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Veröffentlicht am 03.11.2023

Eine YA Abenteuerromanze

Three Wishes - Überlebe um zu sterben
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Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks gewonnen. Gefreut habe ich mich auf ein märchenhaftes Abenteuer in einem ungewöhnlichen Setting - das alte Ägypten. Aus Gründen, die ich noch ...

Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks gewonnen. Gefreut habe ich mich auf ein märchenhaftes Abenteuer in einem ungewöhnlichen Setting - das alte Ägypten. Aus Gründen, die ich noch erörtern werde, habe ich das Buch nach Kapitel 10 abgebrochen (S.72 von 251).

Handlung und Hauptfiguren
Samira ist eine Dschinda. Als Kind musste sie mit ansehen, wie ihr ganzes Dorf ausgelöscht wurde, während nur sie und ihre Schwester überlebt haben. Ihrer Mutter konnte sie vor deren Tod noch versprechen, dass sie ihr Volk beschützen würde. Dafür muss sie aber durch die Duat, die Unterwelt reisen, um die Götter um Hilfe zu bitten. Dazu rekrutiert sie Kadir - einen misshandelten Tempelarbeiter/-sklaven, der dabei scheinbar wenig zu verlieren hat.

Samira erscheint mir als das typische tough Girl - allerdings mit einer leicht zu entfachenden romantischen Ader. Kadir soll Sympathie gewinnen, weil er misshandelt wird, es schweigend erträgt und trotzdem nett ist. Grundsätzlich funktioniert der Ansatz bei mir teilweise. Leider ist das dann aber alles, was man auf den ersten 72 Seiten von den beiden erfährt. Trotzdem die Geschichte abwechselnd aus Samiras und Kadirs Perspektive geschrieben ist - beide in Ich-Form. Für mich bleiben sie beide eindimensional und damit langweilig. Es gelingt mir nicht, mich in die Figuren einzufühlen (siehe Abschnitt Stil) oder Interesse an ihrem Schicksal zu entwickeln. Ihre Auseinandersetzung mit der Situation und mit sich selbst bleibt meiner Meinung nach oberflächlich.

Die beiden verlieben sich auch gleich von Beginn weg - so wird es jedenfalls erzählt. Die Chemie zwischen den Figuren ist für mich nicht spürbar. Die Liebesbeziehung und Gefühle wachsen für mich aus dem nichts heraus und die Ursachen bleiben vage. Es wird sehr schnell sehr intensiv und emotional - was mich völlig überrumpelt hat. Der romantische Kitsch ist leider auch nicht meins.

Auf der Flucht vor einem Mobb gelingt Samira und Kadir eine originelle Flucht. Dieses Ereignis hat mich noch einmal zwei Kapitel lesen lassen. Und vielleicht nimmt die Handlung noch irgendwo originelle Züge an - die Aussicht auf dieses Vielleicht konnte aber den Rest für mich nicht aufwiegen.



Stil

Für mich hat dieses Buch nicht viel märchenhaftes an sich.

Das hat für mich viel mit dem Erzählstil zu tun. Denn hier wird wirklich erzählt. Nur erzählt. Wenig gezeigt. Vieles ist eine Abfolge von Beschreibungen, die es mir nicht erlaubt, in das Erleben der Protagonisten einzutauchen. Selbst die Gefühle - eine analysierte Beschreibung. Das lässt bei mir als Leserin keine Emotionen aufkommen. Und keine emotionale Nähe zu den Figuren. Und das langweilt mich.

Weiter geht es mit der Sprache, die für mich sehr nach westlich moderner Jugendbuchsprache klingt. Das aussergewöhnliche Setting ist für mich nur als Kulisse wahrnehmbar, die zwar eine Rolle spielt, aber sich nicht zum Eintauchen anbietet. Das “westlich modern” erstreckt sich ausserdem auf die Charaktere, deren Stimmen, Gedanken und Motivationen. Eine young adult Abenteuerromanze auf einer Bühne des alten Ägyptens. Dafür wird ein Sprachbildklischee ums andere bemüht und ich fand wenig kreative Eigenkreationen.

