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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.07.2018

Traurig und doch wunderschön zu lesen...

Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren
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[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir bereits im Vorfeld der Veröffentlichung unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Franny, die bislang die engste Freundin war, welche die 12jährige Suzy hatte, ...

[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir bereits im Vorfeld der Veröffentlichung unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Franny, die bislang die engste Freundin war, welche die 12jährige Suzy hatte, ist in den Ferien ertrunken: Für Suzy ist es unfassbar, dass die hervorragende Schwimmerin Franny „einfach so“ ertrunken sein soll. Erschwerend kommt hinzu, dass Suzy, die ansonsten weitgehend eine Einzelgängerin ist, von einem schlechten Gewissen geplagt wird, da zwischen Franny und ihr zuletzt ein Konflikt bestanden hat, der in diesem Buch anfangs nur angedeutet wird und den Suzy (dem Leser) erst recht spät in all seiner „Pracht“ mit all seinen Auswirkungen präsentiert. Nach Frannys Tod hat Suzy sich bewusst zum Nichtsprechen entschlossen und geht nun schweigend durch das Leben, weswegen ihre Eltern sie nun regelmäßige Termine bei einer Therapeutin wahrnehmen lassen, die Suzy sehr teilnahmslos über sich ergehen lässt, während sie darüber nachdenkt, was der wahre Grund für Frannys Tod sein könnte. Bei einem Schulausflug erfährt sie von einer nahezu unsichtbaren Quallenart, deren Biss tödlich sein kann und beschließt, diese Qualle zum Thema einer Schularbeit zu machen, von der sie nun überzeugt ist, dass diese Franny getötet haben könnte, da Frannys Tod durch Ertrinken nach Suzys Meinung eben nicht einfach passiert sein kann…

„Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ ist sehr einfach zu lesen; ich mochte den Erzählstil mit den Perspektivenwechseln: Mal wurde aus Suzys Gegenwart berichtet, dann erinnerte sie sich wiederum an die Vergangenheit mit Franny und ferner wurde immer wieder Suzys „Forschungsarbeit“ bezüglich der Quallen beleuchtet… und immer scheint ihre Trauer, die Fassungslosigkeit, die Hilflosigkeit, durch.
„Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ ist als Jugendbuch gelistet, mit einer 12-15jährigen Zielgruppe: Dabei ist die Handlung sehr eindrücklich, nachhallend und melancholisch, teils auch depressiv; darauf muss man sich schon einlassen (können): Ich bin der Zielgruppe nun schon seit 20 Jahren entwachsen und hatte nach einer OHS vor knapp zwei Jahren auch noch sehr lange mit (typischen) starken postoperativen Depressionen zu kämpfen und wenn ich das Buch in dieser Zeit direkt nach der Operation gelesen haben würde: Ich bin mir sicher, dass ich da nur noch tiefer in jenes Loch gefallen wäre. Diese Auseinandersetzung mit „Dingen, die einfach passieren“ kann da durchaus substantiell sein. Darum würde ich es, ob nun als Jugendlektüre oder nicht, generell eher nur an die Leser weiterempfehlen wollen, die psychisch (weitgehend) stabil sind.

Ansonsten ist es eine wunderschöne, leise Auseinandersetzung mit Trauer und „Verlusten“ im Sinne von Veränderungen generell: Für Suzy entpuppt sich die Situation insofern als noch tragischer, da ihre Generation nun an der Grenze zwischen Kindsein und Erwachsenwerden steht; Freundschaften und Bekanntschaften verändern sich nur schon aufgrund sich in unterschiedliche Richtungen entwickelnden Interessen; die Pubertät setzt zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein; in Suzy haben somit schon vor Frannys unerwartetem Tod diverse Konflikte zu schwelen begonnen. Letztlich geht es darum, loszulassen ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Für mich ist dieser Roman ein klarer Lese-Tipp; hervorragend geeignet für alle, die tiefere Auseinandersetzungen ebenso mögen wie Geschichten, die nachdenklich zu machen vermögen!

Veröffentlicht am 03.07.2018

Entzückend!

