Profilbild von Girdin

Girdin

Lesejury Profi
offline

Girdin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Girdin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.02.2017

Von Beginn an fesselnd

Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken
2 0

Der Fantasyroman „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ist der Debütroman der Amerikanerin Sabaa Tahir, die asiatische Wurzeln hat. Ihre Erzählung hat sie in einem mittelalterlich anmutenden Setting ...

Der Fantasyroman „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ist der Debütroman der Amerikanerin Sabaa Tahir, die asiatische Wurzeln hat. Ihre Erzählung hat sie in einem mittelalterlich anmutenden Setting angesiedelt. Die Stadt Serra ist der Haupthandlungsort und von Wüste umgeben. Die Widrigkeiten dieser Gegend bringt die Autorin, die in der Mojave-Wüste aufgewachsen ist, also aus eigener Erfahrung spricht, mit in ihre Erzählung ein. Doch dies ist nur ein kleiner Beitrag zum Eindruck den das Buch bei mir hinterlassen hat. Zu meinem persönlichen Gefallen hat noch einiges andere beigetragen.

Den oberen Teil des Covers zieren Augen, die von einer Maske nur unvollendet eingerahmt werden. Einer der Protagonisten dieses Buches, der 20 jährige Elias, wurde 14 Jahre in der Militärakademie Schwarzkliff ausgebildet. Er hasst die Maske, die den älteren, die harte Schule überlebenden Schülern zum ständigen Tragen verliehen wird. Daher nimmt er die Maske ab, wann immer es ihm möglich ist und verhindert so deren Verwachsen mit der Gesichtshaut. Er könnte derjenige sein, der den Leser vom Titel her anschaut. Wie die Auguren mit ihren übersinnlichen Fähigkeiten in der Geschichte vorhersehen, ist einer der Absolventen seines Jahrgangs zu Großem berufen und wenige Auserwählte sollen sich dazu ganz besonderen Prüfungen unterziehen. Doch die Zukunft, die Elias für sich selber plant, steht denen des Imperiums entgegen.

Einer der erfahrenen Maskenkämpfer war es, der die Familie der 17 jährigen Laia überfallen und ihre Großeltern, bei denen sie lebt, getötet hat. Ihr Bruder Darin hat wichtige Informationen zusammengetragen, die dem Widerstand gegen die Herrschaft von Nutzen sein könnten. Er wird gefangengenommen und Laias einziges Ziel ist es, ihn zu befreien. Sie sucht dazu den Widerstand auf, zu dem schon ihre verstorbenen Eltern gehört haben. Doch deren Einsatz hat einen hohen Preis für sie.

Das Buch lebt von dem Wechsel der insgesamt 50 Kapitel zwischen den beiden Ich-Erzählern Elias und Laia. Die Kapitel sind eingeteilt in drei Teile, von denen der erste Teil seinen Fokus legt auf den Überfall auf Laias Familie, während Elias kurz vor seinem Abschluss seiner militärischen Ausbildung steht. Im zweiten Teil stehen die Prüfungen, an denen Elias teilzunehmen hat, im Mittelpunkt. Und schließlich widmet sich der dritte Teil dem Erreichen von eigenen Zielen durch Einsatz von Geist und Stärke der beiden Protagonisten.

Elias und Laia sind zwei grundsätzlich verschiedene Charaktere, die sich im Laufe der Handlung weiterentwickeln. Elias verabscheut die Gewalt, die er anzuwenden gezwungen ist und versucht ihr zu entkommen. Ein Augur zeigt ihm einen Weg auf, den er sich bisher nicht vorstellen konnte, auf den er sich aber nach reiflicher Überlegung einlässt. Zunächst sieht es nach einer falschen Entscheidung aus, doch es gibt einige unerwarteten Wendungen. Aus der unbeschwerten Laia wird durch den Überfall die Hoffnungsträgerin ihres Bruders, die eine große Verantwortung zu tragen hat und dadurch viel Leid auf sich nimmt. In dem sie sich immer wieder ihre Vorbilder und Ziele ins Gedächtnis ruft, gelingt es ihr, ihre Angst und Schwäche zu überwinden.