Dazu kommt, dass die einzelnen Szenen für mich keinen (thematischen) Fokus haben. Zu jeder Zeit wird einfach alles wiedergegeben, was den beiden passiert, was sie sehen, denken und fühlen. Und so wird auch fröhlich von einem Thema zum anderen und gegebenenfalls wieder zurück gesprungen. Die Dialoge finde ich oft nichtssagend, manchmal gar hölzern oder überflüssig. Daran hat auch der Weggefährte nichts geändert, den die beiden in der Duat finden. Eher die Sache noch schlimmer gemacht - ich finde ihn weder witzig noch pfiffig.

Fazit
Leider hat dieses Buch meine Erwartungen enttäuscht und meinen Geschmack verfehlt. Märchenhaft fand ich weder die Sprache noch die Geschichte soweit ich sie gelesen habe. Dafür wurden unzählige Klischees und Tropes bedient, die bei mir viel Stöhnen und Augenrollen ausgelöst haben und mir, vermute ich, eine gute Ahnung vom Ausgang der Geschichte geben.

Zwei Sterne bekommt es der Fairness halber - denn ich habe die Geschichte ja nicht zuende gelesen.

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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.11.2023

Eine kurzweilige Geschichte von wirklich vielem

Eine kurze Geschichte von fast allem
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Das Universum, das Sonnensystem, unser Planet Erde; die Beschaffenheit und Geschichte der Erde, die Vorgänge in und auf ihr; die Entwicklung der Naturwissenschaften, die Geschichte der Chemie und die grossen ...

Das Universum, das Sonnensystem, unser Planet Erde; die Beschaffenheit und Geschichte der Erde, die Vorgänge in und auf ihr; die Entwicklung der Naturwissenschaften, die Geschichte der Chemie und die grossen Erkenntnisse der Physik; der Ursprung des Lebens und dessen Bausteine, Mikroorganismen und die Evolution des Lebendigen; rätselhafte Zweibeiner und unermüdliche Affen. Bill Bryson erzählt nicht nur, was wir wissen. Vor allem erzählt er, weshalb wir es wissen, wer es unter welchen Umständen - oder durch welche Zufälle - herausgefunden hat. Vor allem aber auch, wie wir es wissen können. Oder eben nicht.

Das hört sich nach viel an. Und das ist es auch. Und nein, merken kann ich mir das nicht alles. Nicht in einem einzigen Durchgang. Deshalb lese ich das Buch auch schon seit Jahren immer mal wieder - und habe es mir letztlich als Audiobook angeschafft. Dank Brysons unterhaltsamen Stil und vieler spannender und witziger Anekdoten ist die Lektüre jedes Mal wieder sowohl interessant als auch unterhaltsam. Für mich ist es nicht nur lehrreich, sondern hält immer wieder Anhaltspunkte bereit, um mich mit Themen, die mich interessieren, weiter auseinanderzusetzen. Schon oft war dieses Buch für mich Sprungbrett in ein spezifisches Fachgebiet, auch dank der relevanten Literaturverweise.

In “Eine kurze Geschichte von fast allem” erzählt Bill Bryson genau das, was er mit dem Titel verspricht. Da das Buch aber bereits etwas älter ist, 2003 erschienen, schliesst es natürlich die Entdeckungen und Entwicklungen der letzten beiden Dekaden aus. Die Aktualität ist also nicht durchgehend gewährleistet und mit jedem weiteren Jahr steigt die Möglichkeit, dass gewisse Informationen nicht mehr ganz stimmen.

Veröffentlicht am 21.10.2023

Irgendwie zu wenig...

We Will Give You Hell
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Diese Rezension enthält keine expliziten Spoiler - allerdings können gewisse Aussagen möglicherweise zur Deutung der Ereignisse genutzt werden.

Im ersten Teil des Buches verfolgt man die Geschichte einer ...