Das Erbe von Juniper House
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[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Nachdem ich den Roman nun gelesen habe, erscheint mir die Kurzbeschreibung ein wenig zu überdramatisiert ...

[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Nachdem ich den Roman nun gelesen habe, erscheint mir die Kurzbeschreibung ein wenig zu überdramatisiert und auf zu spektakulär getrimmt: „Das Erbe von Juniper House“ wurde von mir definitiv als eine Geschichte der leisen Töne empfunden, mit recht viel Herzschmerz, aber auch einer Prise Weltschmerz. Das Ganze tendiert schon sehr gen Kitschroman, war aber eben auch einfach schön zu lesen.
Die junge Sara besucht, kurz vor deren 101. Geburtstag, ihre englischstämmige Großmutter Emma; nicht nur um der Oma willen, sondern auch, um sich eine kleine Auszeit zu nehmen, da Saras Freund ein befristeter Job in Irland angeboten wurde, wobei Sara sich nicht nur unsicher ist, ob sie zusammen mit Jan für ein Jahr ins Ausland gehen will, sondern ob Jan und sie in ihrer Beziehung tatsächlich in dieselbe Richtung streben. Bei diesem Besuch erzählt die Großmutter ihr nun ihre eigene Lebensgeschichte und öffnet sich gegenüber der Enkelin komplett, was bedeutet, dass sie auch ihr allergrößtes Geheimnis nun enthüllt, was mehr als verblüfft…
„Das Erbe von Juniper House“ fokussiert sich sehr auf die Wiedergabe von Emmas Biografie; unterbrochen von Szenen aus dem Heute: Ein bisschen ist es so als würde man Sara stets begleiten, gemeinsam mit ihr bei Emma sitzen und deren Erzählung lauschen (ähnlich der Titanic-Szene, in der die alte Rose inmitten der Schiffscrew sitzt und Jacks und ihre Geschichte erzählt)…

Ich fand es halt einfach wahnsinnig schön zu lesen und empfand Emma zudem als eine sehr bezaubernde und interessante Dame, der ich einfach gerne zuhörte; alles war so angenehm unaufgeregt geschildert und abgesehen von Emmas unfassbarem, aber gar nicht bösen, Geheimnis entpuppte sich hier auch nur wenig bis eher gar nichts als besonders aufregend und spannend. Hier passierte tatsächlich nicht viel; dennoch fand ich die Geschichte sehr unterhaltsam. Das ist halt eher ein Roman fürs Herz (an zwei Stellen habe ich zugegeben auch ein bisschen vor Rührung weinen müssen), den ich durchaus auch der Nachbarin Ü80 empfehlen würde – und einfach generell jedem, der gerne von Familiengeschichten und fiktionalen (Auto)Biografien liest!

Veröffentlicht am 02.07.2018

Wenn wir je wieder Freunde sein können...

Wenn wir wieder leben
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[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir im Vorfeld der Veröffentlichung unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Wanda lebt im Jahre 1963 als 19jährige Studentin in Berlin, gemeinsam mit Mutter, Schwestern ...

[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir im Vorfeld der Veröffentlichung unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Wanda lebt im Jahre 1963 als 19jährige Studentin in Berlin, gemeinsam mit Mutter, Schwestern und Tante, als ein Kommilitone jüdischer Abstammung erklärt, er könne keine Freundschaften mit Gleichaltrigen schließen, solange er nicht wisse, ob deren Eltern, Großeltern… nicht Diejenigen waren, die seine Verwandten im 2. Weltkrieg ermordeten. Es sei Pflicht ihrer jungen Generation, zu fragen: „Was habt ihr zwischen 1933 und 1945 gemacht?“ und sich nicht abspeisen zu lassen. Wanda fragt nach, stößt auf Ablehnung und Entsetzen, beharrt aber darauf wissen zu wollen, was war, was dazu führte, dass sie nun in diesem familiären Frauenhaushalt lebt…
Parallel zu Wandas „Grabungen“ in ihrer Familienhistorie wird die Geschichte von Gundi ab Anbeginn der letzten 1920er Jahre erzählt, die zusammen mit ihrer Schwester Lore und den Freunden Erik und Julius mühsam eine musikalische Karriere startet, die letztlich Fahrt aufnimmt, als die Gruppe von Nazis höheren Ranges für sich entdeckt wird…

