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Veröffentlicht am 15.02.2025

Fans der eskapistischen Literatur aufgepasst!

Es geht mir gut
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„Sobald sie draußen war, würde alles wieder so sein wie immer, normal, und normal war nicht länger hinnehmbar. (…) Kathleen Beckett würde im Pool bleiben, schwerelos, so lange es sein musste.“

Kathleen ...

„Sobald sie draußen war, würde alles wieder so sein wie immer, normal, und normal war nicht länger hinnehmbar. (…) Kathleen Beckett würde im Pool bleiben, schwerelos, so lange es sein musste.“

Kathleen beschließt eines Vormittags in den Pool ihrer Wohnanlage zu steigen und findet in ihm den perfekten Zufluchtsort vor ihrem Leben. Eigentlich gehen sie Sonntags in die Kirche, doch Kathleen geht (zum ersten Mal) ihren eigenen Interessen nach. Die Jungs und Virgil kommen zurück vom Gottesdienst, haben Hunger, doch Kathleen verweist sie auf den gut gefüllten Kühlschrank, entzieht sich ihrer (scheinbaren) Zuständigkeit und bleibt im Pool. Die Nachbarn werden auf das Geschehen aufmerksam und ihr Ehemann Virgil bittet sie, aus dem Pool zu kommen, doch Kathleen fühlt sich wohl in der Schwerelosigkeit des Wassers. Sie merkt, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn sie im Pool bleibt. Es wird dunkel und wieder erkundigt sich Virgil, ob ihr nicht langsam kalt wird, ihre Haut sei schon aufgedunsen, weiß und verschrumpelt, doch Kathleen lässt sich nicht beirren und bleibt im Pool.

Kathleen lebt als angepasste Hausfrau (heute würden wir sagen: Stay-at-Home-Mum) in den 1960er Jahren in den USA zusammen mit ihrem Mann Virgil und den beiden Kindern. Augenscheinlich eine harmlose happy Family - doch der Schein trügt, denn unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Wir bekommen einen Einblick in ihre 9-jährige Ehe (inklusive vieler Geheimnisse, die die beiden voreinander verbergen) und Jessica Anthony erzählt uns ihre Story durch eine Selbstreflektion ihrer Figuren, indem sie Kathleen und Virgil jeweils voneinander unabhängig ihre Kindheit, wie sie aufwuchsen und schließlich den Zeitpunkt ihres Kennenlernens reflektieren lässt.
Kathleen hätte eine Profikarriere als Tennisspielerin vor sich gehabt, hätte sie sich nicht dagegen und stattdessen für das Leben, was von ihr erwartet wird, entschieden. Sie erfüllt das klassische Rollenbild einer Ehefrau und später auch Mutter.
Virgil strebte Zeit seines Lebens nach beruflichem Erfolg, vergeblich. Also sucht er sich die Bestätigung woanders und zwar in zahlreichen Affären - sein gutes Aussehen kam ihm dabei sehr zugute (seiner Ehe mit Kathleen war es hingegen weniger zuträglich).

„Ein Mann musste nicht hübsch sein, um eine hübsche Frau zu verdienen, aber bei Virgil galten andere Regeln: Ein Mann konnte tatsächlich zu hübsch sein. Welche bedauernswerte Frau sich auch einverstanden erklärte, ihn zu heiraten, sie würde ihr Leben lang unter dem Gefühl leiden, ihm nicht gerecht zu werden. Virgil merkte das immer deutlicher an Kathleen. Es war ihm nicht entgangen, dass sie ihren Körper verbarg, wenn sie sich im Schlafzimmer anzogen. Sie war dem Altern in die Fänge geraten, wie sie beide wussten. Ihre Hüften, ihre Taille, ihr Gesicht, alles wurde breiter. Aber das interessierte Virgil kein bisschen. Übel nahm er ihr dagegen, dass sie seinen Körper mit Neid und Verachtung betrachtete.“

Diese Passage sagt so viel aus über die Beziehung von Kathleen und Virgil, dass ich sie Euch nicht vorenthalten wollte. Was hat dieser Mann nur für ein Frauenbild?! Eindeutig haben wir es hier nicht mit einem Feministen zu tun! Grausig, was für Ehen zu dieser Zeit geführt wurden, die ja gar nicht mal so weit zurückliegt.