Diese Rezension enthält keine expliziten Spoiler - allerdings können gewisse Aussagen möglicherweise zur Deutung der Ereignisse genutzt werden.

Im ersten Teil des Buches verfolgt man die Geschichte einer Gruppe junger Erwachsener, die nach dem Abi eine Reise nach Schweden unternimmt. Die Figuren werden gut eingeführt, ihre Beziehungen untereinander beleuchtet und der familiäre Hintergrund der Protagonistin Hell wird auf interessante Weise erkundet. Da ich mit 30+ wohl nicht mehr zum Hauptpublikum gehöre, war dieser Teil zwar unerhaltsam, aber nicht übermässig spannend. Die Charaktere sind einigermassen interessant, das mitreisende Pärchen scheint aber irgendwie nur zu existieren, damit genug Leute dabei sind. Später im Buch werden diese dann auch abgeschoben und verschwinden in der Versenkung.

Interessant wird dann der Mittelteil. Hell leidet an einem unerklärlichen Fieber, das sie in der Wildnis überkommt und die Gruppe in die Stadt zurückzwingt. Beim Besuch eines Wikingergrabs trifft Hell dann auf Astryd, eine geheimnisvolle Frau, die sie zu Nachforschungen anregt. Dabei erfährt Hell auch überraschendes über ihren toten Vater und seine Vergangenheit. Trotzdem sie sich fürchtet, zieht es sie in die nördlichen Wälder. Nachdem es dort in einem dramatischen Eklat zum Zerwürfnis mit ihren Freunden kommt, bleibt sie alleine zurück. Wie es dazu kam und dass diese Freunde sie tatsächlich allein zurücklassen, ist mir nicht ganz schlüssig - da bin ich einfach zu wenig nah an die Figuren rangekommen.

Jedenfalls gelangt Hell in eine Frauenkommune im Wald - und erfährt dort, dass ihr "Fieber" in einer uralten Macht begründet ist. Weiblicher Zorn. Das ist grundsätzlich ein spannender Punkt und wird durchaus auch erörtert. Gleichzeitig wird man aber mit einer Unmenge neuer Figuren, Namen und Geschichten bombardiert. Und später wird auch davon ausgegangen, dass man sich das alles merken konnte. Hell beschliesst zu bleiben, lernt und verliebt sich in Majvie. Wieso hier eine Liebesgeschichte rein musst, bleibt mir ein Rätsel, denn sie ist als solche nicht wirklich nachvollziehbar und tut auch nichts zur Geschichte.

Die Kritik an patriarchalen Strukturen, illustriert durch die Einzelschicksale der Frauen, ist berührend, macht wütend und rüttelt auf. Die Unterdrückung und gesellschaftliche Tabuisierung weiblicher Wut - und damit weiblicher Energie - ist ein spannender Ansatz. Und ich war zu diesem Zeitpunkt sogar ein Fan des Buches. Gerade für einigermassen junge Leser*innen finde ich das Konzept spannend und griffig verpackt und transportiert.

Die Geschichte nimmt dann eine neue Wendung, Lügen und Manipulationen werden aufgedeckt, die Friede-Freude Stimmung der Kommune ist dahin. Der Plot bis zum Höhepunkt ist soweit spannend, die Protagonistin steckt knietief drin und muss gemeinsam mit ihren Freunden Entscheidungen treffen und grosses leisten. Leider scheint sich mit der Auflösung auch das ganze - bis dahin zum Kampffeminismus gesteigerte - Konzept, das vorher aufgebauen wurde, in Luft auszulösen. Zurück bleibt ... irgendwie gar nichts.

Auch das Ausklingen des Buches dümpelt nichtssagend vor sich hin. Da ist keine Message drin. Die Protagonistin und die wichtigen Nebencharaktere planen ihre persönliche Zukunft, alle sind im Frieden mit den Geschehnissen und sich... Na gut, da kann ich damit leben und ich nehme mit, was vorher war und mich zum selber denken angeregt hat.

