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Veröffentlicht am 20.02.2017

Von Beginn an fesselnd

Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken
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Der Fantasyroman „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ist der Debütroman der Amerikanerin Sabaa Tahir, die asiatische Wurzeln hat. Ihre Erzählung hat sie in einem mittelalterlich anmutenden Setting ...

Der Fantasyroman „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ist der Debütroman der Amerikanerin Sabaa Tahir, die asiatische Wurzeln hat. Ihre Erzählung hat sie in einem mittelalterlich anmutenden Setting angesiedelt. Die Stadt Serra ist der Haupthandlungsort und von Wüste umgeben. Die Widrigkeiten dieser Gegend bringt die Autorin, die in der Mojave-Wüste aufgewachsen ist, also aus eigener Erfahrung spricht, mit in ihre Erzählung ein. Doch dies ist nur ein kleiner Beitrag zum Eindruck den das Buch bei mir hinterlassen hat. Zu meinem persönlichen Gefallen hat noch einiges andere beigetragen.

Den oberen Teil des Covers zieren Augen, die von einer Maske nur unvollendet eingerahmt werden. Einer der Protagonisten dieses Buches, der 20 jährige Elias, wurde 14 Jahre in der Militärakademie Schwarzkliff ausgebildet. Er hasst die Maske, die den älteren, die harte Schule überlebenden Schülern zum ständigen Tragen verliehen wird. Daher nimmt er die Maske ab, wann immer es ihm möglich ist und verhindert so deren Verwachsen mit der Gesichtshaut. Er könnte derjenige sein, der den Leser vom Titel her anschaut. Wie die Auguren mit ihren übersinnlichen Fähigkeiten in der Geschichte vorhersehen, ist einer der Absolventen seines Jahrgangs zu Großem berufen und wenige Auserwählte sollen sich dazu ganz besonderen Prüfungen unterziehen. Doch die Zukunft, die Elias für sich selber plant, steht denen des Imperiums entgegen.

Einer der erfahrenen Maskenkämpfer war es, der die Familie der 17 jährigen Laia überfallen und ihre Großeltern, bei denen sie lebt, getötet hat. Ihr Bruder Darin hat wichtige Informationen zusammengetragen, die dem Widerstand gegen die Herrschaft von Nutzen sein könnten. Er wird gefangengenommen und Laias einziges Ziel ist es, ihn zu befreien. Sie sucht dazu den Widerstand auf, zu dem schon ihre verstorbenen Eltern gehört haben. Doch deren Einsatz hat einen hohen Preis für sie.

Das Buch lebt von dem Wechsel der insgesamt 50 Kapitel zwischen den beiden Ich-Erzählern Elias und Laia. Die Kapitel sind eingeteilt in drei Teile, von denen der erste Teil seinen Fokus legt auf den Überfall auf Laias Familie, während Elias kurz vor seinem Abschluss seiner militärischen Ausbildung steht. Im zweiten Teil stehen die Prüfungen, an denen Elias teilzunehmen hat, im Mittelpunkt. Und schließlich widmet sich der dritte Teil dem Erreichen von eigenen Zielen durch Einsatz von Geist und Stärke der beiden Protagonisten.

Elias und Laia sind zwei grundsätzlich verschiedene Charaktere, die sich im Laufe der Handlung weiterentwickeln. Elias verabscheut die Gewalt, die er anzuwenden gezwungen ist und versucht ihr zu entkommen. Ein Augur zeigt ihm einen Weg auf, den er sich bisher nicht vorstellen konnte, auf den er sich aber nach reiflicher Überlegung einlässt. Zunächst sieht es nach einer falschen Entscheidung aus, doch es gibt einige unerwarteten Wendungen. Aus der unbeschwerten Laia wird durch den Überfall die Hoffnungsträgerin ihres Bruders, die eine große Verantwortung zu tragen hat und dadurch viel Leid auf sich nimmt. In dem sie sich immer wieder ihre Vorbilder und Ziele ins Gedächtnis ruft, gelingt es ihr, ihre Angst und Schwäche zu überwinden.

