"22 Bahnen" von Caroline Wahl – Mein Lese-Highlight des Sommers 2026
22 BahnenTilda führt ein Leben, das penibel durchgetaktet ist, um das Chaos um sie herum zu bändigen: Studium, Job an der Supermarktkasse, die Verantwortung für ihre kleine Schwester Ida – und die ständige Sorge ...
Tilda führt ein Leben, das penibel durchgetaktet ist, um das Chaos um sie herum zu bändigen: Studium, Job an der Supermarktkasse, die Verantwortung für ihre kleine Schwester Ida – und die ständige Sorge wegen der alkoholkranken Mutter, die das Leben der kleinen Familie unberechenbar macht. Tildas einziger Zufluchtsort sind die exakt 22 Bahnen, die sie jeden Tag im Freibad schwimmt. Als eine große Chance in Berlin winkt und gleichzeitig Viktor, ein Bekannter aus der Vergangenheit, im Freibad auftaucht, gerät Tildas mühsam aufrechterhaltenes Gleichgewicht ins Wanken. Sie muss sich fragen, wie viel sie opfern darf und kann, um ihr eigenes Leben zu leben.
Meine Meinung: Eine große, positive Überraschung
Ich muss ehrlich gestehen: Nach meiner sehr durchwachsenen Erfahrung mit Wahls Buch Die Assistentin hätte ich zu diesem Roman wohl freiwillig nie gegriffen. Zu tief saß die Skepsis gegenüber dem sperrigen Stil, der Die Assistentin kennzeichnet und für mich zur Herausforderung machte. Was für ein Glück, dass mir dieses Buch aus dem Freundeskreis nicht nur wärmstens empfohlen, sondern auch direkt ausgeliehen wurde! 22 Bahnen hat mich komplett überrollt und ist meine absolute Überraschung des Sommers 2026.
Ein Thema, das unter die Haut geht – getragen von authentischen Figuren
Caroline Wahl widmet sich hier einem Thema, das gesellschaftlich in dieser bitteren Ausprägung kaum Raum erhält: Das Leben von Kindern in suchtbelasteten Familien. Die erdrückende Verantwortung für jüngere Geschwister, die Co-Abhängigkeit und die ständige Alarmbereitschaft gehen unter die Haut.
Dass die Geschichte so einen Sog entfaltet, liegt an den fantastisch und absolut authentisch gezeichneten Charakteren. Ob die pflichtbewusste Tilda, die sensible Ida, der unaufgeregte Viktor oder selbst die alkoholkranke Mutter – jede Figur wirkt echt, ungeschönt und tiefgründig.
Direkt, mathematisch und emotional brillant gelöst
Die Sprache ist angenehm direkt und einfach gehalten, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Ein großartiges Detail: Tilda denkt alles in Zahlen. Statt „einmal“ steht im Text konsequent „1-mal“. Was auf den ersten Blick ungewohnt wirken mag, entpuppt sich schnell als ein unglaublich authentisches Stilmittel, das Tildas inneres Bedürfnis nach Struktur und Kontrolle inmitten des familiären Chaos perfekt widerspiegelt.
Das eigentliche Meisterstück des Buches ist jedoch die Tonalität: Caroline Wahl gelingt hier der perfekte Spagat zwischen einem extrem ernsten Thema, Momenten tiefer Verzweiflung, trockenem Humor und einer sommerlichen Leichtigkeit.
Fazit
Dieses Buch hat mir unfassbar gut gefallen. Wo Die Assistentin mich noch handwerklich distanziert und angestrengt zurückließ, hat mich 22 Bahnen emotional tief berührt und von der ersten bis zur letzten Seite mitgerissen. Ein wunderschönes, wichtiges und feinfühliges Buch, das jede einzelne Empfehlung mehr als verdient hat.
Ein absolutes Herzensbuch – mein Sommer-Highlight!