Ein poetisches, psychologisch reizvolles Kammerspiel
Die Zeit scheint wie stillgestanden dort oben auf dem Berg, losgelöst von allem; die Zivilisation endet hier an einer unsichtbaren Linie, es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser, bloß ein Plumpsklo. ...
Die Zeit scheint wie stillgestanden dort oben auf dem Berg, losgelöst von allem; die Zivilisation endet hier an einer unsichtbaren Linie, es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser, bloß ein Plumpsklo. Und Johanna natürlich, die Königin der Berge mit den schwarz-weißen Augen, Maries seltsame Cousine, die kaum noch ein Wort redet. Früher, als sie beide Mädchen waren, da hat sie schon noch gesprochen, zumindest manchmal, aber irgendwann nicht mehr. Ist dann zurück auf den Berg und nie wieder heruntergekommen, lebt dort als Erimitin und ist froh drum. Und nun ist Marie hinaufgegangen, um sich vor ihrem gewalttätigen Mann zu verstecken. Die Goldmarie, das blond gelockte Glückskind, steht einfach vor der Tür mit einer Platzwunde am Kopf, einer Tasche voll unnötiger Dinge unterm Arm und düsteren Erinnerungen im Herzen an den Großvater, der sie einst vom Berg verjagt hat. Und an die dunkle Johanna, sein Lieblingskind, die schon damals komisch war, der Natur und den Tieren viel näher als den Menschen, für deren Andersartigkeit Marie sich geschämt und die sie gleichzeitig beneidet hat.
Zwischen den beiden gegensätzlichen Frauen entspinnt sich ein Kräftemessen, geprägt von Johannas radikalem Misstrauen gegen alles und jeden, und Maries Wunsch, das alte Leben abzustreifen, sich in dieser archaischen, auf die elementaren Bedürfnisse reduzierten Welt zu behaupten, ihrem Dasein einen tieferen Sinn zu verleihen – und auch die Cousine von diesem zu überzeugen.
„Wild wuchern“ von Katharina Köller ist ein poetisches, psychologisch reizvolles Kammerspiel über zwei Frauen, die sich in einer Extremsituation neu entdecken und den Geistern ihrer Vergangenheit stellen müssen. Ein intensiver Dialog über Wut und Anpassung, Traumata und weibliche Selbstermächtigung, eingebettet in eine gewaltige Naturkulisse, die als dritte Protagonistin fungiert und als diese starke Bilder erzeugt. Roh und zart zugleich, feministisch und gesellschaftskritisch – ein durch und durch großartiger Roman, der mich sehr begeistern konnte. Ich sag nur Longlist!