Immer wieder gibt es Rückblenden in die Vergangenheit und so denkt Kathleen an ihre Zeit in Newark zurück, mit dem Ergebnis, dass es ihr heute in Pawtucket besser geht. Sie schmiedet den Plan, mal etwas Schwung in ihre Ehe zu bringen und setzt ihn prompt in die Tat um:

„Eines Nachmittags zog Kathleen aus Spaß ihren Regenmantel über das Nachthemd und betrachtete sich im Spiegel. Sie musste lachen und dachte, dass sie tatsächlich wie eine dieser Verrückten aussah. Emma Bovary in Pawtucket. Bertha Mason. Gab es in der Literatur überhaupt eine Frau, überlegte sie, die nicht krank oder wahnsinnig war, zerzauste ihre Haare, verschmierte ihren Lippenstift, und begeistert über ihre Maskerade verließ sie das Haus, überquerte die Exchange Street Bridge und ging zum Büro der Manifest Insurance Company.“

Letztendlich stieß das ganze Unterfangen auf wenig Begeisterung seitens Virgils:

„Liebe mich“, rief sie und brach in Lachen aus. Virgil sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl auf.
„Kathy, was zum Teufel!“ sagte er. „Du bist doch nicht etwa in diesem Aufzug hierhergekommen?“

Herrlich, was Kathleen mit ihrem „Auftritt“ für einen Mut bewies! Trotz der ganzen Stringenz und Härte der Eheführung im Amerika der Sechziger, liebe ich einfach, wie die Autorin ihre Figur immer wieder ausbrechen lässt, sie lässt sie auf ihre Bedürfnisse achten, sei es sexuell, als Frau, oder einfach als Mensch. Der Pool ist für mich das Sinnbild der Selbstermächtigung. Brauchen wir nicht alle manchmal einen Pool, der uns einen Moment Ruhe und Schwerelosigkeit von den Strapazen unseres Lebens beschert?! Ich auf jeden Fall - für mich sind „Mein Pool“ die Bücher, das Lesen, die Literatur, aber auch Sport (Laufen) und hoffentlich auch bald wieder das Klavierspielen. Wohin entflieht Ihr Euch, wenn Euch das Leben gerade zu viel wird?! Auch eher eskapistisch per Gedankenflucht in die Literatur oder ganz anders?!

Zwar hätte ich mir allgemein mehr psychologische Tiefe gewünscht für „Es geht mir gut“ und ein Psychogramm der Figuren Kathleen und Virgil, aber ich mochte den thematischen Ansatz, den Jessica Anthony hier verfolgt. Mit Eskapismus erweckt man als Autor*in stets mein Interesse, dafür habe ich es gerne gelesen - was Sprache und die Umsetzung angeht, gibt es definitiv Luft nach oben. Ich würde wieder ein Buch von der Autorin lesen, sofern es mich thematisch anspricht. Macht Euch bitte Euer eigenes Bild von „Es geht mir gut“. Es bietet auf jeden Fall reichlich Diskussionsstoff, daher wäre es auch ein gutes Buch für Buchclubs!

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Veröffentlicht am 14.02.2025

Wow - Psychiater und Schriftsteller Lobo Antunes hat mich überzeugt!

Am anderen Ufer des Meeres
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Was hat mich dazu bewogen, António Lobo Antunes lesen zu wollen?! Zum einen hat Knut Cordsen mich neugierig gemacht, indem er auf dem BR-TikTok-Kanal den Autoren als seinen Lieblingsautor bezeichnet hat, ...

Was hat mich dazu bewogen, António Lobo Antunes lesen zu wollen?! Zum einen hat Knut Cordsen mich neugierig gemacht, indem er auf dem BR-TikTok-Kanal den Autoren als seinen Lieblingsautor bezeichnet hat, zum anderen war es der Umstand, dass auch Antunes Mediziner ist - viele Jahre arbeitete er als Psychiater, was er auch thematisch in seine Literatur einfließen lässt. Und auch die Tatsache, dass er seit Jahren als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, macht ihn nicht minder interessant.

Mit „Am anderen Ufer des Meeres“ greift der Autor ein Thema auf, dass ihn zeitlebens beschäftigt: Die blutige portugiesische Kolonialpolitik. Seine Erfahrungen als Militärarzt im Unabhängigkeitskrieg in Angola sind in den Roman geflossen - ein sehr persönliches Buch, in das er seine Erinnerungen rund um Gewalt, Rassismus und Unterdrückung verwebt hat.