Sabaa Tahir setzt die Gewalt und den Kampf in ihrer Fantasy bewusst ein, damit ihre Protagonisten ihren Mut und ihre Tapferkeit zeigen können. Blutige Handlungen und schmerzhafte Bestrafungen, grausame Geisterwesen und brutale Krieger sind an der Tagesordnung. Doch in ihren Beschreibungen geht die Autorin nicht ins Detail. Für Elias und Laia ist es wichtig, dabei die Hoffnung nicht aufzugeben. Denn die Anwendung von Gewalt erzeugt meist Widerstand, der nicht immer mit Waffen ausgetragen wird. So ist es auch möglich mit List und Tücke gegen scheinbar unüberwindbare Gegner vorzugehen und siegreich zu sein. Der Originaltitel des Buchs lautet „An ember in the ashes“ und so wie aus der noch glühenden Asche wieder ein Feuer entstehen kann, so kann sich alles aus kleinsten Anfängen eine große Kraft, ein innerer Antrieb entwickeln.

Der Roman lässt sich locker und leicht lesen, dank einer schnellen Handlung mit überraschenden Momenten und einer überschaubaren Anzahl handelnder Personen, die für den Ablauf wichtig sind. Neben Ängsten und Hass, Mut und Tapferkeit, zeigen die Protagonisten auch Liebe und Leidenschaft. Doch auch hier müssen sich Laia und Elias ihrer Gefühle erst bewusst werden, denn in dem Spiel zwischen Macht und Zielerreichung ist es schwierig, die wahren Absichten derjenigen zu erkennen, zu denen man sich hingezogen fühlt.

Das Programm des Verlags One richtet sich gleichermaßen an junge Erwachsene und ältere Leser und dieses Buch erfüllt diese Anforderungen. Die Geschichten von Elias & Laia, die zunächst parallel laufen, sich dann kreuzen und schließlich zu einer werden, haben mich von Beginn an gefesselt. Das Buch ist ein glühender Stern am Fantasyhimmel. Nun scheint es auch eine Fortsetzung zu geben, auf die ich mich schon freue.

Veröffentlicht am 16.09.2016

Wunderbar köstlicher Lesegenuss

Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
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Als Unterprimanerin habe ich auf die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ mit „nach dem Sinn des Lebens zu suchen“ geantwortet. Das hatte ich vorher irgendwo gelesen und war stolz darüber einen so sinnvollen ...

Als Unterprimanerin habe ich auf die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ mit „nach dem Sinn des Lebens zu suchen“ geantwortet. Das hatte ich vorher irgendwo gelesen und war stolz darüber einen so sinnvollen Beitrag zum Unterricht geleistet zu haben. Dass die Antwort auf die Frage sich denn doch nicht ganz so einfach und pauschal abtun lässt, zeigt Emma Braslavsky mit ihrem Roman „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“. Ihre Protagonisten sind auf der Suche nach dem Lebenssinn, nach einer besseren Welt und nach sich selbst. Tiere sind nicht nur im Titel enthalten, sondern finden in vielfältiger Form Eingang in diesen Roman, beispielsweise als Kosewort, verkleideten Akteuren, Redewendungen oder auch wenn einer der Protagonist eine Annäherung zwischen Tier und Mensch durch die Nutzung von aufblasbaren Einhorn-Hörnern vorschlägt, die so wie die Installation auf dem Cover sie trägt, überzustülpen sind.

In mehreren Erzählsträngen, die mehr oder weniger zufällig am Ende zusammenlaufen, finden sich Suchende jeglicher Couleur. Da ist einerseits ein in Berlin lebendes Pärchen. Jivan Haffner Fernandez, Mitte 40, kommt aus reichem Haus und muss sich schon wegen seines Erbes keine Sorgen um seine finanzielle Zukunft machen, wäre da nicht die eine einzige klitzekleine Bedingung die sein Vater daran geknüpft hat. Woher die Familie vor langer Zeit das Fundament zum heutigen Vermögen erworben hat, will man als Leser lieber nicht so genau wissen. Leider hält Jivan sich nicht nur selbst für unwiderstehlich, sondern auch das Online-Pokerspiel. Durch seinen Beruf als Bunkerarchitekt ist er nicht eben ausgelastet und hat so jede Menge Zeit mit seinen Ideen seine Frau Jo dabei zu unterstützen, auf der Karriereleiter bei einem Unternehmen, das sich für eine bessere Umwelt einsetzt, hochzuklettern. Jo lebt sehr gut auf Kosten ihres Mannes. Die Beziehung der beiden funktioniert fast nur noch auf sexueller Ebene. Um ihre Ansprüche durchzusetzen, geizt Jo selten mit ihren Reizen. Doch die Verfolgung ihrer Karriere verbunden mit dem festen Willen die Welt zu verbessern neigt ihre Seite der Beziehungswaage immer mehr.

