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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.01.2025

Titel und Klappentext führen etwas in die Irre

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Dem Klappentext folgend, erwarte ich ein Buch, dass die Beziehung zwischen einer knapp 50jährigen und ihrem deutlich jüngeren Freund thematisiert. Und so startet das Buch auch. Mit Humor und einer großen ...

Dem Klappentext folgend, erwarte ich ein Buch, dass die Beziehung zwischen einer knapp 50jährigen und ihrem deutlich jüngeren Freund thematisiert. Und so startet das Buch auch. Mit Humor und einer großen Leichtigkeit beschreibt Anika Decker das erste Zusammentreffen zwischen Nina und David. Ich spüre das Prickeln und die Anziehungskraft zwischen beiden. Doch Nina mag dem Glück nicht trauen und gibt den eigenen und fremden Zweifeln an der Konstellation immer mehr Raum.
Diese Geschichte würde für mich ausreichend Stoff für einen Roman geben. Doch plötzlich übernehmen andere Themen die Handlung:
- Sexuelle Übergriffe in der Film-Produktionsfirma, in der Nina arbeitet
- Die Geschichte von Ninas Mutter, die vor ca. 30-40 Jahren den Tod ihres Mannes verarbeiten und sich als Alleinerziehende durchschlagen musste – aufgearbeitet durch einen Unfall der Mutter
- Der Blick hinter die Kulissen einer jungen Mutter, die versucht, sich als Influencerin zu etablieren
- Die Wandlung der Schwester von Nina von einer Geschäftsfrau zu Ehefrau/Mutter/Hausfrau und deren Re-Emanzipation
Warum müssen so viele gesellschaftskritisch absolut relevante Themen in einem Buch abgehandelt werden? Dadurch bleibt jedes Einzelne sehr oberflächlich und das Buch verliert nicht nur Tiefgang, sondern auch seinen humorvollen Charme, der zu Beginn so wirksam ist. Für mich ist hier eindeutig zu viel gewollt. Die Rolle der Männer ist recht einseitig. Lediglich David scheint ein Prachtexemplar zu sein.
Der Aufbau des Buchs gefällt mir außerordentlich gut. In den einzelnen Kapiteln wird jeweils die Perspektive eines anderen Protagonisten gewählt. Dadurch bekommt insbesondere die Beziehung der beiden Schwestern Würze, werden doch Szenen aus beiden Sichten beleuchtet. Durch dieses Stilmittel hätte das Beziehungsthema so viel intensiver wirken können. Schade, denn so passt für mich auch der Titel nicht wirklich zur Gesamtstory.

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Veröffentlicht am 21.12.2024

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite

Finsteres Herz
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In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die ...

In einem furiosen Einstieg erleben wir hautnah mit, wie ein Zeugenschutzhaus auffliegt. Dies ist so plastisch beschrieben, dass ich mich mitten im Geschehen glaube. In zwei parallelen Erzählsträngen, die häufig am selben Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten spielen, begleiten wir zwei Ermittlerteams. Das Team Mendt/Elling (bekannt aus Teil 1 des Buchs) hat den Originalfall bearbeitet und ist nach dem Auffliegen des Zeugenschutzhauses nicht mehr ansprechbar. Mendt/Elling haben alle Unterlagen zum Fall vernichtet. Und da setzt das zweite Team an. Dudek und Kaminski aus unterschiedlichen Behörden versuchen, den Fall zu rekonstruieren. Und gleich zu Beginn wird klar, dass mindestens einer von ihnen ein eigenes Süppchen kocht.

Und diese Frage, wer nun falsch spielt im Umfeld der Ermittlungen, zieht sich durchs ganze Buch und macht faktisch eine dritte Ebene auf. Es ist faszinierend, wie Holger Karsten Schmidt, die Fäden in der Hand behält und sie zu einem logischen Ende führt. Dabei kommt ihm die Erfahrung als Drehbuchautor sehr entgegen. Ich kann mir die Orte und Menschen direkt vorstellen. Gerade die zentralen Charaktere sind hervorragend skizziert.

Das Buch spielt vor knapp 20 Jahren und die Zeit wird durch kleine Details immer wieder lebendig. Auch das ist hervorragend gelungen.

Es braucht beim Lesen ein gewisses Maß an Konzentration, um in der Komplexität des Falls (der eine stringente innere Logik hat) nicht verloren zu gehen. Gleichzeitig liest sich das Buch flüssig und ich bin nur so durch die Seiten geflogen, um endlich Klarheit in dem ganzen Verwirrspiel zu haben.

Ein absoluter Lesetipp.

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Veröffentlicht am 24.11.2024

Eine Gaunergeschichte

Der König
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Als Fan von Jo Nesbø habe ich einen spannenden, gut konstruierten Krimi erwartet, der in die Abgründe der Menschen schaut. Letzteres geschieht tatsächlich, denn der Weg der Brüder Carl und Roy ist mit ...

