Clever, witzig und wild: mit ihrem neuen Roman erobert Verena Keßler das Fitnessstudio literarisch und »pusht ihre Hauptfigur bis ans Limit.« (Jessica Lind)
Glänzende Spiegel, definierte Körper, legere Flirts am Tresen. Die Protagonistin in Verena Keßlers knalligem Roman liebt ihren neuen Job im MEGA GYM. Es gibt keinen Leistungsdruck, keine Überstunden, dafür liebenswerte Kolleginnen und einen Chef, der stolzer Feminist ist. Alles perfekt, wäre da nicht die klitzekleine Lüge, zu der sie sich im Einstellungsgespräch hat hinreißen lassen. Sie habe kürzlich erst entbunden, hat sie behauptet, und jetzt wollen alle Babyfotos sehen und fragen ständig nach „dem Kleinen“. Doch erst, als Bodybuilderin Vick auftaucht, wird klar, dass ein erfundenes Kind nicht das einzige Geheimnis dieser verschwiegenen Erzählerin ist. Eine Geschichte über Obsession, Ehrgeiz und die selbstzerstörerische Kehrseite schöner Oberflächen.
Ich liebe es selbst, einige Stunden meiner Freizeit im Gym zu verbringen und war neugierig auf das Werk.
Es geht um eine namenlose Ich‑Erzählerin, welche eine Stelle als Tresenkraft im ...
Meine Meinung
Ich liebe es selbst, einige Stunden meiner Freizeit im Gym zu verbringen und war neugierig auf das Werk.
Es geht um eine namenlose Ich‑Erzählerin, welche eine Stelle als Tresenkraft im Fitnessstudio „MEGA GYM“ übernimmt , obwohl sie augenscheinlich nicht in das dort erwartete Körperbild passt.
Im Vorstellungsgespräch behauptet sie, sie habe gerade ein Kind bekommen – eine Lüge, die sich im weiteren Verlauf zu einer Art Ausgangspunkt ihrer Selbstoptimierung entwickelt. Eine Lüge, die sich bis zum Schluss durchzieht, bis die Bombe platzt.
Mich hat besonders gefesselt, wie wenig über ihre Bewährung / Bewährungshelferin, ihren Exfreund und die Trennung preisgegeben wird. Ich wusste nicht sofort, welche Rolle Vergangenheit, Schuld und emotionale Konflikte im Hier und Jetzt spielen.
Im Verlauf des Romans verändert sich ihr Verhältnis zu Körper, Leistung und Anerkennung dramatisch, denn die anfänglich vermeintlich lockere Position im Fitnessstudio wandelt sich in einen Sog aus Ehrgeiz, Kontrollzwang bis hin zur Selbstzerstörung. Dabei dient das Studio nicht nur als Arbeitsort, sondern zunehmend als Metapher für eine Gesellschaft, in der Performance, Körper und Selbstbild zur Währung werden.
Sprachlich überzeugt das Buch durch Knappheit, ein hohes Tempo und eine Erzählweise, die sich kaum Pausen gönnt. Das passt zur Thematik des ständigen „Dranbleibens“, des Trainings und der Wiederholungen.
Gym ist ein relevantes, provokantes Buch, das in meiner Wahrnehmung sehr gut gelungen ist in der Darstellung einer Kultur von Körper, Leistung und Selbstoptimierung.
Über die Autorin
Verena Keßler, geboren 1988 in Hamburg, lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. Ihr Debütroman, Die Gespenster von Demmin, wurde für zahlreiche Preise nominiert und mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium ausgezeichnet. Eva ist ihr zweiter Roman.
Die namenlose Ich-Erzählerin braucht dringend einen Job und nimmt dazu auch eine klitzekleine Notlüge in Kauf, um ihren neuen Chef von sich zu überzeugen. So wird sie neue Tresenkraft im Fitnessstudio ...
Die namenlose Ich-Erzählerin braucht dringend einen Job und nimmt dazu auch eine klitzekleine Notlüge in Kauf, um ihren neuen Chef von sich zu überzeugen. So wird sie neue Tresenkraft im Fitnessstudio und kurzerhand Mutter eines Säuglings.
Was sich im ersten Moment skurril und witzig anhört, ist es auch, bis zu dem Moment, in dem die Bodybuilderin Vick im Studio auftaucht.