Andererseits befindet sich die erst 19 Jahre alte Spanierin Roana auf einer väterlich verordneten Suche. In der Einsamkeit einer Vulkanlandschaft Argentiniens soll in ihr der Wunsch entstehen, in das Bauunternehmen ihres Vaters einzusteigen. Niemand kann es ihr verdenken, dass sie sich aus Langeweile stattdessen nach Buenos Aires begibt, um dort den Weg zu finden, der sie zu höherem bestimmt. Auf diesem Weg begegnet sie menschlichen Gorillas, Kabbalisten und den Schriften von Borges. Ihrem jugendlichen Alter sei es geschuldet, dass sie ihr Fähnchen hauptsächlich danach ausrichtet, wer ihr einen Schlafplatz und Essen gibt.

Die Erzählung springt zwischen diesen beiden Handlungen und wird unterbrochen durch aktuelle Neuigkeiten aus aller Welt, die auf dem Blog N-Global bekannt gemacht werden und sich schließlich immer mehr auf eine neue, aus dem Meer aufgestiegene Insel mit vermuteten, beachtlichen Rohstoffvorkommen konzentrieren, die Staaten und Organisationen gerne für sich requirieren würden. Immer wieder begegnet der Leser auch Noah Hoffmann, der gemeinsam mit seiner Freundin Jule aus dem Alltag ausgestiegen ist und nun sein Leben in einer paradiesischen Bucht frönt, auch wenn schon mal ein Schatten darüber fällt. Und dann gibt es noch ein paar Kapitel in denen man sich beim Lesen einfach dem niedergeschriebenen Gedankengang hingeben kann wenn beispielsweise ein Haar auf seine Reise geht.

Die Autorin glänzt in diesem Roman mit lebendigen Ideen, humorvoll und kurios. In einer geschliffenen Sprache gibt sie dem Leser Denkanstöße zu Umweltschutz, Weltanschauungen, alternativen Lebensweisen und vielem mehr. In den Erzählabschnitten mit Jivan als Protagonisten übernimmt ein allwissender Erzähler die Schilderung der Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge. Dennoch liest man, durch kursive Schrift hervorgehoben, die Gedanken Jivans, oft auch als seine Reaktion auf den vorigen Text. Auf diese Weise rechtfertigt er häufig sein Tun, manchmal fühlt man aber auch seinen Kampf mit den inneren Dämonen, die aus seiner Erziehung heraus seinen Charakter geformt haben und gegen die er nun nicht anzukommen weiß, auch wenn er das auch eigentlich gar nicht will.

Roana dagegen erzählt in der Ich-Form, wodurch der Leser, den sie als ihren Verbündeten anspricht, ihrer Gedanken- und Gefühlswelt sehr nahe kommt. Sie erzählt aus der Gegenwart heraus im Rückblick auf die letzten Wochen und Monate. Sie ist also bereits da, wo der Leser erst am Ende des Buchs sein wird. Ihr Ziel ist es, sich den Respekt ihres Vaters zu verdienen. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und spricht eine unter jungen Leuten übliche Alltagssprache. Bewundernswert fand ich ihren Mut sich gegen die Wünsche ihres Vaters aufzulehnen, sich tief sinken zu lassen, das Gemeinwohl zu schätzen und sich in dessen Dienst zu stellen, wenn auch nicht uneigennützig. Von Beginn an weiß man, dass sie schwanger ist und nicht nur der Leser stellt sich die Frage nach dem Vater.

Emma Braslavsky zielt mit kleinen wohl dosierten Spitzen gegen Weltverbesserer, Sinnsuchende, Forscher und Politiker. Es ist spannend nachzuvollziehen, inwieweit die von ihr genannten Entwicklungen auf verschiedenen Gebieten dem tatsächlichen heutigen und dem zukünftig möglichem Stand der Dinge entsprechen. Welchen Weg der Einzelne gehen möchte, muss letztendlich jeder selbst bestimmen.

„Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ ist ein amüsanter, kreativer, abenteuerlicher, wunderbar köstlicher Lesegenuss, dem ich meine besten Empfehlungen gebe.

Veröffentlicht am 19.05.2017

Sympathische Protagonistin auf dem Weg sich selbst zu finden

Ich, Eleanor Oliphant
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„Ich, Eleanor Oliphant“ ist nicht nur der Titel des Romandebüts der Schottin Gail Honeyman sondern so stellt sich auch die Protagonistin im Buch dem Leser vor. Die bald 30jährige Eleanor hat eine bewegte ...

„Ich, Eleanor Oliphant“ ist nicht nur der Titel des Romandebüts der Schottin Gail Honeyman sondern so stellt sich auch die Protagonistin im Buch dem Leser vor. Die bald 30jährige Eleanor hat eine bewegte Vergangenheit, die sie für jeden deutlich spür- und sichtbar gezeichnet hat. Wäre das Leben so bunt wie ein Farbklecks stände Eleanor auf dessen dunkler Seite vergleichbar mit dem Schemen einer Frau auf dem Cover dieses Buches. Doch die Farben laufen ineinander und das Bunte, welches Spaß und Freude beinhaltet, ist auf dem Weg zu Eleanor. Schaut man auf die Rückseite des Buchumschlags bemerkt man links unten einen jungen Mann, der sich ebenfalls auf einem dunklen Randgebiet befindet, aber nicht nur bereits selbst vom bunten Glück gefärbt wurde sondern auch seinen Blick ins Helle in Eleanors Richtung wirft. Ein gutes Vorzeichen.

Eleanor ist studierte Altphilologin, arbeitet aber seit neun Jahren bei einer Grafikdesign-Agentur als Buchhalterin. Wenn sie sich tagsüber ihrer Zahlenwelt gewidmet hat, geht sie nach getaner Arbeit nach Hause und verbringt dort allein ihre Stunden bis zum nächsten Dienstantritt. Ihre Freizeit verbringt sie mit Lesen und Fernsehen Einmal in der Woche ruft ihre Mutter an, die im Gefängnis sitzt. Ein Freund ist ihr nur der Wodka, dem sie immer wieder gerne zuspricht.

Eines Tages sieht sie ihren Traummann bei einem Konzert, zu dem sie Eintrittskarten gewonnen hat, auf der Bühne. Fortan geht ihr der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, ihren Schwarm zu treffen und sie stellt sich vor, dass sie schon bald ein Paar sein werden. Während der neue Kollege Raymund sie ein Stück auf ihrem Heimweg begleitet sehen die beiden wie ein älterer Mann zu Fall kommt. Sie eilen ihm zu Hilfe und auch nach der gemeinsamen Aktion hält Raymund den Kontakt zu ihr. Doch seine Gegenwart findet Eleanor eher lästig als erfreulich. Sie folgt weiter ihrem Herzen, den Sänger für sich zu gewinnen. Sie hat noch einige Erfahrungen mit dem Leben zu meistern um zu erkennen, welche Gefühle ihr tatsächlich wichtig sind.

Von den ersten Seiten an wurde mir klar, dass Eleanor ein Erlebnis in ihrer Kindheit hatte, das sie mehr oder weniger erfolgreich verdrängt, sie aber traumatisiert und sichtbare Narben in ihrem Gesicht hinterlassen hat. Gail Honeyman lässt ihre Protagonistin den Roman selbst erzählen und auf diese Weise habe ich über Eleanors Vergangenheit nur so viel erfahren können, wie sie selbst bereit war preiszugeben. Das war anfangs recht wenig doch mit der Zeit hat sie sich immer mehr geöffnet und Gefühle zugelassen. Ihre Kindheit hat sie in Pflegefamilien verbracht. Ihre Mutter sitzt also vermutlich schon sehr lange im Gefängnis für ein von ihr verübtes Verbrechen. Worum es sich dabei handelt bleibt bis fast zum Ende hin unbenannt, allerdings hatte ich eine Vorahnung. Die Gespräche mit ihr durchbrechen das Einerlei ihres Alltags und vor allem ihrer Einsamkeit, sind ihr aber verhasst. Dennoch hält sie an den Telefonaten fest, vielleicht weil sie der letzte Kontakt zu einem Mitglied ihrer Familie sind. Sie weiß nicht, wer ihr Vater ist und sonst sind ihr keine Verwandten bekannt.

Um sich vor körperlichen und seelischen Wunden zu schützen, lebt Eleanor zurückgezogen, gerne beobachtet sie jedoch das Verhalten ihrer Mitmenschen. Sie hat es nie für nötig befunden, Freundschaften zu schließen, vermutlich weil sie durch den häufigen Wechsel der Pflegestellen immer wieder neu beginnen musste, Vertrauen aufzubauen. Sie war gut in der Schule und konnte ein Studium abschließen. Im weiteren Verlauf erzählt sie im Rückblick von einer Beziehung während dieser Zeit, die ihr sehr schlechte Erfahrungen gebracht hat. Ein weiterer Grund also für sie, sich von näheren Bekanntschaften fernzuhalten.

Bücher sorgen dafür, dass Eleanor ein breites Allgemeinwissen hat. Im Rahmen ihrer Begeisterung für den Sänger entdeckt sie das Medium Internet für sich, dass ihr letztlich mehr bringt als nur das Wissen über ihren Traummann. Aber bei all ihren äußeren Veränderungen und ihrer zaghaften Kontaktaufnahme hat sie immer die Stimme ihrer Mutter im Kopf, die sich negativ über jedes Tun äußert. Obwohl sie sich dessen absolut bewusst ist, findet sie nicht selber einen Weg aus dieser frühen Prägung dem Willen der Mutter zu folgen um keine Restriktionen befürchten zu müssen. Zunehmend genießt sie das Mitgefühl und die kleinen Aufmerksamkeiten der langsam vertrauter werdenden Personen. Aktuell positive Erfahrungen mit guten Ratschlägen decken sich mit dem früheren Erleben einer gelungenen Umsetzung der Empfehlung einer Fachkraft. Daraus folgt nicht nur für Eleanor eine Aufforderung, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ihr wachsendes Selbstbewusstsein geht mit einem entsprechenden Feedback einher.

Der Schreibstil der Autorin ist angenehm zu lesen. Hauptsächlich beschreibt die Ich-Erzählerin ihren Alltag. Unterschwellig umgibt die Geschichte von Beginn an das Geheimnis um das besondere Geschehen in der Kinderzeit Eleanors. Es brauchte seine Zeit bevor die Protagonistin sich ihren Vorstellungen entsprechend für ihren Schwarm ausgestattet hatte, dadurch entstand im mittleren Buchteil eine gewisse Länge. Eleanor hat ganz eigene Ansichten über passendes Verhalten in allen möglichen Situationen, die sie durch ihre Beobachtungen, vielfältiger Lektüre und den Vorgaben ihrer Mutter entwickelt hat. Hieraus ergeben sich immer wieder amüsante Szenen. Sie wirkte schutzbedürftig auf mich, obwohl sie sich schon vielfach behauptet hatte.

Ich musste Eleanor einfach sympathisch finden und ich habe mich für sie gefreut, dass sie nach so langen Jahren des Alleinseins einen Weg zu sich selbst gefunden hat, der durch den Moment der vermeintlichen Liebe ausgelöst worden ist und auch eine Öffnung zu anderen hin bewirkt hat. Mir als Leser wurde dadurch wieder einmal klar, auf welche Dinge es im Leben wirklich ankommt: Vertrauen, Offenheit und Aufrichtigkeit. Dieses Buch empfehle ich gerne weiter. (4,5 Sterne)

Veröffentlicht am 15.05.2017

Glaubhafte, ergreifende Freundschaftsgeschichte

Du & Ich – Best friends for never
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Der Roman „Du & Ich – Best friends for never“ von Hilary T. Smith sagt bereits im Titel aus, worum es in diesem Jugendbuch ab 14 Jahren geht. Die Geschichte handelt vom Zerbrechen der Freundschaft zwischen ...