Anhand dreier Hauptfiguren (ein Offizier, ein Beamter und die Tochter eines Plantagenbesitzers) die sich sowohl an Glanz und Gloria ihres kolonialistischen Daseins, als auch an die damit verbundenen Schattenseiten erinnern, nimmt uns Antunes mit ins Jahr 1961, als der Unabhängigkeitskrieg seinen Anfang nahm, mit dem die Angolaner ihre Befreiung vom Kolonialismus durchsetzten. Die Portugiesen hingegen verloren nun auch die letzten Zeichen nationaler Größe und machten sich schuldig.

Ich will ehrlich mit Euch sein: Das Buch hat mich bezüglich seiner historischen Zusammenhänge total gefordert, denn ich konnte zuvor mit Begriffen wie „Nelkenrevolution“, „Landarbeiterstreik“ oder „Befreiungskrieg“ wenig bis gar nichts anfangen. Jetzt weiß ich, dass Portugal bis zu besagter Revolution von 1974 eine katholisch-autoritäre Diktatur war. Seit den 1960er Jahren wurden immer wieder Kriege angezettelt mit dem Ziel der Erhaltung der afrikanischen Kolonien - ein ebenso hoffnungsloses, wie grausames Unterfangen!
Ich habe auch gelernt, dass die Landarbeiter einer angolanischen Baumwollplantage streikten, aber dem Streik auf brutalste Art und Weise eine Ende gesetzt wurde. Dadurch wurde der sogenannte Befreiungskrieg ausgelöst, den sie gegen die portugiesische Herrschaft führten.

Wir erleben die historischen Ereignisse in der Erinnerung unser drei Romanfiguren. Die sich immer abwechselnden Perspektiven der Protagonisten würde ich als Monologe bezeichnen, da sie weder miteinander, noch zu sonst jemanden sprechen. Als Psychiater beherrscht Antunes die Emotionen seiner Figuren, wie ich es zuvor noch nicht gelesen habe. In einem melancholischen Redefluss lässt er die Figuren von ihrem Alltag, ihrer persönlichen Gegenwart und anhand Erinnerungen durch ihre Vergangenheit streifen. Durch tief sitzende Traumata, einschneidende Verletzungen und nachwirkende Verluste seiner Figuren, bringt er uns sie näher, ich habe ihre Einsamkeit förmlich gespürt.

„Wozu mich auf ein Schiff zurück zum anderen Ufer des Meeres begeben, wo ich dort schon niemanden mehr kenne, denn nach so vielen Jahren ist Lissabon natürlich anders, Häuser und Straßen, keine Ahnung, wie sie jetzt aussehen, Leute auf den Fußwegen oder, besser gesagt, Fremde, die mich nicht beachten.“

Mir hat António Lobo Antunes einmal mehr die kolonialen Grausamkeiten bewusst gemacht mit „Am Ufer des Meeres“. Es war mein Einstiegsbuch in seine Literatur, aber weiterlesen möchte ich ihn vor allem aufgrund seiner Art, Menschen oder eher Seelen zu beschreiben. Er setzt seine Figuren und ihre Emotionen in historische Zusammenhänge, beachtet ihren sozialen Status und zieht so einen Rückschluss auf ihren Seelenzustand - es geht mir bei seinen Figuren um Nuancen, er beherrscht seine Protagonisten und nicht umgedreht. Ich habe den Eindruck, dass er dazu nur in besonderer Weise in der Lage ist, aufgrund seiner jahrelangen Tätigkeit als Psychiater. Und das macht ihn für mich als Medizinerin zu einem Autoren, von dem ich von nun an auf jeden Fall mehr (wenn nicht gar alles!) lesen möchte! Grandios! Ich danke Knut Cordsen fürs Aufmerksam-Machen auf einen Autoren, den ich womöglich sonst erst viel später entdeckt hätte (was mehr als schade wäre!)! Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 10.02.2025

Wow - die Geschichte der Luftfahrtpionierin Amelia Earhart, grandios erzählt! 🤩📚🛫

Die Himmelsrichtungen
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„Es liegt in deiner Hand, dein Leben in die Hand zu nehmen. Die Belohnung liegt im Vorgang selbst. Frag dich was dein Ziel ist und was die Gefahr und ob das Eine es wert ist, das Andere einzugehen. Falls ...

