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Veröffentlicht am 20.02.2017

Von Beginn an fesselnd

Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken
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Der Fantasyroman „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ist der Debütroman der Amerikanerin Sabaa Tahir, die asiatische Wurzeln hat. Ihre Erzählung hat sie in einem mittelalterlich anmutenden Setting ...

Der Fantasyroman „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ist der Debütroman der Amerikanerin Sabaa Tahir, die asiatische Wurzeln hat. Ihre Erzählung hat sie in einem mittelalterlich anmutenden Setting angesiedelt. Die Stadt Serra ist der Haupthandlungsort und von Wüste umgeben. Die Widrigkeiten dieser Gegend bringt die Autorin, die in der Mojave-Wüste aufgewachsen ist, also aus eigener Erfahrung spricht, mit in ihre Erzählung ein. Doch dies ist nur ein kleiner Beitrag zum Eindruck den das Buch bei mir hinterlassen hat. Zu meinem persönlichen Gefallen hat noch einiges andere beigetragen.

Den oberen Teil des Covers zieren Augen, die von einer Maske nur unvollendet eingerahmt werden. Einer der Protagonisten dieses Buches, der 20 jährige Elias, wurde 14 Jahre in der Militärakademie Schwarzkliff ausgebildet. Er hasst die Maske, die den älteren, die harte Schule überlebenden Schülern zum ständigen Tragen verliehen wird. Daher nimmt er die Maske ab, wann immer es ihm möglich ist und verhindert so deren Verwachsen mit der Gesichtshaut. Er könnte derjenige sein, der den Leser vom Titel her anschaut. Wie die Auguren mit ihren übersinnlichen Fähigkeiten in der Geschichte vorhersehen, ist einer der Absolventen seines Jahrgangs zu Großem berufen und wenige Auserwählte sollen sich dazu ganz besonderen Prüfungen unterziehen. Doch die Zukunft, die Elias für sich selber plant, steht denen des Imperiums entgegen.

Einer der erfahrenen Maskenkämpfer war es, der die Familie der 17 jährigen Laia überfallen und ihre Großeltern, bei denen sie lebt, getötet hat. Ihr Bruder Darin hat wichtige Informationen zusammengetragen, die dem Widerstand gegen die Herrschaft von Nutzen sein könnten. Er wird gefangengenommen und Laias einziges Ziel ist es, ihn zu befreien. Sie sucht dazu den Widerstand auf, zu dem schon ihre verstorbenen Eltern gehört haben. Doch deren Einsatz hat einen hohen Preis für sie.

Das Buch lebt von dem Wechsel der insgesamt 50 Kapitel zwischen den beiden Ich-Erzählern Elias und Laia. Die Kapitel sind eingeteilt in drei Teile, von denen der erste Teil seinen Fokus legt auf den Überfall auf Laias Familie, während Elias kurz vor seinem Abschluss seiner militärischen Ausbildung steht. Im zweiten Teil stehen die Prüfungen, an denen Elias teilzunehmen hat, im Mittelpunkt. Und schließlich widmet sich der dritte Teil dem Erreichen von eigenen Zielen durch Einsatz von Geist und Stärke der beiden Protagonisten.

Elias und Laia sind zwei grundsätzlich verschiedene Charaktere, die sich im Laufe der Handlung weiterentwickeln. Elias verabscheut die Gewalt, die er anzuwenden gezwungen ist und versucht ihr zu entkommen. Ein Augur zeigt ihm einen Weg auf, den er sich bisher nicht vorstellen konnte, auf den er sich aber nach reiflicher Überlegung einlässt. Zunächst sieht es nach einer falschen Entscheidung aus, doch es gibt einige unerwarteten Wendungen. Aus der unbeschwerten Laia wird durch den Überfall die Hoffnungsträgerin ihres Bruders, die eine große Verantwortung zu tragen hat und dadurch viel Leid auf sich nimmt. In dem sie sich immer wieder ihre Vorbilder und Ziele ins Gedächtnis ruft, gelingt es ihr, ihre Angst und Schwäche zu überwinden.

