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Veröffentlicht am 04.09.2024

Wenn Schweigen schlimmer ist als die Wahrheit

Der Morgen nach dem Regen
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Ein weiteres Buch darüber, wie schwierig die Beziehung zwischen Mutter und Tochter sein kann. Und leider eins, dass mich – je länger das Lesen zurück liegt – unzufrieden zurücklässt.

Der Grundkonflikt ...

Ein weiteres Buch darüber, wie schwierig die Beziehung zwischen Mutter und Tochter sein kann. Und leider eins, dass mich – je länger das Lesen zurück liegt – unzufrieden zurücklässt.

Der Grundkonflikt zwischen Mutter und Tochter ist hervorragend beschrieben. Tochter Elsa fühlt sich nicht wirklich geliebt und beachtet von ihrer Mutter Johanna. Diese war selten daheim, hat aus ihrer Sicht alles für die Familie getan, was möglich war. Und doch war da immer eine Blockade, sich vollständig auf die Familie einzulassen. Eine Distanz, die spürbar war. In Rückblenden und aufwühlenden Gesprächen arbeiten Johanna und Elsa die wahren Ursachen auf, klären Missverständnisse, Verletzungen, Enttäuschungen. Alles mündet in Johannnas Erkenntnis „Mein Schweigen hat so viel kaputt gemacht“.

Melanie Levensohn beschreibt den Konflikt zwischen Mutter und Tochter sehr lebendig. In den Dialogen spürt man den Schmerz und auch wie viel Kraft es kostet, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Mir gefällt, wie die Kapitel, die jeweils abwechselnd die Perspektive von Mutter und Tochter beleuchten, ineinandergreifen.

Als störend empfinde ich die zusätzliche Erzählebene. Mit Tante Toni wird eine Person eingeführt, die beiden Frauen viel bedeutet hat und die mahnend und weise aus dem Off zu Johanna spricht. Das wirkte auf mich zu platt. Ebenso hätte ich die Details der Auslandsarbeit der Mutter nicht gebraucht. Das war mir zu plakativ und würde – nimmt man es so ernst wie angedeutet - ein eigenes Buch verdienen. So wurde eine künstliche Dramatik geschaffen, die meines Erachtens den Mutter-Tochter-Konflikt überschattet hat.

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Veröffentlicht am 31.08.2024

Episoden einer Beziehung

Die vorletzte Frau
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In vielen einzelnen Episoden erzählt Katja Oskamp von einer (ihrer) großen Liebe. Die junge Studentin und der große Schriftsteller Tosch lernen sich an der Uni kennen und lieben. Beide stecken in unglücklichen ...

In vielen einzelnen Episoden erzählt Katja Oskamp von einer (ihrer) großen Liebe. Die junge Studentin und der große Schriftsteller Tosch lernen sich an der Uni kennen und lieben. Beide stecken in unglücklichen Beziehungen und entscheiden sich füreinander. Sie leben nicht miteinander, sondern ihre Beziehung nährt sich aus zwei Quellen „Erst später wurde mir bewusst, dass Leporello und Stehpult [zwei Geschenke] für die Gemengelage des Ursprungs [der Beziehung] standen: Sex und Text“. Als durch Toschs Krankheit der Sex wegbricht und durch zunehmende Pflege ersetzt wird, fehlt der Beziehung ein wesentlicher Teil. Wir erleben das langsame Entfremden, den Schmerz, die Einsamkeit.

Mit einer wunderbaren Sprache, die ganz klar und pointiert ist, arbeitet Katja Oskamp ihr Leben auf („Heute weiß ich es: So wie Tosch in seine Heimat zurückkehrte, kehrte auch ich in meine Heimat zurück. In das Land meiner Kindheit.“). Die kurzen Kapitel lassen Zeit zum Nachdenken, zum Reflektieren und zur Interpretation.

Der Anteil des Autobiografischen ist hoch, was sich mir aus dem Klappentext nicht erschloss. Vielleicht ist damit eine gewisse beobachtende Distanz verbunden, die es verhindert, dass ich mich mit der Protagonistin identifizieren kann. So blicke ich interessiert neugierig auf diese Beziehung, beobachte mit und lasse mich vom Philosophieren über das Leben anstecken.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Biografisch-lexikalisches Werk

Seinetwegen
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Zora del Buono ist noch sehr klein, als der Vater unverschuldet in einem Autounfall stirbt. Die Mutter lässt Gespräche über den Vater und den Unfall nicht zu. Und so gibt es in Buonos Leben eine Leerstelle, ...

Zora del Buono ist noch sehr klein, als der Vater unverschuldet in einem Autounfall stirbt. Die Mutter lässt Gespräche über den Vater und den Unfall nicht zu. Und so gibt es in Buonos Leben eine Leerstelle, die niemand mit Erinnerungen füllen kann. Gleichzeitig wächst ihre Wut auf den „Töter“ – so bezeichnet sie den Unfallverursacher. Mit dieser Wut wird der Leser zu Beginn des Buches intensiv konfrontiert.

Langsam, ganz langsam nähert sich del Buono dem tatsächlichen Unfallhergang. Doch zunächst folgen wir ihren Gedanken und düsteren Geschichten zum Tod, zum Unfalltod im Straßenverkehr, lesen Statistiken dazu, lauschen Kaffeehausgeschichten über Leerstellen, Tod und Verzweiflung. Dies alles muss man als Leser durchhalten. Ich brauchte viele Pausen und fremdelte während dieser Düsternis mit dem Buch.