ABER dann kommt das letzte Kapitel. Und mit dem hat mich die Autorin echt verärgert! Um nicht zu spoilern gehe ich hier nicht ins Detail, aber die Autorin reisst hier die Geschichte noch einmal auf und lässt sie offen enden. Mir ist nicht klar, was das genau sollte. Ein offenes Ende, um das Buch noch länger nachwirken zu lassen? Dann ist es unschön gemacht für meinen Geschmack. Oder will sie sich hier mit einem Cliffhanger die Hintertür für eine Fortsetzung offen halten? Dann mach das gefälligst am Anfang des nächsten Bandes. Mich hat sie damit verloren...

Zusammenfassend: Ein interessantes Konzept; gesellschaftskritische Fantasy ist rar gesät und daher verdient die Idee an und für sich bereits Anerkennung. In der Umsetzung für mich nicht differenziert genug und bleibt in der Message leider nichtssagend.

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Veröffentlicht am 21.10.2023

Ein Kind seiner Zeit

Das Rad der Zeit 1
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Der 900 starke Auftakt zu das "Rad der Zeit" wurde von Robert Jordan zu Beginn der 90er Jahre erstmals verlegt. Persönlich habe ich das Buch vor einer Weile schonmal gelesen, es nun aber noch einmal getan ...

Der 900 starke Auftakt zu das "Rad der Zeit" wurde von Robert Jordan zu Beginn der 90er Jahre erstmals verlegt. Persönlich habe ich das Buch vor einer Weile schonmal gelesen, es nun aber noch einmal getan - weil die Zeit dafür reif war.
Diese Rezension erhält keine beabsichtigen Spoiler - Andeutungen habe ich nach Kräften zu vermeiden versucht!

Inhalt

Rand al'Thor führt in Emondsfelde im Gebiet der Zwei Flüsse ein beschauliches Leben als Schäfer und Tabakbauer. Der dunkle König ist eingeschlossen in Shayol Ghul - seine Schattengestalten, Blasse und Trollocs, existieren für Rand, seine Freunde Mat und Perrin und seine Versprochene Egwene nur in Schauergeschichten und sind längst zu Sagengestalten geworden. Zumindest bis zur Winternacht vor Beltine. Da treten diese plötzlich aus dem Schatten der Nacht und Märchen, um das Dorf heimzusuchen.

Sie kamen aus der Fäule auf der Suche nach Rand, Mat und Perrin, weiss die Aes Sedai Moiraine, die ebenfalls in Emondsfelde weilte. Eine Aes Sedai - magisch begabte und in Tar Valon ausgebildete Frauen - sagen immer die Wahrheit. Dass sie dennoch gefährlich sind und diese Wahrheit manchmal so ihre Ecken und Kanten hat, ist bekannt. Dennoch fliehen die drei Jungen, begleitet von der eigenwilligen Egwene und dem Gaukler Thom Merrilin, mit der Aes Sedai und ihrem Behüter Lan. Das Ziel: Tar Valon, wo die Burschen erfahren sollen, weshalb sie gejagt werden und Egwene zur Aes Sedai ausgebildet werden soll. Wenig später schliesst sich ihnen Nynaeve an, die Dorfheilerin aus Emondsfelde, die sich selbst ausgeschickt hat, die Kinder zurück zu holen. Dazu kommt später der Ogier Loial, der die drei Jungen als Ta'veren erkennt - jene Menschen, um die herum das Rad sein Muster webt.

Eine wilde Flucht beginnt, auf der jeder der Heldinnen eigene Prüfungen zu bestehen hat, Schattenfreunde an jeder Ecke lauern, die Gruppe getrennt wird und die Häscher des Dunklen Königs ihnen immer ganz nah auf den Fersen sind. Der Showdown des ersten Bandes führt die Gruppe schliesslich auf unerwarteten Wegen zu einem unvorhergesehenen Ziel, an dem unerhörte Entdeckungen, eine Prophezeihung und viele weitere Fragen warten.