Sabaa Tahir setzt die Gewalt und den Kampf in ihrer Fantasy bewusst ein, damit ihre Protagonisten ihren Mut und ihre Tapferkeit zeigen können. Blutige Handlungen und schmerzhafte Bestrafungen, grausame Geisterwesen und brutale Krieger sind an der Tagesordnung. Doch in ihren Beschreibungen geht die Autorin nicht ins Detail. Für Elias und Laia ist es wichtig, dabei die Hoffnung nicht aufzugeben. Denn die Anwendung von Gewalt erzeugt meist Widerstand, der nicht immer mit Waffen ausgetragen wird. So ist es auch möglich mit List und Tücke gegen scheinbar unüberwindbare Gegner vorzugehen und siegreich zu sein. Der Originaltitel des Buchs lautet „An ember in the ashes“ und so wie aus der noch glühenden Asche wieder ein Feuer entstehen kann, so kann sich alles aus kleinsten Anfängen eine große Kraft, ein innerer Antrieb entwickeln.

Der Roman lässt sich locker und leicht lesen, dank einer schnellen Handlung mit überraschenden Momenten und einer überschaubaren Anzahl handelnder Personen, die für den Ablauf wichtig sind. Neben Ängsten und Hass, Mut und Tapferkeit, zeigen die Protagonisten auch Liebe und Leidenschaft. Doch auch hier müssen sich Laia und Elias ihrer Gefühle erst bewusst werden, denn in dem Spiel zwischen Macht und Zielerreichung ist es schwierig, die wahren Absichten derjenigen zu erkennen, zu denen man sich hingezogen fühlt.

Das Programm des Verlags One richtet sich gleichermaßen an junge Erwachsene und ältere Leser und dieses Buch erfüllt diese Anforderungen. Die Geschichten von Elias & Laia, die zunächst parallel laufen, sich dann kreuzen und schließlich zu einer werden, haben mich von Beginn an gefesselt. Das Buch ist ein glühender Stern am Fantasyhimmel. Nun scheint es auch eine Fortsetzung zu geben, auf die ich mich schon freue.

Veröffentlicht am 27.02.2017

Vielschichtige Familiengeschichte mit gut gehüteten Geheimnissen

Meer des Schweigens
1 0

Ein Geheimnis, eine Lüge und eine Rache sind grob gefasst nach Angabe des Klappentextes die Zutaten zum Buch „Meer des Schweigens“, dem Debütroman der gebürtigen Deutschen, heute aber in Namibia wohnenden ...

Ein Geheimnis, eine Lüge und eine Rache sind grob gefasst nach Angabe des Klappentextes die Zutaten zum Buch „Meer des Schweigens“, dem Debütroman der gebürtigen Deutschen, heute aber in Namibia wohnenden Iris Grädler. Wie auf dem Coverbild ziehen über einem kleinen Küstenort Cornwalls dunkle Wolken auf, als zuerst ein toter Hund und drei Tage später eine männliche Leiche, die in eine Plane gewickelt ist, angeschwemmt werden. Für den zuständigen Detective Inspector Collin Brown ist es der erste Mordfall seit er sich vor einigen Jahren von Southhampton an die Küste versetzen ließ. Entsprechend ungewohnt für die Teammitglieder ist die Vorgehensweise, da sie eher an beschaulich vonstattengehende Ermittlungen gewöhnt sind. Doch die Bewohner befürchten weitere Morde und drängen auf eine schnelle Aufklärung. Diese Sorge fand ich etwas zu übertrieben dargestellt. Aber zunächst sieht es so aus als ob das Meer sein Geheimnis nicht preisgeben will, wer der Tote ist und warum er ermordet wurde.

Die Erzählung besteht aus drei Erzählsträngen, die parallel verlaufen und zu denen die Autorin ohne festen Rhythmus wechselt. Neben den Mordermittlungen lernt der Leser Elisabeth kennen, die aus Australien nach Southhampton zur Beerdigung ihres Bruders Anthony gereist ist, mit dem sie zuletzt vor 20 Jahren Kontakt hatte. Warum das so, offenbart sich im Laufe des Romans. Anthonys beste Freundin und Exfrau Martha zweifelt den attestierten natürlichen Tod von ihm an.