Der Roman „Du & Ich – Best friends for never“ von Hilary T. Smith sagt bereits im Titel aus, worum es in diesem Jugendbuch ab 14 Jahren geht. Die Geschichte handelt vom Zerbrechen der Freundschaft zwischen Annabeth und Noe. Beide sind zu Beginn des neuen, ihres letzten Schuljahrs an der Highschool seit drei Jahren befreundet und reden über große Pläne für das gemeinsame Studium an der Northern University. Doch die Freundschaft droht, wie der Luftballon auf dem Cover, schon sehr bald zu zerplatzen nachdem Noe sich in den gleichaltrigen Stephen verliebt hat.

Als Annabeth in ihrem ersten Jahr auf der Highschool auf Noe trifft ist sie 13 Jahre alt. Kurze Zeit vorher hat sie von ihrer Cousine auf wenig einfühlsame Weise erfahren, in welcher Situation ihre Mutter mit ihr schwanger geworden ist. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt und niemand ihrer Familie spricht von ihm. Seitdem fühlt sie sich anderen Jugendlichen nicht gleichwertig. Vom Charakter her ist sie eher schüchtern und unsicher. Als Noe auf sie aufmerksam wird, folgt sie nur allzu gerne deren Wünschen durch kleine Gefälligkeiten, um dadurch die Freundschaft zu intensivieren. Teilweise ändert Annebeth auch ihr Verhalten, die Hinwendung zu vegetarischem Essen ist eine der größten und bedeutsamsten. Und aktuell hat sie sich mit nunmehr 16 Jahren dem Turnsport verschrieben, dem Noe bereits seit langem erfolgreich nachgeht. Doch Noe erobert sich im Laufe der dreijährigen Freundschaft nicht nur einen festen Platz im Leben von Annabeth sondern auch einen sehr großen, der nun durch Noes Beziehung zu Stephen einen ersten Einschnitt erfährt.

Annabeth ist zu dem Zeitpunkt als sie Noe kennen lernt bereits selbst eine Persönlichkeit, aber sie ist sich dessen nicht bewusst. Es gibt einige Dinge, die sie besonders mag wie beispielsweise ihre Liebe zur Natur. Auch Treue gehört zu ihren Charaktereigenschaften. Davon profitiert ihre Freundin. Noe genießt die ihr geschenkte Aufmerksamkeit. Dadurch, dass Noe nun mehr Zeit mit Stephen verbringt, zieht Annabeth sich zurück und beobachtet das Verhalten ihrer Freundin und macht sich Gedanken über ihre Freundschaft, die manchmal eher einseitig aussieht. Noe ist nicht immer aufrichtig zu ihrer Freundin. Sie leidet seit langer Zeit an einer Essstörung und arglos hat Annabeth ihr sogar geholfen diese zu verbergen.

Ihre Freundschaft hat aber auch Gutes für Annabeth gebracht, denn Noe hat sie aus einer gewissen Lethargie geholt, sie motiviert und angetrieben und sie vom Grübeln abgehalten. Nun fühlt sie sich allein gelassen und sucht nach einer Möglichkeit die Lücke zu füllen. Von einem wenig älteren Jungen lässt sie sich verführen und in eine ungewollte Lage bringen. Eher unbewusst hat sie nach Liebe und Aufmerksamkeit gesucht und muss nun feststellen, dass sie sich reichlich naiv hat ausnutzen lassen. Doch diese Einsicht führt sie auch dazu über ihre eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Nicht nur sie selbst ist dabei, ihre Einstellungen zu ändern und andere Meinungen zuzulassen.

Der Roman wird von Annabeth in der Ich-Form erzählt und so konnte ich ihren Gedanken nicht nur zu ihrer Freundin sondern auch zu ihrer Mutter, die eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben ist, folgen. Sehr gut konnte ich dadurch die Veränderungen wahrnehmen, die sich aus ihren Erfahrungen ergibt. Ihr Wandel ist durchgehend positiv und ich glaube, dass sie ihren weiteren Weg auch ohne Noe meistern wird. Ich hoffe auf eine Fortsetzung der Geschichte.