Die Liebe zwischen Gundi und Tadek, die in der Kurzbeschreibung doch recht auffällig herausgestellt wird, ist letztlich nur ein Nebenschauplatz, der relativ schnell zum Romanende hin abgehandelt wird und war, entgegen meiner Erwartungen, kein zentrales Thema der Erzählung, die sich eher auf Gundis Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus konzentriert. An einigen Stellen wird hier, selbst von Gundi, kommuniziert, dass sie nicht die Hellste sei: Das war sie definitiv wirklich nicht, und ich fand sie eine recht ärgerliche Figur.
Ich bin mir aber unsicher, ob ich die Geschichte nicht zuweilen auch einfach deswegen anstrengend und zermürbend fand, weil wir heutzutage ja ganz genau um den Holocaust wissen und es umso mehr nervte, wenn Gundi mal wieder beteuerte, nein, die verschwundenen Juden könnten doch nicht umgebracht worden sein; man könnte ohnehin niemand verhaften, der kein Verbrechen begangen hätte und nein, nein… Ich empfand sie zuweilen als so ignorant, so in ihrer eigenen Luftblase lebend, dass ich es teils unglaubwürdig fand, wie sie von der Deportation bedrohte Personen in ihrem Umfeld doch noch schützte, was allerdings eh nicht aus Menschlichkeit, Solidarität oder Widerstand heraus geschah, sondern vielmehr aus dem Egoismus, dass sie beispielsweise auf das polnische Kindermädchen nicht verzichten wollte. Ich mochte Gundi in ihrer Ignoranz nicht, die auch wenn sie gefragt wurde, was sie denn denke, was da los sei, nur bekundete, für Politik interessiere sie sich nicht. Gundi war der Proto-Typ des „Aber wir wussten doch von nichts; wie hätten wir das denn auch nur erahnen können?“-Mensch, den ich in diesem Fall besonders schlimm fand, da Gundi offensichtlich tatsächlich so blind war oder auch nur blind sein wollte.
So makaber das nun klingt: Mit der Machtergreifung Hitlers wurde die Geschichte aber zugleich „lebendiger“; den Anfang der alten Geschichte fand ich doch sehr langweilig und halt auch vor Allem langwierig. Gundi war ein fröhliches, verwöhntes Mädchen, von dem nichts erwartet wurde und das auch nicht viel mehr machte als auf die Eingebung zu dem einen Lied zu warten, was den Durchbruch ihrer kleinen Band bedeuten sollte. Dabei tat sie nach außen hin zwar sehr bemüht, versprach ihren Kollegen ständig DAS Lied, aber wirklich daran zu arbeiten schien sie nie. Eingangs passierte da nichts außer den Träumen und der Zuversicht, dass das mit der Musik schon werden würde, während ihre Bandkollegen teils noch wirklich sehr hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten ohne dass die in jener Hinsicht privilegierte Gundi sich deswegen je schlecht gefühlt hätte. Es war halt so… Für sie war es so, wie es war, und es blieb auch immer so, wie es nunmal just war… Sie fügte sich ein, reflektierte weder sich noch ihr Verhalten, blieb kritiklos und einfach nur abwartend.
Letztlich hoffte ich, dass ihre Beziehung zu Tadek, dem die Gegenwart vollauf bewusst war, ihr quasi den Kopf waschen würde, dass sie doch noch Stellung beziehen würde, aus ihrer Luftblase ausbrechen… Ich muss zugeben, dass mich das Ende der historischen Erzählung doch noch ein wenig überrascht hat; ich hätte dieses Familiengeheimnis hinter Wandas Biografie so nicht erwartet, bin aber auch uneins mit mir selbst, ob da nicht einfach die Resignation gewonnen hatte…

„Wenn wir wieder leben“ ist in jedem Fall ein sehr fordernder Roman; für mich klar lesens- und auch empfehlenswert. Aber der 1920er-Beginn war mir doch ein wenig zu langwierig, weswegen ich einen Stern abziehe; da ging die Handlung nur eher zäh voran. Charlotte Roth bezeichnet „Wenn wir wieder leben“ im Nachwort als ihren persönlichsten Roman und ich lese ihre Bücher wirklich gerne und auch wenn dies der bislang persönlichste Roman gewesen sein mag: Ihr bestes Werk war es für mich dennoch nicht.