In einer dritten Geschichte geht es um den gutsituierten, allein stehenden Frührentner Elroy Smitton und Su, die mit ihrer Tochter in einer Wohnung auf seinem Grundstück lebt. Su hat bisher wenig Glück gehabt und sieht es nun als ihre Aufgabe sich nebenher ein wenig um Elroy zu kümmern mit der Hoffnung auf eine Beziehung. Argwöhnisch und misstrauisch beobachtet sie, dass Elroy eine andere Frau kennenlernt, der er offensichtlich sehr zugeneigt ist. Unterbrochen werden die Handlungen von insgesamt zehn Geboten, die jedoch mit den allgemein Bekannten der Bibel wenig zu tun haben, sondern stattdessen einem kranken Geist zuzuordnen sein können. Der Zusammenhang wird wie so vieles es ganz zum Ende hin begreifbar.

Diese drei Erzählungen stehen zunächst ohne Zusammenhang nebeneinander bevor die erste Verknüpfungspunkt erscheint. Iris Grädler widmet sich den einzelnen Figuren ihrer Geschichte sehr ausführlich. Es entsteht jeweils eine facettenreiche Charakterisierung, die dem Leser interessante Persönlichkeiten näher bringen. Ihnen ist meistens bereits viel Unbill im Leben widerfahren. Manches mal blickt sie dabei auch unter die Oberfläche der Gesellschaft. Der Leser könnte nun aufgrund der ausführlichen Schilderungen begreifen, warum die Personen so und nicht anders handeln, wenn die Autorin nicht die wohldosierten Hintergrundinformationen erst nach und nach offenlegen würde, so dass sich auf der Suche nach weiteren Fakten ein schnelles Weiterlesen lohnt. Das trägt zum Spannungserhalt bei. Überhaupt bleibt der Spannungsbogen bis zum Schluss bestehen, flacht aber mittig durch allzu weite Ausschweifungen etwas ab. Eine der Geschichten wird unerwartet erst zum Ende hin weiter- und mit den anderen beiden Erzählungen zusammengeführt.

Ebenso wie die Personen vermag die Autorin die Umgebung so ausführlich zu beschreiben, dass man sich diese sehr gut vorstellen kann. Irritierend war jedoch eine Dienstreise Collins nach Manchester, also in den Norden Englands, in deren Zusammenhang aber mehrmals von Schotten und Schottland gesprochen wurde. Etwas übertrieben fand ich die Sorge der Bewohner des Küstenstädtchens in Hinsicht auf weitere Morde.

„Meer des Schweigens“ ist ein Kriminalroman, aber auch eine vielschichtige Familiengeschichte mit gut gehüteten Geheimnissen. Immer im Hinterkopf blieb mir die im Klappentext erwähnte Rache, die denn am Ende als Handlungsmotiv die Erzählungen miteinander verbindet und das Buch zu einem lesenswerten und unterhaltsamen Buch macht.

Veröffentlicht am 16.09.2016

Wunderbar köstlicher Lesegenuss

Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
1 0

Als Unterprimanerin habe ich auf die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ mit „nach dem Sinn des Lebens zu suchen“ geantwortet. Das hatte ich vorher irgendwo gelesen und war stolz darüber einen so sinnvollen ...

Als Unterprimanerin habe ich auf die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ mit „nach dem Sinn des Lebens zu suchen“ geantwortet. Das hatte ich vorher irgendwo gelesen und war stolz darüber einen so sinnvollen Beitrag zum Unterricht geleistet zu haben. Dass die Antwort auf die Frage sich denn doch nicht ganz so einfach und pauschal abtun lässt, zeigt Emma Braslavsky mit ihrem Roman „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“. Ihre Protagonisten sind auf der Suche nach dem Lebenssinn, nach einer besseren Welt und nach sich selbst. Tiere sind nicht nur im Titel enthalten, sondern finden in vielfältiger Form Eingang in diesen Roman, beispielsweise als Kosewort, verkleideten Akteuren, Redewendungen oder auch wenn einer der Protagonist eine Annäherung zwischen Tier und Mensch durch die Nutzung von aufblasbaren Einhorn-Hörnern vorschlägt, die so wie die Installation auf dem Cover sie trägt, überzustülpen sind.