Die Autorin hat eine glaubhafte, ergreifende Freundschaftsgeschichte geschrieben. Sie greift wichtige Themen in diesem Roman auf mit denen Jugendliche sich häufig auseinandersetzen wie Mobbing, Essstörungen, Liebeskummer und Depression. Auch wenn sie vielleicht nicht immer eine ausgereifte Lösung für alle Probleme findet, zeigt sie einen Weg auf damit umzugehen. Mir hat das Buch gut gefallen und darum empfehle ich es gerne nicht nur an junge Leser weiter. (4,5 Sterne)

Veröffentlicht am 11.05.2017

Ein Junge auf der Suche nach dem verlorenen Frieden

Mein Freund Pax
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Im Buch „Mein Freund Pax“ schreibt die US-Amerikanerin Sara Pennypacker über die Freundschaft eines ungewöhnlichen Paars. Der zwölfjährige Peter hat vor fünf Jahren einen sehr jungen Fuchs im Bau seiner ...

Im Buch „Mein Freund Pax“ schreibt die US-Amerikanerin Sara Pennypacker über die Freundschaft eines ungewöhnlichen Paars. Der zwölfjährige Peter hat vor fünf Jahren einen sehr jungen Fuchs im Bau seiner getöteten Mutter gefunden und aufgezogen. Er hat ihm den Namen Pax gegeben, nach einer Marke für Rücksäcke wie Peter im Roman erklärt. Die beiden sind nahezu unzertrennlich. Jetzt aber rückt ein Krieg immer näher und sein Vater meldet sich zum Dienst an der Front. Peter muss für ein halbes Jahr zu seinem Großvater, der 300 Kilometer entfernt wohnt. Pax kann dahin nicht mit, daher wird Peter von seinem Vater angewiesen ihn an einer Straße auszusetzen, im für den Fuchs unbekannten Gelände. Sehr bald merkt Peter, dass das nicht richtig war, packt einige Sachen zusammen und begibt sich auf die Suche. Allerdings hat er nicht über die Gefahren seines Abenteuers nachgedacht und bald schon wird seine weitere Reise durch eine Verletzung behindert, während Pax in der ungewohnten Freiheit ums Überleben kämpft.

Peter ist ein sympathischer Charakter. Er wird zwar schnell wütend, doch eher ungewollt. Seine Sorge um den Fuchs lässt ihn fürsorglich wirken. Bei der Wahl des Namens für seinen tierischen Freund hat er nicht an Frieden gedacht, aber die gesamte Erzählung steht unter diesem Oberbegriff. Obwohl der Roman in der Gegenwart spielt, legt die Autorin bewusst nicht fest, um welchen Krieg es sich handelt. Durch die Meldung des Vaters zum Kriegsdienst wird Peter direkt damit konfrontiert. Seine Suche nach Pax wird schließlich zu einer Suche nach Frieden, während er die Auswirkungen der Kämpfe auf die Natur erlebt, mehr über die Grausamkeiten der Handlungen erfährt und die Folgen der Erlebnisse im Einsatz von der hilfsbereiten, aber zurückgezogen lebenden Vola erzählt bekommt. Die Geschichte ist auch eine Auseinandersetzung mit der Frage nach der Schuld, die man durch eigenes Verhalten verursachen kann.

Peters Suche ist zunächst das vom Vater angeordnete Ende einer langen Freundschaft und wird schließlich zu einem Weg für Peter an den Erlebnissen zu reifen. Durch seine Erfahrungen und die Antworten auf Fragen, die er stellt, beginnt er verschiedene Dinge zu begreifen. Auch das Verhalten seines Vaters ordnet er neu ein.

Jedes zweite Kapitel widmet Sara Pennypacker dem Rotfuchs Pax. Er hat noch nie gejagt und daher auch noch nie frisch Erlegtes gefressen. Doch seine Instinkte lassen ihn nicht im Stich. Glaubhaft schildert die Autorin, wie Pax die Bekanntschaft zu seines Gleichen findet ohne dabei seine Hoffnung, Peter wieder zu finden, aufzugeben. Der Text wird ergänzt von passenden schwarz weißen Zeichnungen des kanadischen Illustrators Jon Klassen.

Sara Pennypackers Roman ist geeignet für Kinder ab 10 Jahren, aber ihre Geschichte spricht auch ältere Leser und Erwachsene an. Vor dem Hintergrund einer besonderen Freundschaftsbeziehung kommen die Gräuel des Kriegs in vielen Facetten zum Ausdruck. Ich empfehle Eltern, das Buch zu lesen und es mit jüngeren Kindern zu diskutieren. Lesenswert ist es auf jeden Fall!