Profilbild von MEERBLICK

MEERBLICK

Lesejury Star
online

MEERBLICK ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MEERBLICK über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.10.2025

Menschliche Abgründe

Gejagt durch Brandenburg
0

Wie genau kennen wir die Menschen unseres täglichen Umfeldes, unsere Familie, unsere Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen? Können wir überhaupt jemals behaupten uns selbst zu kennen?
Richard Brandes zeigt ...

Wie genau kennen wir die Menschen unseres täglichen Umfeldes, unsere Familie, unsere Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen? Können wir überhaupt jemals behaupten uns selbst zu kennen?
Richard Brandes zeigt in seinem neusten Kriminalroman ‘Gejagt durch Brandenburg‘, dem vierten Teil mit der Kriminalhauptkommissarin Carla Stach in der Hauptrolle, eine Welt, in der nichts ist, wie es scheint. Fein und präzise zeichnet er seine Charaktere, führt sie lebensnah in einer dicht gepackten Geschichte, die durch einen modernen Sprachstil brilliert, zu jeder Zeit unterhaltend daherkommt und mit zunehmender Seitenzahl an ihrer fesselnden, packenden Wesensart gewinnt. Er beschreibt seine Protagonisten sehr umfassend, blickt tief in ihre Seelen hinein, lässt uns teilhaben an ihren Gedanken und Gefühlen. Wir erhalten ein kompaktes, farbiges Bild und glauben zu wissen und haben doch keine Ahnung was uns letztendlich erwartet.
Carla bekommt es diesmal knüppeldick. Nicht nur in ihrem Job muss sie einstecken, diesem unkollegialen Fiesling ihre ureigenste Ermittlungsarbeit überlassen, weil ihr Stiefsohn in einen Mordfall involviert ist, nein sie kämpft auch privat ihren schwersten Kampf. Sie macht Fehler, wirkt untypischer Weise unkonzentriert, kämpft mit unglaublichem emotionalem Kraftaufwand dagegen an und geht als starke Frau immer strikt geradeaus, verfolgt ihr Ziel. Ob sie auch als strahlende Siegerin hervorgeht, bleibt dahingestellt. Das Leben ist manchmal ungerecht und verwirrend, doch Carla Stach sucht sich ihren ganz persönlichen, ihr passenden Weg, wenn er auch steinig ist.
Mir hat der Kriminalroman sehr gut gefallen, weil er den Menschen mit seinen Schwächen aber auch Stärken darstellt, ohne zu werten und Möglichkeiten aufzeigt, zukünftig mit mehr Achtsamkeit in eine erfülltere Zukunft zu gehen.
Gern gebe ich hier meine Leseempfehlung allen, die gern tiefer blicken in die menschliche Psyche und gleichzeitig gut unterhalten werden möchten durch kriminalistische Aufklärungsarbeit und durch Familiengeschichten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.09.2025

Verdrängte Wirklichkeit

Madwoman
0

Clove führt ein vorbildliches Familienleben. Sie achtet auf eine gesunde Ernährung mit ausschließlich gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen, die einen sehr ausgeprägten, bestimmenden Charakter in ihrem ...

Clove führt ein vorbildliches Familienleben. Sie achtet auf eine gesunde Ernährung mit ausschließlich gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen, die einen sehr ausgeprägten, bestimmenden Charakter in ihrem Alltag annehmen. In der Phase des Abstillens ihres dreijährigen Sohnes scheint sie in eine leichte Überforderung zu geraten, die ihre Ausgeglichenheit ins Wanken zu bringen scheint. Die Betreuung ihrer beiden Kinder, sie hat gemeinsam mit ihrem verständnisvollen, treusorgenden Ehemann noch eine siebenjährige Tochter, versetzt sie an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und ihr Nervenkostüm in mächtige Anspannung. Sie besitzt eine falsche Identität, die sie vor ihrer Vergangenheit schützen soll, einer Vergangenheit, in der familiäre Gewalt, Alkoholsucht, Co-Abhängigkeit die alles bestimmende Themen waren. Ein Brief aus dem Gefängnis stellt für sie eine dramatische Bedrohung dar, die ihre heile Welt in ein unüberschaubares Chaos stürzen könnte. Verzweifelt sucht sie nach einem rettenden Anker, einer Person, die sie versteht und der sie Vertrauen schenken kann, um ihren Ballast loszuwerden, um eine Stütze in diesen schwierigen Tagen zu haben.
Chelsea Bieker greift in ihrem Roman ‘Madwoman‘ eine äußerst schwierige, herausfordernde Thematik auf, welche in unserer modernen Gesellschaft leider als traurige Wahrheit kein Einzelfall darstellt. Gewalt in der Familie, Missbrauch von Alkohol und daraus entstehende psychische Spannungen brauchen unsere Aufmerksamkeit und ein verantwortungsbewusstes Handeln. Die Autorin lässt ihre Protagonistin aus ihrem Leben erzählen. Dabei schweifen ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit ab und halten Zwiesprache mit der Mutter, die nicht nur Opfer, sondern auch durch ihre Passivität zum Täter wird, die ihre Verantwortung gegenüber ihrem Kind nicht wahrnehmen kann, um ihm ein geordnetes, soziales Leben zu bieten.
Ein gewaltiger Roman, der sehr intensiv geschrieben ist aber auch bedrückende Gefühle hinterlässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.09.2025

