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Veröffentlicht am 15.04.2025

Emotionale Isolation in Japan! 🇯🇵 🌸

Der Einzeller
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Mit „Der Einzeller“ möchte ich Euch mal wieder eins der Werke aus meiner geliebten Japanischen Literatur vorstellen. Es war ein Zufalls-Antiquariatsfund, über den ich mehr als glücklich bin.

Aber worum ...

Mit „Der Einzeller“ möchte ich Euch mal wieder eins der Werke aus meiner geliebten Japanischen Literatur vorstellen. Es war ein Zufalls-Antiquariatsfund, über den ich mehr als glücklich bin.

Aber worum geht’s?!
Wir erfahren die Geschichte des 25-Jährigen Tokioter Agrarwissenschaftsstudenten und Vollwaisen Mikio. Mit fünf Jahren verlor er zunächst seine Mutter (an die er keinerlei Erinnerung mehr hat) und mit 16 Jahren dann schließlich seinen Vater. Das Leben macht ihn zu einem Einzelgänger und er passt somit perfekt in die heute stetig wachsende Single-Gesellschaft. Da er kein großes Erbe zum Verleben hat, hält er sich mehr schlecht als recht als Teilzeit-Nachhilfelehrer über Wasser. In seinen Gedanken ist seine Vergangenheit omnipräsent und er struggelt zunehmend mit dem Gedanken sich nach dem Tod seines Vaters komplett isoliert zu haben. Mikio verbringt nahezu seine gesamte Zeit an der Uni mit dem Ziel in ein Doktorandenprogramm aufgenommen zu werden. Leider vergeblich, denn sein Professor hat andere Pläne für seine berufliche Zukunft geschmiedet. Das gibt ihm letztlich den Anstoß, seine ganze Energie in die Fertigstellung seiner Masterarbeit investieren zu wollen - zu diesem Zwecke bucht er sich für zwei Wochen in einen Gasthof ein, in dem er sich zunächst vollends einer einzelnen Ameise zuwendet, die mit ihm sein dortiges Zimmer bewohnt. Bis schließlich vier junge Japanerinnen sich auch dort einbuchen, unter ihnen auch Ryôko, die später noch eine größere Rolle in seinem Leben spielen wird.

Doch was hat es mit dem Buchtitel „Der Einzeller“ auf sich?!
Der Begriff Einzeller wird im Japanischen auch als Synonym für „einfache Seele, einfältiger Mensch“ verwendet. Und das könnte eine sehr treffende Umschreibung für unseren Protagonisten Mikio sein. Seine Masterarbeit verfasst er über die Überlebensfähigkeit von isolierten Zellen.

„Die isolierten Zellen lebten in der Tat auch einzeln weiter, wenn alle Bedingungen stimmten, weshalb man von unabhängigen Lebewesen sprechen konnte. Doch nach einer gewissen Zeit wurden die Zellwände ungewöhnlich fleischig, das heißt die das Leben schützende Schale wurde zu dick, so dass die Zellen schließlich erstickten, weil sie keine Nährstoffe mehr von draußen aufzunehmen vermochten. Das Verdicken der Zellwände war eine übertriebene Abwehrmaßnahme, um den empfindlichen Inhalt zu schützen. Damit einhergehend verlor die Zelle auch ihre Fähigkeit zur Teilung. Das Prinzip war das gleiche wie bei einem Ei, dessen Schale zu dick geworden ist und daher nicht mehr ausgebrütet werden kann. Die isolierten Zellen starben bei dem jetzigen Stand der Dinge schon in der ersten Generation. Darüber hinaus wurden sie auch nicht alt.“

Nicht nur Zellen brauchen Gesellschaft, um überlebensfähig zu sein, Menschen ebenso. Doch was passiert, wenn ein Mensch wie ein isolierter Einzeller lebt, welche Erfahrungen er macht und welche Auswirkungen auf seine Psyche so ein Leben mit sich bringt, erzählt uns die Autorin Masuda Mizuko in „Der Einzeller“ (sie selbst studierte Agrarwissenschaften und Biochemie in Tokyo und verwebt ihre eigenen Erfahrungen in diesem Roman).

