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Veröffentlicht am 14.04.2026

Gut und absolut berechtigt!

Die beste aller Beziehungen
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Rezension zu "Die beste aller Beziehungen"

Inhalt (spoilerfrei): Der Roman begleitet Martina und Gustav, deren Beziehung sich nicht entlang einer klassischen Liebesgeschichte entfaltet, sondern ...

Rezension zu "Die beste aller Beziehungen"

Inhalt (spoilerfrei): Der Roman begleitet Martina und Gustav, deren Beziehung sich nicht entlang einer klassischen Liebesgeschichte entfaltet, sondern vor allem durch Gespräche, Reflexionen und gedankliche Auseinandersetzungen mit Liebe, Moral, Gesellschaft und Beziehungsidealen geprägt ist.
Statt einer klaren Handlung steht die Entwicklung ihrer Beziehung im Zentrum, die stark von unterschiedlichen Vorstellungen darüber geprägt ist, wie Liebe gelebt werden „sollte“. Martina hinterfragt gesellschaftliche Normen, während Gustav stärker in konservativen und religiösen Strukturen verankert ist.

Erzählstil: Der Roman ist stark reflektierend und essayistisch aufgebaut. Die Figuren bewegen sich permanent auf einer Metaebene und analysieren nicht nur ihre Beziehung, sondern auch die Idee von Beziehung an sich.
Das führt dazu, dass sich vieles wie ein fortlaufendes Gedankenexperiment anfühlt: Gespräche werden nicht nur geführt, sondern gedanklich weiter zerlegt, verglichen und hinterfragt.
Die Handlung tritt dadurch in den Hintergrund und wird von philosophischen und gesellschaftlichen Überlegungen überlagert.

Sprache: Die Sprache ist durchgehend anspruchsvoll, präzise und intellektuell geprägt. Sie arbeitet mit einem gehobenen Wortschatz, philosophischen Begriffen und gelegentlich auch politischen oder religiösen Konzepten.
Auffällig ist zudem der bewusste Umgang mit Sprache selbst: Begriffe werden hinterfragt, andere Sprachen werden herangezogen, wenn sie als präziser empfunden werden. Das verleiht dem Text eine enorme sprachliche Dichte, kann aber gleichzeitig fordernd wirken und stellenweise Distanz erzeugen.

Figuren: Martina wirkt als Protagonistin reflektiert, unabhängig und intellektuell, aber auch zynisch und innerlich gespalten. Sie lehnt gesellschaftliche Normen ab und hinterfragt klassische Lebensentwürfe wie Ehe, Häuslichkeit oder weibliche Rollenbilder. Gleichzeitig kämpft sie mit Schuldgefühlen und Unsicherheiten, insbesondere in Bezug darauf, dass sie Gustav nicht in derselben Intensität liebt, wie er sie liebt. Gustav steht im Kontrast dazu als eher konservativ geprägte Figur, die Sicherheit, Moral und gesellschaftliche Anerkennung stärker betont und sich nach einer eindeutigeren, bestätigenden Form von Liebe sehnt. Die Beziehung der beiden ist geprägt von emotionaler Asymmetrie, unterschiedlichen Bedürfnissen und wiederkehrenden Missverständnissen.

Thematik: Im Zentrum stehen grundlegende Fragen über Liebe und Beziehung:
Was bedeutet Liebe überhaupt? Muss Liebe gleich stark und gleich „richtig“ sein? Wie beeinflussen gesellschaftliche Normen unsere Beziehungen? Welche Rolle spielen Religion, Moral und Tradition? Kann eine Beziehung bestehen, wenn beide unterschiedlich lieben? Der Roman stellt dabei insbesondere die gesellschaftliche Idealisierung von Ehe, Familie und Rollenbildern infrage und zeigt alternative Lebens- und Liebesformen.

Symbolik: Der Roman arbeitet mit einer Vielzahl symbolisch aufgeladener Momente: Der Bahnhof als Ort des Übergangs und der Konfrontation mit Betrug und „zweigleisigem Fahren“. Das Pendeln zwischen Stadt und Feriendomizil als Sinnbild für innere Unruhe und Entfremdung. Die wiederkehrende Erfahrung, „von mir zu mir“ zu gehen, als Ausdruck von Identitätsverlust und Selbstsuche. Diese Szenen verleihen dem Roman eine zusätzliche emotionale und interpretative Tiefe, die über die reine Handlung hinausgeht.

Fazit: Insgesamt finde ich den Roman wirklich gut und absolut berechtigt, gerade in den 70ern war er vermutlich sogar notwendig und hat Denkweisen rund um Liebe, Ehe und Rollenbilder spürbar aufgebrochen. Dass Gun-Britt Sundström aus einem stark intellektuellen, literarischen Kontext kommt, merkt man dem Text deutlich an und erklärt auch diese analytische, fast schon sezierende Herangehensweise.
Gleichzeitig zeigt die aktuelle Neuübersetzung von Die beste aller Beziehungen, wie relevant diese Fragen bis heute geblieben sind, auch wenn der Text sprachlich näher am Original und dadurch stellenweise sperriger wirkt.
Aus heutiger Sicht, in der wir vielleicht stärker an zugängliche Unterhaltungsliteratur gewöhnt sind, hat sich das Buch für mich allerdings etwas gezogen, fast wie ein Kaugummi, das man zu lange kaut, stark, aber irgendwann ermüdend, weil es gedanklich immer wieder um ähnliche Fragen kreist.
Trotzdem gab es immer wieder Sätze und Momente, die mich wirklich getroffen haben und bei denen ich dachte: So habe ich das noch nie gesehen!

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Veröffentlicht am 10.04.2026

Das Buch wächst mit der Zeit!

Keeping it casual
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📖 Rezension: Keeping it casual von Carina May



✨ Inhalt (spoilerfrei)

Max steht nach einer schmerzhaften Trennung plötzlich vor einem Neuanfang. Auf Drängen ihrer besten Freundin wagt sie sich zurück ...

📖 Rezension: Keeping it casual von Carina May



✨ Inhalt (spoilerfrei)

Max steht nach einer schmerzhaften Trennung plötzlich vor einem Neuanfang. Auf Drängen ihrer besten Freundin wagt sie sich zurück ins Datingleben und landet schließlich bei Tinder, wo sie beginnt, mit Johnny zu schreiben. Die beiden lernen sich zunächst nur über Nachrichten kennen und entwickeln eine eher ungewöhnliche Verbindung, ohne sich direkt zu treffen.

Parallel dazu wird Max’ Leben von einer ganz anderen, viel ernsteren Realität überschattet: Eine bevorstehende Gehirnoperation stellt alles infrage und zwingt sie dazu, sich nicht nur mit ihrer Vergangenheit, sondern auch mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Die Geschichte begleitet Max zwischen Liebeskummer, Selbstfindung und der Frage, was sie eigentlich vom Leben und von Beziehungen will.



💭 Figuren

Max als Protagonistin brauchte für mich ein bisschen Zeit. Am Anfang wirkte sie auf mich noch etwas distanziert, und ich konnte ihre Gefühle nicht sofort komplett greifen. Mit der Zeit, vor allem durch Rückblicke und die Ereignisse rund um ihre Operation, wurde sie aber deutlich greifbarer und nahbarer. Besonders schön fand ich, wie man ihre Entwicklung hin zu mehr Selbstständigkeit und innerer Klarheit begleiten kann.

Die Dynamik mit ihrer besten Freundin bringt viel Leichtigkeit in die Geschichte, wirkte auf mich anfangs aber stellenweise etwas jugendlich. Trotzdem sorgt sie für einige lockere und auch liebevolle Momente.

Johnny fand ich als Figur interessant, vor allem durch die besondere Art, wie die Verbindung zwischen ihm und Max aufgebaut wird. Gegen Ende hatte ich jedoch das Gefühl, dass seine Entwicklung stellenweise etwas sprunghaft wirkt und ich mir hier mehr Zeit und Tiefe gewünscht hätte.



🧠 Themen

Das Buch verbindet mehrere Themen miteinander, die eigentlich viel emotionales Gewicht haben:

• Liebeskummer und Neuanfang
• Online-Dating und moderne Beziehungen
• Krankheit, Angst und Unsicherheit
• Selbstfindung und persönliches Wachstum

Besonders stark fand ich die Passagen, in denen es ruhiger wird und Max sich mehr mit sich selbst beschäftigt, vor allem während ihrer Zeit in Frankreich. Diese Momente hatten eine ganz eigene Atmosphäre und haben dem Buch für mich eine besondere Tiefe gegeben. 🌿✨

Gleichzeitig bewegt sich die Geschichte immer wieder zwischen Leichtigkeit und Ernst, was nicht immer ganz ausbalanciert wirkt, aber trotzdem interessante Kontraste schafft.



💭 Fazit

Keeping it casual ist für mich ein Buch, das sich im Verlauf deutlich steigert. Während der Einstieg noch etwas vertraut und leicht wirkt, gewinnt die Geschichte zunehmend an emotionaler Tiefe und Bedeutung.

Nicht alle Entwicklungen haben sich für mich komplett rund angefühlt, besonders gegen Ende hätte ich mir an manchen Stellen mehr Ruhe und Glaubwürdigkeit gewünscht.

Trotzdem bleibt für mich vor allem die Entwicklung von Max und die ruhigeren, introspektiven Momente im Kopf. Ein Buch mit schönen Ansätzen, das vor allem dann überzeugt, wenn es sich Zeit nimmt. ✨📖

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Veröffentlicht am 13.03.2026

Wahnsinn

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Inhalt (spoilerfrei): Der Roman beginnt in einer beklemmenden Situation: Vierzig Frauen leben gemeinsam in einem unterirdischen Käfig und werden von bewaffneten Wächtern überwacht. Wie sie dorthin gelangt ...

Inhalt (spoilerfrei): Der Roman beginnt in einer beklemmenden Situation: Vierzig Frauen leben gemeinsam in einem unterirdischen Käfig und werden von bewaffneten Wächtern überwacht. Wie sie dorthin gelangt sind, bleibt zunächst unklar. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines jungen Mädchens, das im Gegensatz zu den anderen Frauen kaum Erinnerungen an ein Leben davor besitzt. Während die Älteren Fragmente ihrer früheren Existenz behalten haben, wächst sie in dieser künstlichen Umgebung auf und kennt keine andere Realität. Aus dieser Perspektive entwickelt sich eine Geschichte über Anpassung, Hoffnung und das Bedürfnis zu verstehen. Stück für Stück entstehen Fragen nach der Welt außerhalb des Käfigs, nach der Vergangenheit der Menschheit und nach dem Sinn von Wissen, Beziehungen und Zukunft. Der Roman lebt dabei weniger von dramatischen Ereignissen als von den Gedanken und Beobachtungen der Erzählerin.



Erzählweise und Struktur: Die Geschichte wird vollständig aus der Ich-Perspektive der namenlosen Erzählerin erzählt. Diese Perspektive ist besonders interessant, weil sie sich deutlich von der der anderen Frauen unterscheidet. Während die Älteren ihre Erinnerungen mit der verlorenen Welt vergleichen, erlebt die Erzählerin alles ohne diesen Bezugspunkt. Dadurch wirken viele ihrer Beobachtungen zugleich naiv, klar und philosophisch. Die Struktur des Romans ist eher ruhig und reflektierend. Handlung entwickelt sich langsam, oft stehen Überlegungen, Beobachtungen und kleine Erkenntnisse im Mittelpunkt. Immer wieder tauchen auch kurze Vorausdeutungen auf, die andeuten, dass die Erzählerin ihre Geschichte rückblickend erzählt. Diese Technik erzeugt eine leise Spannung und lässt den Text zugleich nachdenklich wirken.



Sprache: Harpman schreibt in einer klaren, beinahe nüchternen Sprache. Der Stil ist zurückhaltend und verzichtet weitgehend auf dramatische Ausschmückungen. Gerade dadurch entsteht eine besondere Intensität. Die Erzählerin beschreibt ihre Umgebung und ihre Gedanken präzise, manchmal fast sachlich. Diese Distanz verstärkt die Wirkung vieler Szenen. Gefühle werden selten direkt benannt, sondern zeigen sich in Beobachtungen und Fragen. Die Sprache passt damit sehr gut zur Perspektive einer Figur, die versucht, ihre Welt Schritt für Schritt zu verstehen.



Figuren: Im Mittelpunkt steht die namenlose Erzählerin. Ihre Besonderheit liegt darin, dass sie ohne Erinnerung an ein früheres Leben existiert. Dadurch blickt sie mit einer ungewöhnlichen Offenheit auf ihre Umgebung. Viele Dinge, die für andere selbstverständlich sind, erscheinen ihr neu oder erklärungsbedürftig. Die anderen Frauen bilden eine Art Gemeinschaft, die gleichzeitig von Nähe und Distanz geprägt ist. Sie teilen ihre Situation, reagieren aber sehr unterschiedlich darauf. Einige klammern sich an Erinnerungen, andere versuchen, sich mit der Realität zu arrangieren. Gerade in diesem Zusammenspiel zeigt sich Harpmans Interesse an menschlichem Verhalten unter extremen Bedingungen.



Symbole und Themen: Der Roman arbeitet stark mit symbolischen Ebenen. Viele Elemente der Handlung lassen sich sowohl konkret als auch metaphorisch lesen. Besonders zentral sind Themen wie Isolation, Erkenntnis und die Suche nach Sinn. Die Situation der Frauen erinnert in ihrer Grundkonstellation an philosophische Gedankenexperimente über Wahrnehmung und Wirklichkeit, etwa das Höhlengleichnis aus der Politeia von Platon. Auch Fragen nach Machtstrukturen, Sozialisation und Körperlichkeit spielen eine wichtige Rolle. Der Roman zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf Isolation reagieren und wie stark kulturelle Normen unser Denken prägen. Gleichzeitig beschäftigt sich das Buch mit grundlegenden existenziellen Fragen. Was bedeutet es, zu lernen, wenn unklar ist, ob dieses Wissen jemals gebraucht wird? Was macht Gemeinschaft aus? Und welche Rolle spielen Hoffnung und Zukunft für das menschliche Leben?



Fazit: "Ich, die ich Männer nicht kannte" ist nicht unbedingt ein klassischer Roman. Sondern eher es ein stilles, philosophisches Buch, das mehr Fragen stellt, als es beantwortet. Gerade diese Offenheit macht seine Stärke aus. Der Roman lädt dazu ein, über menschliche Existenz, gesellschaftliche Strukturen und die Bedeutung von Wissen, Liebe und Gemeinschaft nachzudenken. Dass diese Fragen so eindringlich wirken, hängt auch mit der Autorin selbst zusammen. Jacqueline Harpman, die während ihrer Kindheit vor den Nationalsozialisten fliehen musste und später als Psychoanalytikerin arbeitete, interessiert sich in ihrem Schreiben stark für innere Prozesse, Erinnerung und menschliches Verhalten unter extremen Bedingungen. Diese Perspektive prägt auch diesen Roman. Für mich ist es ein Buch, das man nicht einfach liest und abschließt. Es wirkt nach, regt zum Interpretieren an und entfaltet seine Wirkung besonders dann, wenn man sich Zeit nimmt, über seine vielen möglichen Bedeutungen nachzudenken.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Rezension: Die Riesinnen von Hannah Heffner

Die Riesinnen
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Rezension: Die Riesinnen von Hannah Heffner

Spoilerfreier Inhalt: Die Riesinnen erzählt von drei Frauen aus drei Generationen einer Familie, die in einem dörflich geprägten Umfeld aufwachsen und dort ...

Rezension: Die Riesinnen von Hannah Heffner

Spoilerfreier Inhalt: Die Riesinnen erzählt von drei Frauen aus drei Generationen einer Familie, die in einem dörflich geprägten Umfeld aufwachsen und dort mit Ausgrenzung, Erwartungen und stillen Zuschreibungen konfrontiert sind. Liese, ihre Tochter Cora und deren Tochter Eva leben jeweils sehr unterschiedliche Lebensentwürfe, die dennoch eng miteinander verwoben bleiben. Der Roman begleitet sie durch verschiedene Lebensphasen, durch Beziehungen, Mutterschaft und die Suche nach einem eigenen Platz in der Welt. Weniger eine klassische Handlung als vielmehr ein atmosphärisches Generationenporträt steht dabei im Vordergrund.

Erzählstil: Der Stil des Romans ist stark geprägt von einer bewusst altmodischen, bäuerlich anmutenden Sprache. Die Wortwahl wirkt stellenweise dialektal und sehr umgangssprachlich, was das dörfliche Milieu authentisch einfängt, zugleich aber eine gewisse Distanz schafft. Auffällig ist der Gebrauch von Artikeln vor Eigennamen, der dem Text eine eigene Tonlage verleiht. Der Roman ist in viele kurze Abschnitte gegliedert und stark zeitraffend erzählt. Perspektiven wechseln zwischen den Generationen, Entwicklungen werden eher angedeutet als ausgespielt. Zwar gibt es immer wieder sehr präzise, eindringliche Sätze, insgesamt bleibt der Ton jedoch nüchtern und beobachtend.

Figuren: Im Zentrum stehen drei weibliche Perspektiven, die bewusst kontrastierend angelegt sind. Liese ist stark geprägt von Pflichtgefühl, Anpassung und dem Wunsch nach Anerkennung innerhalb einer engen Dorfgemeinschaft. Cora steht für Aufbruch, Freiheitsdrang und ein Leben jenseits gesellschaftlicher Erwartungen, auch wenn diese Freiheit nicht ohne Brüche bleibt. Eva wirkt selbstbewusst und neugierig, stellt jedoch zunehmend existentielle Fragen an sich und ihre Umwelt.

Ergänzt wird dieses Dreieck durch eine Vielzahl von Nebenfiguren, die weniger als ausgearbeitete Charaktere fungieren, sondern vielmehr symbolisch für bestimmte Themen, Haltungen oder Lebensentwürfe stehen. Sie treten punktuell auf, hinterlassen Spuren und verschwinden wieder aus der Erzählung. Eine dieser Figuren ist David aus Evas Uni- und Wohnheimkontext, dessen Sinnkrise, Rückzug und innere Leere exemplarisch für die im Roman verhandelte Frage nach Orientierung, Berufung und Lebenssinn stehen. Gerade das Unabgeschlossene dieser Figuren verstärkt den Eindruck von Suchbewegungen und offenen Lebensentwürfen.

Thematiken & Symboliken: Der Roman verhandelt zentrale Themen wie Ausgrenzung, Anderssein und das Leben abseits gesellschaftlicher Normen. Die körperliche Auffälligkeit der Frauen, ihre Armut und ihre Introvertiertheit führen immer wieder zu sozialem Ausschluss, was sich auch metaphorisch lesen lässt.

Ein besonders starkes Thema ist Mutterschaft in all ihren Ambivalenzen. Unterschiedliche Mutterbilder stehen nebeneinander, ebenso wie das Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Pflicht und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung. Freiheit, Sinnsuche und die Frage nach Zugehörigkeit ziehen sich durch alle Generationen. Immer wieder prallen Aufbruch und Heimat aufeinander, Fernweh und Verwurzelung, Möglichkeiten und Begrenzungen. Die vielen Nebenfiguren fungieren dabei als Spiegel dieser Themen, ohne eindeutige Antworten zu liefern.

Fazit: Die Riesinnen ist ein atmosphärisch dichter, literarisch ambitionierter Roman, der viele relevante Themen berührt und weibliche Lebensrealitäten über Generationen hinweg sichtbar macht. Die Konstellation der drei Frauen, ihr Zusammenhalt und ihre Unterschiede sind überzeugend angelegt. Gleichzeitig bleibt der Text emotional auf Abstand. Die nüchterne Tonalität, die starke Zeitraffung und der sehr spezielle Sprachstil erschweren Identifikation und Mitfiebern. Trotz einzelner starker Passagen und interessanter Motive entfaltet der Roman für mich keine nachhaltige emotionale Wirkung.

Unterm Strich bleibt Die Riesinnen ein solides, inhaltlich reiches Buch, das zum Nachdenken anregt, mich persönlich aber eher kühl zurückgelassen hat.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

So viele relevante Themen!

Gelbe Monster
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Inhalt (spoilerfrei): Die Mathematikstudentin Charlie muss nach einer Eskalation mit ihrem Exfreund Valentin an einem Anti Aggressionstraining für Frauen teilnehmen, das war die Bedingungen ihrer besten ...

Inhalt (spoilerfrei): Die Mathematikstudentin Charlie muss nach einer Eskalation mit ihrem Exfreund Valentin an einem Anti Aggressionstraining für Frauen teilnehmen, das war die Bedingungen ihrer besten Freundin Ella, damit Charlie weiterhin bei ihr wohnen darf. Im Austausch mit den anderen Frauen beginnt Charlie, sich ihrer eigenen Verantwortung zu stellen und ihre Geschichte neu zu erzählen.

Erzählstil: Man wird ohne Vorwarnung in Charlies Leben geworfen. Es gibt keine sanfte Einführung, keine klare Einordnung. Stattdessen sitzt man plötzlich mit ihr in einer Anti Aggressionsgruppe für Frauen und weiß zunächst kaum, was eigentlich passiert ist. Nach und nach erfährt man in unterschiedlichen Zeitebenen, was in ihrer Beziehung zu Valentin geschehen ist und wie es dazu kam, dass sie nun an diesem Training teilnehmen muss. Die Geschichte entfaltet sich nicht linear, sondern Stück für Stück. Wie Puzzleteile setzt sich langsam zusammen, was Charlie erlebt hat, was sie geprägt hat und warum sie so geworden ist, wie sie ist. Und genau das macht die Spannung aus.Der Stil ist distanziert und gleichzeitig unglaublich klug konstruiert. Anfangs fühlt man sich fast verloren. Man wird reingeschmissen und muss sich selbst orientieren. Die Zeitsprünge sorgen dafür, dass man immer nur Bruchstücke bekommt. Erst später beginnt man zu verstehen, wie alles zusammenhängt. Ich fand das wahnsinnig spannend, weil sich mit jeder neuen Information auch meine Haltung zu Charlie verändert hat. Das Buch zwingt einen förmlich dazu, die eigene Einschätzung immer wieder zu korrigieren. Es ist keine bequeme Lektüre, aber eine, die sehr bewusst mit Perspektive und Wahrnehmung spielt.

Figuren: Charlie wirkt am Anfang ehrlich gesagt unsympathisch. Sehr selbstfixiert, schnell urteilend, voller Selbsthass und gleichzeitig mit extremen Erwartungen an andere. Man fühlt sich ihr nicht nahe. Doch je weiter man liest, desto mehr versteht man sie. Ihr Leiden wird greifbar. Ihre Intelligenz ebenso. Man merkt, wie sehr sie sich selbst im Weg steht und wie stark sie von ihrer Vergangenheit geprägt wurde. Ihre Wut, die anfangs überzogen wirkt, wurde für mich irgendwann vollkommen nachvollziehbar. Auch Valentin wird nicht eindimensional dargestellt. Er wirkt ebenfalls beschädigt, was die Beziehung zwischen den beiden nicht entschuldigt, aber tragischer macht. Es geht hier nicht um klare Täter und Opfer, sondern um zwei Menschen, die auf eine ungesunde Weise miteinander verstrickt sind.

Themen: Das Buch verhandelt unglaublich viele relevante Themen; Selbstwert, Selbsthass, weibliche Wut, Grenzverletzungen in Beziehungen, patriarchale Strukturen, das permanente Sich Entschuldigen von Frauen, etc. Besonders stark fand ich die Frage, wem Wut gesellschaftlich erlaubt ist. Männer dürfen aggressiv sein, in Musik, Kunst und Alltag wird das oft als Ausdruck von Stärke inszeniert. Frauen dagegen gelten schnell als hysterisch oder psychisch instabil, wenn sie laut werden oder sich wehren. Auch dieses ständige Entschuldigen für alles und nichts wird thematisiert. Für den eigenen Körper. Für schlechte Laune. Für Kopfschmerzen. Für ein Nein. Für Raum, den man einnimmt. Und irgendwann staut sich daraus zwangsläufig Wut an. Das Buch wirkt dabei nie platt oder belehrend. Es zeigt Strukturen, ohne sie didaktisch auszuerklären. Man erkennt sie ganz gut von selbst.

Fazit: Es st kein angenehmes Buch, aber ein unglaublich spannendes. Anfangs war ich irritiert und auf Distanz. Doch mit jeder Seite habe ich Charlie besser verstanden. Ihre Wut wurde greifbar. Ihr Schmerz ebenso.
Ich finde das psychologisch sehr klug geschrieben und gesellschaftlich hochrelevant. Es ist ein Roman, der fordert, der Fragen stellt und der lange nachwirkt. Man muss Charlie gar nicht mögen. Aber man lernt, sie zu verstehen. Und vielleicht ist das die größere Leistung dieses Buches.

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