Aushalten als schmerzliche Erfahrung

Bittersüß
0

In Hattie Williams Roman ‘Bittersüß‘ lernen wir Charlie kennen, eine junge, attraktive Frau, die das Leben noch vor sich hat. Sie arbeitet in dem angesehenen Londoner Verlag ‘Winden & Shane‘ als Presseassistentin. ...

In Hattie Williams Roman ‘Bittersüß‘ lernen wir Charlie kennen, eine junge, attraktive Frau, die das Leben noch vor sich hat. Sie arbeitet in dem angesehenen Londoner Verlag ‘Winden & Shane‘ als Presseassistentin. Ihr Job ist stressig nicht nur durch endlose Überstunden, schlecht bezahlt und dennoch ist ein Traum für sie wahr geworden. Als sie dann ganz zufällig auf den großen, Mitte fünfzig jährigen Erfolgsautor Richard Aveling bei einer Zigarettenpause trifft und sogar ein paar Worte mit ihrem Idol wechselt, gerät sie in einen Strudel der Glückseligkeit. Aber damit nicht genug. Es entspannt sich eine toxische Beziehung zwischen beiden mit unglaublich dramatischen Folgen. Ihre Freunde Ophelia und Eddy können sie nicht vor diesem so bittersüßen Erlebnis bewahren.
Die Autorin lässt ihre Hauptfigur Charlie aus ihrem Alltag selbst berichten. Dabei schweifen ihre Gedanken immer wieder zu ihrer Mutter ab, die sie in jungen Jahren verlor und damit auch den Boden unter den Füßen. Nur die Einnahme von Antidepressiva helfen ihr zu überleben. Gefühle des Übersehen Werdens, des Alleinseins, des Innehabens einer Außenseiterposition prägen das Leben der Protagonistin. Immer wieder glaubt sie Enttäuschungen und schmerzliche Tatsachen aushalten zu müssen. Dabei verschiebt sich die Wahrnehmung ihrer Realität.
Der Roman setzt sich mit Co-Abhängigkeit, Alkoholismus, patriarchischen Machtgehabe aber auch mit den Werten echter Freundschaft und verantwortlichen Vaterbewusstsein auseinander. Der Roman brilliert letztendlich damit, dass es Menschen gibt, die nicht wegschauen, die sich verantwortlich fühlen und uneigennützig Hilfe leisten – großartig.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.09.2025

Folgen eines mittelalterlichen Thronstreits

Das Lied des Vogelhändlers
0

Ralf H. Dorweiler entführt uns in seinem Historischen Roman ‘Das Lied des Vogelhändlers‘ in das Ende des zwölften und in das beginnende dreizehnte Jahrhundert. Wir lernen den Vogelhändler Wigbert kennen. ...