„Es liegt in deiner Hand, dein Leben in die Hand zu nehmen. Die Belohnung liegt im Vorgang selbst. Frag dich was dein Ziel ist und was die Gefahr und ob das Eine es wert ist, das Andere einzugehen. Falls ja, hör auf dir Sorgen zu machen. Wer sich Sorgen macht, reagiert langsamer, das ist erwiesen. Hamlet wäre ein schlechter Flieger gewesen.“

Mit diesen bewegenden Worten von Amelia Earhart, die sie an eine Gruppe Studenten richtete, möchte ich anfangen Euch „Himmelsrichtungen“ vorzustellen. Es erzählt die Geschichte von Amelia Earhart (1897-1937) - eine ganz besondere Frau, eine Vorreiterin, eine Pionierin der Luftfahrt. Sie war nicht nur eine begnadete Pilotin, die als erste Frau alleine über den Atlantik geflogen ist - sondern sie hat ihr Leben lang auch für die Rechte von Frauen gekämpft und sie hat sehr schöne Gedichte geschrieben. Jo Lendle rollt ihr Leben rückwärts auf quasi und erzählt in kleinen Zeitschleifen von einem Leben, das sich eigentlich mehr in der Luft abgespielt hat, als am Boden.

Amelia Earhart ist 1897 geboren und hat sich schon als Kind sehr zum Abenteuer hingezogen gefühlt. Ihr Vater war ein Trinker, deswegen hat sich ihre Kindheit hauptsächlich im Haus ihrer Großeltern abgespielt.
Als sie Anfang 20 ist, darf sie das erste Mal in einem Flugzeug mitfliegen - danach steht die Entscheidung: Sie will selbst Fliegerin werden! Mit 28 verschiedenen Jobs schafft sie es dann auch Flugstunden bei einer Pilotin zu nehmen und zu bezahlen, die sie allerdings sehr schnell in ihren eigenen Fähigkeiten überholt. Amelia ist sehr gut in dem, was sie in Flugzeugen tut. Sie kauft sich dann auch zügig ihre eigene Maschine und wird durch ihre legendäre Atlantiküberquerung 1928 mit einem Schlag berühmt.

Das Fliegen ist für Amelia Earhart mehr als ein Beruf - es ist Freiheit und es ist Macht. Bei dieser Atlantiküberquerung, diesem Überflug (den Lendle auch auf mehreren Seiten sehr eindrücklich beschreibt), sagt sie an einer Stelle:
„Ich konnte es Nacht werden lassen, oder einem endlosen Tag folgen - einfach nur, indem ich eine andere Richtung einschlug. Man eilt den Dingen voraus, oder blieb hinter ihnen zurück. Ich hatte die Zeit in meinen Händen.“

Das klingt für mich nach dem Inbegriff eines Gefühls von Freiheit und Unabhängigkeit. Das Fliegen bedeutet für Amelia eine Form von Macht und auch Ermächtigung - in einer Zeit, in der Frauen so gut wie keine Rechte hatten (im Vergleich zu Männern zumindest). Das wird zum Beispiel deutlich, als Amelia einen wissenschaftlichen Vortrag hält und die Zuhörer anschließend nur Fragen bezüglich ihrer Ehe, Kochrezepten oder ihres Kleidungsstils stellen - wer hätte schon einen Mann nach seinem Vortrag mit derlei Fragen behelligt?!

Amelia Earharts Ehe war nie das Zentrum ihres Lebens. Ihr Ehemann musste ganze sechs Mal um ihre Hand anhalten, bis sie endlich „Ja“ sagte und das auch nur unter der Bedingung, dass er ihr den Freiraum einräumt, fliegen zu dürfen - wohin ihr beliebt und natürlich auch soviel ihr beliebt.

Das Buch beruht zu großen Teilen auf Fakten, die der Autor akribisch recherchiert hat, aber es gibt auch (äußerst gelungene!) fiktive Elemente, wie den Umstand, dass Amelia Earhart sich zu Frauen hingezogen fühlte und eine Art Beziehung zu Eleanor Roosevelt unterhielt. Es gibt in diesem Zusammenhang eine (Sex-) Szene, in der die beiden Frauen zusammen im Bett liegen und diese ist so wundervoll beschrieben, wie ich es nie zuvor aus der Feder eines Mannes gelesen habe - großartig, Jo Lendle! Er verleiht dem doch für die damaligen Zeiten umgewöhnlichen Umstand, dass zwei Frauen miteinander im Bett lagen, eine solche Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht.

