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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.03.2026

Die Strukturen familienbasierter Kriminalität

Die Clans aus al-Rashidiya
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Mahmoud Jaraba ist ein palästinensisch-deutscher Politikwissenschaftler und Ethnograf, der unter anderem zu „familienbasierter Kriminalität” forscht. In diesem Buch möchte er sich dem Thema aus einer ungewohnten ...

Mahmoud Jaraba ist ein palästinensisch-deutscher Politikwissenschaftler und Ethnograf, der unter anderem zu „familienbasierter Kriminalität” forscht. In diesem Buch möchte er sich dem Thema aus einer ungewohnten Perspektive nähern: „von innen heraus“, wie er selbst schreibt. Dazu führt er Interviews mit Personen, die aus al-Rashidiya migriert sind, und schließt daraus auf allgemeingültige Muster. Dabei ist der Autor bemüht, darauf einzugehen, dass nicht die Menschen schlecht sind, sondern dass sie in Umständen leben, in denen eine kriminelle Karriere, wenn nicht die einzige, so doch zumindest eine pragmatische Strategie erscheint, und ein Ausbruch aus dem Familiensystem extrem schwer ist.

Der Autor erklärt sehr einleuchtend, dass die typischen Bilder von Clanstrukturen veraltet sind. man Oft hat beispielsweise das Bild eines mächtigen Patriarchen im Kopf, der alles kontrolliert. Inzwischen ist es durch Social Media und das Heranwachsen einer neuen Generation jedoch zu vielfältigen Brüchen gekommen und die Kontrolle alter Respektspersonen erodiert.
Aufschlussreich war für mich auch die Beleuchtung der Rolle von Frauen in einem stark patriarchalen Familienverband: Sie sind zwar unterworfen, aber dennoch einflussreich.
Der Autor warnt davor, mit veralteten Bildern an die Bekämpfung von Kriminalität heranzugehen. Er zeigt, wie fatal fehlgeschlagene Integration über Generationen hinweg wirkt, und bietet auch Lösungsstrategien an.
Das Buch bietet interessante Einblicke, ist aber zu wenig umfangreich, um das komplexe Thema in Gänze zu fassen. Dafür lässt es sich aber sehr gut lesen.
Gerne hätte ich die Statistiken im Anhang etwas stärker in den Text integriert gesehen. Im Anhang gehen sie etwas verloren.
Insgesamt gut geeignet als Anstoß für weitere und dringend notwendige Diskussionen und auch politische Handlungen.

Veröffentlicht am 15.03.2026

Familiengeheimnisse

Real Americans
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Die Autorin erzählt die Geschichte von drei Generationen einer Familie aus drei verschiedenen Perspektiven.
Zunächst lernen wir Lily kennen. Sie wurde in den USA geboren, spricht kaum Chinesisch, hat aber ...

Die Autorin erzählt die Geschichte von drei Generationen einer Familie aus drei verschiedenen Perspektiven.
Zunächst lernen wir Lily kennen. Sie wurde in den USA geboren, spricht kaum Chinesisch, hat aber aufgrund ihrer chinesischen Eltern asiatische Gesichtszüge. Somit fühlt sie sich immer wie eine Außenseiterin. Als sie den Spross eines Familienunternehmens kennen und lieben lernt, zeigen sich schnell Probleme.
Danach lernen wir Lilys Sohn Nick kennen. Als Jugendlicher macht er sich auf die Suche nach seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Nick sieht ihm so ähnlich, dass er als „echter Amerikaner“ und nicht als Person mit chinesischer Herkunft durchgeht.
Schließlich lüftet die Großmutter Mei das Familiengeheimnis und erzählt, warum sie China zur Zeit der Kulturrevolution verlassen hat.

Bei der Bewertung des Buches bin ich zwiegespalten. Einerseits mochte ich die durchaus wichtigen Themen und auch, dass man das Familiengeheimnis erst nach und nach erfährt. Es wird deutlich, wie schädlich jahrzehntelanges Schweigen für die Beziehungen in einer Familie ist.
In der Umsetzung wirkt es jedoch unfertig. Die Handlung bricht oft unvermittelt ab und es folgt ein Zeitsprung oder Perspektivwechsel, der einen aus dem Zusammenhang reißt. Wichtige Entwicklungen werden nicht zu Ende erzählt, sondern finden außerhalb des Erzählrahmens statt.
Das fand ich sehr schade, denn dadurch entsteht eine emotionale Distanz. Die Handlungen und Charaktereigenschaften der Nebenfiguren blieben blass und schwer verständlich, und selbst die Hauptpersonen wurden mir nicht so recht sympathisch.
Insgesamt ist das Buch durchaus interessant und lesenswert, aber weniger berührend, als es hätte sein können.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Die Welt der Ultrareichen

Yacht oder nicht Yacht
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Das Buch enthält eine Zusammenstellung von Reportagen, die der Autor in den Jahren 2017-2024 für den „New Yorker” geschrieben hat. Sie handeln von der Welt der Multimillionäre und Milliardäre vor allem ...

Das Buch enthält eine Zusammenstellung von Reportagen, die der Autor in den Jahren 2017-2024 für den „New Yorker” geschrieben hat. Sie handeln von der Welt der Multimillionäre und Milliardäre vor allem in den USA. Osnos gibt Einblick in die Denkwelt von Menschen, die einerseits so viel Geld haben, dass sie nicht genau zu wissen scheinen, was sie damit anfangen sollen (gerade im Trend zum Beispiel Megayachten kaufen und sich Privatkonzerte von Weltstars gönnen), und die andererseits in ständiger Angst vor Vermögensverlust leben (hier en vogue sich Bunker einzurichten, und sich, mit mehr oder weniger Eigeninteresse, philanthropisch zu engagieren).
Der Autor beschreibt unter anderem exemplarisch die Entwicklung von Greenwich, dem Ort, aus dem er stammt. Greenwich gilt traditionell als Wohnort der Reichen, darunter vor allem Hedgefonds-Manager. Er beschreibt den Wandel des politischen Klimas und der Moralvorstellungen im republikanischen Umfeld. Er interviewt Marc Zuckerberg und zeigt dessen Visionen für eine veränderte Gesellschaft, unterhält sich aber auch mit Dienstleistenden, die sich auf die Bedürfnisse von Milliardären eingestellt haben. Zudem beschäftigt er sich mit Betrügern und Profiteuren, die das Finanz- und das politische System ausnutzen und aushöhlen.
Wie es bei Artikelsammlungen nun einmal so ist, sind manche Artikel interessanter und manche weniger interessant. Die Reportagen wurden für ein US-amerikanisches Publikum geschrieben, sodass einiges an Wissen vorausgesetzt wird. Da ich mich nicht tiefgreifend mit der Politik in den USA beschäftige, hatte ich manchmal Schwierigkeiten, den Überblick zwischen all den Namen zu behalten und die Verflechtungen zu verstehen. Einige Artikel sind auch etwas älter, manche Fakten schon aus anderen Zusammenhängen bekannt. Zwar findet sich am Ende der Texte immer ein kurzer Abriss zu neuen Entwicklungen, ich hätte mir jedoch einen zusammenfassenden Text am Ende gewünscht. So fehlte mir mitunter der rote Faden.
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist es ein lesenswerter Einblick in eine Welt, die dem Normalbürger eigentlich verschlossen bleibt.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Experimentell

Die Enthusiasten
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Der Literaturwissenschaftler Vincent erhält die mysteriöse Nachricht, dass ein bisher verschollenes Buch seines Lieblingsautors Laurence Stern aufgetaucht sei. Während er versucht Geld aufzutreiben, um ...

Der Literaturwissenschaftler Vincent erhält die mysteriöse Nachricht, dass ein bisher verschollenes Buch seines Lieblingsautors Laurence Stern aufgetaucht sei. Während er versucht Geld aufzutreiben, um dieses Buch dem mysteriösen Finder abzukaufen, erzählt er von seiner Kindheit in einer literatur- und sprachverrückten Familie.
Die Sprachspielereien des Erzählers werden vom Autor auf die Spitze getrieben. Er hat eine Vorliebe für Schachtelsätze, wenig gebräuchliche Wörter, Wortneuschöpfungen und sprachliche Bilder, die auf gar keinen Fall gewöhnlich sein dürfen.
Der Autor weist teilweise selbst darauf hin, dass Erzähler unzuverlässig sind und Dinge unlogisch. Er spielt bewusst mit sprachlichen Bildern und Klischees. Das muss man mögen. Ich persönlich fand das ganz nett, wenn auch teilweise etwas anstrengend und gewollt besonders zum Ende der Geschichte hin. Gerade die Handlungskonstruktion ist etwas zu sehr auf verschachtelt und intelektuell-absurd gebürstet.
Spaß bei der Lektüre hatte ich aber auf jeden Fall, gerade wenn absurde Alltagsmomente beschrieben werden oder man zwischen den überbordenden Formulierungen schöne Bilder findet.
Man sollte aber auf jeden Fall vor dem Kauf in das Buch hereinlesen, ob einem der Stil zusagt.

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Veröffentlicht am 18.01.2026

Die Riessberger-Frauen

Die Riesinnen
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"Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?" S. 102)

Liese ist in den 60er Jahren unglücklich in ihrer Ehe, einzig ihre Tochter Cora liebt sie über alles. ...

"Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?" S. 102)

Liese ist in den 60er Jahren unglücklich in ihrer Ehe, einzig ihre Tochter Cora liebt sie über alles. In ihrem Heimatdorf im Schwarzwald sind die beiden Außenseiterinnen, können ihrer Verwurzelung dort aber trotzdem nicht entkommen.
Wir begleiten die Familie von der Großmutter bis zur Enkeltochter. Männer sind meist abwesend oder es ergeht ihnen schlecht, die Frauen der Familie hingegen halten zusammen. in poetisch-melancholischer Sprache wird der Alltag beschrieben. Keiner der Protagonistinnen mag der Ausbruch und die Suche nach etwas Größerem irgendwo anders so recht gelingen. Und ist das überhaupt erstrebenswert?
Gerade in der Mitte zieht sich die Handlung etwas. Man kommt den Figuren nicht so recht nah und auch tragische Ereignisse werden lakonisch abgehandelt. Das hängt auch damit zusammen, dass die Protagonistinnen ihre Gefühle nicht zulassen können oder wollen. Als Leserin hat mich das jedoch außen vor gelassen und ich konnte nicht so recht mitfühlen. Es liegt eine melancholische Schwere auf dem Text, die mir die Lektüre nicht leicht gemacht hat, andererseits gibt es auch immer mal wieder poetische Sätze, die zum Nachdenken anregen.
Die Atmosphäre und die Sprache machen das Buch lesenswert, auch wenn es mir ab und an etwas zu schwermütig und distanziert war.

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