Für mich persönlich war „Der Einzeller“ eine herausragende Leseerfahrung über emotionale Isolation und die Einsamkeit einzelner Individuen in der Gesellschaft. Ich habe es geliebt, dass die Autorin auch großen Wert auf wissenschaftlich korrekte Recherche gelegt hat, denn alles was wir hier über Einzeller, die Psyche und co lesen, entspricht den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen (das kennt man von dem einen oder anderen Werk leider! auch anders, daher gibts dafür meinerseits besondere Wertschätzung).
Lest es, wenn Ihr Lust habt, Euch mit dem Thema Einsamkeit in literarischer Weise auseinanderzusetzen und dass es sich bei „Der Einzeller“ um Japanische Literatur handelt, gibt nochmal einen extra Pluspunkt, einfach weil ich den Vibe dieser Literatur so liebe!
(Es ist glaube ich nur noch antiquarisch erhältlich, aber sollte es Euch mal irgendwo begegnen: Schlagt zu!)

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Veröffentlicht am 13.04.2025

Zivilisationskritischer Roman mit Tiroler Bergkulisse!

Wild wuchern
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Auch ich wollte wissen, welche Art Geschichte sich hinter diesem wunderschönen Cover verbirgt und bin ganz unvoreingenommen in die Story gestartet, denn ich achte vor meiner Lektüre eines Buches immer ...

Auch ich wollte wissen, welche Art Geschichte sich hinter diesem wunderschönen Cover verbirgt und bin ganz unvoreingenommen in die Story gestartet, denn ich achte vor meiner Lektüre eines Buches immer penibel darauf, nicht vorher gespoilert oder beeinflusst zu werden, denn ich möchte mir meinen ganz eigenen Eindruck verschaffen (und Euch anschließend hier daran teilhaben lassen).

Das folgende Zitat spiegelt perfekt, worum es in „Wild wuchern“ geht:

„Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere. Und niemand mehr da, der mich stutzt. Aber auch niemand, der mir Wasser gibt.“

Unsere Protagonistin ist Marie, eine junge Wienerin mit wie man so schön sagt, einem geregelten Leben - ein Ziergewächs in einer hübschen Wohnung mitten in der Stadt (oder im Topf sinnbildlich). Allerdings läuft nicht alles so rund, wie es nach außen scheint, denn sie ist ein Opfer von häuslicher Gewalt seitens ihres Lebenspartners Peter. Wir steigen in die Story ein, als sie flüchtet - vor dem neuesten Gewaltausbruch, vor ihrem Lebensgefährten, vor ihrem Leben. Doch wohin? Wo ist sie sicher? Sie macht sich auf den Weg zu einem Ort ihrer Kindheit, einer Tiroler Alm, der von ihrer Cousine Johanna bewohnt wird. Johanna war schon in der gemeinsam verbrachten Kindheit psychisch auffällig geworden, indem sie Ihre Kommunikation aufs Nötigste beschränkte und oft nicht mal das - sprich: sie zog sich in sich selbst zurück und stellte die Konversation mit anderen Menschen auch teils komplett ein. Wir werden hineingezogen in Maries Gedankenstrudel aus Angst - Angst, verfolgt zu werden von Peter, Angst, gefunden zu werden von Peter, aber auch Angst, abgelehnt zu werden von Johanna. Denn Marie struggelt nicht nur mit ihrer aktuellen Situation, sondern auch mit gewissen Erfahrungen aus und Erinnerungen an ihre Kindheit. Denn ebendiese Alm wurde einst auch von ihrem Großvater bewohnt, der ihr nicht besonders zugetan war - was für sie nur schwer aushaltbar war und sie auch zu einer folgenschweren Tat getrieben hat (für alle, die es noch nicht gelesen haben, möchte ich die Tat an dieser Stelle nicht spoilern, an alle die es bereits gelesen haben: Stichwort Babygämse).