Denn nun erfahren wir in Rückblenden auch mehr über die Protagonistin, ihre Vergangenheit und den Grund ihrer Jobsuche.
Verena Keßler hat hier einen Roman geschrieben, der ab der ersten Seite packt und weit tiefer geht als zu Beginn gedacht. Sie hält uns den Spiegel vor, wie und was es heißt, heute Frau zu sein. Dabei spielen Vereinbarkeit von Kariere und Mutterschaft ebenso eine Rolle, wie der gesamte Bereich Köperwahrnehmung, „Idealkörper“ bis hin zum Körperkult.
Ihr Schreibstil ist amüsant, pointiert, soghaft. Innerhalb eines Tages hatte ich das Buch ausgelesen und gerade das Ende hatte es nochmal richtig in sich. Es ist in seiner Deutlichkeit krass und erschreckend, für mich aber bis zum Ende nachvollziehbar und gelungen.
Das Cover des Buches gefällt mir tatsächlich erst auf den zweiten Blick. Ich war zunächst ein bisschen irritiert, warum man diese Darstellung für einen Roman über die Arbeit in einem Fitnessstudio ein ...
Das Cover des Buches gefällt mir tatsächlich erst auf den zweiten Blick. Ich war zunächst ein bisschen irritiert, warum man diese Darstellung für einen Roman über die Arbeit in einem Fitnessstudio ein Bild von er sitzenden Person verwendet. Nachdem ich das Buch allerdings gelesen habe, finde ich die Darstellung mehr als passend und trifft das Gefühl, das das Buch vermittelt nahezu perfekt.
Die Geschichte als solche fand ich auch reizvoll: Die namenlose Erzählerin braucht unbedingt einen Job und als sie sie im Bewerbungsgespräch mit dem Eigentümer des MEGA GYM das Gefühl hat, dass sie nicht seinen Ansprüchen genügt, rutscht ihr die kleine Notlüge raus, dass sie gerade erst entbunden habe und deswegen nicht in Form sei. Ihr neuer Chef Ferhat, ganz der überzeugte Feminist, bietet ihr direkt die Möglichkeit in seinem Fitnessstudio hinter der Theke am Empfang zu arbeiten. Doch nun wollen alle Fotos von dem Baby sehen und es wird immer schwieriger, die Lüge aufrecht zu erhalten, zumal es nicht das einzige ist, wo sie nicht ganz ehrlich war.
Ich war mir nicht so richtig sicher, was ich von dem Buch erwarten sollte, schließlich ging es vor allem um eine Frau, die durch eine Lüge einen Job in einem Fitnessstudio bekommen hat. Doch das Buch hat mich überrascht, der Schreibstil hat oft einen leicht ironischen Unterton und beschreibt selbst die absurdesten Szenen in einer sehr trockenen Art, was ich immer wieder zum Schmunzeln gebracht hat. Genau das macht den Schreibstil von Verena Keßler so besonders. Ich musste mich gar nicht groß an den Schreibstil gewöhnen, sondern bin ab den ersten Seiten in das Buch eingetaucht und habe gar nicht gemerkt, wie schnell ich es durchgelesen habe.
Die Story war ebenfalls spannender, als ich zunächst erwartet hätte, weil ich mir nie sicher war, was die Protagonistin als nächstes macht. Das hat für mich den Reiz des Buches ausgemacht, es gibt immer wieder Klischees, die werden aber so überzeichnet und ins Lächerliche gezogen, das einem klar wird, dass es eben Klischees sind und nichts, was erstrebenswert wäre. Vor allem die Darstellung des Fitness-Wahns und der Obsession mit Selbstoptimierung fand ich perfekt auf den Punkt gebracht. Ich musste zwischendurch kurz pausieren und darüber nachdenken, was gerade passiert ist und wie schnell Sachen kippen können. Ich fand es faszinierend, wie perfekt eingefangen wurde, was hinter glitzernden Oberflächen steckt und wie weit man gehen kann, wenn man Sachen plötzlich nicht mehr so laufen, wie man es sich das vorgestellt hat. Dazu passte auch gut, dass man erst nach und nach mehr über die Protagonistin erfährt, aber nie ihren Namen, dadurch wirkt sie trotz ihrer Individualität fast austauschbar. Man bekommt das Gefühl, es könne jedem passieren und jeder könnte so handeln, wie sie, wenn bestimmte Parameter erfüllt sind.
