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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.01.2025

Blick hinter die Wohnzimmergardinen

Coast Road
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Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf ...

Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf Scheidung.

Wir sind in einem kleinen Ort, jeder kennt jeden und man versucht, nach außen eine heile Welt zu spiegeln. Das ist so bei Izzy, einer mutigen modernen klugen Frau, die an der Seite eines Abgeordneten lebt, der nun gar keine Angriffsfläche nach außen bieten möchte. Um so heftiger der verbale Kampf in den eigenen 4 Wänden. Das ist so bei Dolores, deren Mann permanent fremd geht und die lange dazu schweigt. Und das ist etwas anders bei Colette, denn die hat ihre Familie verlassen, um mit einem anderen Mann glücklich zu sein. Das Glück ist von kurzer Dauer und Colette kehrt zurück in den Ort. Ihr Mann verbietet es ihr, die Kinder zu sehen. Und Colette verliert den Halt, wirkt nach außen wie eine freie, unabhängige Frau und ist im Inneren komplett zerrissen. Diese Frauen kämpfen um ihr Glück und wir dürfen sie ein Stück auf ihrem (teilweise sehr hartem) Weg begleiten.

Sprachlich ist das Buch ein Genuss, das langsame Tempo und die Wortwahl passen für mich perfekt in die Zeit. Ich kann ganz tief eintauchen in die Welt der Frauen, mich identifizieren und mitfühlen. Es sin die kleinen Momente, die mich berühren und die Welt lebendig werden lassen.

Auch optisch ist das Buch ein Highlight – nicht nur der Schutzumschlag ist sehr gelungen mit dem „Blick hinter die Kulissen“, auch das Hardcover ist farbig gestaltet und ein Schmuckstück.

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Veröffentlicht am 05.01.2025

Titel und Klappentext führen etwas in die Irre

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Dem Klappentext folgend, erwarte ich ein Buch, dass die Beziehung zwischen einer knapp 50jährigen und ihrem deutlich jüngeren Freund thematisiert. Und so startet das Buch auch. Mit Humor und einer großen ...

Dem Klappentext folgend, erwarte ich ein Buch, dass die Beziehung zwischen einer knapp 50jährigen und ihrem deutlich jüngeren Freund thematisiert. Und so startet das Buch auch. Mit Humor und einer großen Leichtigkeit beschreibt Anika Decker das erste Zusammentreffen zwischen Nina und David. Ich spüre das Prickeln und die Anziehungskraft zwischen beiden. Doch Nina mag dem Glück nicht trauen und gibt den eigenen und fremden Zweifeln an der Konstellation immer mehr Raum.
Diese Geschichte würde für mich ausreichend Stoff für einen Roman geben. Doch plötzlich übernehmen andere Themen die Handlung:
- Sexuelle Übergriffe in der Film-Produktionsfirma, in der Nina arbeitet
- Die Geschichte von Ninas Mutter, die vor ca. 30-40 Jahren den Tod ihres Mannes verarbeiten und sich als Alleinerziehende durchschlagen musste – aufgearbeitet durch einen Unfall der Mutter
- Der Blick hinter die Kulissen einer jungen Mutter, die versucht, sich als Influencerin zu etablieren
- Die Wandlung der Schwester von Nina von einer Geschäftsfrau zu Ehefrau/Mutter/Hausfrau und deren Re-Emanzipation
Warum müssen so viele gesellschaftskritisch absolut relevante Themen in einem Buch abgehandelt werden? Dadurch bleibt jedes Einzelne sehr oberflächlich und das Buch verliert nicht nur Tiefgang, sondern auch seinen humorvollen Charme, der zu Beginn so wirksam ist. Für mich ist hier eindeutig zu viel gewollt. Die Rolle der Männer ist recht einseitig. Lediglich David scheint ein Prachtexemplar zu sein.
Der Aufbau des Buchs gefällt mir außerordentlich gut. In den einzelnen Kapiteln wird jeweils die Perspektive eines anderen Protagonisten gewählt. Dadurch bekommt insbesondere die Beziehung der beiden Schwestern Würze, werden doch Szenen aus beiden Sichten beleuchtet. Durch dieses Stilmittel hätte das Beziehungsthema so viel intensiver wirken können. Schade, denn so passt für mich auch der Titel nicht wirklich zur Gesamtstory.

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Veröffentlicht am 21.12.2024

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite

Finsteres Herz
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In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die ...

In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die häufig am selben Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten spielen, begleiten wir zwei Ermittlerteams. Das Team Mendt/Elling (bekannt aus Teil 1 des Buchs) hat den Originalfall bearbeitet und ist nach dem Auffliegen des Zeugenschutzhauses nicht mehr ansprechbar. Mendt/Elling haben alle Unterlagen zum Fall vernichtet. Und da setzt das zweite Team an. Dudek und Kaminski aus unterschiedlichen Behörden versuchen, den Fall zu rekonstruieren. Und gleich zu Beginn wird klar, dass mindestens einer von ihnen ein eigenes Süppchen kocht.

