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Veröffentlicht am 14.07.2025

Wo ist Julie?

Himmelerdenblau
1

Julie Novak ist vor 20 Jahren aus ihrem Elternhaus verschwunden. Eine Lösegeldforderung gab es zwar, aber die Übergabe fand nie statt. Ihr Vater war zu der Zeit ein erfolgreicher Herzchirurg, ihre Mutter ...

Julie Novak ist vor 20 Jahren aus ihrem Elternhaus verschwunden. Eine Lösegeldforderung gab es zwar, aber die Übergabe fand nie statt. Ihr Vater war zu der Zeit ein erfolgreicher Herzchirurg, ihre Mutter ist mittlerweile tot. Julies zwei Jahre jüngere Schwester Sophia kümmert sich um ihren Vater, der mehr und mehr ins Vergessen abgleitet, er hat aber auch klare Momente. Noch kann er alleine leben in seiner kleinen Wohnung, das ehemalige, luxuriöse Familienanwesen jedoch kann er sich nicht mehr leisten.

Zwei Themen sind es, die hier im Vordergrund stehen. Zum einen ist es die Demenz des heute 74jährigen Theo Novak und dann ist es die Ungewissheit um das Schicksal der damals 16jährigen Julie. Hier kommen Liv und Phil ins Spiel, die beiden Podcaster mit ihrem erfolgreichen Kanal twocrime15, die den Fall wieder aufgreifen. Die Konkurrenz ist groß, sie brauchen Klicks, ihre Hörerquoten ermöglichen ihnen ein gutes Leben. Er hat ein Händchen dafür, interessante Cold Cases aufzuspüren, Liv übernimmt die Recherchearbeit. Sie sucht Theos Nähe und bald ist sie es, die ihn anspornt, mit ihr tief in die Vergangenheit einzutauchen. Dabei blitzt immer wieder ein Name auf…

„Himmelerdenblau“ wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei in der ersten Hälfte des Buches Theos Demenz in einer Ausführlichkeit hervorsticht, die doch einiges an Durchhaltevermögen einfordert. Mit Liv und auch Phil, zwei ganz und gar unterschiedliche Charaktere, werfe ich einen Blick hinter die Kulissen der Podcast-Szene, die mitunter reißerisch daherkommt. Und da ist Daniel und dessen Leben, das viel preisgibt und doch Entscheidendes zurückhält. Er ist nicht einzuschätzen, auch kann ich eine andere, immer wiederkehrende Stimme nicht zuordnen, auch wenn ich zwischendurch meine, es doch zu können.

Romy Hausmann treibt nach dem zähen Anfang die Story voran. Und wie. Keiner ihrer Charaktere ist greifbar, die Grundstimmung durchgehend bedrückend, ja deprimierend. Sie fesselt auf ganzer Linie, führt in nie geahnte Abgründe, ihre raffiniert konstruierte Story und perfekt inszenierte Suche nach Julie ist ein Psychothriller vom Feinsten.

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Veröffentlicht am 11.07.2025

Auf Annas Spuren

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Henning Sußebach begibt sich auf die Spuren von Anna, seiner Urgroßmutter. Er hat sie nicht persönlich gekannt, auch in seiner Familie gibt es keinen mehr, der ihr begegnet ist. Und doch erzählt er ihre ...

Henning Sußebach begibt sich auf die Spuren von Anna, seiner Urgroßmutter. Er hat sie nicht persönlich gekannt, auch in seiner Familie gibt es keinen mehr, der ihr begegnet ist. Und doch erzählt er ihre Geschichte, soweit ihm dies möglich ist. Denn so oder so ähnlich könnte es gewesen sein, wie Annas Leben war - einige Fotos und wenige Dinge aus ihrem Nachlass sind immerhin noch vorhanden, auch spricht die Zeit, in der sie gelebt hat, ihre eigene Sprache. Und so ergibt sich ein Bild von ihr, eine Familiengeschichte, eingebettet in die damalige Zeit. Denn so wird ihr Leben greif- und begreifbar.

