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Veröffentlicht am 09.09.2022

Endlich wieder was mit Geistern!

SCHNEE
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Das war (fast) richtig gut: Ich war, wie ich gerne zugebe, schon fast ein wenig genervt, dass es zuletzt hauptsächlich „rein“ Kriminalromane Yrsa Sigurðardóttirs gab, deren paranormal angehauchte Mysterythriller ...

Das war (fast) richtig gut: Ich war, wie ich gerne zugebe, schon fast ein wenig genervt, dass es zuletzt hauptsächlich „rein“ Kriminalromane Yrsa Sigurðardóttirs gab, deren paranormal angehauchte Mysterythriller ich immer sehr gerne mochte – entsprechend gefreut hat es mich, dass mit „Schnee“ endlich wieder einmal ein Standalone von ihr erschienen ist, das in den Gruselbereich hineinragt.

„Schnee“ zeichnet sich durch verschiedene Erzählstränge aus: letztlich fand ich es ein wenig irritierend, dass im Prolog die Figur des Kolbeinn eingeführt wird, der zusammen mit seinem Bruder das Elternhaus verkauft hat und von den Käufern u.A. einen einzelnen im Garten ausgebuddelten Kinderschuh überreicht bekommt, ehe er einen Anruf aus dem Pflegeheim der Mutter erhält, dass diese nach ihren Kindern verlangt, einschließlich ihrer Tochter, wobei sich die Söhne an keine Schwester erinnern. Hernach wird weder erwähnt, was aus dem Besuch bei der Mutter eigentlich geworden ist, und zum Buchende wird zwar eine eindeutige Verbindung zum Prolog hergestellt, aber statt Kolbeinn wird regelmäßig dessen Bruder Hjörvar thematisiert, der für die Küstenwache auf einer abgelegenen Radarstation tätig ist und dort übernatürliche Erlebnisse zu haben meint. So recht hat sich mir nicht erschlossen, wieso statt Hjörvar eingangs Kolbeinn in dieser Geschichte aktiv sein musste.
In einem weiteren Strang steht Jóhanna im Mittelpunkt, Angestellte in einer hiesigen Fabrik, freiwillige Mitarbeiterin bei der Rettungswacht und Lebensgefährtin eines Polizisten, der mit Ermittlungen im Fall einer verschwundenen Wandergruppe betraut ist, von der Jóhanna im Rahmen einer konzertierten Suchaktion die erste Leiche gefunden hat. Sie hadert seit einem Unfall, der sie leicht gehbehindert zurückgelassen hat, damit, dass ihrer Sportkarriere dadurch der Gar aus gemacht wurde – zudem widerfahren auch ihr, allerdings daheim, merkwürdige Dinge.
Während die Geschichten von Hjörvar und Jóhanna zeitlich parallel nach dem Verschwinden der Wandergruppe stattfinden, berichtet ein weiterer Erzählstrang, sich auf die Figur der Dröfn konzentrierend, davon, was eigentlich mit der Wandergruppe gewesen war. Dröfn war Teil dieser Gruppe, und auch sie wurde während des Trips mit seltsamen Erscheinungen konfrontiert.
Während Hjörvar, Jóhanna und Dröfn zunächst gemein ist, dass sie an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln, wird zum Schluss noch ein verbindendes Element zwischen ihnen offenbart, das mich durchaus verblüffte; einerseits fand ich es schön, dass hier doch ein klarer Zusammenhang ersichtlich wurde, andererseits fand ich diesen Zusammenhang dann doch aber auch etwas konstruiert. Ganz zufrieden war ich mit dem Schluss da nicht, zumal mir nicht klar war, was genau nun eigentlich das Motiv bzw. das Ziel einer bestimmten Person war; sollte da überhaupt etwas erreicht werden oder war das alles nur just for fun?