Ich bin wirklich zutiefst beeindruckt, mit wieviel Fingerspitzengefühl sich Jo Lendle Amelia Earhart angenähert hat und welche Verbindung er offensichtlich zu ihr aufgebaut hat in seiner Recherche. Er beschreibt sie ebenso kraftvoll wie behutsam. Sie wirkt dadurch absolut lebendig und zum Greifen nah, gleichzeitig fehlt es auch nicht an humoristischen Nuancen. Was muss sie nur für eine mutige, schlagfertige Frau gewesen sein! Ich habe das Buch Mittags begonnen zu lesen und (mit ein paar Unterbrechungen) habe ich es Abends beendet. Es war für mich total kurzweilig und auch auf eine besondere Art motivierend. Jo Lendle nimmt uns gekonnt mit auf eine Reise durch ein außergewöhnliches Leben - von dem man leider nicht genau weiß, wie es geendet ist. Das ist ein ebenso schöner, wie dramatischer Umstand, denn vor ihrem letzten Flug, ihrer Weltumrundumg, bei der sie verschollen ist, hat Amelia gesagt:
„Frauen müssen Dinge wagen, wie Männer sie gewagt haben. Wenn sie scheitern, wird ihr Scheitern eine Herausforderung für andere sein.“
Diese quasi Abschiedsworte haben mich mit dem Wissen, dass sie danach nie wieder aufgetaucht ist, total berührt.

Jo Lendle erzählt mit einer solchen Leichtigkeit und handwerklich versiert, dass ich in einen wahren Lesesog geraten bin - gibts was schöneres für uns Literaturjunkies?! Dieses Buch ist, obwohl es eine Geschichte erzählt, die lange her ist, keinesfalls aus der Zeit gefallen - es ist so im Jetzt, wie es manche Gegenwartsliteratur nicht ist!
Federleicht nimmt uns der Autor mit durch die Biografie einer echten Pionierin in Sachen Frauenrechte und Feminismus.
Amelia Earhart war nicht nur eine wichtige Persönlichkeit für ihre Zeit, sie sollte es auch für uns sein - ich habe so viel persönlich aus „Himmelsrichtungen“ mitgenommen und möchte Euch ihre Geschichte und dieses Buch ans Herz legen. Man muss kein besonderes Faible für Flugzeuge oder die Fliegerei haben, um dieses Buch zu lieben! Unbedingter Lesetipp!

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Veröffentlicht am 08.02.2025

Emotionaler Wiener Roman! Eine ungleiche Liebe, die abrupt ihr Ende findet - grandios erzählt! 🤩

dreimeterdreißig
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Ein ungleiches Paar findet sich, verliebt sich, und am Ende ist einer tot. Jaqueline Scheiber erzählt mit ihrem ersten Roman die Geschichte einer aufkeimenden Liebe in Wien und wie sie abrupt endet. Sie ...

Ein ungleiches Paar findet sich, verliebt sich, und am Ende ist einer tot. Jaqueline Scheiber erzählt mit ihrem ersten Roman die Geschichte einer aufkeimenden Liebe in Wien und wie sie abrupt endet. Sie wechselt die Perspektiven zwischen der Österreicherin Klara und dem Ungarn Balázs (wobei die Haupterzählerin Klara ist) und lässt eine tackende Uhr ablaufen, hin zu dem Zeitpunkt, an dem der Tod der Liebe Einhalt gebietet (das ist kein Spoiler, denn man erfährt in Kapitel 1 davon). Dabei springt die Autorin auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Doch erstmal von vorne. Unterschiedlicher hätte ihre Kindheit nicht verlaufen können - Balázs ist einem Umfeld aufgewachsen, in dem es keinerlei Anerkennung für Statussymbole gab, dafür wirkte die Prägung durch die ehemalige kommunistische Staatsführung in seiner Familie zu stark nach. Es zählte mehr die Funktionalität der Dinge - gekauft wurde, wenn etwas kaputt, oder nicht mehr reparabel war. Klara hingegen wuchs in einer wohlhabenden Familie auf - derlei begründete Sparsamkeit und Existenzängste waren und sind ihr fremd. Jaqueline Scheiber führt uns so unterschwellig (oder doch eher vordergründig?!) den auch heute noch vorherrschenden Klassismus vor Augen.

