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Veröffentlicht am 15.02.2025

Verschwundene Babys, kryptische Botschaften – ein Fall für Arne Stiller

Der Seher
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„Der Seher“ ist der siebte Arne-Stiller-Thriller aus der Feder von Elias Haller. Nicht alle sieben Bücher habe ich gelesen - aber was nicht ist, kann ja noch werden. Zuletzt hat mich der Autor mit seinen ...

„Der Seher“ ist der siebte Arne-Stiller-Thriller aus der Feder von Elias Haller. Nicht alle sieben Bücher habe ich gelesen - aber was nicht ist, kann ja noch werden. Zuletzt hat mich der Autor mit seinen drei Grimm-Bänden komplett überwältigt. Sein Schreibstil ist so einnehmend, als Thriller-Fan ist man immer gut bedient und – jedes Buch ist in sich abgeschlossen, so auch dieses hier.

Vor siebzehn Jahren hat sich um den Säugling Jan Köpke ein Drama ereignet, er verschwand spurlos. Der Einstieg ins Buch setzt Ängste frei, zugleich hoffe ich, dass Jans Schicksal doch noch aufgeklärt wird. Wird er nach so langer Zeit noch gefunden? Vielleicht sogar lebend?

Nun, die Bauarbeiten am Dresdner Zwinger lassen anderes vermuten, denn es werden menschliche Knochen gefunden. Knochen, die auf ein kleines Kind hindeuten, die in einer Zeitkapsel gefunden werden. Um diese Kapsel entsteht ein blutiger Streit, denn die Kontrahenten vermuten eher einen Schatz denn diesen gruseligen Fund.

Der Kryptologe Arne Stiller wird gerufen. Auf der Kapsel eingraviert ist ein Code, den auch Arne nicht entschlüsseln kann. Bald darauf ist wieder ein Baby verschwunden und wie damals schon bei Jan erscheint auch jetzt in einer Tageszeitung eine Traueranzeige mit kryptischen Botschaften, diesmal auf den Namen Tibor. Ungefragt bietet ein Seher seine Dienste an, Arne kennt ihn von früher, er ist von ihm genervt, er ignoriert ihn. Blöd nur, dass die Praktikantin Sandy Rosenberg schon zu viel preisgegeben hat. Aber auch ohne diese Infos hätte sich der Seher nicht wegdrängen lassen. Es gibt weitere Tote und auch Verletzte, auch verschwinden nicht nur Babys…

Dieser siebte Fall für Stiller ist ein kurzweiliger Thriller, in dem es Knall auf Fall geht. Viel passiert, es gibt viele Wendungen, die einzelnen Personen sind gut und glaubhaft dargeboten, auch mag ich es, wenn ein wenig Privates von Arne Stiller preisgegeben wird, denn so ist er nahbar. Ein Mensch mit Fehlern oder besser gesagt mit so einigen Eigenheiten, wobei sein beinahe unstillbarer Süßhunger mir beim Lesen eher die Lust auf Süßes genommen hat. In erster Linie aber ist er Ermittler, der nicht locker lässt. Und letztendlich wird die Person entlarvt, die unschuldige Babys ihrem Umfeld entreißt. Gut, irgendwann oder besser gesagt ziemlich spät deutet alles auf diese Person, der Fall wurde sauber gelöst, mich aber hat das Warum und auch die Person an und für sich nicht so ganz überzeugt. Abgesehen davon hat mich Elias Haller gut unterhalten, er hat mich ab der ersten Seite mit seiner Story gefesselt.

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Geschichte hautnah

Ginsterburg
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In der fiktiven Stadt Ginsterburg hat Arno Frank seinen Roman angesiedelt. Wir treffen so einige Personen, hervorzuheben sind die Buchhändlerin Merle mit ihrem Sohn Lothar, der Redakteur der Lokalzeitung ...

In der fiktiven Stadt Ginsterburg hat Arno Frank seinen Roman angesiedelt. Wir treffen so einige Personen, hervorzuheben sind die Buchhändlerin Merle mit ihrem Sohn Lothar, der Redakteur der Lokalzeitung Eugen von Wieland nebst Frau und Tochter – Ursel und Gesine - sowie den Bürgermeister dieser Kleinstadt Otto Gürckel, seines Zeichens Blumenhändler und NSDAP-Kreisleiter mit seinen Söhnen Bruno und Knut. Auch spielen die Architektin Uta und ihr Ehemann Theodor, ein jüdischer Journalist, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mit ihnen erleben und erleiden wir das Leben in einer Kleinstadt in den Jahren 1935, 1940 und 1945, also während der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Das Nazi-Regime mit all seinen Schrecken ist hinlänglich bekannt, auch lese ich aus diversen Perspektiven immer wieder davon. Arno Frank geht direkt in das Leben seiner Protagonisten, er legt den Finger in die Wunde. Der Judenhass, der zu allen Zeiten immer wieder aufgeflammt ist, ist auch hier deutlich spürbar. „Nie wieder…“ – ich hoffe, dass dies nie vergessen wird, unsere Zeit spricht weltweit eine andere Sprache.