Auch wenn einige gruseligen Vorkommnisse letztlich rational aufgeklärt werden, blieben in „Schnee“ doch auch recht viele Mysteryelemente bestehen; wer rein gar nichts mit Paranormalem anfangen kann, wird auch mit diesem Roman wohl nichts anfangen können bzw. die Geschichte letztlich als „ziemlichen Mumpitz“ abtun. Mich hat es allerdings gefreut, dass mit „Schnee“ nun in einem weiteren Thriller der Autorin mal wieder „richtig“ umhergespukt wurde und ich habe den Roman zwischendurch nur äußerst ungern mal aus der Hand gelegt.

Veröffentlicht am 06.09.2022

Eher die Biografie einer ganzen Familie als die eines einzelnen Mannes

Isidor
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Den Anfang von „Isidor“ fand ich noch etwas schleppend, denn nicht nur, dass man Isidor zunächst eher als Nebenfigur erlebt, nein, im nächsten Moment bekommt man eine komplette Familie vorgestellt und ...

Den Anfang von „Isidor“ fand ich noch etwas schleppend, denn nicht nur, dass man Isidor zunächst eher als Nebenfigur erlebt, nein, im nächsten Moment bekommt man eine komplette Familie vorgestellt und der erste Satz lautet zwar „Mein Urgroßonkel war ein Dandy.“, aber ohne jegliche Hintergrundinfos war es meines Erachtens da doch noch schwer nachzuvollziehen, ob die Autorin tatsächlich mit der Erzählerin identisch wäre, denn eingangs wirkte die gesamte Schilderung für mich noch sehr distanziert. Das verlor sich im weiteren Verlauf aber sehr: Persönlich hatte ich letztlich den Eindruck, dass die Autorin über „Fremde“ zu recherchieren begonnen hatte und in diesen letztlich doch ihre Familie und deren Geschichte erkannt hat, und sich diese anfängliche Kühle auch im Beginn dieser Biografie widerspiegelte.
Ich hatte zudem erwartet, dass sich das Buch sehr viel mehr um Isidor drehen würde; stattdessen kam er mir wie ein zentraler (und im Vergleich sehr schillernder) Fixpunkt vor, um den alles und jeder drumherum ermittelt wurde; ich habe „Isidor“ sehr viel mehr als „Eine jüdische Familie“ anstelle „eines jüdischen Lebens“ empfunden. Da hatte ich mir angesichts des Klappentexts, der für mich zudem gar eher nach Belletristik und weniger nach Sachbuch klingt, definitiv einen etwas anderen Inhalt vorgestellt.

Die Recherchearbeit, die Shelly Kupferberg geleistet haben muss, muss definitiv enorm gewesen sein: das Buch beleuchtet vor Allem die Zeit des Nationalsozialismus noch vor dem endgültigen Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und was ich hier besonders interessant fand, war die Schilderung der nötigen Voraussetzungen, um emigrieren zu können. Sehr viele Bücher bzgl. jener Zeit konzentrieren sich doch auf die Umstände des Holocausts bzw. erwähnen zwar mal Menschen, „die noch zeitig fliehen konnten“ bzw. „die noch vor Ausbruch des 2. Weltkriegs nach Israel, in die USA… übersiedeln konnten“, aber mir war weitgehend unbekannt, welche Unterlagen da doch auch dem nationalsozialistischen Regime noch vorgelegt und welche „Gebühren“ gezahlt werden mussten etc., und ich fand es spannend, dass die Autorin sich schließlich sogar auf die Suche nach dem (benennen wir es ganz ehrlich) geraubten Eigentum ihrer Vorfahren machte und dabei tatsächlich auf, noch bestehende, Spuren ihrer Familie stieß.
Da war „Isidor“ nun deutlich aufschlussreicher als andere Werke, in denen zwar erwähnt wird, dass und was die Nazis ihren Opfern genommen haben, in denen aber offen bleibt, was genau mit diesen Dingen passiert ist.