Doch je mehr sich die Autorin mit dem Unfallverursacher auseinandersetzt, desto mehr wird auch er zum Menschen. Und plötzlich gibt es auch filmische Erinnerungen an den Vater. Wunderbar beschreibt del Buono die Entdeckungen dieses Lebens. Und wirft Fragen auf, die mich aus der Bahn werfen – wenn sie zum Beispiel philosophiert, wie lange man die Stimme eines geliebten Menschen wohl im Ohr behält.

Dieser Prozess der Annäherung und Erkenntnis ist spürbar schmerzhaft. Gleichzeitig verliert sie die Mutter immer mehr an die Demenz. Diese Passagen sind fürsorglich, mitfühlend und vielleicht auch auf eine Art emanzipierend, denn "Natürlich stellt sich mir die Frage, warum ich ausgerechnet jetzt, wo es in Mutters Kopf derart wirr zugeht, dass sie nicht einmal mehr mich erkennt, diese Recherche unternehme? Weil ich es endlich darf?".

Zora del Buono schafft ein Buch, das nachwirkt. Mit einem sehr speziellen Schreibstil und einer Härte in der Auseinandersetzung mit sich selbst, die mich beim Lesen bisweilen verstört.

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Veröffentlicht am 10.08.2024

Lebensweg zwischen Glück und Verzweiflung

Genau so, wie es immer war
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Ein ganzes Leben verpackt Claire Lombardo in rund 700 Seiten. Manchmal wünsche ich mir das Buch etwas kompakter, manchmal genieße ich den Detailgrad und verliere mich geradezu in den Seiten. Immer wieder ...

Ein ganzes Leben verpackt Claire Lombardo in rund 700 Seiten. Manchmal wünsche ich mir das Buch etwas kompakter, manchmal genieße ich den Detailgrad und verliere mich geradezu in den Seiten. Immer wieder bleibe ich bei einzelnen Sätzen hängen, die mich packen („Eine Partnerschaft am Laufen zu halten ist wahrlich nicht einfach gewesen, sich bei öffentlichen Anlässen blind darauf zu verlassen dagegen nie ein Problem“).

Julia ist belastet durch extrem schwierige Kindheitsverhältnisse, bindungsunsicher, immer die Antennen ausgefahren, um abzuschätzen, was von ihr erwartet wird. Nun ist sie selbst Mutter und Ehefrau und kämpft mit ihren Dämonen. Sie kennt es einfach nicht, anderen zu vertrauen.

Und peu à peu wird ihr Leben aufgerollt. Episoden aus der Kindheit wechseln sich mit dem Erwachsenenleben ab. Und auch hier springt die Autorin zwischen dem hier und jetzt und Erlebnissen, als Julia junge Mutter war. Die Mühelosigkeit dieser Zeitsprünge begeistert mich. Ich leide mit Julia mit, wenn ihre Beziehung zur Mutter aufgearbeitet wird, versuche ihre depressiven Phasen zu verstehen, frage mich, wie sie Frieden finden kann und freue mich mit ihr, wenn ihr Mann Mark und die Kinder immer wieder Fels in der Brandung sind. Mich würde diese Geschichte extrem aus der Sicht von Mark interessieren. Wie er wohl die ganze Zeit empfindet? Einzelne Einblicke gibt es.

Das Buch wirkt auf jeden Fall nach. Vielleicht, weil es eine ganz normale Geschichte ist. Die zeigt, dass jeder um seinen Platz im Leben kämpfen kann und manchmal auch muss.

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Veröffentlicht am 21.07.2024

Geht unter die Haut

Kleine Monster
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Der Klappentext hat mich ganz schön in die Irre geführt. Hatte ich doch die Auseinandersetzung einer Mutter mit ihrem Sohn erwartet. Jessica Lund geht jedoch viel weiter. Es geht um die Auseinandersetzung ...

Der Klappentext hat mich ganz schön in die Irre geführt. Hatte ich doch die Auseinandersetzung einer Mutter mit ihrem Sohn erwartet. Jessica Lund geht jedoch viel weiter. Es geht um die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Es geht darum, wie man eigene – nicht verarbeitete – Erlebnisse ins hier und jetzt transferiert. Wie sich der Blick verschiebt, wenn man traumatisiert ist und gar nicht mehr ans Harmlose, Gute denken kann.
Pia wuchs mit zwei Schwestern auf, eine davon adoptiert. Und genau dieses Mädchen war dabei, als die andere Schwester verunglückt. Schicht für Schicht wird abgetragen, was im Vorfeld und im Nachgang zu diesem Ereignis geschah. Innerhalb der Familie, mit den Eltern, unter den verbliebenen Geschwistern. Pia lernt sehr schmerzhaft „Vielleicht ist nicht alles schwarz oder weiß. Es ist Zeit, in den Schattierungen zu leben“.

Mich hat dieses Buch zutiefst berührt. Die kurzen Kapitel – mal als Rückblende, mal in der Gegenwart – sind sprachlich sehr klar und lassen mich den Schmerz und die Verzweiflung von Pia spüren. Aber nicht nur ihre Perspektive ist großartig beschrieben, auch Mann und Sohn werden lebendig und haben Tiefe.

Eine absolutes Lesehighlight.

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