Marie findet Unterschlupf bei Johanna, was man sich keinesfalls als luxuriöse Berghütten-Erfahrung vorstellen darf, sondern vielmehr als eine Besinnung auf das Leben in rudimentärster Weise. Denn Johanna lebt dort sehr einfach und verrichtet alle anfallenden Arbeiten rund um die Alm selbst, die fürs Überleben dort notwendig sind - da kommt natürlich eine Hilfe ganz gelegen, sollte man meinen. Doch Johanna fühlt sich zunehmend in ihrer Ruhe und ihrem friedlichen Leben dort gestört von dem „Eindringling“ Marie. Wie wird es also weitergehen? Werden sich die beiden Cousinen zusammenraufen? Muss Marie zurück zu ihrem gewalttätigen Mann?! Oder wird sie gar vorher dort gefunden von Peter oder der örtlichen Polizei?!

In jedem Fall besinnt sich Marie auf der Tiroler Alm auf das, worauf es ankommt im Leben. Sie findet Gefallen an der Verrichtung einfachster Tätigkeiten und dem damit verbundenen Tagesablauf. Marie ist endlich in der Lage, sich frei zu entfalten, oder man könnte es auch „Wild wuchern“ nennen - denn sie ist nicht mehr beschränkt auf ihre Wiener Wohnung inklusive Haustyrann, sondern hier gehts nur um das (Über-) Leben und was dafür nötig ist, ohne jegliche Ablenkung. Sie dringt auch immer mehr zu Johanna vor, indem sie sich an Ihre Vorstellungen des Lebens anpasst, wie z.B. tunlichst darauf zu achten keine Spinnennetze zu zerstören und co. Kann so ein „einfaches“ Leben die Erfüllung bringen?! Haben wir nicht schon alle einmal darüber nachgedacht?! Ich für meinen Teil auf jeden Fall und diesen Aspekt des Buches mochte ich ganz besonders. Katharina Köller übt Zivilisationskritik aus mit „Wild Wuchern“, sie thematisiert häusliche Gewalt, aber auch der zwischenmenschliche Aspekt kommt nicht zu kurz, denn die Beziehung der beiden Cousinen ist verworren, auch aufgrund psychischer Auffälligkeiten seitens Johanna, wie ihrem elektiven Mutismus (ihr zeitweiliges Schweigen bzw. die Kommunikation nur mit bestimmten Personen).
Ich habe das Buch gerne gelesen, aber in manchen Aspekten hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht, wie insbesondere der Cousinen-Beziehung inklusive Charakteren - ein Psychogramm der Figuren wäre großartig gewesen. Nichtsdestotrotz hatte ich wundervolle Lesestunden und kann Euch nur ans Herz legen, Euch einen eigenen Eindruck zu verschaffen - also wenn Ihr Lust habt auf einen kleinen gedanklichen Ausflug in die Berge inklusive atemberaubender Naturbeschreibungen, zwischenmenschlichem Wirrwarr, aber auch tiefgreifenden Aspekten wie Gesellschaftskritik, häuslicher Gewalt und psychischer Erkrankung, dann solltet Ihr Euch „Wild Wuchern“ von Katharina Köller unbedingt mal genauer anschauen!

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Veröffentlicht am 08.03.2025

Fans dystopischer und eskapistischer Literatur aufgepasst: Dieses Buch ist für Euch!👏🤩

Hier bleiben können wir auch nicht
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Gesa verlässt mit ihrer kleinen Tochter Marie die Stadt um aufs Land zu ziehen in ein Haus, das sie sich mit dem Erbe ihres kürzlich verstorbenen Mannes gekauft hat.
Außer dass der Familienvater fehlt, ...

Gesa verlässt mit ihrer kleinen Tochter Marie die Stadt um aufs Land zu ziehen in ein Haus, das sie sich mit dem Erbe ihres kürzlich verstorbenen Mannes gekauft hat.
Außer dass der Familienvater fehlt, klingt es erst einmal idyllisch, oder?! Doch ein Supermarktbesuch offenbart die Andersartigkeit dieser Welt, denn Gesa wird nicht reingelassen.

Die Menschen sind gechipt und werden nach bestimmten Scores bewertet und dementsprechend kann ihnen der Zugang offeriert oder verwehrt werden zu bestimmten öffentlichen Institutionen, wie auch dem Supermarkt. Eine komplett durchdigitalisierte Gesellschaft - die Menschen werden überwacht, bewertet, über ihre digitalen Fußabdrücke kontrolliert und verfolgt auf Schritt und Tritt.