Das Buch ist sehr sachlich gehalten, auch wenn man dem Text meiner Meinung nach mehr und mehr eben den persönlichen Bezug der Autorin zu den beschriebenen Personen anmerkt, journalistisch-fundiert und was mich letztlich auch sehr begeistert hat, ist das Cover, was mich auf der einen Seite zwar sofort total angesprochen hatte, aber auf der anderen Seite ohne jeglichen Bezug zum Roman wirkte. Aber zum Schluss findet sich hier noch ein Interview mit der Autorin, in dem sie einen eigenen Besuch an Isidors Grab schildert, und da wird es plötzlich absolut offensichtlich, was es mit ausgerechnet diesem Reh vom Cover auf sich hat. Tatsächlich hat „Isidor“ da eines der zum Inhalt passendsten Covermotive, die ich seit Langem, wenn nicht überhaupt, gesehen habe.

Nun hatte ich zwar eine eindeutigere Fokussierung auf den titelgebenden Isidor erwartet, aber insgesamt hat mich dann doch begeistert, dass hier mehr oder weniger ein vollständiges Konstrukt aus Verwandten und Bekannten um ihn herum beleuchtet wurde, da das Ganze so sehr vielschichtiger, und in gewisser Weise auch bedrückender, wurde, da man sehr deutlich gemacht bekam, wie die Geschehnisse damals auch Familien entfremdeten und wie sehr sich selbst in derselben Blase die persönlichen Eindrücke und Befürchtungen teils voneinander unterschieden. Da ist es der Autorin sehr gut gelungen, den Personen ein eigenes Gesicht zu geben und sie nicht in einer homogenen Gruppe miteinander verschwimmen zu lassen.
Definitiv lesenswert!

Veröffentlicht am 05.09.2022

Einfach nur Krimi! (Mit etwas zu knappem Ende.)

Das Profil
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Der eher eigenbrötlischeren Kriminalbeamtin Franka, Anfang 50, wird zu ihrem leichten Unbill nach dem Tod ihres bisherigen Partners der ambitionierte „Jungpolizist“ Alpay als Partner zugewiesen: was mir ...

Der eher eigenbrötlischeren Kriminalbeamtin Franka, Anfang 50, wird zu ihrem leichten Unbill nach dem Tod ihres bisherigen Partners der ambitionierte „Jungpolizist“ Alpay als Partner zugewiesen: was mir an diesem Buch sehr gut gefallen hat, war, dass Franka und Alpay zwar sehr gegensätzliche Figuren sind, hier aber dennoch keine der typischen Hassliebe-Konstellationen mit ständigen Reibungen herbeigeschrieben wurde, sondern sich die Beiden durchaus auf derselben Augenhöhe einfanden. Zudem blieb die Konzentration auch auf der Ermittlungsarbeit; man erfuhr zwar insbesondere von Frankas privaten (zugegeben kaum vorhandenen) Verhältnissen ein wenig und konnte die Art beider Ermittelnden gut einschätzen, aber selbst diese Infos wurden während der Arbeit und nicht nach Feierabend vermittelt.
Da war „Das Profil“ nun definitiv eher ganz ausschließlich und durch und durch Krimi.

Der Erzähler wechselt dabei die Perspektiven: mal begleitet er den Mörder, mal die Ermittlungen an Seite Frankas und mal schaut er dem (mutmaßlich) nächsten Opfer über die Schulter (ohne je aus der „Ich“-Sicht zu berichten). Mir hat das sehr gut gefallen, aber man muss derlei unterschiedliche parallele Erzählstränge und Szenenwechsel schon mögen.
Der Prolog, der den Roman einläutet, wirkt zunächst völlig zusammenhanglos zur sonstigen Geschichte, erschließt sich dann aber plötzlich zum Ende hin – dabei hatte genau dieser Prolog ursprünglich aber auch meine Neugier auf diesen Krimi erst so richtig geweckt, weil ich um dessen tiefere Bedeutung wissen wollte. Ich habe den Roman nun aber nicht nur deswegen durchgelesen, weil ich jenen Zusammenhang wissen wollte, sondern er hätte mich letztlich auch ohne diesen Prolog bei der Stange gehalten, weil ich gespannt war, ob und wann der Täter überführt werden würde bzw. wie viele Opfer es noch gäbe oder wer womöglich überlebte.

