Fans der eskapistischen Literatur aufgepasst!
Es geht mir gut„Sobald sie draußen war, würde alles wieder so sein wie immer, normal, und normal war nicht länger hinnehmbar. (…) Kathleen Beckett würde im Pool bleiben, schwerelos, so lange es sein musste.“
Kathleen ...
„Sobald sie draußen war, würde alles wieder so sein wie immer, normal, und normal war nicht länger hinnehmbar. (…) Kathleen Beckett würde im Pool bleiben, schwerelos, so lange es sein musste.“
Kathleen beschließt eines Vormittags in den Pool ihrer Wohnanlage zu steigen und findet in ihm den perfekten Zufluchtsort vor ihrem Leben. Eigentlich gehen sie Sonntags in die Kirche, doch Kathleen geht (zum ersten Mal) ihren eigenen Interessen nach. Die Jungs und Virgil kommen zurück vom Gottesdienst, haben Hunger, doch Kathleen verweist sie auf den gut gefüllten Kühlschrank, entzieht sich ihrer (scheinbaren) Zuständigkeit und bleibt im Pool. Die Nachbarn werden auf das Geschehen aufmerksam und ihr Ehemann Virgil bittet sie, aus dem Pool zu kommen, doch Kathleen fühlt sich wohl in der Schwerelosigkeit des Wassers. Sie merkt, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn sie im Pool bleibt. Es wird dunkel und wieder erkundigt sich Virgil, ob ihr nicht langsam kalt wird, ihre Haut sei schon aufgedunsen, weiß und verschrumpelt, doch Kathleen lässt sich nicht beirren und bleibt im Pool.
Kathleen lebt als angepasste Hausfrau (heute würden wir sagen: Stay-at-Home-Mum) in den 1960er Jahren in den USA zusammen mit ihrem Mann Virgil und den beiden Kindern. Augenscheinlich eine harmlose happy Family - doch der Schein trügt, denn unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Wir bekommen einen Einblick in ihre 9-jährige Ehe (inklusive vieler Geheimnisse, die die beiden voreinander verbergen) und Jessica Anthony erzählt uns ihre Story durch eine Selbstreflektion ihrer Figuren, indem sie Kathleen und Virgil jeweils voneinander unabhängig ihre Kindheit, wie sie aufwuchsen und schließlich den Zeitpunkt ihres Kennenlernens reflektieren lässt.
Kathleen hätte eine Profikarriere als Tennisspielerin vor sich gehabt, hätte sie sich nicht dagegen und stattdessen für das Leben, was von ihr erwartet wird, entschieden. Sie erfüllt das klassische Rollenbild einer Ehefrau und später auch Mutter.
Virgil strebte Zeit seines Lebens nach beruflichem Erfolg, vergeblich. Also sucht er sich die Bestätigung woanders und zwar in zahlreichen Affären - sein gutes Aussehen kam ihm dabei sehr zugute (seiner Ehe mit Kathleen war es hingegen weniger zuträglich).
„Ein Mann musste nicht hübsch sein, um eine hübsche Frau zu verdienen, aber bei Virgil galten andere Regeln: Ein Mann konnte tatsächlich zu hübsch sein. Welche bedauernswerte Frau sich auch einverstanden erklärte, ihn zu heiraten, sie würde ihr Leben lang unter dem Gefühl leiden, ihm nicht gerecht zu werden. Virgil merkte das immer deutlicher an Kathleen. Es war ihm nicht entgangen, dass sie ihren Körper verbarg, wenn sie sich im Schlafzimmer anzogen. Sie war dem Altern in die Fänge geraten, wie sie beide wussten. Ihre Hüften, ihre Taille, ihr Gesicht, alles wurde breiter. Aber das interessierte Virgil kein bisschen. Übel nahm er ihr dagegen, dass sie seinen Körper mit Neid und Verachtung betrachtete.“
Diese Passage sagt so viel aus über die Beziehung von Kathleen und Virgil, dass ich sie Euch nicht vorenthalten wollte. Was hat dieser Mann nur für ein Frauenbild?! Eindeutig haben wir es hier nicht mit einem Feministen zu tun! Grausig, was für Ehen zu dieser Zeit geführt wurden, die ja gar nicht mal so weit zurückliegt.
Immer wieder gibt es Rückblenden in die Vergangenheit und so denkt Kathleen an ihre Zeit in Newark zurück, mit dem Ergebnis, dass es ihr heute in Pawtucket besser geht. Sie schmiedet den Plan, mal etwas Schwung in ihre Ehe zu bringen und setzt ihn prompt in die Tat um:
„Eines Nachmittags zog Kathleen aus Spaß ihren Regenmantel über das Nachthemd und betrachtete sich im Spiegel. Sie musste lachen und dachte, dass sie tatsächlich wie eine dieser Verrückten aussah. Emma Bovary in Pawtucket. Bertha Mason. Gab es in der Literatur überhaupt eine Frau, überlegte sie, die nicht krank oder wahnsinnig war, zerzauste ihre Haare, verschmierte ihren Lippenstift, und begeistert über ihre Maskerade verließ sie das Haus, überquerte die Exchange Street Bridge und ging zum Büro der Manifest Insurance Company.“
Letztendlich stieß das ganze Unterfangen auf wenig Begeisterung seitens Virgils:
„Liebe mich“, rief sie und brach in Lachen aus. Virgil sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl auf.
„Kathy, was zum Teufel!“ sagte er. „Du bist doch nicht etwa in diesem Aufzug hierhergekommen?“
Herrlich, was Kathleen mit ihrem „Auftritt“ für einen Mut bewies! Trotz der ganzen Stringenz und Härte der Eheführung im Amerika der Sechziger, liebe ich einfach, wie die Autorin ihre Figur immer wieder ausbrechen lässt, sie lässt sie auf ihre Bedürfnisse achten, sei es sexuell, als Frau, oder einfach als Mensch. Der Pool ist für mich das Sinnbild der Selbstermächtigung. Brauchen wir nicht alle manchmal einen Pool, der uns einen Moment Ruhe und Schwerelosigkeit von den Strapazen unseres Lebens beschert?! Ich auf jeden Fall - für mich sind „Mein Pool“ die Bücher, das Lesen, die Literatur, aber auch Sport (Laufen) und hoffentlich auch bald wieder das Klavierspielen. Wohin entflieht Ihr Euch, wenn Euch das Leben gerade zu viel wird?! Auch eher eskapistisch per Gedankenflucht in die Literatur oder ganz anders?!
Zwar hätte ich mir allgemein mehr psychologische Tiefe gewünscht für „Es geht mir gut“ und ein Psychogramm der Figuren Kathleen und Virgil, aber ich mochte den thematischen Ansatz, den Jessica Anthony hier verfolgt. Mit Eskapismus erweckt man als Autor*in stets mein Interesse, dafür habe ich es gerne gelesen - was Sprache und die Umsetzung angeht, gibt es definitiv Luft nach oben. Ich würde wieder ein Buch von der Autorin lesen, sofern es mich thematisch anspricht. Macht Euch bitte Euer eigenes Bild von „Es geht mir gut“. Es bietet auf jeden Fall reichlich Diskussionsstoff, daher wäre es auch ein gutes Buch für Buchclubs!