Ein wahr gewordener Fiebertraum über Macht und Ohnmacht
Die AssistentinCaroline Wahls Die Assistentin ist kein Buch, das man gerne liest, das als „leichte Lektüre“ oder gar gefällig gelten kann. Es ist eine Zumutung im besten und im anstrengendsten Sinne. Die Assistentin ...
Caroline Wahls Die Assistentin ist kein Buch, das man gerne liest, das als „leichte Lektüre“ oder gar gefällig gelten kann. Es ist eine Zumutung im besten und im anstrengendsten Sinne. Die Assistentin ist ein Werk über Machtmissbrauch und dessen Opfer – ein Thema, das ich in unserer Gesellschaft als oft weggelächelt oder hinter verschlossenen (BürTüren begraben sehe.
Der Schreibstil als Spiegel der Psyche
Der Schreibstil ist zweifellos eine Herausforderung. Wahls Sätze sind mitunter quälend lang, der Text wirkt unsortiert und von Redundanzen sowie willkürlichen Zeitsprüngen durchsetzt. Mitten im Kapitel bricht die Erzählung für wenige Sätze aus, nur um dann ohne Übergang fortzufahren.
Doch genau hier liegt für mich die handwerkliche Brillanz: Dieser vermeintliche Stil ist kein Zufall. Er spiegelt den aufgewühlten, fragilen Zustand der weiblichen Hauptfigur wider. Die Form zahlt direkt auf das Gefühl des Unbequemen ein; man liest nicht nur über Charlottes Zerrissenheit, man spürt sie durch die anstrengende Textstruktur am eigenen Leib.
Der Blick hinter den Vorhang - Autorinnenperspektive
Als Caroline Wahl auf Seite 110 plötzlich in eine Meta-Perspektive wechselt, wird klar: Sie weiß ganz genau, was sie ihren Leser:innen hier zumutet, und sie spielt sehr gekonnt damit! Dieser Moment zeigt das hervorragende literarische Handwerkszeug, das hinter der scheinbaren Willkür steckt. Es ist ein spannendes, außergewöhnliches Stilmittel, das dem Buch eine zusätzliche Ebene verleiht.
Systemkritik und die Täter-Opfer-Frage
Kernstück des Romans ist die beißende Systemkritik am Beispiel von Ugo Maise, „mu“. Das Buch stellt schmerzhafte Fragen:
• Wie kann ein einzelner Mensch ungestraft so viele andere verschleißen und schikanieren?
• Warum ziehen das Umfeld und das System keine Grenzen?
Besonders stark ist die Analyse der Dynamik: Warum decken Menschen dieses Verhalten oder werden sogar zu Mittätern, indem sie untätig bleiben oder ihn sogar unterstützen? Die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen hier zusehends, was eine klare Kategorisierung fast unmöglich macht und die bittere Realität toxischer Hierarchien gekonnt abbildet.
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Mein Fazit
Die Assistentin ist ein wichtiges Buch über ein Thema, das mehr Raum braucht. Die Idee ist gut, das Handwerk dahinter vermutlich sogar exzellent. Dennoch muss ich ehrlich sagen: Mich konnte das Gesamtpaket leider nicht überzeugen. Es ist ein literarisches Experiment, das die Grenze zur Unlesbarkeit für den persönlichen Geschmack streckenweise überschreitet. Wer eine klassische Erzählung sucht, wird mit diesem Roman keine Freude haben. Wer sich jedoch auf einen unbequemen, ehrlichen und systemkritischen Roman einlassen will, findet hier viel Diskussionsstoff und Anregung zum Reflektieren.