Alles in allem ist das Buch eine gelungene Gesellschaftssatire, die in klaren Worten und mit viel Humor zeigt, was passiert, wenn Obsession und gesellschaftlicher Druck zu viel werden.
Das Buch beginnt mit einer Lüge. Da sie unebdingt im MEGA GYM arbeiten möchte, aber ihr Körper den Fitnessstandards nicht ganz gerecht wird, erfindet die Protagonistin eine Notlüge, um sich zu erklären. ...
Das Buch beginnt mit einer Lüge. Da sie unebdingt im MEGA GYM arbeiten möchte, aber ihr Körper den Fitnessstandards nicht ganz gerecht wird, erfindet die Protagonistin eine Notlüge, um sich zu erklären. Sie hat gerade erst entbunden. Sofort wird ihr von allen verziehen, dass sie nicht topfit aussieht, wie der Rest der Crew. Stattdessen heimst sie als "alleinerziehende Mutter" sogar Lob dafür ein, wie gut sie Job und Mutterschaft unter einen Hut bringt. Die Aufmerksamkeit tut der Protagonistin gut, auch wenn sie ihr eigentlich nicht zusteht. Das GYM wird mehr und mehr zu ihren Zuhause, bis sie eines Tages die Bodybuildnerin Vick sieht und von ihren Durchhaltevermögen und definierte definiertem Körper beeindruckt ist.
Zu Beginn des Buches wusste ich noch nicht recht, was mich wohl erwarten wird. Die Handlung hat aber rasch an Fahrt aufgenommen und es wurden immer wieder kleine Hinweise gestreut, die auf die eher düstere Vergangenheit der Protagonistin hinweisen. Was als anfangs recht harmlose unverfängliche Story beginnt, entwickelt rasch eine fesselnde Dynamik, wie eine Schneekugel, die schneller und schneller auf das Ende des Berges zurollt und sich von den Hindernissen, die sich ihr in den Weg stellen, nicht aufhalten lässt. Die Autorin greift dabei aktuelle Themen wie Mutterschaft, Schönheitsideale als auch den in Social Media derzeit so glorifizierte und gehypte Gym-Lifestyle auf. Genauso wie viele junge Menschen dreht sich auch bei der Protagonistin plötzlich alles nur mehr um das perfekte Training, das Erreichen der selbstgesetzten Fitnessziele und die tägliche Proteinzufuhr. Wobei die Autorin dies in ihren Roman überspitzt darstellt. Gewollt, wohlgemerkt. Gerade die Extreme, in die der Roman abrutscht, macht ihn so lesenswert und fesselnd. Mich hat das Buch jedenfalls geflasht und von Anfang bis Ende begeistert.
Ein hochspannender Roman, der überspitzt und gekonnt den Fitnesswahn und Gym-Lifestyle der heutigen Zeit porträtiert. Definitiv eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe!
✨ Rezension zu Gym von Verena Kessler, erschienen im Hanser Berlin Verlag
⚠️ Triggerwarnung: Das Buch thematisiert Körper- und Schönheitszwänge, Selbstoptimierung bis hin zur Selbstzerstörung, sexualisierte ...
✨ Rezension zu Gym von Verena Kessler, erschienen im Hanser Berlin Verlag
⚠️ Triggerwarnung: Das Buch thematisiert Körper- und Schönheitszwänge, Selbstoptimierung bis hin zur Selbstzerstörung, sexualisierte Kommentare, psychische Krisen sowie übergriffige Darstellungen weiblicher Körper.
📖 Inhalt (spoilerfrei): Im Zentrum von Gym steht eine Frau, die nach dem Verlust von Job und Beziehung im Fitnessstudio MEGA GYM anfängt. Ihr neuer Chef Ferhat, der sich als Feminist inszeniert, zögert zunächst, sie einzustellen, denn ihr untrainierter Körper entspricht nicht den Idealen, für die das Studio steht. Erst als sie behauptet, gerade ein Kind zur Welt gebracht zu haben, kippt die Situation, und er fühlt sich verpflichtet, ihr eine Chance zu geben. Auf dieser Notlüge gründet ihre neue Existenz, doch je länger sie im Gym arbeitet, desto schwerer fällt es ihr, das Lügenkonstrukt aufrechtzuerhalten. Inmitten der Welt aus Selbstoptimierung und Oberflächenästhetik wächst der Druck, bis alles eskaliert. Der Roman erzählt von Ehrgeiz, Obsession und der zerstörerischen Kehrseite gesellschaftlicher Erwartungen.