Ich habe „Das Profil“ während einer mehrstündigen Zugfahrt gelesen, die sich so sehr kurzweilig gestaltete; was ich allerdings bedauerte, war, dass letztlich Einiges bzgl. des Täters (z.B. den Zweck der hinterlassenen Spuren) doch offen blieb. Von Seiten der Ermittlungsarbeit war es zwar nachvollziehbar, dass dort nicht dessen Innerstes herausgekehrt werden konnte, aber es gab ja durchaus auch einen auf den Täter konzentrierten Erzählstrang, in dem dieser seine Beweggründe aber irgendwie völlig außenvorließ; da hätte ich mir definitiv gewünscht, dass seine Vergangenheit nicht bloß eher fragmentarisch angerissen worden wäre, sondern man mehr Einblick in sein Gefühlsleben erhalten hätte. Da war mir der Täter ein wenig zu sehr wie ein nüchterner Techniker dargestellt und „Das Profil“ blieb mir in dieser Hinsicht zu oberflächlich; diese geringe Tiefe würde ich doch eher allenfalls bei einem Kurzkrimi erwartet haben, aber nicht bei einem Roman in Normallänge.

Generell hoffe ich aber auf noch weitere fallkonzentrierte Franka/Alpay-Krimis aus der Feder Borcks!

Veröffentlicht am 18.08.2022

Sehr gut erzählt, doch nicht überraschend

Das siebte Mädchen
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Diese Titelwahl macht mich, ehrlich gesagt, ein bisschen fertig: Aus „A Flicker in the Dark“, der eindeutig auf ein in der Geschichte wiederkehrendes Glühwürmchenmotiv anspielt, wurde im Deutschen also ...

Diese Titelwahl macht mich, ehrlich gesagt, ein bisschen fertig: Aus „A Flicker in the Dark“, der eindeutig auf ein in der Geschichte wiederkehrendes Glühwürmchenmotiv anspielt, wurde im Deutschen also „Das siebte Mädchen“, welches nun letztlich recht offensichtlich ein Mädchen meint, das ein Jahr vor der beschriebenen Mordserie verschwand und von dem man zu ahnen meint, dass es ein siebtes Opfer sein könnte, wofür hier ausnahmsweise komplett die Indizien fehlen, und es stattdessen sogar Gründe gibt, sie als Ausreißerin zu führen. Diese Jugendliche, namens Tara, wird in diesem Roman immer mal wieder, aber absolut beiläufig erwähnt, so dass man zunächst denkt, das gegenwärtig verschwundene wäre das titelgebende siebte Mädchen. Quasi sofort folgt dem jetzigen Verschwinden aber ein weiteres Mädchen nach und plötzlich hat man halt sechs vor 20 Jahren verschwundene Jugendliche, deren Morde Chloes Vater gestanden hat, und nun schonmal zwei weibliche Teenager, die plötzlich weg waren. Plus ein (angeblich nur von daheim abgehauenes) Mädchen, von dem sich bereits vor 21 Jahren jedwede Spur verlor. Insgesamt geht es also entweder um acht, oder eben doch neun, Mädchen. Mir erschließt es sich überhaupt nicht, wieso man diesen Roman hierzulande unbedingt „Das siebte Mädchen“ nennen wollte.

Die Protagonistin Chloe tritt hier als Ich-Erzählerin auf, was für mich das große Plus des Romans ausmachte: Sie hat es ganz offensichtlich nie verarbeiten können, dass ihr Vater ein Serienkiller ist; heimlich schluckt sie Psychopharmaka, die sie hier ständig mit Wein herunterspült; sie hat arge Vertrauensprobleme, jede Menge Ängste und neigt zudem zu paranoidem Verhalten. Man fühlt einerseits mit ihr mit, hält sie andererseits aber für überkandidelt und zu überstürzten Handlungen neigend und angesichts ihres anscheinend alltäglich gewordenen Konsums von Suchtmitteln fragt man sich am Ende wie sie selbst, ob Chloe nicht eventuell Halluzinationen hat oder ob ihr tatsächlich all das so passiert, was sie hier schildert.
Das hat mich sehr gefesselt, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte – ein bisschen schade fand ich, dass es hier nicht eine wirklich sympathische „wichtigere“ Figur gab. Chloe ist eine innerlich völlig zerrissene Hauptfigur und all die Leute in ihrem engeren Umfeld wurden von ihr entweder auf Distanz gehalten oder waren nicht von der Sorte, dass man dachte, dieser Mensch könnte ihr, oder überhaupt irgendwem, definitiv guttun. Da hatte ich mitunter allerdings auch das Gefühl, die Autorin wolle einen unbedingt dazu bringen, hier einfach allen zu misstrauen und jeden als möglichen Nachahmungstäter sehen.