In mehreren Erzählsträngen, die mehr oder weniger zufällig am Ende zusammenlaufen, finden sich Suchende jeglicher Couleur. Da ist einerseits ein in Berlin lebendes Pärchen. Jivan Haffner Fernandez, Mitte 40, kommt aus reichem Haus und muss sich schon wegen seines Erbes keine Sorgen um seine finanzielle Zukunft machen, wäre da nicht die eine einzige klitzekleine Bedingung die sein Vater daran geknüpft hat. Woher die Familie vor langer Zeit das Fundament zum heutigen Vermögen erworben hat, will man als Leser lieber nicht so genau wissen. Leider hält Jivan sich nicht nur selbst für unwiderstehlich, sondern auch das Online-Pokerspiel. Durch seinen Beruf als Bunkerarchitekt ist er nicht eben ausgelastet und hat so jede Menge Zeit mit seinen Ideen seine Frau Jo dabei zu unterstützen, auf der Karriereleiter bei einem Unternehmen, das sich für eine bessere Umwelt einsetzt, hochzuklettern. Jo lebt sehr gut auf Kosten ihres Mannes. Die Beziehung der beiden funktioniert fast nur noch auf sexueller Ebene. Um ihre Ansprüche durchzusetzen, geizt Jo selten mit ihren Reizen. Doch die Verfolgung ihrer Karriere verbunden mit dem festen Willen die Welt zu verbessern neigt ihre Seite der Beziehungswaage immer mehr.

Andererseits befindet sich die erst 19 Jahre alte Spanierin Roana auf einer väterlich verordneten Suche. In der Einsamkeit einer Vulkanlandschaft Argentiniens soll in ihr der Wunsch entstehen, in das Bauunternehmen ihres Vaters einzusteigen. Niemand kann es ihr verdenken, dass sie sich aus Langeweile stattdessen nach Buenos Aires begibt, um dort den Weg zu finden, der sie zu höherem bestimmt. Auf diesem Weg begegnet sie menschlichen Gorillas, Kabbalisten und den Schriften von Borges. Ihrem jugendlichen Alter sei es geschuldet, dass sie ihr Fähnchen hauptsächlich danach ausrichtet, wer ihr einen Schlafplatz und Essen gibt.

Die Erzählung springt zwischen diesen beiden Handlungen und wird unterbrochen durch aktuelle Neuigkeiten aus aller Welt, die auf dem Blog N-Global bekannt gemacht werden und sich schließlich immer mehr auf eine neue, aus dem Meer aufgestiegene Insel mit vermuteten, beachtlichen Rohstoffvorkommen konzentrieren, die Staaten und Organisationen gerne für sich requirieren würden. Immer wieder begegnet der Leser auch Noah Hoffmann, der gemeinsam mit seiner Freundin Jule aus dem Alltag ausgestiegen ist und nun sein Leben in einer paradiesischen Bucht frönt, auch wenn schon mal ein Schatten darüber fällt. Und dann gibt es noch ein paar Kapitel in denen man sich beim Lesen einfach dem niedergeschriebenen Gedankengang hingeben kann wenn beispielsweise ein Haar auf seine Reise geht.

Die Autorin glänzt in diesem Roman mit lebendigen Ideen, humorvoll und kurios. In einer geschliffenen Sprache gibt sie dem Leser Denkanstöße zu Umweltschutz, Weltanschauungen, alternativen Lebensweisen und vielem mehr. In den Erzählabschnitten mit Jivan als Protagonisten übernimmt ein allwissender Erzähler die Schilderung der Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge. Dennoch liest man, durch kursive Schrift hervorgehoben, die Gedanken Jivans, oft auch als seine Reaktion auf den vorigen Text. Auf diese Weise rechtfertigt er häufig sein Tun, manchmal fühlt man aber auch seinen Kampf mit den inneren Dämonen, die aus seiner Erziehung heraus seinen Charakter geformt haben und gegen die er nun nicht anzukommen weiß, auch wenn er das auch eigentlich gar nicht will.