Was passiert also, wenn ein Mensch raus will aus diesem System, nicht mehr mitspielen möchte und die Gegebenheiten hinterfragt?!
Gesa tut genau das und erhofft sich mit ihrem Umzug aufs Land etwas tiefer unter dem Radar der ständigen Überwachung zu fliegen. Doch geht Ihr Plan auf?!
Im Häuschen auf dem Lande finden sie gleich erstmal eine tote Krähe - ein schlechtes Omen oder einfach nur Zufall?!

Maren Wurster macht aufmerksam auf Toxizität - auf Toxizität, die einem toten Vogel stecken kann, in einem Haus, aber auch in unseren Beziehungen, unserem Leben und letztlich der Gesellschaft. Spannende Gedankenansätze, die sie immer weiter spinnt.

Durch Rückblenden erzählt Maren Wurster auch die schwierige Beziehung einer Tochter zu ihrer suchtkranken Mutter. Was macht es psychisch mit einem Kind, wenn es nie weiß, in welchem Zustand es die Mutter vorfinden wird, wenn es aus der Schule nach Hause kommt?! Wird die Mutter was leckeres gekocht haben oder wird sie inmitten eines Chaos nicht ansprechbar in ihrem Bett liegen?!

Wer sehnt sich nicht nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Geborgenheit?! Da Gesa diese zu Hause nicht findet, zieht es sie in die esoterische Kommune in der Nachbarschaft. Für mich selbst ist das fernab meiner eigenen Lebensrealität. Aber ich finde es zugegebenermaßen äußerst spannend, darüber nachzudenken, was Menschen zu solch einer Form des Eskapismus bewegt. Handelt es sich hier einfach um Systemverweigerer oder steckt vielmehr ein spiritueller Antrieb dahinter?! Was erhoffen sich Menschen von dieser Art zu leben, wenn sie „ins Vertrauen gehen“ oder sich mit der Urmutter Gaia verbinden?! Mir persönlich fällt es schwer, über solche Themen zu sprechen ohne ein satirischtisches Augenzwinkern in meiner Tonlage - daher fand ich es besonders spannend, Maren Wursters Umsetzung der Thematik in diesem Buch zu lesen, die dem Ganzen glaube ich ähnlich gegenübersteht, wie ich selbst.
Die Menschen flüchten sich in eine höhere Welt oder vielmehr in ihr Inneres. Sie schaffen sich eine besondere Verbindung zu ihren Gedanken und Vorstellungen in Bezug auf die Welt. Für unsere Figur Gesa bildet diese Flucht aus der Gesellschaft die Möglichkeit wieder einen Platz in einer Gemeinschaft zu finden, dazuzugehören und auch eine Art Zuhause für ihre Tochter Marie. Doch existieren auch in solch einem Kommunenleben auch Regeln, an die man sich halten muss - ob es nun für Gesa und ihre Tochter das Nonplusultra ist oder nicht, müsst ihr selbst lesen. Wer sich Antworten auf alle offenen Fragen erhofft, wird möglicherweise enttäuscht, denn Maren Wurster ist eine Freundin des Rätselhaften und lässt manchen Umstand auch gerne mal im Ungewissen.

Ich habe mich während der Lektüre immer mal an George Orwells „1984“, an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und auch ganz besonders an Huxleys „Eiland“ erinnert, großartig! Also falls Ihr diesen Büchern etwas abgewinnen konntet, solltet Ihr es auf jeden Fall mal mit Maren Wursters „Hier bleiben können wir auch nicht“ versuchen. Sie hat die Vibes dieser drei doch schon älteren (aber trotzdem noch lesenswerten!) Werke in die Gegenwart geholt! Aber auch, wenn Ihr diese Bücher noch nicht gelesen habt und Fans dystopischer Literatur seid, sei Euch dieses Schätzchen ans Herz gelegt, denn die Frage, was eine Digitaldiktatur mit der Menschheit machen würde, ist doch eine äußerst spannende, oder?!
Es geht um Freiheit, Einsamkeit und ein Frauenschicksal auf der Suche nach dem persönlichen Glück - ebenso scharfsinnig erzählt, wie mit psychologischem Feingespür versehen!
Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 02.03.2025

Wow - harter Tobak, wunderschön geschrieben!