Im Gegenzug dazu will ich zwar nicht sagen, dass „Das siebte Mädchen“ vorhersehbar war, aber als ich zunächst den Beginn des Romans als Leseprobe las und meinen Ersteindruck zusammenfasste (wer sich spoilern lassen wollen würde, könnte jetzt googlen), bekundete ich, welche Figur mir direkt am Seltsamsten erschien und dass Romane mit einem solchen Plot und einem solchen Anfang gerne auf eine ganz bestimmte (von mir dort klar benannte) „überraschende“ Auflösung zuliefen. Ähm, ja. Es wurde zwar versucht, da noch falsche Fährten zu legen, mit denen ich allerdings vornehmlich haderte, weil sie wie allzu konstruierte Ablenkungsmanöver wirkten; wie schon gesagt: ich hatte das Gefühl, allen misstrauen zu sollen, obschon, auch aus Chloes Erinnerungen rund um die Zeit der Mordserie herum heraus, immer mehr Hinweise dafür sprachen, dass es tatsächlich zu dem von mir eingangs gemutmaßten Plot Twist käme. Auch wenn man eingangs noch nichts von diesem Ende ahnt: wer aufmerksam liest, dürfte meines Erachtens immer mal wieder entsprechende Einschübe bemerken.
Überraschend war der Schluss für mich nun also nicht.

Aber der Erzählstil hat mich eben dennoch nicht von dieser Lektüre ablassen lassen… und grundsätzlich eine durchaus reizvolle Geschichte; durchaus gut, aber nicht der Oberburner, der mich komplett vom Hocker gerissen hätte.

Veröffentlicht am 21.07.2022

Vergangenheit: spannend; Gegenwart: sinnlos

Das Haus der stummen Toten
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Ich habe bereits „Das Dorf der toten Seelen“ der Autorin gelesen gehabt und jener Roman hatte mir aufgrund des düsteren Settings, der Lost-Place-Atmosphäre, der Verwobenheit mit der Vergangenheit ziemlich ...

Ich habe bereits „Das Dorf der toten Seelen“ der Autorin gelesen gehabt und jener Roman hatte mir aufgrund des düsteren Settings, der Lost-Place-Atmosphäre, der Verwobenheit mit der Vergangenheit ziemlich gut gefallen, auch wenn die Auflösung bzw. der Schluss mir nicht wirklich authentisch schien. Dass nun ein weiteres Buch Stens erschien, habe ich erfreut zur Kenntnis genommen, aber nachdem ich „Das Haus der stummen Toten“ gelesen habe, hat sich in mir doch der Eindruck verstärkt, dass letztliche Auflösungen einfach nicht das Ding dieser Autorin sind, denn während sich „Das Dorf der toten Seelen“ deutlich in Richtung Mystery/Paranormalität/Okkultismus bewegte, verblieb „Das Haus der stummen Seelen“ zwar im rationalen Bereich, aber letztlich habe ich von diesem Roman einen nur leicht anderen Gesamteindruck als vom Dorf-Debüt.
Auch hier kommt wieder eine gewisse Lost-Place-Atmosphäre auf, da die Protagonistin Eleanor zusammen mit ihrem Freund Sebastian nach Solhöga, einem abgelegenen Gutshof, fährt, wo sie mit ihrer Tante ebenso wie einem Notar zusammentrifft: Während ihre Tante Veronika Solhöga aus ihrer frühsten Kindheit kennt, war dessen Existenz Eleanor bis zum Tode der Großmutter, bei der sie aufgewachsen war, vollkommen unbekannt. Jene hatte sie unmittelbar nach ihrem Mord bzw. schwerverletzt, aber noch lebend, aufgefunden und auch den flüchtenden Täter gesehen, ihn aber aufgrund ihrer Gesichtsblindheit nicht identifizieren können. Auf Solhöga soll die Erbmasse archiviert werden, aber nicht nur ist vom eigentlichen Gutsverwalter weit und breit nichts zu sehen, sondern außerdem ist Eleanor bald sicher, dass eine weitere Person dort umherschleicht. Als sie ein altes Tagebuch von einer früheren Hausangestellten ihrer Großeltern findet, eröffnet sich ihr Stück für Stück ein komplett neuer Blick auf ihre Familiengeschichte – hier hat man als Leser*in den Vorteil, dass „Das Haus der stummen Toten“ parallel von zwei Zeitsträngen erzählt und während Eleanor nur fragmentarisch von Annuschka, der erwähnten Hausangestellten, liest, da das vergilbte Tagebuch auf Polnisch verfasst ist und Eleanor hier mit einer nur halbwegs zufriedenstellenden Übersetzungsapp arbeiten muss, bekommt das Lesepublikum die kompletten Tagebucheinträge Annuschkas geliefert.