Veröffentlicht am 29.06.2018

Macht zumindest Lust auf Sizilien...

Nie wieder Amore!
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[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

„Nie wieder Amore!“ hat in mir ganz definitiv die Lust auf einen Sizilien-Urlaub in mir geweckt: ...

[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

„Nie wieder Amore!“ hat in mir ganz definitiv die Lust auf einen Sizilien-Urlaub in mir geweckt: Vor Allem für Diejenigen, die in ihren Ferien dorthin aufbrechen, sehe ich den Roman als eine durchaus schöne, unterhaltsame und leichtfüßige Strandlektüre an. Nichtsdestotrotz hat mich die Geschichte ein wenig enttäuscht: Sie nimmt ihren Anfang mit einer grande amore, die zunächst derart sehnsüchtig, bombastisch und unvergesslich wie der gleichnamige Il-Volo-Song wirkt, und auch angesichts der Kurzbeschreibung hatte ich ganz klar erwartet, dass der Fokus hier auf Monis vergangener großer Liebe liegen würde: Aber die Suche nach Vincenzo wird zum absoluten Nebenschauplatz und hauptsächlich geht es darum, dass Moni und Jan Lena und deren Geschäftspartnerin Francesca dabei unterstützen, aus Francescas geerbtem Haus allem Behördenärger zum Trotz eine Sprachschule machen zu können bzw. zu dürfen.
Das war ganz nett zu lesen, aber zum Einen eben eh nicht das, was ich erwartet hatte, und zum Anderen hat mich das so auch nicht vom Hocker gerissen; „selbst der furchteinflößendste Mafiosi“ war reichlich handzahm und was in der Beschreibung noch den Eindruck erwecken könnte, Moni und Co. müssten sich hier in die allertiefsten dunklen Verbrecherwelten begeben, war doch reichlich unspektakulär und für mich absolut nicht aufregend. Ich fand es, im Gegenteil, allzu vorhersehbar.
Letztlich sehe ich „Nie wieder Amore!“ zwar als sehr angenehme Strandlektüre an, die bei mir aber hauptsächlich deswegen doch ganz ordentlich Pluspunkte gesammelt hat, weil die Geschichte mir eben ganz wunderbar Lust auf Sommer, Sonne, Sizilien hat machen können (und dabei eben nicht so trocken wie das Gros der Reiseführer war); das war mich nun etwas „Leichtes zum Weglesen“, aber weder hat mich die Geschichte tatsächlich gefesselt noch wird sie mir wohl auffällig im Gedächtnis bleiben.

Veröffentlicht am 27.06.2018

Ergreifend, bewegend und wunderschön erzählt!

Der englische Liebhaber
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[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir im Vorfeld der Veröffentlichung, via der Vorablesen-website, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Ich bin mir absolut sicher, dass „Der englische Liebhaber“ ...