Wiederholung
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„Wiederholen und erinnern und wieder erleben und wieder erzählen und wieder aufführen, denn die Kindheit hört nicht auf, die Jugend hört nicht auf, Kindheit und Jugend sind eine Zukunft, die immer wieder ...

„Wiederholen und erinnern und wieder erleben und wieder erzählen und wieder aufführen, denn die Kindheit hört nicht auf, die Jugend hört nicht auf, Kindheit und Jugend sind eine Zukunft, die immer wieder beginnt, ein andauernder Prozess.“

Es ist das Jahr 1975 und unsere Protagonistin spaziert mit ihrem Hund im Wald umher und erinnert sich währenddessen an ihre Vergangenheit, insbesondere ihre Jugendjahre. Sweet Sixteen - eigentlich das Alter der ersten Küsse, wilden Partys, vielleicht auch ersten sexuellen Erfahrungen. Doch mit einem Kontrollfreak als Mutter sieht alles anders aus - keine unbeschwerte Jugend, in der man sich selbst und das begehrte Geschlecht erkundet.

„(…) die Wiederholung ist der Ernst des Daseins.“

Dieses Zitat würde ich als sinnbildlich für das ganze Buch stehend sehen. Ein durchaus ernstes Buch, wobei man nicht genau weiß, inwieweit es autofiktional ist. Die Schwester der Autorin Vigdis Hjorth hatte vor ein paar Jahren schon mal einen Gegenentwurf zu einem ihrer früheren Bücher veröffentlicht, quasi als Richtigstellung. Von daher würde ich persönlich davon ausgehen, dass sehr viel Wahrheit in Bezug auf ihre eigene Familie in Vigdis Hjorths Büchern steckt.

„Die Wiederholung“ ist das Porträt einer dysfunktionalen Familie - ein Buch übers Schweigen, übers Vertuschen und über eine geradezu manische Kontrolle. Aus einer panischen Angst heraus, dass sie sich mit Jungs einlassen könnte, Alkohol trinken könnte oder gar Drogen konsumieren, wird die Tochter (unsere Protagonistin) permanent von der Mutter kontrolliert. Alles (meiner Meinung und Erfahrung nach) Dinge, die man in dem Alter auch gerne mal ausprobiert. Doch ebnet dieser Kontrollzwang nicht vielleicht sogar den Weg in genau diese Richtung, einfach um sich der Mutter zu widersetzen?!

Die Tochter schreibt Tagebuch, aber nicht wie man meinen würde, die Dinge, die sie erlebt hat - sondern sie schreibt, was sie demnächst erleben wird, sich wünscht zu erleben, oder eine retrospektiv korrigierte Wahrheit und zwar ins Positive, sie beschönigt die eigentlichen Ereignisse und malt sich mit ihren Worten aus, wie es hätte sein können.
Genau das wird zu einem katastrophalen Wendepunkt des Buches führen, nämlich als ihre Mutter ihre Zeilen liest. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Im Hintergrund wabert durch das ganze Buch hinweg der sexuelle Missbrauch des Vaters an unserer Ich-Erzählerin, der Tochter, der mutmaßlich im Kleinkindalter (oder noch früher?!) stattgefunden hat. Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen dem befreiten Schreiben unserer Ich-Erzählerin im Tagebuch und dem im Raum stehenden Ereignis, dem Missbrauch - denn die Eltern wissen ja genau, da war doch was.