Ich fand es wirklich spannend, was Annuschka von damals über die bei ihren Arbeitgebern vorherrschenden Verhältnisse erzählte: da entsponn sich ein richtig schönes Familiendrama. Aber es wäre wohl wirklich besser dabei geblieben, denn auch wenn alles Andere zuletzt zusammengepuzzelt wurde: diese ganze Geschichte rund um diesen gegenwärtigen Kurzaufenthalt auf Solhöga ergab rein gar keinen Sinn. Es gab einen krassen Showdown, bei dem ich in Hinblick auf eine Figur nur dachte: „Wieso zum Geier bist du nu überhaupt hier? Wieso bist du nicht einfach früher schonmal dahin und hast beim Verwalter nachgefragt? Du hast doch von Solhöga gewusst?!“
Schade fand ich zudem, dass zuvor Eleanors Verwandtschaft großväterlicherseits ganz klar angeschnitten wurde, aber auch im Epilog absolut keine Rede davon war, wie sich das nun ausgegangen hatte.

Neben der Familienhistorie fand ich allerdings gelungen, wie Camilla Sten hier mit dezent gestreuten falschen Fährten arbeitete: Ich habe nie daran gezweifelt, dass Eleanor wirklich einen „echten“ Schatten gesehen hatte und dort noch jemand abseits des kleinen Grüppchens herumstromerte, zumal Eleanor doch sehr aufmerksam beobachtete und in Folge ihrer Gesichtsblindheit jedes besondere optische Merkmal von Personen genau hervorhob, sofern es ihr helfen konnte, Leute zu erkennen. Entsprechend aufmerksam gelesen habe ich mir bestimmte Beschreibungen gemerkt und hatte dann nach ca. 60% des Romans auch eine vage Ahnung, wer (warum auch immer) ganz bestimmt der echte Bösewicht hier sein müsste – und während ich noch überlegte, wie der nun mit der Familie in Zusammenhang stünde und was seine Beweggründe sein könnten, ging die Erzählung mehr und mehr in eine völlig andere Richtung.

Insgesamt erzählt „Das Haus der stummen Toten“ für mich ein leicht mysteriöses Drama, auf welchem die Geschichte der Familie fußt, und den Teil rund um die Vergangenheit der Familie habe ich echt gerne gemocht, aber nee, diese Bedrohungslage auf Solhöga war für mich einfach nur völlig sinnlos und konstruiert. Ich würde von der Lektüre nun zwar nicht abraten wollen, aber groß weiterempfehlen möchte ich dieses Buch nu auch nicht. Für mich ist dies definitiv ein Roman, der sich hauptsächlich dann zu lesen lohnt, wenn man Fan von gelüfteten, alten Familiengeheimnissen ist.