Roana dagegen erzählt in der Ich-Form, wodurch der Leser, den sie als ihren Verbündeten anspricht, ihrer Gedanken- und Gefühlswelt sehr nahe kommt. Sie erzählt aus der Gegenwart heraus im Rückblick auf die letzten Wochen und Monate. Sie ist also bereits da, wo der Leser erst am Ende des Buchs sein wird. Ihr Ziel ist es, sich den Respekt ihres Vaters zu verdienen. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und spricht eine unter jungen Leuten übliche Alltagssprache. Bewundernswert fand ich ihren Mut sich gegen die Wünsche ihres Vaters aufzulehnen, sich tief sinken zu lassen, das Gemeinwohl zu schätzen und sich in dessen Dienst zu stellen, wenn auch nicht uneigennützig. Von Beginn an weiß man, dass sie schwanger ist und nicht nur der Leser stellt sich die Frage nach dem Vater.

Emma Braslavsky zielt mit kleinen wohl dosierten Spitzen gegen Weltverbesserer, Sinnsuchende, Forscher und Politiker. Es ist spannend nachzuvollziehen, inwieweit die von ihr genannten Entwicklungen auf verschiedenen Gebieten dem tatsächlichen heutigen und dem zukünftig möglichem Stand der Dinge entsprechen. Welchen Weg der Einzelne gehen möchte, muss letztendlich jeder selbst bestimmen.

„Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ ist ein amüsanter, kreativer, abenteuerlicher, wunderbar köstlicher Lesegenuss, dem ich meine besten Empfehlungen gebe.

Veröffentlicht am 20.08.2017

Eine Story, die nachhallt

Die Erfindung der Flügel
0 0

„Die Erfindung der Flügel“ von Sue Monk Kidd erzählt aus dem Leben der Schwestern Sarah und Angelina, genannt Nina, Grimké, die sich für die Abschaffung der Sklaverei und für Frauenrechte in den Vereinigten ...

„Die Erfindung der Flügel“ von Sue Monk Kidd erzählt aus dem Leben der Schwestern Sarah und Angelina, genannt Nina, Grimké, die sich für die Abschaffung der Sklaverei und für Frauenrechte in den Vereinigten Staaten von Amerika vor ungefähr zweihundert Jahren eingesetzt haben. Das Cover ist eher schlicht gehalten. Orangefarbene Streifen auf hellem Untergrund stehen symbolisch für Gegensätze wie den von hell- und dunkelhäutigen Menschen oder Frauen und Männern.

Schwarzdrosseln, auch bekannt als Amseln, fliegen vorbei. Sie sind Teil der Familiengeschichte von Hetty, die von ihrer afrikanischen Mutter Charlotte den Namen Handful erhielt. Die Autorin erzählt ihre Geschichte parallel zu der von Sarah. Der Titel des Buchs bezieht sich auf eine afrikanische Legende nach der die Menschen einst fliegen konnten und durch die Sklaverei diese Fähigkeit verloren. Sarah und Hetty sind Menschen, die versuchen ihre Flügel wieder zu erlangen.

Sarah Grimké wohnt mit ihrer Familie zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Charleston in South Carolina und erhält zu ihrem elften Geburtstag die Sklavin Hetty für persönliche Dienste von ihren Eltern geschenkt. Hettys Mutter wohnt ebenfalls im Haus der Grimkés und ist eine begabte Näherin. Als Sarah Hetty die Freiheit schenken will, wird ihr dies verboten. Doch als kleine Genugtuung bringt sie ihr heimlich lesen und schreiben bei, bis beide dabei erwischt und bestraft werden. Sarahs großer Wunsch ist es, so wie ihr Vater Jurist zu werden, doch als Frau bleibt ihr dieser Beruf verwehrt.