„(…) ich war auf die Spur meines eigentlichen Traumas gebracht worden, denn intuitiv begriff ich, mit dem Körper begriff ich, dass das, was geschehen war, eine Nachwirkung von etwas Früherem war, dass in mir etwas Früheres wohnte, das ich nicht durchschaute, das mir mit Absicht verborgen und zugleich bekannt war, ich begriff, dass das, was ich empfand, das Nachbeben eines früheren und für mich noch nicht erkannten Erdbebens war.“

Als einer der wichtigsten Tage im Leben einer jungen Frau (bezüglich ihrer sexuellen Erfahrungen) gekommen ist, ihr anstehendes erstes Mal, verfasst sie einen folgenschweren Tagebucheintrag. welcher als klarer Auslöser zu sehen ist für das Nachbeben ihres früheren Missbrauchs. Die Eltern verknüpfen ihre eigene Tochter deswegen sogar als unrein.

„Wir vermieden es, einander anzusehen, sie vermieden es, mich anzusehen, in meiner Nähe zu sein, sie mieden mich, weil ich schmutzig war und stank und sie an etwas unerträglich Unbehagliches erinnerte.“

Und nun kommt ein Zitat, das mich wirklich umgehauen hat, das zeigt, dass die eigene Fantasie manchmal bedeutender sein kann, als die Realität. Es geht um besagten Tagebucheintrag, in dem sie ihr erstes Mal schildert, aber nicht, indem sie erzählt, was wirklich passiert ist, sondern ein komplett fiktives erstes Mal, vorbei an der Realität:

„Aber die Wirkung, die sie hatte, meine erste Geschichte, und das Entsetzen, das sie auslöste, lehrten mich etwas Entscheidendes: dass das, was wir erdichten, von größerer Bedeutung sein kann als das, was wahr ist, dass es wahrer sein kann.“

Kann Tagebuchschreiben auch Selbsttherapie sein?! Ich würde sagen ja (wenn man nicht gerade ein Gefühl der Überwachungverspürt , weil die Mutter kontrolliert, was man schreibt) kann es durchaus positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben.

Mich hat zutiefst erschüttert, wie unsere Ich-Erzählerin nicht nur Opfer des sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater wurde, sondern vor allem der Umgang der Mutter damit, die sich dessen bewusst war. Sie versucht die Tochter klein zu halten, indem sie sie kontrolliert, wo sie nur kann. Zudem steht sie ihr nicht bei, prangert den Vater nicht an, sondern vielmehr das Verhalten der Tochter. Schweigen hat eindeutige größere Benefits für die Mutter als zu ihrer Tochter zu stehen, denn sie hat vier Kinder und ist finanziell abhängig von ihrem Ehemann.

Das war wirklich harter Tobak, auch wenn es nie explizit wurde, schwebten die furchtbaren Missetaten an der Tochter die ganze Zeit im Raum, bzw. Buch. Trotzdem kann ich Euch die Lektüre absolut ans Herz legen, denn es ist wunderschön geschrieben und hat mich bereichert und verletzt gleichzeitig. Verletzt, da ich regelrecht mitgelitten habe mit unserer Ich-Erzählerin, bereichert durch die Schönheit der Sprache der Autorin. Da es mein erstes Buch von Vigdis Hjorth war, kann ich nicht sagen, inwieweit die beiden vorigen Bücher „Die Wahrheiten meiner Mutter“ und „Ein falsches Wort“ thematisch mit „Die Wiederholung“ verknüpft sind, ich hatte aber nicht das Gefühl, dass es mir an irgendeiner Stelle an Vorwissen mangelte. Sofern Ihr über die aktuellen psychischen Kapazitäten für diese Art Lektüre verfügt, kann ich sie Euch nur wärmstens ans Herz legen!
(Ich für meinen Teil war jedenfalls so begeistert, dass ich mir gleich die beiden Vorgängerbücher von Vigdis Hjorth gekauft habe).

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Eine Sommernovelle, die einem literarischen Kurzurlaubs in Italien gleicht - grandios! 👏🤩🇮🇹

Die Yacht
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Gerade in der jetzigen Jahreszeit hat es mich gelüstet, dem Winter etwas zu entfliehen und da kam mir Anna Katharinas Sommernovelle „Die Yacht“ gerade recht.

Martha, eine junge Dame aus London, eine ...

Gerade in der jetzigen Jahreszeit hat es mich gelüstet, dem Winter etwas zu entfliehen und da kam mir Anna Katharinas Sommernovelle „Die Yacht“ gerade recht.