Und diese Frage, wer nun falsch spielt im Umfeld der Ermittlungen, zieht sich durchs ganze Buch und macht faktisch eine dritte Ebene auf. Es ist faszinierend, wie Holger Karsten Schmidt, die Fäden in der Hand behält und sie zu einem logischen Ende führt. Dabei kommt ihm die Erfahrung als Drehbuchautor sehr entgegen. Ich kann mir die Orte und Menschen direkt vorstellen. Gerade die zentralen Charaktere sind hervorragend skizziert.

Das Buch spielt vor knapp 20 Jahren und die Zeit wird durch kleine Details immer wieder lebendig. Auch das ist hervorragend gelungen.

Es braucht beim Lesen ein gewisses Maß an Konzentration, um in der Komplexität des Falls (der eine stringente innere Logik hat) nicht verloren zu gehen. Gleichzeitig liest sich das Buch flüssig und ich bin nur so durch die Seiten geflogen, um endlich Klarheit in dem ganzen Verwirrspiel zu haben.

Ein absoluter Lesetipp.

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Veröffentlicht am 24.11.2024

Eine Gaunergeschichte

Der König
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Als Fan von Jo Nesbø habe ich einen spannenden, gut konstruierten Krimi erwartet, der in die Abgründe der Menschen schaut. Letzteres geschieht tatsächlich, denn der Weg der Brüder Carl und Roy ist mit ...

Als Fan von Jo Nesbø habe ich einen spannenden, gut konstruierten Krimi erwartet, der in die Abgründe der Menschen schaut. Letzteres geschieht tatsächlich, denn der Weg der Brüder Carl und Roy ist mit Toten gepflastert. Ihre Geschichte wird aus Sicht von Roy, des älteren Bruders erzählt. Seine Rolle scheint die des Beschützers und Aufräumers zu sein. Doch im Laufe der Zeit entsteht eine Rivalität zwischen den Brüdern. Nur einer kann König von Os, ihrer Heimatstadt werden.
Roys Darstellung ist irgendwie distanziert, leicht ironisch und in sehr einfacher Sprache. Ich konnte keine Bindung zu ihm aufbauen, weder Sympathie noch Antipathie. Bei einigen Redewendungen habe ich mich gefragt, ob sie nur im Norwegischen funktionieren und fast nicht übersetzbar sind. Dadurch holperte es manchmal etwas.
Im Grunde lesen wir immer wieder über die Vergangenheit der beiden Männer und ihre rivalisierenden Zukunftspläne. Dabei wird ein Mord und dessen raffinierte Vertuschung nach dem anderen erklärt. Die Geschehnisse werden sehr oft wiederholt, weil sie – leicht abgewandelt – immer wieder unterschiedlichen Personen erzählt werden. Die ganze Zeit schwirrte bei mir im Hinterkopf ein anderer Buchtitel herum, nämlich „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. So würde sich für mich das Geschehen – eher als eine Gaunergeschichte denn ein Kriminalroman - beschreiben lassen.
Sehr gut gefällt mir die Umschlaggestaltung. Hier ist es hervorragend gelungen, das Buch wiederzuspiegeln.

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Veröffentlicht am 04.11.2024

Über das Ankommen im Leben

Die Wildblütentochter (Die Blumentöchter 2)
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Wenn man spürt, dass eine Autorin ihre Protagonisten unglaublich mag und dann auch noch von der Landschaft, in der das Buch spielt, begeistert ist, ist großes Lesevergnügen vorprogrammiert. Und so ist ...

Wenn man spürt, dass eine Autorin ihre Protagonisten unglaublich mag und dann auch noch von der Landschaft, in der das Buch spielt, begeistert ist, ist großes Lesevergnügen vorprogrammiert. Und so ist es auch bei der „Wildblütentochter“. Aus jeder Zeile spricht mich die Begeisterung für (Is)Land und Leute an.
Die Orientierung am Anfang des Buches ist trotz des gezeichneten Stammbaums nicht einfach, wenn man Band 1 nicht gelesen hat. Viele Namen, viele familiäre Zusammenhänge gilt es zu verstehen. Einmal tief eingetaucht in die Familie, ergeben sich dann die Verbindungen aber recht schnell.
Wir begleiten zwei Frauenleben zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Da ist Soley im hier und jetzt – mit einer schönen, beruhigend vorhersehbaren Geschichte über das Ankommen im Leben. Ach, da möchte man direkt mit auf dem Hof in Island sein und alles live verfolgen. Die andere Frau ist ihre Urgroßmutter, die während des Kriegs ihre große Liebe findet. Diese Teile sind mir ein bisschen zu viel und zu gleichartig geschrieben. Der Funke der großen Liebe springt bei mir nicht über, wenngleich das Schicksal der Urgroßmutter berührend ist. Ihr Leben wird in Rückblicken und in Tagebucheinträgen erzählt. Ich glaube, eine kürzere Darstellung - und zwar nur in Form der Tagebucheinträge - hätte mich mehr erreicht.
Am Ende des Buchs bin ich neugierig, wie es mit der Familie weiter geht. Dabei ist die Geschichte für den Moment absolut rund. Aber die führenden Figuren sind so interessant und haben irgendwie noch viel vor sich, da könnte glatt eine neue Geschichte draus werden – oder man lässt die eigene Fantasie spielen.
Das Buch ist wunderschön gestaltet. Der Farbschnitt ist eine Augenweise und lässt mich das Buch gerne in die Hand nehmen.

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