Als Fan von Jo Nesbø habe ich einen spannenden, gut konstruierten Krimi erwartet, der in die Abgründe der Menschen schaut. Letzteres geschieht tatsächlich, denn der Weg der Brüder Carl und Roy ist mit Toten gepflastert. Ihre Geschichte wird aus Sicht von Roy, des älteren Bruders erzählt. Seine Rolle scheint die des Beschützers und Aufräumers zu sein. Doch im Laufe der Zeit entsteht eine Rivalität zwischen den Brüdern. Nur einer kann König von Os, ihrer Heimatstadt werden.
Roys Darstellung ist irgendwie distanziert, leicht ironisch und in sehr einfacher Sprache. Ich konnte keine Bindung zu ihm aufbauen, weder Sympathie noch Antipathie. Bei einigen Redewendungen habe ich mich gefragt, ob sie nur im Norwegischen funktionieren und fast nicht übersetzbar sind. Dadurch holperte es manchmal etwas.
Im Grunde lesen wir immer wieder über die Vergangenheit der beiden Männer und ihre rivalisierenden Zukunftspläne. Dabei wird ein Mord und dessen raffinierte Vertuschung nach dem anderen erklärt. Die Geschehnisse werden sehr oft wiederholt, weil sie – leicht abgewandelt – immer wieder unterschiedlichen Personen erzählt werden. Die ganze Zeit schwirrte bei mir im Hinterkopf ein anderer Buchtitel herum, nämlich „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. So würde sich für mich das Geschehen – eher als eine Gaunergeschichte denn ein Kriminalroman - beschreiben lassen.
Sehr gut gefällt mir die Umschlaggestaltung. Hier ist es hervorragend gelungen, das Buch wiederzuspiegeln.

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Veröffentlicht am 04.11.2024

Über das Ankommen im Leben

Die Wildblütentochter (Die Blumentöchter 2)
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Wenn man spürt, dass eine Autorin ihre Protagonisten unglaublich mag und dann auch noch von der Landschaft, in der das Buch spielt, begeistert ist, ist großes Lesevergnügen vorprogrammiert. Und so ist ...

Wenn man spürt, dass eine Autorin ihre Protagonisten unglaublich mag und dann auch noch von der Landschaft, in der das Buch spielt, begeistert ist, ist großes Lesevergnügen vorprogrammiert. Und so ist es auch bei der „Wildblütentochter“. Aus jeder Zeile spricht mich die Begeisterung für (Is)Land und Leute an.
Die Orientierung am Anfang des Buches ist trotz des gezeichneten Stammbaums nicht einfach, wenn man Band 1 nicht gelesen hat. Viele Namen, viele familiäre Zusammenhänge gilt es zu verstehen. Einmal tief eingetaucht in die Familie, ergeben sich dann die Verbindungen aber recht schnell.
Wir begleiten zwei Frauenleben zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Da ist Soley im hier und jetzt – mit einer schönen, beruhigend vorhersehbaren Geschichte über das Ankommen im Leben. Ach, da möchte man direkt mit auf dem Hof in Island sein und alles live verfolgen. Die andere Frau ist ihre Urgroßmutter, die während des Kriegs ihre große Liebe findet. Diese Teile sind mir ein bisschen zu viel und zu gleichartig geschrieben. Der Funke der großen Liebe springt bei mir nicht über, wenngleich das Schicksal der Urgroßmutter berührend ist. Ihr Leben wird in Rückblicken und in Tagebucheinträgen erzählt. Ich glaube, eine kürzere Darstellung - und zwar nur in Form der Tagebucheinträge - hätte mich mehr erreicht.
Am Ende des Buchs bin ich neugierig, wie es mit der Familie weiter geht. Dabei ist die Geschichte für den Moment absolut rund. Aber die führenden Figuren sind so interessant und haben irgendwie noch viel vor sich, da könnte glatt eine neue Geschichte draus werden – oder man lässt die eigene Fantasie spielen.
Das Buch ist wunderschön gestaltet. Der Farbschnitt ist eine Augenweise und lässt mich das Buch gerne in die Hand nehmen.

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Veröffentlicht am 31.10.2024

Lange nachhallende Familiengeschichte

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen
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Ein bisschen beliebig fängt das Buch schon an: narzisstische Mutter, gutmütiger Stabilität gebender Vater und zwei Töchter, die sehr unterschiedlich mit den mütterlichen Ansprüchen umgehen. Doch ganz schleichend ...

Ein bisschen beliebig fängt das Buch schon an: narzisstische Mutter, gutmütiger Stabilität gebender Vater und zwei Töchter, die sehr unterschiedlich mit den mütterlichen Ansprüchen umgehen. Doch ganz schleichend entwickelt sich eine packende, vielschichtige und emotional sehr aufgeladene Geschichte über den Wunsch nach Bindung und Familienzugehörigkeit, nach Anerkennung und gesehen werden.
Wir begleiten die Familie von 1998 bis in die Gegenwart. Und diese zeitliche Einordnung ist zwingend notwendig, um die Protagonistinnen zu verstehen. Auch wenn ich die immer um sich selbst kreisende Mutter am liebsten aufgerüttelt hätte, so wird doch insbesondere in den letzten Kapiteln auch ihre Geschichte verständlich. Und so wie die Mutter um ihren Weg gekämpft hat, tun dies auch ihre beiden Töchter. Wir tauchen tief ein in das Seelenleben von Wanda, die immer gefallen möchte und Antonia, die sich eher zurückgezogen abgrenzt. Und beide Schwestern verlieren sich und einander in dieser aufreibenden Familienkonstellation. Anna Brüggemann schreibt dabei fast szenisch. Ich kann mich in die Töchter total hineinfühlen und möchte gerade Antonia gerne immer wieder ein „bravo“ und „weiter so“ zurufen.
Die Sprache des Buchs ist wunderbar klar. Gerade in den späteren Jahren, als die Töchter sich emanzipieren, fallen unglaublich starke und analytische Sätze wie dieser: „Mama legt immer ein Standard fest, wie bei einer Maßtabelle, und entweder man passt da rein oder nicht. Und wenn wir Idealmaße haben, machen wir sie glücklich“. Besser kann man diese dysfunktionale Beziehung nicht beschreiben.
Ein glaubwürdiges, ganz starkes Buch, das mich auch Tage nach dem Lesen noch beschäftigt. Vielleicht weil ich mich einfach unglaublich mit den Töchtern identifizieren konnte?

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