Starke Idee, holprige Umsetzung
Miss Vergnügen Inhalt
In Missvergnügen steht Miss Brooks im Zentrum eines Kriminalfalls, der sich rund um Macht, gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen entfaltet. Der Roman spielt in einem wohlhabenden, ...
Inhalt
In Missvergnügen steht Miss Brooks im Zentrum eines Kriminalfalls, der sich rund um Macht, gesellschaftliche Erwartungen und Geschlechterrollen entfaltet. Der Roman spielt in einem wohlhabenden, elitären Umfeld und arbeitet bewusst mit Rollenumkehrungen: Männer geraten in die Opferrolle, Frauen nehmen Machtpositionen ein, sowohl beruflich als auch privat. Verschiedene Figuren und Handlungsstränge verweben sich zu einer Geschichte, die patriarchale Strukturen, weibliche Wut und soziale Fassaden sichtbar machen will und dabei stark auf Zuspitzung, Provokation und satirische Überzeichnung setzt.
Erzählstil
Der Erzählstil von Missvergnügen hat mich über weite Strecken irritiert. Obwohl der Roman auktorial erzählt ist, fehlt mir eine klare Fokussierung. Die Perspektive wechselt häufig und für mein Empfinden sehr willkürlich zwischen verschiedenen Figuren, ohne dass sich dabei ein stabiler Blick oder eine emotionale Nähe aufbauen kann. Oft wusste ich nicht, aus wessen Wahrnehmung oder innerer Haltung gerade erzählt wird, was das Lesen anstrengend gemacht hat.
Hinzu kommen die kurzen, pseudo-sachlichen Einschübe unter den Kapitelüberschriften, die sich mit psychischen oder körperlichen Reaktionen beschäftigen, etwa Attraktivität im Zusammenhang mit Wut, Kommunikationsmodelle oder Konsumverhalten. Diese Passagen wirkten auf mich losgelöst vom jeweiligen Kapitelinhalt und eher wie zufällig eingestreute Beobachtungen, die weder narrativ noch thematisch wirklich eingebunden sind. Statt zusätzliche Tiefe zu erzeugen, haben sie meinen Lesefluss eher unterbrochen.
Auch tonal empfand ich den Roman als sehr unruhig. Brutale, ernsthafte Gewaltdarstellungen stehen neben beinahe kindisch wirkenden Racheaktionen, ohne dass diese Wechsel für mich organisch miteinander verbunden waren. Insgesamt entstand für mich der Eindruck eines textlichen Flickwerks, dem es an innerer Harmonie fehlt.
Figuren
Mit keiner der Figuren konnte ich wirklich warm werden. Sie blieben für mich durchweg überzeichnet und wirkten selten authentisch oder vielschichtig. Besonders auffällig ist die Darstellung der Männer, die fast ausschließlich als sexistisch, egoistisch, triebgesteuert und moralisch verkommen gezeichnet werden. Ich verstehe die dahinterliegende Intention, patriarchale Machtstrukturen sichtbar zu machen und umzudrehen, empfand diese Zuspitzung jedoch als zu eindimensional und aufgesetzt.
Interessanter fand ich einzelne Rollenumkehrungen, etwa im beruflichen Kontext, wenn Frauen in Machtpositionen Männer herabwürdigen oder kleinhalten. Diese Szenen machen spürbar, wie Diskriminierung und Machtmissbrauch funktionieren, unabhängig vom Geschlecht. Dennoch fehlte mir auch hier eine differenziertere Ausarbeitung, sodass die Figuren für mich eher als Träger einer Idee denn als glaubhafte Menschen erschienen.
Problematisch empfand ich zudem die Darstellung von Frauen. Zwar stehen sie häufig als Opfer patriarchaler Erwartungen im Fokus, gleichzeitig werden sie immer wieder selbst misogyn gezeichnet. Wohlhabende Frauen erscheinen oberflächlich, affektiert und konsumfixiert, bereit, ihr Aussehen durch exzessive Schönheitsbehandlungen zu verändern, ohne dass ihnen Reflexion oder Ambivalenz zugestanden wird. Auch die Art, wie Frauen im Buch über andere Frauen sprechen, abwertend, körperbezogen und voller Spott, reproduziert für mich genau jene frauenfeindlichen Muster, die der Roman eigentlich kritisieren will.
Themen
Thematisch greift der Roman viele spannende und wichtige Aspekte auf. Patriarchale Gewalt, weibliche Wut, Machtmissbrauch, gesellschaftliche Erwartungen an Frauen, Care-Arbeit und Rollenzuschreibungen ziehen sich deutlich durch den Text. Besonders positiv hervorheben möchte ich, dass hier einmal nicht Frauen die Opfer brutaler Gewalt sind, sondern Männer. Diese Umkehr empfand ich zunächst als erfrischend und genreuntypisch, gerade im Krimi, in dem weibliches Leid allzu oft zur Selbstverständlichkeit gehört.
Auch die Darstellung von Care-Arbeit, die Frauen selbst von der nächsten Generation selbstverständlich abverlangt wird, fand ich eindrücklich. Dass Frauen nicht einmal gegenüber ihren eigenen Kindern aus dieser Rolle herauskommen, ist ein leiser, aber starker Kommentar.
Gleichzeitig bleibt für mich offen, ob der Roman seine Themen wirklich kritisch reflektiert oder sie teilweise ungewollt verstärkt. Die permanente Überzeichnung, die starke Misogynie in vielen Frauenbildern und die fehlende Differenzierung lassen die Grenze zwischen Kritik und Reproduktion problematischer Denkmuster verschwimmen.
Fazit
Missvergnügen hatte für mich eine starke Grundidee und einen Ansatz, den ich grundsätzlich sehr schätze. Ich habe verstanden, was der Roman sein wollte, welche feministische Provokation und gesellschaftliche Kritik hier angelegt sind. In der Umsetzung hat mich das Buch jedoch nicht überzeugt. Der unklare erzählerische Fokus, die sprunghafte Tonalität, die überzeichneten Figuren und die teilweise selbst misogynen Darstellungen haben mir den Zugang erschwert.