Erzählstil

Das Buch startet in Emondsfelde, wo Leser
innen den Protagonistinnen in ihrer Heimat begegnen - wer auf schnelle Action hofft, wird hier enttäuscht. Natürlich ist die Frage berechtigt, wieso man ein ganzes Dorf kennen lernen soll, dass anschliessend als Schauplatz verlassen und nicht wieder aufgegriffen wird. Meine Antwort darauf enthält zwei Aspekte.

Zum einen ist Emondsfelde, die Heimat der meisten Protagonist
innen. Das Eintauchen in diese Heimat bietet für mich die Chance, in den Kern der Charaktere einzutauchen. Hier wurden sie erzogen und sozialisiert, dieses Leben prägt ihr Wesen. Und da dieser Hintergrund ihr späteres Denken, Entscheiden und Handeln stark beeinflusst, habe ich diesen "langatmigen" Einstieg auch im späteren Verlauf der Geschichte schätzen können. Diese durch den Einstieg erzeugte Verbundenheit zu den Zwei Flüssen verbindet mich als Leserin mit den Figuren und ermöglicht es mir, ihre Entwicklung und Geschichte zu verstehen und einzuordnen.

Zum anderen bietet dieses gemächliche und ausführliche Verweilen in der "normalen Welt" tiefe Einblicke in die Gesellschaftsstruktur und herrschenden Geschlechterrollen. Auf der eingangs vermittelten Basis wird dann später aufgebaut

Liegt aber Emondsfelde erst einmal hinter der fliehenden Gruppe, nimmt die Geschichte schnell rasante Fahrt auf. Die Heldinnen stürzen aus einer Gefahr in die nächste und kommen wirklich nie zur Ruhe. Immer wartet die nächste Katastrophe. Gemindert wird diese Spannung durch einen weiteren Zankapfel, an dem sich die Geister der Leserinnen scheiden. Jordan neigt zu ausführlichen Beschreibungen der Landschaft und Personen/Kleider - und dazu, diese auch mitten in die Handlung zu pflanzen. Ja, auch ich finde, dass dies den Lesefluss und das Eintauchen durchaus manchmal stören. Man kann diese natürlich überfliegen, muss dann aber auch auf gewisse Tiefe im Setting verzichten.

Lobend hervorheben möchte ich noch kurz die individuellen Stimmen der Perspektivcharaktere. Wenn etwas aus Rands Perspektive geschrieben ist, dann habe ich wirklich das Gefühl, ja, das passt, so würde die Figur Rand darüber denken und sich ausdrücken.

Zu erwähnen ist auch, dass die Erzählperspektive grundsätzlich auktorial ist, wenn auch stellenweise nahe am personalen. Dies und die verschiedenen Perspektiven (vereinzelt auch die der Antagonisten) führt dazu, dass man als Leserin mitunter einen Wissensvorsprung auf die Protagonistinnen hat. Das sollte man beachten, bevor man eine Handlung oder Überlegung als "dumm" einstuft.


Setting und die Akteure

Wir haben es hier mit einer eindeutig (mittel)europäisch-mittelalterlich geprägten Welt zu tun. Dennoch versteht es Jordan etwas Eigenes zu erschaffen und erstaunlich viele gängige Klischees zu vermeiden. Die Welt ist komplex und lebt von einer detailreichen Geschichtsschreibung bis zum Zeitalter der Legenden und darüber hinaus. Sie ist voll legendärer Helden mit klingenden Namen, halb vergessener Begebenheiten und Prophezeihungen. Den Charakteren wie auch den Lesern ist nicht immer klar, was nun ins Reich der Legenden gehört und welche Geschichten eben doch mehr Wahrheit enthalten, als von den Menschen erinnert wird.

Während glaubwürdig scheint, dass sich die Akteure auf ihrer Reise durch das Königreich Andor noch gut verständigen können, tut sich hier später für mich ein Fragezeichen aus. Spätestens in Schienar - und im Folgeband noch weiter weg - sollten sich wohl sprachliche Gräben öffnen. Aber Jordan ist nicht der einzige Autor, der dieses Hindernis klanglos übergeht.

