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Veröffentlicht am 06.02.2025

Wenn einem das Leben langsam entgleitet

Halbe Leben
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Zunächst erscheint es als praktische Lösung: Klara benötigt Hilfe bei der Betreuung ihrer dementer werdenden Mutter Irene. Paulina kann gut mit alten Menschen und braucht das Geld. Und Irene braucht einfach ...

Zunächst erscheint es als praktische Lösung: Klara benötigt Hilfe bei der Betreuung ihrer dementer werdenden Mutter Irene. Paulina kann gut mit alten Menschen und braucht das Geld. Und Irene braucht einfach Hilfe im Alltag.

Doch ganz fein blättert Susanne Gregor Schicht um Schicht dieses brüchigen Abhängigkeitsverhältnisses auf. Wir fühlen mit, was es für Paulina bedeutet, für alle zwei Wochen Land und Familie zu verlassen, um im fremden Haushalt für Ordnung zu sorgen. Wie sie sich ihrem eigenen Umfeld langsam entfremdet. Und wie ihr alles zu viel wird.

Wir fühlen mit, wie Irene, zwischen ihren Lebensphasen hin und her springt, mal als kleines Kind, mal als alte Frau. Dies ist so feinfühlig beschrieben, da kommen beim Lesen fast die Tränen. Und wie klug Irene über Paulina (und sich selbst) feststellt „Auch sie hat außer diesem Leben noch ein anderes das sie alle zwei Wochen an- und wieder auszieht , auch ihr fehlt ein fester Boden, der die Schritte vorgibt, beide irren sie etwas richtungslos durch die Tage, und vielleicht ist das der Grund, warum sie sich ohne Worte verstehen,…“. Kann man Zerrissenheit besser beschreiben?

Zerrissen ist auch Klara. Sie brennt für ihren Beruf und muss doch für die Familie da sein. Wie praktisch ist da eine Paulina, die anfangs bereit ist, überall mit anzupacken und zu helfen. Doch wo sind die Grenzen zwischen um Hilfe bitten und ausnutzen?
Susanne Gregor widmet sich diesen Fragen mit viel Gefühl und ich bin eingetaucht in diese halben Leben der Frauen, die immer wieder zwischen ihren Orten – mal im wörtlichen Sinn, mal im Geiste- pendeln, sich (ver)irren und eine Heimat suchen.

Ein wirklich großartiges Buch!

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Blick hinter die Wohnzimmergardinen

Coast Road
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Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf ...

Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf Scheidung.

Wir sind in einem kleinen Ort, jeder kennt jeden und man versucht, nach außen eine heile Welt zu spiegeln. Das ist so bei Izzy, einer mutigen modernen klugen Frau, die an der Seite eines Abgeordneten lebt, der nun gar keine Angriffsfläche nach außen bieten möchte. Um so heftiger der verbale Kampf in den eigenen 4 Wänden. Das ist so bei Dolores, deren Mann permanent fremd geht und die lange dazu schweigt. Und das ist etwas anders bei Colette, denn die hat ihre Familie verlassen, um mit einem anderen Mann glücklich zu sein. Das Glück ist von kurzer Dauer und Colette kehrt zurück in den Ort. Ihr Mann verbietet es ihr, die Kinder zu sehen. Und Colette verliert den Halt, wirkt nach außen wie eine freie, unabhängige Frau und ist im Inneren komplett zerrissen. Diese Frauen kämpfen um ihr Glück und wir dürfen sie ein Stück auf ihrem (teilweise sehr hartem) Weg begleiten.

Sprachlich ist das Buch ein Genuss, das langsame Tempo und die Wortwahl passen für mich perfekt in die Zeit. Ich kann ganz tief eintauchen in die Welt der Frauen, mich identifizieren und mitfühlen. Es sin die kleinen Momente, die mich berühren und die Welt lebendig werden lassen.

Auch optisch ist das Buch ein Highlight – nicht nur der Schutzumschlag ist sehr gelungen mit dem „Blick hinter die Kulissen“, auch das Hardcover ist farbig gestaltet und ein Schmuckstück.

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Veröffentlicht am 05.01.2025

Titel und Klappentext führen etwas in die Irre

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Dem Klappentext folgend, erwarte ich ein Buch, dass die Beziehung zwischen einer knapp 50jährigen und ihrem deutlich jüngeren Freund thematisiert. Und so startet das Buch auch. Mit Humor und einer großen ...