Als ältester von drei Geschwistern (denen er nicht sehr nahe stand), war Balázs auch der erste, der Tritte, Ohrfeigen und Schläge durch seinen Vater einstecken musste - was erst weniger wurde, als seine Großmutter (Grüße vom Matriarchat) die Misshandlungsmarken entdeckte und dem Vater eine solch bedrohliche Ansage machte, dass er nun nur noch seinem Ärger Luft machte, ohne Spuren zu hinterlassen.
Klara hingegen wuchs wohlbehütet auf - keiner legte Hand an sie und sie verband eine tiefe Geschwisterliebe zu ihrem Bruder Frederik. Auch ihr soziales Umfeld war und ist ein Auffangbecken für sie und vor allem ihre Freundin Jasmin steht ihr sehr nah:
„Sie waren die gegenüberliegenden Extreme eines Spektrums, alle anderen dazwischen waren durchdeklinierte Formen ihrer Selbst.“
„Jasmin war eine dankbare Zuhörerin, denn sie begeisterte sich für die Geschichten anderer in einem Ausmaß, als wäre es ihr dadurch möglich, das Geschilderte selbst zu erleben. Ihre Freundschaft fußte auf der aufrichtigen beidseitigen Neugier.“

Doch auch in Klaras scheinbar heiliger Familienwelt war nicht alles eitler Sonnenschein:
„Lange Zeit gab es nur sie, die Mutter und den Vater. Eine glückliche Kleinfamilie, untermauert durch alle gängigen Klischees. Ein abwesendes Familienoberhaupt, eine Frau neben ihm, die zumindest anfangs nicht viel hinterfragte und der es wichtiger war, wie sich die Tochter nach außen zeigte, als wie sie im Inneren fühlte, und die vierteljährlichen Ausflüge in die Kirche, um als anständige Bürger zu gelten.“
Als Architekt war ihr Vater viel unterwegs und lebte für seine Projekte - wenn ein solches kurz vor der Fertigstellung stand, blieb er völlig ungreifbar für sie. Sie arrangierte sich mit ihrer Mutter in vertrauter Zweisamkeit und „trotz aller Kompromisse und abgesteckten Wirkungsräume erschlaffte das Konstrukt der kleinbürgerlichen Familie und die Eltern gaben zu Klaras Überraschung nach zwölf Jahren Ehe die Scheidung bekannt. Den Auszug des Vaters bemerkte sie nur an fehlenden Barthaaren im Waschbecken und der stagnierenden Sammlung an Schlüsselanhängern und Plüschbären.“

Es dauerte nicht lange , bis ihre Mutter neue heiratete und ihr Bruder Frederik auf dem Weg war. Klaras Rebellion, wie auch ihre Gefühle, blieben, wie auch später im Leben mit Balázs, eher nach innen gerichtet. Frederik schloss sie schnell ins Herz - weigerte sich aber, den neuen Mann zu akzeptieren.
Man kann einen Menschen und seine heutigen Verhaltensweisen nur vollends verstehen, wenn man weiß, wie er zu diesem Menschen geworden ist - demzufolge auch meine ausführliche Erläuterungen zum unterschiedlichen Aufwachsen und der Kindheiten von Balázs und Klara.

„Klara war an diesem Abend geduldig neben ihm gesessen und hatte seinen Ausführungen gelauscht, sie war neidisch, mit welcher Herzlichkeit und Liebe er Momente seines Aufwachsens beschreiben konnte. Trotz allem. Neben den offensichtlichen Versäumnissen erahnte Klara eine zwischenmenschliche Tiefe, die sie stets vermisst hatte. Balázs‘ ungarische Identität hatte Farbe, Geschmack, eine Gewohnheit, Melodie und Lautstärke. Klaras Aufwachsen war eine eindimensionale Schablone, ein austauschbares Klischee.“

Klara ist beruflich erfolgreich als Architektin, eiferte ihrem Vater nach, doch struggelt in Liebesangelegenheiten und auch zunächst damit, sich ihrer Beziehung zu Balázs komplett hinzugeben, doch schließlich verliebte sie sich (er war da schneller) und alles nahm seinen Lauf: erste gemeinsame Momente, erste gemeinsame Wohnung und co - bis zum Tag X.