Ralf H. Dorweiler entführt uns in seinem Historischen Roman ‘Das Lied des Vogelhändlers‘ in das Ende des zwölften und in das beginnende dreizehnte Jahrhundert. Wir lernen den Vogelhändler Wigbert kennen. Ein menschfreundlicher Zeitgenosse, der Wagemut beweist, wenn er seine Vögel erbeutet, ein Objekt der Begierde bei den feinen Damen des Geldadels. Sein Mündel Almut, welches er bei seinen Streifzügen durch die Wälder mutterseelenallein aufgefunden hat und deren er sich fürsorglich angenommen hat, begleitet ihn, geht ihm hilfreich zur Hand. Ihre Sprache ist eine ganz besondere. Sie verständigt sich mit Vogelpfiffen. Während eines Turniers der Söhne des Markgrafen von Baden treffen sie auf Franziska von Hellerau, die einen weiten Weg hinter sich gebracht hat, um hier ihr Begehren vorzutragen. Sie hatte den vor einem Jahrzehnt stattfindenden Kreuzzug Barbarossas begleitet und bei der Gelegenheit den Markgrafen von Baden persönlich kennengelernt. Beide verbindet ein gemeinsames Schicksal.
Die Geschichte entwickelt sich Seite um Seite mit einem angenehmen Lesefluss in einem angenehmen Schreibstil. Ich konnte immer tiefer in das Geschehen, welches sehr lebendig und lebensnah niedergeschrieben ist, eintauchen. Das mittelalterliche Flair, die mit vielen Gefahren verbundene Lebensart der einfachen Menschen, der durch ein stark hierarchisches Denken ausgeprägte Umgang miteinander, der große Kampfeswille im Glaubenskrieg und das intrigante Gerangel um den Herrschersitz sind bildhaft in Szene gesetzt, vermitteln geschichtliche Ereignisse fiktional verarbeitet. Hier kommt auch Walther von der Vogelweide, geschickt eingebaut, ins Spiel. Besonders hervorzuheben sind die wunderschönen Kapitelüberschriften mit einem Bezug zu einer besonderen Vogelart, die wiederum den weiteren Verlauf der Geschichte prägen.
Wer sich gern in der Welt des Mittelalters aufhält und sich von einer spannenden, wirklich fesselnden, mit immer wieder überraschendem Verlauf und schließlich einem sich immer mehr zuspitzenden dramatischen Ende einfangen lassen möchte, wird hier ein besonderes Lesevergnügen finden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.09.2025

Südkoreanischer Magie

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei
0

Die südkoreanische Schriftstellerin Lee Onhwa setzt sich in ihrem Roman ‘Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei‘ mit dem Ahnenkult ihres Landes auseinander. Unabhängig von der religiösen Orientierung ...

Die südkoreanische Schriftstellerin Lee Onhwa setzt sich in ihrem Roman ‘Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei‘ mit dem Ahnenkult ihres Landes auseinander. Unabhängig von der religiösen Orientierung begleiten viele Koreaner ihre verstorbenen Angehörigen durch konfuzianische Zeremonien in ein friedvolles Jenseits. Dabei spielen auch spezielle Lebensmittel als Gabe auf den Weg eine große Rolle.
In ihrem Roman setzt sich die Autorin mit diesen Bräuchen auseinander und webt daraus eine unterhaltsame, magische Geschichte. Ihre Protagonistin Yeonhwa, eine junge Frau in den Zwanzigern, erbt von ihrer Großmutter eine Konditorei mit besonderen Aufgaben. Als Bedingung muss sie einen Monat lang ihren Kunden zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht Wünsche erfüllen, die mit einem speziellen Zuckerwerk verbunden sind. Der Großhändler Sawohl und eine schwarze Katze stehen ihr dabei helfend zur Seite. Beide spielen eine Schlüsselrolle im späteren schrittweisen Verständnis der Handlung. Yeonhwa taucht mit jedem Tag tiefer ein in die ihr gestellte Aufgabe, lernt Schicksale Verstobener kennen und wertzuschätzen, leistet ihnen uneigennützig Hilfe bei der Erfüllung von Herzenswünschen.
Feinfühlig geführt und mit einer poetischen Feder geschrieben, taucht der Leser in eine Geschichte ein, die eine Kultur beschreibt, welche fremdartig für unser westlich geprägtes kulturelles Empfinden erscheint. Auf unterhaltsame Art lernt man jedoch zu verstehen, wie wichtig den Menschen in Südkorea ihr Ahnenkult ist. Abschließend gelingt es Lee Onhwa eine gekonnte Verbindung zwischen uralter Tradition und modernem Leben zu gestalten, was mir sehr gut gefallen hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere