsommer“ auch vom Text her ein sehr düster-atmosphärischer Roman, der zum Einen den trunksüchtigen, lethargischen Lelle, der seit dem Verschwinden seiner Teenie-Tochter vor einigen Jahren Nacht für Nacht die weitere Umgebung etappenweise durchforstet, in der Hoffnung, Spuren seiner Tochter zu finden und der zum Anderen die Jugendliche Meja in den Mittelpunkt stellt, die zusammen mit ihrer Mutter eine relativ dysfunktionale Familie bildet und deren Mutter nun, quasi Hals über Kopf, gemeinsam mit ihr in diese dichte Waldregion gezogen ist, zum neuen „Lebensgefährten“ der Mutter, ursprünglich eine Onlinebekanntschaft, wobei der neue Partner auch recht schmierig und eigenbrötlerisch wirkt… letztlich wirken hier alle Figuren sehr auf sich allein gestellt und in kein gefestigtes Umfeld eingebettet, so dass es schon fast erschreckend auffällig ist, als Meja sich spontan in einen von drei Brüdern verknallt, die sie zufällig kennenlernt und deren Familiengefüge völlig solide erscheint. Auf den ersten Blick. Für den Leser scheint hier aber schon bald etwas leicht Archaisches durch – von Anfang an kann man sich zudem denken, nicht zuletzt des Klappentexts wegen, dass sich Lelles und Mejas Wege letztlich kreuzen werden. Zu unterschiedlich sind diese beiden Stränge, zu wenig haben sie zunächst miteinander zu tun als dass es sonst Sinn ergeben könnte, warum ausgerechnet diese beiden Figuren im selben Buch behandelt werden: Man ist sich auch ohne die Buchbeschreibung gelesen zu haben sehr früh sicher, dass es hier eine Schnittstelle geben muss; zudem klingt Meja sehr nach Lina, der verschwundenen Tochter Lelles, und man befürchtet frühzeitig, dass Meja drauf und dran ist, zum nächsten Opfer zu werden. Nur von welchem Täter? In diesem Roman scheinen alle ein wenig dubios zu sein; der neue „Stiefvater“ wirkt sofort besonders verdächtig, aber irgendwie bleibt zunächst alles kaum greifbar. Es ist mehr Intuition als Miträtseln gefragt – ich hatte zwar relativ früh eine ganz bestimmte Ahnung, die in die letztlich richtige Richtung ging, aber diese erschien mir auf Anhieb doch zu extrem.

Dass „Dunkelsommer“ als bester schwedischer Spannungsroman ausgezeichnet worden ist, kann ich durchaus verstehen. Dies ist in meinen Augen ein definitiv empfehlenswerter Roman für alle Leser, die düster-atmosphärische Thriller, die sich eher wie ein (Sozial)Drama abspielen, mit einem Hauch Verlorenheit und einer Prise Melancholie sehr schätzen.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 03.08.2019

Eine fesselnde Geschichte über eine "Sumpfpack"-Zugehörige

Der Gesang der Flusskrebse
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Welch ein Debüt… rein von der atmosphärisch eindrücklichen, schon fast erdrückenden, Gangart der Erzählung her erinnerte mich „Der Gesang der Flusskrebse“ sehr an „Alligatoren“ von Deb Spera, das eines ...

Welch ein Debüt… rein von der atmosphärisch eindrücklichen, schon fast erdrückenden, Gangart der Erzählung her erinnerte mich „Der Gesang der Flusskrebse“ sehr an „Alligatoren“ von Deb Spera, das eines meiner absoluten Lese-Highlights der letzten paar Jahre war. Ich habe den „Gesang der Flusskrebse“ nun in einem Zug gelesen, also eigentlich im Bett; mir war nicht wohl und ich habe letztlich einen halben Krankentag damit verbracht, diesen Roman zu lesen. Am frühen Nachmittag begonnen, hatte ich den rund 460 Seiten starken Roman am Abend durchgeschmökert.
Ich habe die Lektüre sehr genossen, auch wenn ich angesichts des Klappentextes letztlich eine etwas andere Handlung erwartet hätte, denn der auf die beiden jungen Männer, die in Kyas Leben treten, enthaltene Hinweis klingt in meinen Ohren eher nach gegeneinander um Kyas Gunst buhlende Rivalen – tatsächlich treten die besagten Männer aber eher zeitlich versetzt in Kyas Leben; insgesamt geht es hier auch gar nicht um das sich entspinnende Liebesleben einer Außenseiterin.