„Dreimeterdreissig“ ist eine Reise, eine Reise hin zu einer aufblühenden Liebe und sie endet wie alle Reisen irgendwann enden, doch diese endet mit einem Knall und für immer. Ich habe die Reise, zu der mich Jaqueline Scheiber eingeladen hat, geliebt - mit all ihren Stationen, Bergen und Tälern, die wir sinnbildlich zusammen erklommen haben, mit ihren Ausflügen in die Gefühlswelten von Balázs und Klara, den lauen Sommerabenden, die wir zusammen genossen haben und dem Ende der Reise, das schmerzlicher nicht hätte sein können. Seid ihr bereit die Reise anzutreten?! Ich verspreche: Es lohnt sich!

Ein gelungener erster Roman von Jaqueline Scheiber - den ich sehr gerne gelesen habe, von dem ich mir nur an der einen oder anderen Stelle etwas mehr psychologische Tiefe gewünscht hätte, bzw. ein Psychogramm von Klara und Balázs, denn ich wäre gerne noch mehr in ihre Köpfe und damit Gefühlswelten eingedrungen.
Weiter so, Jaqueline Scheiber - ich bin gespannt, was als Nächstes kommt und eins ist sicher: Ich werde es auf alle Fälle lesen!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Meine persönliche Neuentdeckung: Kurt Tucholsky! Ich bin ein Fan!

Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut
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Meine erste literarische Begegnung hatte ich, man kann sagen endlich (!!) in diesem Büchlein, das Texte Tucholskys unter verschiedenen Pseudonymen enthält.
Er war ein scharfsichtiger und kritischer Beobachter ...

Meine erste literarische Begegnung hatte ich, man kann sagen endlich (!!) in diesem Büchlein, das Texte Tucholskys unter verschiedenen Pseudonymen enthält.
Er war ein scharfsichtiger und kritischer Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Weimarer Republik. Unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte er seine Texte, wie Kaspar Hauser, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel oder Peter Panter. Er wurde 1890 in eine jüdische Familie geboren und man kann schon fast sagen er genoss seine Kindheit und Jugend im Wohlstand im Berlin der Vorkriegzeit. Er wurde gefördert, wo es nur ging, denn seine gut situierte Familie konnte es sich leisten. Wichtig war Ihnen, dass der kleine Kurt auch eine außerordentlich gute kulturelle Bildung erfuhr - seinen persönlichen Gegenpol und Ausgleich fand er dann aber im Varieté und Theater, denn er empfand seine Schule einengend und stur und haderte mit der seiner Mutter, einer Autoritätsfigur.

Aber was hat mich denn nun so fasziniert an Kurt Tucholsky?!
Er traute seinen Leserinnen und seinem Publikum einiges zu, setzte voraus, dass sie intellektuell und kognitiv in der Lage sind, seine Anspielungen zu begreifen, dass sie ihm quasi ebenbürtig sind. Und das wertschätze ich sehr, denn wie oft lesen wir denn bitte Texte, in denen Autorinnen uns ebendies nicht zutrauen?!

Meinen liebsten Text, ein Gedicht aus 1931 mit dem Titel „An das Publikum“ möchte ich Euch nicht vorenthalten, daher hier ein Zitat:
„O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo spricht: Das Publikum will es so!
Jeder Filmfritze sagt: Was soll ich machen? Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht: Gute Bücher gehn eben nicht!
Sag mal verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?
So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät, immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht du könntest verletzt sein; aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein; aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn könnten mit der Abbestellung drohn? Aus Bangigkeit, es käme am Ende einer der zahllosen Reichsverbände und protestierte und denunzierte und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?
Ja, dann… Es lastet auf dieser Zeit der Fluch der Mittelmäßigkeit. Hast du so einen schwachen Magen? Kannst du keine Wahrheit vertragen? Bist also nur ein Grießbrei-Fresser —?
Ja, dann… Ja, dann verdienst du’s nicht besser.

Für mich sind die enthalten Texte in „Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“ zeitlos und sprechen mich absolut an, wie sie wahrscheinlich schon die Menschen vor hundert Jahren angesprochen haben. Kurt Tucholsky hatte damit ein beachtenswertes Talent und ich würde ihn zu den Klassikern zählen. Auf jeden Fall waren das zwar die ersten Texte, die ich von ihm gelesen habe, aber sicher nicht die letzten, denn sie sind zusammengefasst: Zeitlos, klassisch, grandios!
Danke Robert Stadlober und dem Verbrecherverlag für das neue herausgeben der Texte! Ich bin ein Fan!

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