Wie bereits die Welt sind auch die Protagonistinnen komplex und überzeugend. Sie alle verfügen über einen unverkennbaren, individuellen Charakter, der ihr Denken, Entscheiden und Handeln prägt. Dabei sind sie aber nicht überzeichnet, haben ihre Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Ängste. Jeder macht im Verlaufe der Geschichte eine Entwicklung durch, die aber mit dem Kern eines jeden Charakters in Einklang steht. Eine enttäuschende Ausnahme dazu stellt für mich die Dorfheilerin Nynaeve dar. Ihre Motivation für ihre Gefühle und ihr Handeln bleibt für mich fadenscheinig und sie wirkt auf mich überzeichnet deplatziert. In geringerem Masse gilt dies auch für den Behüter Lan - hier kann ich mir aber vorstellen, dass seine Undurchsichtigkeit beabsichtigt ist und sein Charakter erhält später im Buch mehr Hintergrund. Die zwischenmenschliche Beziehung dieser beiden Figuren ist für mich daher auch völlig aus der Luft gegriffen und nicht nachvollziehbar.

Im allgemeinen aber wartet das Buch mit starken Figuren auf, die Initiative ergreifen und sich aus Schwierigkeiten durch Einsatz ihrer Stärken, Talente und stimmigen Charaktereigenschaft herauswinden. Oder durch ihre Schwächen erst hinein geraten. Jedenfalls ist Glück und Dusel nur selten und in einem “normalen” Masse involviert und niemals massgebend.

Grenzwertig oder zumindest ambivalent sind für mich die nicht menschlichen Wesen. Während ich die Blassen so hinnehmen kann, rollen sich mir bei jeder Erwähnung der Trollocs die Zehennägel hoch - und zwar nicht auf die gute oder vom Autor beabsichtigte Weise. Diese Wesen - halb Mensch, halb Tier - sind in meiner Vorstellung nicht zum Leben erwacht. Das betrifft die physische Erscheinung, aber auch die Charakteristik. Für mich scheinen sie nur für die Bedürfnisse des Plots zu bestehen, nicht aus der Welt gewachsen.

Und noch ein Wort zur treiben Thematik des Kampfes um Gut und Böse. Natürlich ein altbekanntes Fantasy Trope, hunderte Male beackert. Aber natürlich (noch) nicht in dem Masse, als dieses Buch erschien. Die Bösen sind so richtig böse - von Schattenfreunden über Blasse bis zum Dunklen König selbst. Sie strebe nach Macht und Unsterblichkeit und danach, über andere zu regieren - was auch sonst? Mehr Graustufen sind hingegen auf der Seite des Lichts zu finden. Da gibt es nämlich unterschiedliche Gruppierungen und Ansichten, wie dem Licht am besten gedient ist und wer dem Schatten angehört. Und für manche, aber längst nicht alle, heiligt der Zweck auch mal die Mittel. Damit droht dem Heldentrio und seiner Entourage nicht nur Gefahr aus dem Schatten, sondern mitunter auch aus den eigenen Reihen.


Schlusswort

“Das Rad der Zeit” ist ein umfassendes und komplexes Werk - bereits im ersten Band. Und es gäbe noch vieles mehr zu sagen. Ausufernd viel mehr.

Dieses epische Werk hat bestimmt seine Schwächen, aber es ist eben auch episch und bietet die Gelegenheit zum tiefen Abtauchen in eine fein gearbeitete Welt und - wie für die Folgebände zu hoffen ist - wohl durchdachte Plotstruktur.

Um diese Reihe zu geniessen, hilft es sicher, sie vor dem Hintergrund ihrer zeitlichen Entstehung und der damaligen Schreibtradition zu verstehen. Denn es handelt sich hier nicht um einen schnellen Bestseller im Blockbusterformat, wie es die heutige, von Fernseh und Film geprägte Leserschaft mitunter erwarten mag.

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