Sabaa Tahir setzt die Gewalt und den Kampf in ihrer Fantasy bewusst ein, damit ihre Protagonisten ihren Mut und ihre Tapferkeit zeigen können. Blutige Handlungen und schmerzhafte Bestrafungen, grausame Geisterwesen und brutale Krieger sind an der Tagesordnung. Doch in ihren Beschreibungen geht die Autorin nicht ins Detail. Für Elias und Laia ist es wichtig, dabei die Hoffnung nicht aufzugeben. Denn die Anwendung von Gewalt erzeugt meist Widerstand, der nicht immer mit Waffen ausgetragen wird. So ist es auch möglich mit List und Tücke gegen scheinbar unüberwindbare Gegner vorzugehen und siegreich zu sein. Der Originaltitel des Buchs lautet „An ember in the ashes“ und so wie aus der noch glühenden Asche wieder ein Feuer entstehen kann, so kann sich alles aus kleinsten Anfängen eine große Kraft, ein innerer Antrieb entwickeln.

Der Roman lässt sich locker und leicht lesen, dank einer schnellen Handlung mit überraschenden Momenten und einer überschaubaren Anzahl handelnder Personen, die für den Ablauf wichtig sind. Neben Ängsten und Hass, Mut und Tapferkeit, zeigen die Protagonisten auch Liebe und Leidenschaft. Doch auch hier müssen sich Laia und Elias ihrer Gefühle erst bewusst werden, denn in dem Spiel zwischen Macht und Zielerreichung ist es schwierig, die wahren Absichten derjenigen zu erkennen, zu denen man sich hingezogen fühlt.

Das Programm des Verlags One richtet sich gleichermaßen an junge Erwachsene und ältere Leser und dieses Buch erfüllt diese Anforderungen. Die Geschichten von Elias & Laia, die zunächst parallel laufen, sich dann kreuzen und schließlich zu einer werden, haben mich von Beginn an gefesselt. Das Buch ist ein glühender Stern am Fantasyhimmel. Nun scheint es auch eine Fortsetzung zu geben, auf die ich mich schon freue.

Veröffentlicht am 16.09.2016

Wunderbar köstlicher Lesegenuss

Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
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Als Unterprimanerin habe ich auf die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ mit „nach dem Sinn des Lebens zu suchen“ geantwortet. Das hatte ich vorher irgendwo gelesen und war stolz darüber einen so sinnvollen ...

Als Unterprimanerin habe ich auf die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ mit „nach dem Sinn des Lebens zu suchen“ geantwortet. Das hatte ich vorher irgendwo gelesen und war stolz darüber einen so sinnvollen Beitrag zum Unterricht geleistet zu haben. Dass die Antwort auf die Frage sich denn doch nicht ganz so einfach und pauschal abtun lässt, zeigt Emma Braslavsky mit ihrem Roman „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“. Ihre Protagonisten sind auf der Suche nach dem Lebenssinn, nach einer besseren Welt und nach sich selbst. Tiere sind nicht nur im Titel enthalten, sondern finden in vielfältiger Form Eingang in diesen Roman, beispielsweise als Kosewort, verkleideten Akteuren, Redewendungen oder auch wenn einer der Protagonist eine Annäherung zwischen Tier und Mensch durch die Nutzung von aufblasbaren Einhorn-Hörnern vorschlägt, die so wie die Installation auf dem Cover sie trägt, überzustülpen sind.

In mehreren Erzählsträngen, die mehr oder weniger zufällig am Ende zusammenlaufen, finden sich Suchende jeglicher Couleur. Da ist einerseits ein in Berlin lebendes Pärchen. Jivan Haffner Fernandez, Mitte 40, kommt aus reichem Haus und muss sich schon wegen seines Erbes keine Sorgen um seine finanzielle Zukunft machen, wäre da nicht die eine einzige klitzekleine Bedingung die sein Vater daran geknüpft hat. Woher die Familie vor langer Zeit das Fundament zum heutigen Vermögen erworben hat, will man als Leser lieber nicht so genau wissen. Leider hält Jivan sich nicht nur selbst für unwiderstehlich, sondern auch das Online-Pokerspiel. Durch seinen Beruf als Bunkerarchitekt ist er nicht eben ausgelastet und hat so jede Menge Zeit mit seinen Ideen seine Frau Jo dabei zu unterstützen, auf der Karriereleiter bei einem Unternehmen, das sich für eine bessere Umwelt einsetzt, hochzuklettern. Jo lebt sehr gut auf Kosten ihres Mannes. Die Beziehung der beiden funktioniert fast nur noch auf sexueller Ebene. Um ihre Ansprüche durchzusetzen, geizt Jo selten mit ihren Reizen. Doch die Verfolgung ihrer Karriere verbunden mit dem festen Willen die Welt zu verbessern neigt ihre Seite der Beziehungswaage immer mehr.