Martha, eine junge Dame aus London, eine Kunsthistorikerin, geht nach Italien um dort für einige Monate an einer Kunstakademie das Malen in Öl zu lernen und taucht in das Dolce Vita ein.

„Martha lernte, welche Wirkungen die Farben aufeinander haben, wenn sie nebeneinander angelegt werden, erfuhr, wie das Nass-in-Nass Mischen, wie das Abmischen von Weiß mit Pigmenten vor sich ging, wie man Karmin in Purpur übergehen ließ, Blau in Grün. Auf der Suche nach den richtigen Farbtönen für ein Motiv, reihten sich Kobalt, Indisch Rot, Smaragdgrün, Neapelgelb, Terra di Siena, Kadmiumgelb, Karmin, Krappbraun oder Sepia als Tupfproben nebeneinander.“

Die Prämisse des Werks würde ich umkreisen mit der Frage: Wann ist das Leben lebenswert?!
Ich würde sagen, unser Leben ist lebenswert, wenn wir es selbst wie ein Kunstwerk gestalten. Hilfreich dafür wäre natürlich die Welt durch die Augen eines Malers zu sehen, ein Mensch ist dann nicht einfach nur ein Mensch, sondern ein mögliches Motiv. Die Figur der Kunsthistorikerin Martha Oberon hat genau diesen Blick, diese Gabe, und entdeckt so einen besonderen Menschen: Salvatore. Er ist seines Zeichens Dandy, eigentlich ein Scharlatan, eine abgehalfterte Figur, die von Sozialhilfe lebt, aber regelrecht aufblüht, wenn er in den Genuss von Luxus jeglicher Art kommt. Man könnte von Salvatore Spinelli auch als Lebemann, als Freigeist sprechen, doch fehlt ihm für diesen Lebensstil eigentlich schlichtweg das nötige Kleingeld. Anmütig nimmt er Martha mit nach Sizilien, nahe Palermo.

„Nach einer letzten Wendung lag das Meer vor ihnen. Vor seinem halluzinatorischen Blau hob sich auf einem Felsplateau ein weißes Haus ab. Seine Fensterläden öffneten sich als graue Flügel auf dem Wasser. Ein Vorhangsaum flatterte aus einer offenstehenden Balkontür, und ein Gärtner wässerte mit einem giftgrünen Schlauch einen Oleanderbaum. Wie ein Apollofalter schwebte sein mächtiger Körper in dem weißen T-Shirt nah über dem Kliff.
Um das einsame Haus lag der Geist des Geldes.“

Sie treffen dort auf ein französisches, superreiches Paar (man könnte hier auch von Old-Money-Vibes sprechen), Madame und Monsieur Tabarin, die voller menschlicher Kälte sind und der vordergründige Gentleman auch dunklen Machenschaften nicht abgeneigt ist.

„Madame Tabarin war weder schön noch exzentrisch, sondern eine bis ins Mark domestizierte Frau, unter deren dünner Haut das Magma einer erschreckenden Selbstliebe kochte.“

Sogar eine Yacht (=daher der Buchtitel) ankert unten in der Bucht, die Devil‘s Kiss, die wie ein Augapfel beschützt wird vom hauseigenen Butler Balthasar. Jener zieht unsere Figur Martha (leider!) magisch an. Soviel zur Story - mehr möchte ich nicht vorwegnehmen, aber Euch noch ein bisschen neugieriger machen auf die Lektüre mit den Fragen: Wo führen die Türen der Geheimnisse der Kunst hin?! Stecken wir vielleicht schon mittendrin im Paradies oder ist der Geist der Zeit längst verflogen?!

Ich verspreche Euch: Ihr werdet die Sprache von Anna Katharina Fröhlich lieben, Ihr werdet die Figuren lieben und ihr werdet das Dolce Vita Italiens, dass die Sommernovelle versprüht, lieben! Ich hatte durch die Lektüre einen wundervollen italienischen Kurzurlaub, den ich auch dringend gebraucht habe.
„Die Yacht“ spielt in der Gegenwart, aber die Lektüre fühlt sich an, wie ein Gang durch die Kunstgeschichte.

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