Dem Klappentext folgend, erwarte ich ein Buch, dass die Beziehung zwischen einer knapp 50jährigen und ihrem deutlich jüngeren Freund thematisiert. Und so startet das Buch auch. Mit Humor und einer großen Leichtigkeit beschreibt Anika Decker das erste Zusammentreffen zwischen Nina und David. Ich spüre das Prickeln und die Anziehungskraft zwischen beiden. Doch Nina mag dem Glück nicht trauen und gibt den eigenen und fremden Zweifeln an der Konstellation immer mehr Raum.
Diese Geschichte würde für mich ausreichend Stoff für einen Roman geben. Doch plötzlich übernehmen andere Themen die Handlung:
- Sexuelle Übergriffe in der Film-Produktionsfirma, in der Nina arbeitet
- Die Geschichte von Ninas Mutter, die vor ca. 30-40 Jahren den Tod ihres Mannes verarbeiten und sich als Alleinerziehende durchschlagen musste – aufgearbeitet durch einen Unfall der Mutter
- Der Blick hinter die Kulissen einer jungen Mutter, die versucht, sich als Influencerin zu etablieren
- Die Wandlung der Schwester von Nina von einer Geschäftsfrau zu Ehefrau/Mutter/Hausfrau und deren Re-Emanzipation
Warum müssen so viele gesellschaftskritisch absolut relevante Themen in einem Buch abgehandelt werden? Dadurch bleibt jedes Einzelne sehr oberflächlich und das Buch verliert nicht nur Tiefgang, sondern auch seinen humorvollen Charme, der zu Beginn so wirksam ist. Für mich ist hier eindeutig zu viel gewollt. Die Rolle der Männer ist recht einseitig. Lediglich David scheint ein Prachtexemplar zu sein.
Der Aufbau des Buchs gefällt mir außerordentlich gut. In den einzelnen Kapiteln wird jeweils die Perspektive eines anderen Protagonisten gewählt. Dadurch bekommt insbesondere die Beziehung der beiden Schwestern Würze, werden doch Szenen aus beiden Sichten beleuchtet. Durch dieses Stilmittel hätte das Beziehungsthema so viel intensiver wirken können. Schade, denn so passt für mich auch der Titel nicht wirklich zur Gesamtstory.

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Veröffentlicht am 21.12.2024

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite

Finsteres Herz
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In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die ...

In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die häufig am selben Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten spielen, begleiten wir zwei Ermittlerteams. Das Team Mendt/Elling (bekannt aus Teil 1 des Buchs) hat den Originalfall bearbeitet und ist nach dem Auffliegen des Zeugenschutzhauses nicht mehr ansprechbar. Mendt/Elling haben alle Unterlagen zum Fall vernichtet. Und da setzt das zweite Team an. Dudek und Kaminski aus unterschiedlichen Behörden versuchen, den Fall zu rekonstruieren. Und gleich zu Beginn wird klar, dass mindestens einer von ihnen ein eigenes Süppchen kocht.

Und diese Frage, wer nun falsch spielt im Umfeld der Ermittlungen, zieht sich durchs ganze Buch und macht faktisch eine dritte Ebene auf. Es ist faszinierend, wie Holger Karsten Schmidt, die Fäden in der Hand behält und sie zu einem logischen Ende führt. Dabei kommt ihm die Erfahrung als Drehbuchautor sehr entgegen. Ich kann mir die Orte und Menschen direkt vorstellen. Gerade die zentralen Charaktere sind hervorragend skizziert.

Das Buch spielt vor knapp 20 Jahren und die Zeit wird durch kleine Details immer wieder lebendig. Auch das ist hervorragend gelungen.

Es braucht beim Lesen ein gewisses Maß an Konzentration, um in der Komplexität des Falls (der eine stringente innere Logik hat) nicht verloren zu gehen. Gleichzeitig liest sich das Buch flüssig und ich bin nur so durch die Seiten geflogen, um endlich Klarheit in dem ganzen Verwirrspiel zu haben.

Ein absoluter Lesetipp.

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Veröffentlicht am 24.11.2024

Eine Gaunergeschichte

Der König
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Als Fan von Jo Nesbø habe ich einen spannenden, gut konstruierten Krimi erwartet, der in die Abgründe der Menschen schaut. Letzteres geschieht tatsächlich, denn der Weg der Brüder Carl und Roy ist mit ...

Als Fan von Jo Nesbø habe ich einen spannenden, gut konstruierten Krimi erwartet, der in die Abgründe der Menschen schaut. Letzteres geschieht tatsächlich, denn der Weg der Brüder Carl und Roy ist mit Toten gepflastert. Ihre Geschichte wird aus Sicht von Roy, des älteren Bruders erzählt. Seine Rolle scheint die des Beschützers und Aufräumers zu sein. Doch im Laufe der Zeit entsteht eine Rivalität zwischen den Brüdern. Nur einer kann König von Os, ihrer Heimatstadt werden.
Roys Darstellung ist irgendwie distanziert, leicht ironisch und in sehr einfacher Sprache. Ich konnte keine Bindung zu ihm aufbauen, weder Sympathie noch Antipathie. Bei einigen Redewendungen habe ich mich gefragt, ob sie nur im Norwegischen funktionieren und fast nicht übersetzbar sind. Dadurch holperte es manchmal etwas.
Im Grunde lesen wir immer wieder über die Vergangenheit der beiden Männer und ihre rivalisierenden Zukunftspläne. Dabei wird ein Mord und dessen raffinierte Vertuschung nach dem anderen erklärt. Die Geschehnisse werden sehr oft wiederholt, weil sie – leicht abgewandelt – immer wieder unterschiedlichen Personen erzählt werden. Die ganze Zeit schwirrte bei mir im Hinterkopf ein anderer Buchtitel herum, nämlich „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. So würde sich für mich das Geschehen – eher als eine Gaunergeschichte denn ein Kriminalroman - beschreiben lassen.
Sehr gut gefällt mir die Umschlaggestaltung. Hier ist es hervorragend gelungen, das Buch wiederzuspiegeln.

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