Sue Monk Kidd erzählt in diesem Roman von dem streng reglementierten Leben in den Südstaaten, an das sich sowohl die aus besserem Hause kommenden Grimké-Schwestern wie auch die Sklavin Hetty zu richten hatten. Jedes Aufbegehren gegen die Herrschaft bringt Strafe für Hetty und jedes Aufbegehren gegen das für sie vorgesehene gewöhnliche Leben als Haushaltsvorstand und Mutter ebenso wie ihre Haltung gegen die Sklaverei bringt Strafe für Sarah. Ausgezeichnet mit einem hohem Einfühlungsvermögen und Sinn für Gerechtigkeit erkennt Sarah schon früh, dass die Sklaven von ihren Besitzern, darunter natürlich ihre eigene Familie, für ihre Zwecke ausgenutzt werden. Im Laufe der Zeit erkennt sie sich selbst als dem männlichen Geschlecht unterlegen und beginnt sich für die Gleichberechtigung der Frauen einzusetzen. Die Autorin schildert den langen Weg, den sowohl Sarah wie auch Nina gehen müssen um Menschen zu finden, die ihre Ideen teilen und Unterstützung zu finden beziehungsweise deren Gedanken sie aufnehmen können um sie ihrerseits zu verbreiten.

Sue Monk Kidd ist eine hervorragende Symbiose zwischen Realität und Fiktion gelungen. Dank einer ausgezeichneten Recherche vermittelt sie dem Leser die historischen Daten und füllt sie in glaubhafter Weise mit vielen detailliert geschilderten Situationen mit Leben aus. Da Sarah wie auch Hetty jeweils in der Ich-Form erzählen, gelingt es dem Leser nicht nur an der Seite der beiden Frauen die beschriebenen Ereignisse zu erleben, sondern auch deren Gedanken zu teilen. Gerade weil beide so verschieden sind und sich gegen ihre gesellschaftliche Stellung auflehnen, manchmal aber auch nachgeben müssen, bleibt der Roman abwechslungsreich. Wie bei jeder Biografie kann man natürlich nachlesen, wie das Leben von Sarah und Nina historisch verbürgt verlaufen ist, doch gerade die parallel erzählte Geschichte von Hetty bringt unerwartete Wendungen in die Erzählung. Neben den ernsten Themen entbehrt das Buch aber auch nicht freundlichere Abschnitte, wenn die Autorin über die Liebe schreibt oder das Nähen von Quilts. Gleichermaßen wird der Leser emotional berührt.

Wer diesen Roman liest, wird an eine vergessene Episode der Geschichte erinnert, die gerade uns Europäern in dieser Form kaum präsent ist. Von Sklaven, die auf Plantagen gearbeitet haben, hat fast jeder schon gehört, aber hier wird vor allem das Leben der Stadtsklaven geschildert. Die Art und Weise der Darstellung führt dazu, dass die Auseinandersetzung mit dem Abolitionismus und dem beginnenden Feminismus noch einige Zeit in den Gedanken des Lesers nachhallt. Ich kann dieses Buch allen geschichtlich Interessierten sehr empfehlen.

Veröffentlicht am 20.08.2017

Die Hölle lauert auf Erden

Inferno
0 0

Der Thriller „Inferno“ von Dan Brown ist als Hardcover mit Schutzumschlag im Verlag Lübbe erschienen. Er umfasst 685 Seiten inklusive Prolog, 104 Kapiteln, Epilog und einer Danksagung des Autors. Jedes ...

Der Thriller „Inferno“ von Dan Brown ist als Hardcover mit Schutzumschlag im Verlag Lübbe erschienen. Er umfasst 685 Seiten inklusive Prolog, 104 Kapiteln, Epilog und einer Danksagung des Autors. Jedes Kapitel beginnt auf der rechten Seite, so dass einige Seiten des Buchs leer bleiben. Der Titel des Buches in roter Schrift im mittleren Bereich zieht die Blicke der Interessenten auf sich. Im unteren Drittel ist die Silhouette der Stadt Florenz zu sehen, in dem ein großer Teil des Romans spielt. Leider hat sich die Aufmachung gegenüber den vorigen Büchern von Dan Brown geändert. Der Titel bezieht sich auf einen Teil der „Göttlichen Komödie“ von Dante Aligieri. In der dortigen Reise durch die drei Reiche der jenseitigen Welt durchquert man zunächst das „Inferno“. Bereits zum vierten Mal lässt der Autor seinen Protagonisten Robert Langdon, einen amerikanischen Symbologen, mitspielen, der eine Verschwörung aufzuklären hat, die in Zusammenhang mit der exponentiell zunehmenden Weltbevölkerung.
Der Prolog wird von einem scheinbar Wahnsinnigen erzählt, der vor seinen Häschern davonläuft. Nachdem er von seinem nicht benannten Geschenk an die Menschheit erzählt hat, stürzt er sich in den Tod. Scheinbar zusammenhanglos zu diesem Prolog erwacht Robert Langdon zu Beginn der Erzählung in einem Krankenhaus in Florenz. Schnell stellt er fest, dass er sich an die letzten Stunden nicht erinnern kann. Während ein Arzt und eine Ärztin seine Vitalfunktionen überprüfen, dringt eine bewaffnete Person in den Krankenhaustrakt ein und beginnt damit, sich den Weg zu Langdon freizuschießen. Mit der Hilfe der Ärztin namens Sienna Brooks kann er fliehen. Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause um dort die Hintergründe für den Überfall zu klären und eine weitere Flucht vorzubereiten. In Szenewechseln wird der Leser gleichzeitig auf ein Boot mitgenommen, auf dem ein technisch hochgerüstetes Spezialteam für alle möglichen Kundenaufträge tätig ist. Beispielsweise haben sie daran gearbeitet, ein Jahr lang eine bekannte Forscherpersönlichkeit abzuschotten, damit diese in Ruhe an einer Erfindung arbeiten kann. Nun steht nur aus, dieser Person die letzten Wünsche zu erfüllen. Doch dann entdeckt einer der Mitarbeiter etwas Unfassbares. Natürlich sind beide Handlungsstränge miteinander verbunden und für Langdon stellt sich die Aufgabe, mit seinem Wissen eine Katastrophe zu verhindern.
Nach einem spannenden Anfang begibt sich Robert Langdon auf die inzwischen bereits gewohnte Schnitzeljagd mit vielen beinahe mystisch anmutenden Hinweisen in alten Gemälden, die diesmal in Bezug stehen zum Textteil „Inferno“ aus der bereits erwähnten „Göttlichen Komödie“ Aligieris. Staunt man zunächst noch über die gelungene Verknüpfung der Bedeutungen und Verschlingungen der Hintergründe, so lässt die Spannung schnell nach durch etliche Wiederholungen dieser Verbindungen. Des Weiteren sind die Beschreibungen der jeweiligen Settings nach meiner Meinung etwas zu detailliert und daher ermüdend ausgefallen. Ich denke, dass es nicht nur daran liegt, dass ich bereits Florenz und Venedig bereits bereist habe und daher einige Informationen für mich nicht mehr neu waren, sondern es ist zu ausschweifend und bremst den Leser beim Verfolgen der Ereignisse regelrecht aus. Obwohl Dan Brown im hinteren Drittel die Story regelrecht auf den Kopf stellt, ist von Anfang an klar, wer der Bösewicht ist und bleibt. Über den Charakter Robert Langdon erfährt man nichts Neues, ein nennenswertes Privatleben hat er zwischen den Fällen, in denen er mit seinen Kenntnissen zur Aufklärung beiträgt, anscheinend nicht. Und wieder steht ihm wie in den vorigen Bänden eine bemerkenswerte Frau zur Seite, zu der sich eine Beziehung zu entwickeln scheint. Leider konnte mich dieser Thriller nicht so begeistern wie die übrigen Bücher von Dan Browns, vielleicht lag das daran, dass die Geschichte wieder nach dem gleichen „Strickmuster“ erstellt wurde. Dennoch hat der Roman eine gute Handlungskonstruktion und beeindruckt wieder mit viel Hintergrundwissen. Den Fans von Dan Brown kann ich dieses Buch empfehlen.