🖋️ Erzählstil: Kessler schreibt hemmungslos, mutig und provokant; ohne moralisches Schonprogramm. Besonders auffällig ist, wie sie mit Sprache arbeitet: Geräusche von Sportgeräten, das Schnaufen beim Training oder das metallische Klirren der Hanteln werden verschriftlicht und verleihen der Erzählung eine fast körperliche, unmittelbare Dimension. Dazwischen tauchen ironische Kommentare auf, die die Fitnesswelt entlarven und gleichzeitig den bissigen Ton des Romans prägen. Immer wieder stößt man auf die bekannten Motivationsslogans („No pain, no gain“, „The hardest part is going“, „Abs are made in the kitchen“), Phrasen, die jeder schon einmal gehört hat, werden hier so überpointiert wiederholt, dass sie wie Worthülsen wirken, die ihre Hohlheit entlarven. Der Ton ist durchzogen von Sarkasmus, so die Kommentare oder Benennungen ("Mega Gym" – allein der Name trieft schon vor Ironie). Sehr treffend ist auch der Bezug zu den sozialen Medien. Kessler spiegelt die zeitgenössische Fitness- und Ernährungskultur auf YouTube, Instagram und Co. mit erschreckender Genauigkeit: von Clickbait-Videos über Ernährungspläne bis hin zu Rabattcodes, mit denen Influencer:innen bedenkenlos und profitgierig um sich werfen. Diese Oberflächenästhetik wird so präzise wiedergegeben, dass sie zugleich hyperrealistisch und satirisch wirkt. Auch das Spiel mit den Zeiten ist kunstvoll eingesetzt: Der Roman steht überwiegend im Präteritum, was Distanz und Rückblick ermöglicht. Doch an entscheidenden Stellen,(etwa im Vorwort oder zum dramatischen Ende des zweiten Teils und im dritten Teil) bricht Kessler ins Präsens. Dadurch wird die Handlung schlagartig unmittelbarer, es verstärkt die Intensität und das Gefühl, dass die Protagonistin immer tiefer in eine Gegenwart hineinstürzt, der sie nicht mehr entkommt.
👥 Figuren: Die namenlose Protagonistin ist eine der größten Stärken dieses Romans. Dass sie keinen Namen trägt, macht sie universell; sie könnte jede Frau sein. Gleichzeitig ermöglicht es eine unmittelbare Identifikation: Man rutscht als Leserin direkt in ihre Perspektive, ohne Distanz. Sie ist rund und absolut gelungen gezeichnet: mutig, hemmungslos, moralisch entgrenzt. Mit ihrer Notlüge, frisch entbunden zu haben, führt sie alle um sich herum an der Nase herum. Diese Gewissenlosigkeit zeigt, wo sie in ihrem Leben steht: Sie ist verzweifelt, am Ende, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, weil sie scheinbar das Gefühl hat, ohnehin schon alles verloren zu haben. Ihre Haltung ist schonungslos, kalt, oft gefühllos gegenüber ihrer Mitmenschen. Nur dort, wo Konkurrenz entsteht, erwacht ihr Interesse. Nach und nach verliert sie den Bezug zur Wirklichkeit, was sie gleichzeitig faszinierend und verstörend macht. Neben ihr treten weitere starke Frauenfiguren auf: Swetlana, die Trainerin, weiß genau, wie sie ihren Körper in den sozialen Medien inszenieren muss, und tritt als klischeehafte Sport-Influencerin mit Rabattcodes auf. Ihre Nonchalance verdeutlicht, dass sie die Regeln kennt und scheut sich nicht, das System für sich zu nutzen. Vick, eine Kundin des Gyms und Profi-Bodybuilderin, bringt fünfmal die Woche extreme Höchstleistungen. Trotzdem wird sie von Männern abwertend als „Tier“ bezeichnet oder mit einem Mann verglichen – ein Paradebeispiel für die Entwertung weiblicher Stärke. Hier zeigt sich die ganze Abgründigkeit männlicher Wahrnehmung im Roman: Frauenkörper werden permanent kommentiert, abgewertet