[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir im Vorfeld der Veröffentlichung, via der Vorablesen-website, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Ich bin mir absolut sicher, dass „Der englische Liebhaber“ es letztlich in die Top 5 meiner diesjährigen Lese-Highlights schaffen wird; gegenwärtig liegt dieser Roman da noch (oder schon?) auf Platz 1 und meine weiteren Lektüre werden an diesem Thron schon sehr hart rütteln müssen, um ihn noch erobern zu können.
Ein klitzekleines bisschen bin ich hier aber sicher auch vorurteilsbelastet hier ans Lesen herangegangen, denn „Der englische Liebhaber“ gehörte speziell zur Besatzungs Münster, die Geliebte Anna wohnte zeitweilig mit ihrer Familie in Telgte: Das ist genau die Gegend, in der ich aufgewachsen bin und somit war die Lektüre bei mir von einem konstanten Heimatgefühl begleitet. Dazu wohne ich inzwischen in der Schweiz und vor Allem hierzulanden ist „Federica De Cesco“ ein sehr großer Name; ich fand es einfach schön, von einer Schriftstellerin hier etwas von meiner Heimat dort zu lesen – und auch wenn Federica de Cesco hier zu den A-Promis zählt, war „Der englische Liebhaber“ nun der erste Roman, den ich überhaupt von ihr gelesen habe: Am Abend, nachdem ich das Hardcover erhalten hatte, habe ich die ersten zwei Drittel gelesen, solange gelesen, bis mir die Augen zufielen, und nach dem Aufwachen gleich weitergeschmökert, so dass mir am nächsten Mittag nur noch die letzten 50 Seiten geblieben waren. Nach jenen habe ich erstmal still auf dem Balkon gesessen, mein Gesicht in die Sonne gehalten und meinen Gedanken nachgehangen, die Erzählung langsam in meinem Kopf ausklingen lassen.

Ich mochte die ab und an wechselnde Erzählart: Mal schwenkte man eben zu Charlotte, die Ende der 80er, noch vor dem Fall der Mauer sozusagen das Erbe der Mutter durchsah und in jenen Aufzeichnungen, Briefen, Aufnahmen regelrecht versank, so dass man grad noch Charlotte sah, die einen Brief in die Hand nahm und im nächsten Moment schon quasi Anna lauschte, wie sie ihre Aufzeichnungen vorlas. Ich fand die Zeiten- und Perspektivenwechsel, obschon nur selten klar voneinander abgegrenzt, auch in diesem „Erzählfluss“ dabei immer sehr deutlich unterscheidbar: Dass ich da durcheinander gekommen wäre, ist nie passiert.
Annas Biografie, wohl ohnehin auf der wahren Geschichte einer Tante der Autorin basierend, ist absolut authentisch, sehr ehrlich und absolut nachvollziehbar. Man könnte sagen, dass Anna immer sehr selbstbewusst auftrat und selbstbestimmt agierte; man könnte aber auch sagen, dass sie einfach einer der westfälischen Sturköpfe war, die konsequent ihren eigenen Weg gingen und sich nicht vom erzkonservativen Lebensverständnis, das in der Region vorherrschte; mir war sie sehr sympathisch. Ich mochte auch die Darstellung des Nachkriegselends, das in Annas Erinnerungen nicht beschönigt, sondern klar gezeichnet wurde, wobei ihre Beschreibungen immer hoffnungs- und liebevoll blieben; auch während der schlimmsten Zeit schien sie von einem ziemlichen Optimismus geprägt zu sein; umso trauriger fand ich es, wie sie Jahrzehnte später doch von einem Moment zum Nächsten noch zusammengebrochen war, aber sie war eben zuvor immer sehr bemüht gewesen, nur Stärke nach außen zu zeigen. Ihre Liebesgeschichte war tragisch, wobei die ganz besonders große Tragik hier wohl auch darin begründet liegt, dass diese Liebesgeschichte so oder nur wenig anders wohl auch von anderen Paaren erlebt worden war und man die gesamte Szenerie auch in die heutige Zeitgeschichte übertragen könnte. Ich fand es erschreckend, wie sehr manche Beschreibungen aus dem (Nach)Kriegsmünsterland mich an heutige Beschreibungen aus aller Welt erinnerte. „Der englische Liebhaber“ war ein Roman, der mich sehr tief berührt hat, und der in seinen Ausführungen mir auch ein wenig Angst machte… Ich halte diese Geschichte für einen sehr wichtigen Inhalt, der von der Autorin hier auf ganz wundervolle Weise zum Leser hin transportiert wird.
Dieser Roman ist mir eine klare Leseempfehlung wert und wäre es das bestimmt auch, würde sich die Geschichte von Anna und Jeremy in einer Region zugetragen haben, zu der ich gar keinen Bezug hätte.