Dabei wählt er eine sehr ungewöhnliche Form des Erzählens, er blickt zurück auf eine Zeit, die uns heute fremd ist. Anna war gerade mal zwanzig Jahre alt, als sie die Stelle als Dorfschullehrerin antritt, wir sind im Jahre 1887. Mit ihr steigen wir den Berg hinauf zur Schule, wir sind im tiefsten Sauerland, im Dorf Cobbenrode. Nun, Anna war da noch nicht mal großjährig, als Lehrerin war sie bis zur Volljährigkeit eine rechtlose Instanz, wie der Autor bemerkt. In diesem Jahr erfolgt die Grundsteinlegung für den Nord-Ostsee-Kanal durch Kaiser Wilhelm I., die Arbeiten zum Eiffelturm beginnen, das Grammophon wird erfunden und noch vieles anderes mehr.

Der Erzählstil ist eher distanziert, Sußebach dichtet ihr kein fiktives Leben an, er bleibt bei den Fakten, dabei spiegelt er das Politische, das Kulturelle, das Wirtschaftliche ihrer Zeit wider. Es ist das Zeitalter der Erfindungen, egal ob Fahrrad, Automobil, Radio, Telefon, um nur einiges zu nennen, er flicht dies alles sehr gekonnt mit ein. So entsteht neben Annas bewegtem Leben ein gutes Gesamtbild. Und selbstredend ist es ihr familiärer Weg, der im Vordergrund steht. Ihre große Liebe, die lange nicht öffentlich gelebt werden konnte, ihre Ehemänner, ihre Kinder – all dies ist gut lesbar aufbereitet, es ist ein kurzweiliges Porträt einer bemerkenswerten Frau entstanden.

Anfangs sinniert Annas Urenkel von dem Menschen an sich, der zweimal stirbt. Einmal biologisch und dann endgültig, wenn er vergessen ist. Diesem Gedanken kann ich gut folgen – es ist der Lauf der Zeit.

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Veröffentlicht am 11.07.2025

Das Leben ist nicht immer fair

Zeit der Pfingstrosen
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Als die Rose ohne Dornen wird Paeonia, die Pfingstrose, gerne bezeichnet. Ihr gebührt in Claudia Romes neuestem Roman „Zeit der Pfingstrosen“ ein ganz besonderer Platz. Sie erzählt eine bittersüße Liebesgeschichte, ...

Als die Rose ohne Dornen wird Paeonia, die Pfingstrose, gerne bezeichnet. Ihr gebührt in Claudia Romes neuestem Roman „Zeit der Pfingstrosen“ ein ganz besonderer Platz. Sie erzählt eine bittersüße Liebesgeschichte, die ihren Anfang kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hat.

ich lerne den 96jährigen Jeff Craig kennen, der an Demenz erkrankt ist und eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung braucht. Sein Großneffe Aiden sucht für ihn eine Betreuerin, die auf Jeffs Farm wohnen kann. Momentan ist Aiden es, der sich liebevoll um seinen Onkel kümmert, denn Jeff hat schon etliche Betreuerinnen vergrault und nun hofft Aiden, dass es mit Katy McConnell besser klappt. Nun, Katy zieht mit ihrer 10jährigen Tochter Mabel ein, beide haben sie auch mit Anfeindungen und Vorurteilen der Leute hier zu kämpfen. Nur gut, dass Aiden immer da ist, wenn er gebraucht wird.

Die Betreuung eines Demenzkranken ist eine Herausforderung, diese in seinem Zuhause zu organisieren fordert alle Beteiligten. Eine entsprechende Ausbildung, viel Geduld und Verständnis sind Grundvoraussetzung, um sich dieser Aufgabe zu stellen. Auch Katy kommt an ihre Grenzen, denn Jeff ist flink, er entwischt gerne mal. Es zieht ihn immer wieder in einen Blumenladen, dort ist er glücklich, dort ist er in seiner ganz eigenen Welt.

Zwei Zeitebenen wechseln sich ab. Neben der Jetzt-Zeit begegne ich Jeff im Oktober 1939, als er sich unsterblich in Roslyn verliebt und auch sie erwidert diese Liebe. Der Krieg kommt ihnen dazwischen – wird ihre Liebe diese schlimme Zeit überdauern? Mit seinem besten Freund Hamish erlebt er die Schrecken des Krieges in der Normandie und als er schließlich heimkehrt, ist auch hier alles anders als erwartet.

Der vielschichtige Roman erzählt von einer Liebe im Heute und von einer, die die Zeit überdauert. Nicht alles ist rosig, Rivalitäten und eine tief empfundene Feindschaft schwingen mit. Ich lese aber auch von ehrlichen Freundschaften, von unbedingtem Zusammenhalt und von den Kriegswirren lese ich auch. Die Charaktere sind fein gezeichnet, sie haben ihre Ecken und Kanten, regen mich extrem auf oder aber ich mag sie gerne – alles ist dabei, so wie das Leben eben ist. Auch wenn dieses Leben nicht immer fair ist, so ist es dies zuweilen doch.

Beide Zeitstränge sind interessant, beiden bin ich gerne gefolgt, wobei mich der junge Jeff noch einen Ticken mehr gepackt hat. Die Handlung ist logisch, in Teilen aber schon vorhersehbar. Was der Story an sich aber nicht schadet, sie ist in sich schlüssig. Dabei kurzweilig und lebendig erzählt.

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Veröffentlicht am 09.07.2025

Der Albtraum schlechthin

Lost in the Wild
1

Timo ist es, der diese Bergtour ausgearbeitet hat. Sie sind zu fünft, sie sind gute Freunde, sie planen nicht das erste Mal ein gemeinsames Erlebnis. Nicht jeder ist begeistert davon, ein Städtetrip wäre ...

Timo ist es, der diese Bergtour ausgearbeitet hat. Sie sind zu fünft, sie sind gute Freunde, sie planen nicht das erste Mal ein gemeinsames Erlebnis. Nicht jeder ist begeistert davon, ein Städtetrip wäre bestimmt angenehmer, aber sei´s drum. Timo, Jasper, Fabio, Khadra und Daria sind gut gerüstet, die Rucksäcke prallvoll, das Wetter jedoch sieht nicht ganz so einladend aus. Sie wandern drauflos, die erste echte Herausforderung bilden Baumstämme, die sie überwinden müssen, lediglich ein starkes Seil ist zu ihrer Sicherung in luftiger Höhe gespannt.

Schon hier hätte ich mich geweigert, wäre auf der Stelle umgekehrt. Der nicht ganz ungefährliche Weg ist plastisch beschrieben, auch die Wetterverhältnisse geben allen Grund zur Sorge. Den fünf Freunden ist als Kinder der Stadt die Bergwelt nicht vertraut, von abrupten Wetterumschwüngen haben sie noch nie gehört. Sie geraten in einen Bergrutsch – und das zu nachtschlafender Zeit. Ihre Zelte, ihre Ausrüstung und auch einer von ihnen werden mitgerissen. Sie suchen nach ihm, sind ohne Orientierung. Irgendwann dann treffen sie auf Prepper, die hier ihr Intensiv-Survivaltraining abhalten.

Ja, sie scheinen absolut verloren zu sein in dieser Wildnis. Werden sie von den Preppern Hilfe bekommen? Oder aber in ihr Survivaltraining mit einbezogen? Die Story ist durchgehend spannend, ihre Freundschaft hängt nicht nur einmal am seidenen Faden, Konflikte sind vorprogrammiert. Die komplett unterschiedlichen Charaktere sind gut ausgearbeitet. Khadra etwa, um nur eine herauszugreifen, ist WWF-Mitglied, sie ist ein Musterbeispiel für Klimaschutz, sie ist selbstverständlich Veganerin, sie vertritt auch in dieser schier ausweglosen Situation ihre Ideale. Auch in der Survivalgruppe finden sich die unterschiedlichsten Lebensanschauungen, allen voran ist es Ragnar, der diese Kurse anbietet.

Bis zuletzt ist nicht klar, ob - und wenn ja wie - sie aus dieser Wildnis herauskommen. Gebangt habe ich um (fast) alle. Und nicht nur das, immer mehr kristallisiert sich eine Ideologie heraus, die nichts Gutes bringt. Die einzelnen Figuren und auch die Story sind zuweilen überzeichnet, was diesen Albtraum jedoch noch zusätzlich unterstreicht. Mich hat das Buch nachdenklich zurückgelassen, die Spannung war durchweg da, ich hab es gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Es ist viel los im Wiener Prater

Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
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Ich gestehe, ich bin süchtig nach der Totengräber-Serie. Dieser nunmehr vierte Band führt mich direkt hinein in den Wiener Prater anno 1896.

Gleich mal huscht Marie, die schöne Squaw, vorbei und am darauffolgenden ...

Ich gestehe, ich bin süchtig nach der Totengräber-Serie. Dieser nunmehr vierte Band führt mich direkt hinein in den Wiener Prater anno 1896.

Gleich mal huscht Marie, die schöne Squaw, vorbei und am darauffolgenden Abend dann die Sensation im Ronacher – Charles Banton, der Magier aus Amerika, führt mit der „zersägten Jungfrau“ einen noch nie da gewesenen Zaubertrick vor. Doch der Trick endet in einem Desaster, die junge Frau wird tatsächlich entzweigesägt. Oberpolizeirat Stukart schickt Inspektor Erich Loibl nach Leopold von Herzfeldt, der im Stiftskeller vor einem Vierterl Wein sitzt. Die Dienstkutsche bringt die beiden Inspektoren zum Theater an der Himmelpfortgasse, unterwegs erfährt Leopold das Wesentliche zu diesem Fall.

Oliver Pötzsch führt mich diesmal in den Volks- oder Wurstelprater, der seit dem 18. Jahrhundert existiert. Er ist einer der ältesten Vergnügungsparks. 1896 waren die Attraktionen ganz andere als heute, über allem schwebt der Große Calafati. Kleinwüchsige treten auf und Bauchredner, die ersten bewegten Bilder sorgen für Aufsehen, man gondelt durch Venedig in Wien, Chinesen und andere Exoten werden bestaunt und – das Böse lauert gefühlt hinter jeder Ecke.

Julia schreibt mittlerweile für eine Zeitung, sie berichtet über die zersägte Jungfrau und nicht nur das, sie nimmt eine Anstellung im Zirkus zu Recherchezwecken an, was natürlich keiner weiß. Dabei trifft sie auf Leopold, von dem sie noch immer nicht loskommt. Dieser geht einem angeblichen Suizid nach, es verschwinden Mädchen, über diese Ermittlungsarbeit nähern sich die zwei wieder an.

Augustin Rothmayer, der Totengräber, studiert „seine“ Leichen genau, seine wissenschaftlichen Studien sind nicht jedem geheuer, er wird abwertend als Dillo oder Dodl, als Dummkopf abgetan. Dabei ist er ein schlauer Kopf. Momentan hat er mit der Konkurrenz zu kämpfen, die Pompfüneberer arbeiten mit unlauteren Methoden, der ehrliche Bestatter hat das Nachsehen. Auch sorgt er sich um Anna, seine Ziehtochter. Sie wird flügge und damit ist er komplett überfordert. Als dann Anna einen grauslichen Fund macht, ist Leopold gefragt.

Viel habe ich über den Prater und die Menschen darin erfahren, ich war im Varieté und im Zirkus, hab hinter die Kulissen geschaut, hab den Zauber der kurzen, bewegten Bilder verfolgt, daneben und dazwischen galt es, die Mordserie zu stoppen und den wahren Mörder dingfest zu machen. Und das alles im historischen Wien mit einer gehörigen Portion Wiener Schmäh, das den ganz besonderen Reiz dieser Buchreihe ausmacht. Und nun heißt es wieder warten, auch beim nächsten Fall für Leopold von Hertzfeld bin ich wieder dabei. Es war und ist Krimi-Unterhaltung vom Allerfeinsten.

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