„Der Gesang der Flusskrebse“ beschreibt Kyas Leben, als jüngstes Kind von verachtetem „Sumpfpack“ in der einem kleinen Küstenstädtchen vorgelagerten morastigen Marschlandschaft aufgewachsen hat sie von Geburt an kein leichtes Los gehabt. Als die Pubertät einsetzte. lebte sie bereits allein in der abgewrackten Hütte ihrer armen Familie, deren Mitglieder sich eins nach dem anderen aus dem Staub gemacht hatten, woraufhin Kya sich ein weiterhin ärmliches Einsiedlerdasein aufbaute, geschasst von der „alltäglichen“ Gesellschaft der weiteren Umgebung blieb und sich selbst vollends mit der lokalen Flora und Fauna vertraut machte.
Eigentlich führt sie ein sehr elendes Leben, als zurückgelassenes Kind ist ihr Großwerden eher mit einem Überlebenskampf gleichzusetzen, der ihr vor Allem auch nur deswegen gelingt, weil sich ein schwarzer Ladenbesitzer auf Tauschhandeleien mit ihr einlässt – Kyas Kindheit fällt in die 1950er: dass sie als weißes „Marschmädchen“ auf die Unterstützung der schwarzen Mitbürger angewiesen ist, trägt nur noch mehr zu der Skepsis, teilweise sogar schon dem Ekel, bei, mit der die weißen Kleinstädter ihr gegenüber auftreten. Dennoch ist das absolut Faszinierende an diesem Buch, dass man Kya im Grunde genommen als Leser nie als „armes, kleines Mädchen“ empfindet und dass ihre Lebenssituation schon fast als idyllisch erlebt werden kann, vor allem, wenn man dann eben die „anständigen Leute aus der Kleinstadt“ beiläufig erlebt, die im Vergleich eher restriktive, sehr genormte Leben führen.

Dass Kya letztlich unter Mordverdacht gerät, verrät nicht nur der Klappentext, sondern dieser Fakt wird bereits am Romananfang erwähnt; „Der Gesang der Flusskrebse“ ist leicht achronologisch erzählt, heißt: Weithin verläuft die Handlung zwar chronologisch, aber teils wird dann später doch bereits in die Mordermittlungsphase gewechselt, um gleich darauf zu dem zurückzukehren, was Kyas Leben einige Jahre zuvor ausgemacht hat. Im Allgemeinen ist das Alles aber doch sehr übersichtlich dargestellt; ich habe mich zumindest nicht innert dieser Zeiten(wechsel) verirren können. Dass Kya, obschon im Prinzip alles gegen deren Täterschaft spricht, dennoch von Anfang an vorverurteilt wird, entspricht nahezu einer modernen Hexenjagd; abstruse Szenarien werden heraufbeschworen, wie Kya den Mord trotz aller Widersprüchlichkeiten doch begehen habe können, und dabei als absolute Selbstverständlichkeiten beschrieben. Als Leser weiß man übrigens kaum einmal mehr als die Mordermittler; obschon man in diesem Roman Kya begleitet, sind die Mordumstände letztlich einfach eher etwas Hingegebenes, vorausgesetztes, wie auch immer… man kann also nicht ausschließen, on Kya nicht doch in Chases Tod verwickelt ist, aber wie gesagt: Die Argumente der Anklage wirken derart an den Haaren herbeigezogen, dass man denkt: „Okay, selbst wenn sie es war, könnt ihr es nicht einwandfrei nachweisen. Wenn diese eure Argumente für eine Verurteilung ausreichend sind, könnt ihr einfach jeden für alles hinter Gitter bringen.“ Da wurde es dann auch so richtig spannend…
… und ganz am Schluss wartet der Roman noch mit einem kleinen Überraschungsmoment auf, der den „Gesang der Flusskrebse“ erst so richtig rundmacht.

In jedem Fall eine absolut lesenswerte Lektüre, von der ich mir selbst sogar vorstellen könnte, dieses Buch irgendwann nochmals zu lesen, obschon ich angesichts viel zu vieler interessanter Bücher für eine durchschnittliche Lebenslänge eher selten zum „Re-Readen“ neige.



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 23.05.2019

Äußerst anheimelnd

heimelig
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Ker, wat war dat schön! Auch wenn ich mich frage, ob dieser Untertitel unbedingt hatte sein müssen, der zum Einen das Ende des Romans spoilert und zum Anderen, zumindest für mich, aufgrund seiner Länge ...

Ker, wat war dat schön! Auch wenn ich mich frage, ob dieser Untertitel unbedingt hatte sein müssen, der zum Einen das Ende des Romans spoilert und zum Anderen, zumindest für mich, aufgrund seiner Länge viel zu gewollt nach Jonassons Hundertjährigem klingt…

Ich lebe ja nun in der Schweiz und habe diesen herauslesbaren leichten schweizerischen Lokalkolorit sehr gemocht: „heimelig“ war nun nicht völlig durchgeschweizert ;) und man hat zudem durchaus den in der Schweiz prinzipiell nicht üblichen Buchstaben „ß“ eingesetzt, so dass der womöglich ausländische Leser zwar nicht über zig Scheinfehler stolpert, aber bei der ein oder anderen Phrase wahrscheinlich doch denkt: „Ach, das sagt man in der Schweiz echt so?“ (Lieber nichtschweizerischer Leser: Wenn du dir diese Frage während des Lesens von „heimelig“ stellst, lautet die Antwort in jedem Fall: Ja, genauso heißt das in der Schweiz!)

Ich habe diesen Roman tatsächlich ungemein gerne gelesen; die erzählende Hauptfigur Nelly war voller Esprit und generell eine sehr aufmerksame ältere Dame, welche die Dinge wunderbar auf den Punkt bringen konnte. Nelly, die Altersheim wohnt, stellte das Leben (und auch das Sterben) dort sehr facettenreich da, ohne zu überdramatisieren, ohne zu untertreiben: Ihre Erzählung wirkte einfach authentisch und man konnte sich ganz genau vorstellen, wie(so) sie sich fragte, ob das denn nun alles gewesen sein sollte… Mir war sie sehr sympathisch; ihre Erlebnisse wirkten so sehr aus dem Leben gegriffen, dass ich schon fast geneigt war, eine agile Seniorin, oder meinetwegen auch einen fitten Senior, aus dem nächsten Altersheim für einen Tagesausflug zu „entführen“ – da scheint man immerhin etwas erleben zu können! ;)

Ein Wermutstropfen blieb beim Lesen des Romans aber doch: Er war eindeutig zu kurz. Dabei war er letztlich gar nicht soooo kurz, also für eine Novella wäre er eindeutig zu lang gewesen, aber die Geschichte war so anheimelnd kurzweilig; ich hätte gerne noch deutlich mehr (Reiseerlebnisse) von Nelly gehört.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 14.05.2019

Die falsche Hautfarbe (nicht nur) für Hollywood...

Das Flüstern des Mondfalters
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Merle Oberon war mir bis zu diesem Roman gar kein großer Begriff: Ich kannte in der Tat zwar ein paar ihrer Filme, auf Fotos schien sie mir auch nie ganz fremd – aber sie war definitiv keiner der „Altstars“, ...

Merle Oberon war mir bis zu diesem Roman gar kein großer Begriff: Ich kannte in der Tat zwar ein paar ihrer Filme, auf Fotos schien sie mir auch nie ganz fremd – aber sie war definitiv keiner der „Altstars“, deren Namen ich auf Anhieb hätte benennen können. Dank Lewinskys „Gerron“ habe ich vor einiger Zeit ein Faible für Romanbiografien entdeckt, sofern die Lebensgeschichten nicht völlig verfremdet wurden, und so weckte dann auch „Das Flüstern des Mondfalters“ mein Interesse, wobei ich mir diesen Roman auf weitaus glamourösere Weise dramatisch vorstellte als die tragische Geschichte des jüdischen Schauspielers Kurt Gerron, der in Auschwitz vergast worden ist. Tatsächlich habe ich die Lektüre des flüsternden Mondfalters auch sehr lange vor mir hergeschoben, da mich der „Gerron“-Roman von Charles Lewinsky derart stark beeindruckt hat, dass mir die Geschichte Merle Oberons im Vorfeld schon fast lächerlich erschien und ich befürchtete, ich würde ihre Lebensgeschichte als zu ordinär abtun, läse ich ihre Romanbiografie, während „Gerron“ noch durch meinen Kopf geisterte.

„Das Flüstern des Mondfalters“ ist gemeinhin Fiktion, die auf „echten“ Daten der Oberon basiert, aber eben doch auch ausgeschmückt ist; einige Details sind frei erfunden – und im Anschluss an die eigentliche Erzählung wird auch ausgeführt, welche Aspekte ganz klar rein ausgedacht sind, was jetzt nicht so viele vermeintliche Tatsachen sind, aber es ist durchaus wichtig, dass diese „Fantastereien“ klar aufgeführt sind, weil sonst z.B. Vivien Leigh durchaus diskreditiert werden würde.

Estelle Thompson, die später als „Merle Oberon“ Karriere machen wird, gerät eher zufällig von Kalkutta nach Großbritannien, nachdem sie in Indien einen charismatischen Amerikaner kennengelernt hat, über den sie einen Kontakt in Richtung Hollywood herstellen kann: Dabei ist Estelle schon in Indien sehr darum bemüht, den Fakt zu verschleiern, dass sie gemischtrassig ist, weswegen sie ihre Haut auch regelmäßig heller schminkt. Ihren etwas dunkleren Teint zu verschleiern ist eingangs schon nahezu eine Obsession von ihr, die auf mich als Leserin in der heutigen Zeit durchaus befremdlich wirkte, auch wenn mir völlig bewusst ist, dass „Mischlinge“ damals kaum etwas galten, Rassismus deutlich verbreitet war und grade in den USA, und damit auch in Hollywood, zu jener Zeit noch strenge Rassengesetze herrschten, die es Merle Oberon aufgrund ihrer ethnischen Herkunft nicht erlaubt haben würden, Fuß zu fassen. Dennoch zeigte sich für mich hier schon sehr früh eine gewisse Tragikomik, als Estelle feststellt, dass einige der „rein“ Weißen aufgrund regelmäßiger Aufenthalte unter der indischen Sonne einen Teint haben, der deutlich dunkler ist als ihre natürliche Hautfarbe. Wie panisch sie gewesen sein muss, dass ihre tatsächlichen Familienverhältnisse entdeckt werden könnten, zeigt sich letztlich weniger darin, dass sie ihre Mutter offiziell als ihre Haushälterin ausgibt, sondern auch darin, dass sich herausstellt (kein Spoiler, weil Teil der bekannten Biografie), dass die Mutter tatsächlich wohl die Großmutter war, womit Merle Oberon lediglich zu einem Viertel indischer Abstammung war. Auch auf späteren Fotos von ihr ähnelt der Teint von Merle Oberon eher jenem von Sophia Loren als dass man sie auf Anhieb als „Mischling“ identifizieren würde. Dennoch hält Merle Oberon bis zuletzt an ihrer „weißen“ Biografie fest und wie paradox das alles damals doch auch bereits war, merkt man umso mehr in Szenen, in denen Biografien kurzerhand beschönigt und auch völlig neu gestaltet werden bzw. in denen enge Vertraute der Protagonistin ihr unerwartet erzählen, dass dieser oder jener Aspekt ihrer eigenen Biografien auch frei erfunden sei.
Dabei wird ihre natürliche Hautfarbe mehr und mehr zu einem Damoklesschwert, das stets über Estelle Thompson/Merle Oberon zu schweben scheint: Eingangs scheint Estelle vor Allem darum bemüht zu sein, sich ja heller darzustellen, während sie sich nebenher bemüht, ihre Karriere in Hang zu setzen – nachdem sie zu Merle Oberon geworden ist, dreht sich das Verhältnis insofern als dass Merle stark auf ihre Karriere fokussiert ist und nebenbei fürchtet, ihre indischen Gene könnten entdeckt werden.

Ja, Merle Oberon macht Karriere, aber der Roman ist längst nicht so glamourös wie sich „das Hollywood der 1930er“ zuweilen anhört: Zum Einen hat Merle Oberon definitiv hart für ihren Erfolg arbeiten müssen; das ist keine über-Nacht-berühmt-Geschichte; zum Anderen hat sie sich nie wirklich fallen lassen und nie wirklich einfach nur sie selbst sein können. Da ist das politische, gesetzliche Dilemma der „falschen“ Hautfarbe schließlich zum persönlichen Dilemma geworden, dem Merle Oberon sich nicht einfach entziehen konnte.

Mir hat „Das Flüstern des Mondfalters“ nun sehr gut gefallen und mir trotz der Fiktionalisierung das reale Pendant zur Protagonistin durchaus näher gebracht. Das war ein schön zu lesender Hollywood-Roman, der von großen Träumen, und großen Geheimnissen, in der alten Zeit erzählte; sehr unaufgeregt, weil ich geb’s ja zu: ich hatte mir die Handlung im Vorfeld noch sehr viel dramatischer und spektakulärer ausgemalt, aber das war doch alles sehr down to earth. Und definitiv auch ziemlich sympathisch, auch oder vielleicht weil es grade eingangs zudem Momente gab, in denen ich dachte, och herrjeh, nun sei Estelle/Merle aber doch ein wenig sehr naiv…


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]