oder sexualisiert, egal ob sie den gängigen Normen entsprechen oder nicht. Und genau da reiht sich auch die Figur Ferhats ein, der sich zwar als selbsternannter Feminist inszeniert, aber in Wahrheit patriarchale Strukturen ungebrochen fortführt. Er nimmt Raum ein, schmückt sich mit oberflächlicher Gleichstellungssprache und steht damit stellvertretend für eine Sorte Männer, die Anerkennung für ihren vermeintlichen Fortschritt wollen, während sie in Wahrheit patriarchale Strukturen stabilisieren. Er übt massiven Druck auf die Protagonistin (und damit stellvertretend auf alle Mütter) aus, nach der Schwangerschaft wieder „in Form“ zu kommen. Besonders perfide ist seine Fixierung auf den Beckenboden: Er deutet an, Frauen müssten ihn unbedingt trainieren, da sie sonst beim Sex nichts mehr spüren könnten; ein übergriffiger, entwürdigender Kommentar, der zeigt, wie stark weibliche Körper selbst unter dem Deckmantel vermeintlicher Fürsorge sexualisiert und normiert werden.
🗝️ Symbole: Das Gym fungiert als symbolischer Raum für Leistungsdruck und Selbstoptimierung. Was die Protagonistin zuvor in der durchgetakteten Arbeitswelt ausgelebt hat (Ehrgeiz, Kontrolle, das ständige Streben nach Anerkennung) überträgt sie nun auf ihren Körper. Im Gym bündeln sich Schönheitsideale, die längst losgelöst sind von Gesundheit oder Balance, und verwandeln sich in ein Ventil für ihren ungebremsten Ehrgeiz. Gleichzeitig sind die Fitness-Slogans und Körperideale selbst Symbole einer Gesellschaft, die Transformation verspricht, aber im Kern Anpassung und Unterdrückung verlangt. Besonders eindringlich ist die wiederkehrende Erwähnung von Basilikum (zunächst als Duftkerze auf der Damentoilette, später, im letzten Teil, als Pflanze, die neu angepflanzt wird). Basilikum hat in vielen Kulturen eine symbolische Bedeutung: Es gilt als Pflanze der Kraft, des Neuanfangs und des Glücks, zugleich als Heilmittel und Schutz vor bösen Geistern. Im Roman lässt sich das doppelt lesen: Einerseits sucht die Protagonistin in ihrem neuen Job im Mega Gym nach Heilung und einem Neuanfang. Andererseits verlischt gegen Ende die Basilikum-Duftkerze, was sich mit der Vorstellung deckt, dass der Schutz vor „bösen Geistern“ aufgehoben die Situation eskaliert. Im letzten Teil wird frischer Basilikum gepflanzt, der schnell wächst und gedeiht, was wiederum symbolisch dafür stehen könnte, dass ein Neuanfang und Heilung dennoch möglich sein könnten.
💡 Fazit: Gym hat mich an Han Kangs Die Vegetarierin erinnert; nur dass es hier eine noch konsequentere, authentischere und beinahe brutalere feministische Wut gibt. Wie bei Han Kang richtet sich die Protagonistin in gewisser Weise gegen ihren eigenen Körper, was in einer vergleichbaren Konsequenz endet. Der Roman ist tabulos, realistisch, hemmungslos. Zwar wird das Buch oft als „witzig“ oder „amüsant“ beschrieben, doch ich habe es ganz anders erlebt: Für mich sind die Sprüche und Pointen eher erschreckend realistisch, da sie entlarven, in was für einer irrsinnigen Gesellschaft wir leben. Für mich war "Gym" ein zutiefst feministisches Buch, das nicht mit erhobenem Zeigefinger arbeitet, sondern die Realität abbildet, so nahbar und scharf, dass es weh tut. Ich erlebe auch heute noch regelmäßig im Fitnessstudio, wie Frauen als Lustobjekte betrachtet oder von Männern bewertet werden. Für mich ist das Thema daher keine Absurdität, sondern bittere Realität und genau das fängt Kessler perfekt ein.