Andererseits befindet sich die erst 19 Jahre alte Spanierin Roana auf einer väterlich verordneten Suche. In der Einsamkeit einer Vulkanlandschaft Argentiniens soll in ihr der Wunsch entstehen, in das Bauunternehmen ihres Vaters einzusteigen. Niemand kann es ihr verdenken, dass sie sich aus Langeweile stattdessen nach Buenos Aires begibt, um dort den Weg zu finden, der sie zu höherem bestimmt. Auf diesem Weg begegnet sie menschlichen Gorillas, Kabbalisten und den Schriften von Borges. Ihrem jugendlichen Alter sei es geschuldet, dass sie ihr Fähnchen hauptsächlich danach ausrichtet, wer ihr einen Schlafplatz und Essen gibt.

Die Erzählung springt zwischen diesen beiden Handlungen und wird unterbrochen durch aktuelle Neuigkeiten aus aller Welt, die auf dem Blog N-Global bekannt gemacht werden und sich schließlich immer mehr auf eine neue, aus dem Meer aufgestiegene Insel mit vermuteten, beachtlichen Rohstoffvorkommen konzentrieren, die Staaten und Organisationen gerne für sich requirieren würden. Immer wieder begegnet der Leser auch Noah Hoffmann, der gemeinsam mit seiner Freundin Jule aus dem Alltag ausgestiegen ist und nun sein Leben in einer paradiesischen Bucht frönt, auch wenn schon mal ein Schatten darüber fällt. Und dann gibt es noch ein paar Kapitel in denen man sich beim Lesen einfach dem niedergeschriebenen Gedankengang hingeben kann wenn beispielsweise ein Haar auf seine Reise geht.

Die Autorin glänzt in diesem Roman mit lebendigen Ideen, humorvoll und kurios. In einer geschliffenen Sprache gibt sie dem Leser Denkanstöße zu Umweltschutz, Weltanschauungen, alternativen Lebensweisen und vielem mehr. In den Erzählabschnitten mit Jivan als Protagonisten übernimmt ein allwissender Erzähler die Schilderung der Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge. Dennoch liest man, durch kursive Schrift hervorgehoben, die Gedanken Jivans, oft auch als seine Reaktion auf den vorigen Text. Auf diese Weise rechtfertigt er häufig sein Tun, manchmal fühlt man aber auch seinen Kampf mit den inneren Dämonen, die aus seiner Erziehung heraus seinen Charakter geformt haben und gegen die er nun nicht anzukommen weiß, auch wenn er das auch eigentlich gar nicht will.

Roana dagegen erzählt in der Ich-Form, wodurch der Leser, den sie als ihren Verbündeten anspricht, ihrer Gedanken- und Gefühlswelt sehr nahe kommt. Sie erzählt aus der Gegenwart heraus im Rückblick auf die letzten Wochen und Monate. Sie ist also bereits da, wo der Leser erst am Ende des Buchs sein wird. Ihr Ziel ist es, sich den Respekt ihres Vaters zu verdienen. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und spricht eine unter jungen Leuten übliche Alltagssprache. Bewundernswert fand ich ihren Mut sich gegen die Wünsche ihres Vaters aufzulehnen, sich tief sinken zu lassen, das Gemeinwohl zu schätzen und sich in dessen Dienst zu stellen, wenn auch nicht uneigennützig. Von Beginn an weiß man, dass sie schwanger ist und nicht nur der Leser stellt sich die Frage nach dem Vater.

Emma Braslavsky zielt mit kleinen wohl dosierten Spitzen gegen Weltverbesserer, Sinnsuchende, Forscher und Politiker. Es ist spannend nachzuvollziehen, inwieweit die von ihr genannten Entwicklungen auf verschiedenen Gebieten dem tatsächlichen heutigen und dem zukünftig möglichem Stand der Dinge entsprechen. Welchen Weg der Einzelne gehen möchte, muss letztendlich jeder selbst bestimmen.

„Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ ist ein amüsanter, kreativer, abenteuerlicher, wunderbar köstlicher Lesegenuss, dem ich meine besten Empfehlungen gebe.

Veröffentlicht am 24.04.2017

Warmherzig erzählter Debütroman

Ein fauler Gott
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Ben ist im Sommer 1972 elf Jahre und hat gerade seinen Bruder Jonas verloren. Er war dabei als Jonas im Schwimmbad anfing zu krampfen und wenige Tage später im Krankenhaus verstarb. Ben glaubt, dass Gott ...

Ben ist im Sommer 1972 elf Jahre und hat gerade seinen Bruder Jonas verloren. Er war dabei als Jonas im Schwimmbad anfing zu krampfen und wenige Tage später im Krankenhaus verstarb. Ben glaubt, dass Gott keine Lust dazu hat seine Macht über die Menschen auszuüben und Freude daran findet Brüder durch den Tod zu trennen. Im Debütroman „Ein fauler Gott“ von Stefan Lohse ist das eine der unbefangenen Ansichten des Protagonisten Ben. Aber auch der verstorbene Jonas hatte seine ganz spezielle Denkweise. So lang gestreckt wie Raketen würden die Menschen in den Himmel kommen vertraut er seinem Bruder an. Die Rakete auf dem Cover lässt sich symbolisch mit Jonas verbinden, der eine solche auf dem Krankenbett als Bild visualisiert hat.

Trotz des großen Verlusts geht das Leben für Ben und seine geschiedene Mutter weiter. Ben besucht nach den Ferien die 5. Klasse des Gymnasiums und lernt neue Freude kennen. Neue Schulfächer fordern seine Aufmerksamkeit. Davon erzählt er auch zu Hause und bietet damit seiner Mutter ein wenig Abwechslung in ihrer Einsamkeit. Wie die meisten Frauen zur damaligen Zeit übt sie ihren Beruf als Fremdsprachenkorrespondenten nicht mehr aus. Es bleibt ihr genug Zeit sich in ihrem Schmerz immer tiefer zu versinken. Gegenüber Ben versucht sie Normalität zu leben, zum Weinen geht sie in ihr Schlafzimmer und lässt sich von der Wärme ihrer Heizdecke in ihrem Kummer umfangen.

Stefan Lohse schildert die Geschichte als auktorialer Erzähler in einem schlichten Stil. Er lässt sich auf Augenhöhe eines Heranwachsenden nieder und fängt damit die sorglose Kindheit umso deutlicher ein. Der Autor ist Anfang der 1970er in etwa im gleichen Alter gewesen wie Ben und auch ich habe diese Zeit entsprechend erlebt. Die Themen über die Ben sich mit seinen Freunden ausgetauscht hat, egal ob über Film, Fernsehen, Bücher oder Musik waren mir nur allzu bekannt und immer wieder tauchten dadurch meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit auf. In den Dialogen, die er mit seinen Freunden führt, geht es um typische Sorgen und Probleme von Fünftklässlern und gerne bin ich mit Ben wieder in dieses Alter eingetaucht.

Wenn Ben nach Hause kommt findet er seine Mutter vor, die vor Trauer wie gelähmt ist und dadurch den Haushalt manchmal vernachlässigt. Ihre Gedanken kreisen um das Wie und Warum, doch Antworten findet sie nicht. Ihr geschiedener Mann ist längst wieder verheiratet und wohnt in Frankfurt, von ihm erfährt sie keinen Trost. Ihre Sorge um Ben ist seit dem Tod von Jonas gewachsen, denn sie möchte ihn nicht auch noch verlieren. Leider fehlte mir durch den Erzählstil die direkte Nähe zu ihrer Person. Das, was sie am Ende des Buchs als Lösung für sich und Ben geplant hat fand ich aus der Erfahrung heraus eher unglaubwürdig.

Ben schafft sich mit seiner Fantasie eigene Weltne in die er stundenweise versinken kann. Letztlich lässt er sogar seiner Mutter Einblick in sein Spiel nehmen und nach Wunsch daran teilnehmen. Obwohl „Ein fauler Gott“ eigentlich ein zutiefst trauriges Buch über den Tod eines Jungen ist, legt sich mit Bens unerschrockener Art der eigenen Sicht auf viele Dinge ein dicker Film Vergnügen über das Leid und rückt Freundschaft und Zusammenhalt in den Vordergrund. Lässt sich auch die Wunde des Verlusts nicht mehr heilen, so zeigt Ben dem Leser und seiner Mutter, dass eine optimistisch gedachte Zukunft für die Zurückgebliebenen möglich ist.

Das warmherzig erzählte Schicksal von Bens Familie konnte mich berühren und ließ mich dennoch aufgrund von Bens Einfällen und dem Schwelgen in eigenen Erinnerungen an die damalige Zeit nicht traurig werden; ein Buch, dass ich gerne weiterempfehle.

Veröffentlicht am 20.04.2017

Realistische Umsetzung einer fiktiven Auswanderung von Kamerun in die USA

Das geträumte Land
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Für das aus Kamerun stammende Ehepaar Jende und Neni Jonga ist die USA das Land ihrer Träume. In dem entsprechend betitelten Debütroman „Das geträumte Land“ von Imbolo Mbue suchen sie nach einem Weg, dort ...

Für das aus Kamerun stammende Ehepaar Jende und Neni Jonga ist die USA das Land ihrer Träume. In dem entsprechend betitelten Debütroman „Das geträumte Land“ von Imbolo Mbue suchen sie nach einem Weg, dort Asyl zu erhalten um dann in den Besitz von Arbeitspapieren zu kommen, damit sie legal im Land bleiben dürfen. Im Cover sind die Farben der Flagge Kameruns wiederzufinden. So wie die traditionelle farbenfrohe Kleidung der Kameruner fällt das Titelbild dem Betrachter sofort ins Auge. Doch symbolisch hat sich New York in Form von Wolkenkratzern und Freiheitsstatue aus Holz entsprechend des großen Wunschs der Jongas in den Vordergrund gespielt.

Es ist das Jahr 2008 und Jende ist bereits seit drei Jahren in New York. Vor achtzehn Monaten konnten auch Neni und sein Sohn Liomi einreisen. Gemeinsam wohnen sie in einer bescheidenen Wohnung in Harlem. Er arbeitet für einen Taxidienst und erhält eines Tages durch Beziehungen die Möglichkeit für Clark Edwards und seiner Familie als Chauffeur zu arbeiten und dessen Familienmitglieder. Clark Edwards ist Manager der Investmentbank Lehman Brothers. Diese Position als Fahrer ist gut bezahlt und Jende benötigt das Geld dringend, denn neben dem Lebensunterhalt für seine kleine Familie möchte er Neni ihren Traum erfüllen, Apothekerin zu werden. Neni arbeitet stundenweise als Pflegerin für ältere Personen. Durch Familie Edwards erhält sie die Chance in deren Ferienhaus auszuhelfen und so noch zusätzlich einiges zu verdienen. Die Erfüllung der Wünsche rückt in greifbare Nähe, doch dann muss Lehman Brothers im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden. Beide Familien, die Jongas und die Edwards, haben mit den Konsequenzen zu kämpfen. Wird es eine Zukunft für Jende und Neni in den USA geben?

Neni stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Limbe/Kamerun. Jendes Familie ist nicht so gutsituiert und seine Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstiegs sind gering, weil unsichtbar gezogene Standesgrenzen das verhindern. Nenis Vater hat seine Erlaubnis für die Ehe verweigert. Das junge Paar ist seiner jeweiligen Familie und den geltenden kamerunischen ungeschriebenen Gesetzen so verbunden, dass es sich nicht spürbar dagegen auflehnt. Ein Cousin von Jende schafft den Sprung nach Amerika ins „Land der Unbegrenzten Möglichkeiten“. Jende leiht sich das Geld von ihm für seinen eigenen Start. Jende begleitet auf seinem Weg in die USA auch die Hoffnung seiner ganzen Familie auf Unterstützung. Die Sorgen seiner Verwandten, denen er sobald wie möglich Unterstützung für medizinische Hilfe, Renovierungen und anderes zukommen lässt stellt er regelmäßig vor die Erfüllung seiner eigenen Träume für die er mühsam sein Geld zusammenträgt. Je nachdem wie viel die Familie in Kamerun benötiget wächst und sinkt sein Vermögen und damit auch sein Budget, einen ordentlichen Anwalt zu bezahlen der sich für seinen weiteren Aufenthalt einsetzt.

Neni machte auf mich zunächst einen selbstbewussten Eindruck, sie hatte ein großes Ziel für sich vor Augen und schaffte es trotz Kind und Haushalt für ihr Studium zu lernen. Doch Jende trifft als Oberhaupt seiner kleinen Familie für Neni wichtige Entscheidungen die deren Zukunft beeinflussen und Neni ordnet sich dieser Ordnung unter, so wie sie es von Geburt an gewohnt ist. Obwohl also beide US-Amerikaner werden möchten bleiben sie doch in ihren Herzen Afrikaner. Für mich stellte sich daher von Beginn an die Frage, ob sie die Assimilation im fremden Land schaffen können.

Clark und Cindy Edwards leben den amerikanischen Traum. Cindy stammt aus einfachen Verhältnissen und führt jetzt an der Seite ihres Ehemanns ein sorgloses Leben. Dadurch hat sie für die Wünsche der Jongas ein gewisses Verständnis, dass aber dann aufzuhören schien als ihr eigenes Budget durch die Krise eingeschränkt wurde. Die Edwards haben gemeinsam bereits einige Sorgen geteilt. Allein durch ihr Vermögen gelingt es beiden nicht, ein wunschlos glücklich zu sein. Der ältere Sohn Vince soll in die Fußstapfen seines Vaters treten, doch er rebelliert und geht seinem eigenen Traum, im Ausland zu leben, nach. Für Cindy bricht mit Vince eine wichtige Bezugsperson in ihrer unmittelbaren Nähe weg. Ihr eigenes erhofftes und gelebtes Leben erhält deutliche Risse.

Für mich als Leser war es interessant am Alltagsleben der beiden Familien in New York teilhaben zu können. Imbole Mbue erzählt aus einer auktorialen Sichtweise. Die Probleme und Sorgen der einzelnen Personen beschreibt sie einfühlsam und wirklichkeitsnah. Mit und mit erfuhr ich durch Erinnerungen immer mehr über die Vergangenheit von Jende und Neni sowie Clark und Cindy. Das Leben in Kamerun mit den geltenden Konventionen war mir bisher unbekannt. Es war für mich schwierig, mit den Protagonisten zu sympathisieren, weil jede ihr Schwächen hatte. Vor allem Neni erschien mir letztlich arglos in Bezug auf die Umsetzung ihres Berufswunschs, der durch die frühe sorglose Liebe zu Jende zunächst unerreichbar wurde.

Imbolo Mbue vermittelte mir mit ihrem Roman ein realistisches Beispiel für die Auswanderung einer kamerunischen Familie und deren Versuch in den USA eingebürgert zu werden. Auch die Geschichte des Managers Clark Edwards und seiner Familie konnte ich gut nachvollziehen. Mir hat das Buch unterhaltsame Stunden bereitet und daher empfehle ich es gerne weiter.

Veröffentlicht am 17.04.2017

Ungewöhnliche Liebesgeschichte mit mutiger Protagonistin

Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden
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Der Titel des Buchs „Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden“ von Emily Barr ist für die 17-jährige Protagonistin Flora Banks Programm, denn in ihrem 10. Lebensjahr hat eine anterograde Amnesie, ...

Der Titel des Buchs „Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden“ von Emily Barr ist für die 17-jährige Protagonistin Flora Banks Programm, denn in ihrem 10. Lebensjahr hat eine anterograde Amnesie, die durch ein Ereignis eingetreten ist bei dem ihr Gehirn so geschädigt wurde, dass sie alltägliche Dinge spätestens beim Aufwachen wieder vergessen hat. Manches kann sie sich sogar nur für Stunden merken. Wer das wunderschön gestaltete Cover mit seinen Ranken und der glänzenden erhabenen Schrift anschaut, wundert sich über einen Elch in der Mitte links und ein Flugzeug auf der rechten Seite. Sie stehen symbolisch für das Abenteuer, das Flora in diesem YA-Roman erlebt und dabei über sich selbst hinauswächst.

Alles, was sich vor der Amnesie ereignet hat, vergisst Flora nicht. Für die Sachen, die sie im täglichen Leben wissen muss, beschreibt sie ihre Arme und Hände, Zettel und Notizbücher, manchmal macht sie ein Foto mit ihrem Handy. Sie hat es wirklich nicht einfach; so zu leben wünscht man sich nicht. Doch dann hat sie nach einer Party ein neues, nie dagewesenes Erlebnis. Sie wird von dem 19-jährigen Drake in einer romantischen Situation geküsst. Und es passiert für sie das Unmögliche: sie kann sich am nächsten Tag daran erinnern! Auch an das Gespräch mit ihm. Doch Drake hat sich gerade von ihrer besten Freundin getrennt und wird zukünftig auf Spitzbergen/Norwegen studieren. Als ihr in Paris lebender Bruder dringend die Hilfe ihrer Eltern benötigt und sie allein zu Hause bleibt, sieht sie endlich die Chance aus dem ihr von ihren Eltern gesetzten Rahmen auszubrechen und alleine zu entscheiden, was sie tun und lassen möchte. Der Kuss lässt sie nicht ruhen und sie beschließt, Drake zu suchen.

Die 17-jährige Flora verharrt wissensmäßig auf dem Stand einer 10-Jährigen. Jede neue Erkenntnis, jede neue Erfahrung ist bereits nach wenigen Stunden nicht mehr abrufbar. Sie legt sich ihre Notizen sichtbar hin, um daran erinnert zu werden, dass es diese gibt. Eigentlich müsste sie stundenlang darüber nachlesen, was sie in den letzten Jahren gelernt und erlebt hat. Das geht natürlich nicht und so beschränkt sie sich auf das Wesentliche. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. So konnte ich durch die etlichen Wiederholungen, die Flora jeden Tag durchliest, um sich ihr Wissen mühsam erneut zu erarbeiten ein wenig davon ahnen, wie schrecklich es für sie jedes Mal sein muss, ihr Umfeld neu kennen zu lernen. Und dennoch konnte ich es kaum nachzuvollziehen, denn an das, was mich bereits anfing zu langweilen, konnte Flora sich ja jedes Mal nicht erinnern.

Flora kleidet sich meistens wie ein Kind und äußert sich entsprechend, ihr Tun wirkt auf andere häufig befremdlich. Sie selbst ist sich dessen bewusst und nichts liegt ihr mehr am Herzen als so zu sein wie Gleichaltrige. Im Buch wird ihre Pubertät nicht thematisiert, doch ihre Reize bleiben nicht verborgen und es prickelt und kribbelt in ihr als sie mit Drake allein ist. Von Drake geht für sie keine Gefahr aus, denn sie hat festgestellt, dass er sie schon eine Weile kennen muss. Weil sie sich am nächsten Tag auch an das Gespräch mit ihm erinnert sieht sie die Möglichkeit, dass sie sich an noch mehr erinnern wird und ihr Leben sich demzufolge ändert. Diese Chance ist es ihr Wert, ihn zu suchen um die Beziehung fortzusetzen, weil sie ihn für ihren Glückritter hält.

Die Autorin stellt die Liebesromanze zwischen Flora und Drake bei ihrer Erzählung in den Vordergrund. Dahinter zurück tritt das Verhältnis von Flora zu ihren Eltern, die bewusst das Verhalten ihrer Tochter in den vergangenen Jahren nach eigenem Willen geleitet haben. Für mich war es schwierig, trotz der Probleme der Mutter, dafür Verständnis aufzubringen. Flora hätte sicher durch weiteren Zugang zu sozialen Medien mehr Möglichkeiten gehabt, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. Zum Glück hat sie ihre Freundin Paige, die sie seit dem Kindergarten kennt. Aber auch in diese Freundschaft mischt sich ein Erwachsener ein. Floras ganz großer Rückhalt ist ihr Bruder, erst zum Ende des Buchs begreift sie und damit auch ich als Leser welche große Rolle er seit der Erkrankung für sie gespielt hat.

„Sei mutig“ liest Flora jeden Tag eintätowiert auf ihrer Hand. Wie wichtig der Mut für sie ist, um eingefahrene Gleise zu durchbrechen und Grenzen zu überschreiten liest man in dieser Geschichte. Emily Barr erzählt sehr emotional und neben der Faszination für die Kraft, die Flora aufbringt um mit ihrer Einschränkung zu leben, war ich gespannt darauf, ob es ihr gelingen wird, Drake in Spitzbergen zu finden und ob er sie wirklich liebt. Das Ende konnte manche meiner offenen Frage beantworten und ließ mich erneut staunen, was alles in Flora steckt.

„Jeder Tag kann der Schönste n deinem Leben werden“ ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer beherzten Protagonistin, die mir sympathisch wurde. Der Autorin ist es gelungen, einige Charaktere so zu zeichnen, dass man bis zum Schluss nicht weiß, ob sie es gut mit Flora meinen oder nicht. Ich habe Flora gerne auf ihrer Reise begleitet, die für mich gefühlsmäßig ein Abenteuer war. Gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.