Die jungen Leute werden verführt, auch Lothar meint, in der Hitlerjugend seinen Traum vom Fliegen ausleben zu können. Seine Mutter dagegen spürt hautnah, was mit den nun verbotenen Büchern geschieht. Wer sich fügt, wird belohnt, andere bekommen das unmenschliche System zu spüren. Parteigenossen feiern etwa auf dem Nürburgring, wir begegnen Größen dieser Zeit wie Hans Albers und seiner jüdischen Partnerin Hansi Burg. Wir lesen von unwertem Leben, wie es so zynisch geheißen hat und von Gesetzen zum Schutze des deutschen Blutes, auch lesen wir in Briefen, deren Inhalt aus gutem Grund an der Zensur vorbei den Adressaten erreicht. Und dies ist nur ein kleiner Abriss der Themen, die der Autor verarbeitet. Dies alles vor dem Hintergrund der Kleinstadt und deren Bewohner.

„Ginsterburg“ ist nicht nebenher zu lesen, es fordert seine Leser schon sehr. Ich habe ein wenig gebraucht, um in das Buch und die Geschichte abzutauchen. Spätestens beim Großen Preis von Deutschland war ich dann voll dabei, es gibt aber auch zwischendurch zu langatmige Sequenzen, mit denen ich schon gehadert habe. Und doch ist es ein Buch, das ich nicht missen möchte, das mir die Jahre der Nazi-Herrschaft während des Krieges nochmal verdeutlicht und mir vor Augen führt, was so ein Unrechtsregime aus Menschen machen kann. Ein Roman, der nachdenklich macht. Ein Roman, der dazu beitragen kann, unsere unrühmliche Geschichte nie zu vergessen.

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Veröffentlicht am 12.02.2025

Der Lebensweg einer jungen Frau, eine deutsch-deutsche Geschichte

Lebensträume. Ärztin einer neuen Zeit
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„Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen…“ Mit Hildegard Knef beginne ich die Reise nach Berlin, ich lese von Vickys „Lebensträumen“. Svea Lenz erzählt davon eindrucksvoll, dieser neue Roman steht ihren ...

„Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen…“ Mit Hildegard Knef beginne ich die Reise nach Berlin, ich lese von Vickys „Lebensträumen“. Svea Lenz erzählt davon eindrucksvoll, dieser neue Roman steht ihren „Stewardessen“ in nichts nach.

Vicky lebt mit ihrer Mutter, die als OP-Schwester an der Charité arbeitet, im Osten von Berlin. Sie studiert an der Freien Universität in Berlin-West Medizin, nebenbei jobbt sie in einer Westberliner Metzgerei, sie pendelt also täglich von Ost nach West und zurück, was ihr bis zum Bau der Mauer im August 1961 keinerlei Probleme macht. Nun aber scheint ihr großer Traum, Ärztin zu werden, zu zerplatzen. Ihr Freund Achim ist in derselben Situation, auch er studiert im Westen. Sie müssen schon allein wegen ihrer Zukunftsaussichten weg, so viel steht fest. Als dann ihre Flucht gelingt, atmet Vicky nur kurz auf, denn Achim geht als Fluchthelfer wieder nach drüben und wird dabei verhaftet. Danach hört sie nichts mehr von ihm. Sie schlägt sich anfangs eher schlecht als recht alleine durch, aber irgendwie schafft sie es doch, eine Anstellung in der Ambulanz im Frankfurter Flughafen zu bekommen. Als einzige Frau unter Männern ist ihr Alltag beileibe kein Zuckerschlecken, aber sie beißt sich durch, diese Chance will sie sich nicht verbauen.

Die Erzählung beginnt im Sommer 1961, als alles noch unbeschwert war und man auch im Osten gut leben konnte und endet 1972. Mit dem Mauerbau endet ihre Freiheit, diese schier unüberwindbare Barriere ist es, die Vickys Lebensweg in eine von ihr nicht vorgesehene Richtung drängt. Sie ist eine kluge, eine ehrgeizige junge Frau, die ihr Berufsziel stets vor Augen hat und fest entschlossen ist, eines Tages als Chirurgin zu arbeiten.

Wir alle kennen die deutsch-deutsche Geschichte, sie betrifft Vickys Leben in ganz besonderer Weise. Als Republikflüchtling ist es ihr verwehrt, in die DDR einzureisen, der Kontakt mit ihrer Mutter gestaltet sich dementsprechend schwierig. Ihre fiktive Geschichte bindet die Autorin perfekt und sehr lebendig in die damalige Zeit ein - die Zeit des Wirtschaftsaufschwungs, Adenauer geht, Erhard, Kiesinger und Brandt folgen, der junge US-Präsident Kennedy ist auf Deutschlandbesuch, wir lesen von Martin Luther King, den Demos gegen Rassendiskriminierung in den USA und auch hier von den Ausschreitungen gegen Mohammad Reza Schah Pahlavi etwa, die Studentenproteste wollen nicht abebben. Es ist eine unruhige Zeit, die gut einfangen ist. Contergan, die Schluckimpfung, die Pille und noch so vieles mehr sind mit Vickys Geschichte verwoben und natürlich auch die Songs dieser Zeit, die für mich einen ganz besonderen Reiz darstellen.

Svea Lenz vermittelt den Zeitgeist jener Jahre, sie versteht es bestens, das Weltgeschehen so wunderbar, so nachvollziehbar in Vickys Leben zu integrieren. Gebannt lese ich von ihrem Klinikalltag, von den Einsätzen im Flughafenbereich und auch von Unglücken und Katastrophen, die ihr alles abverlangen. Sie ist Ärztin aus Leidenschaft, ihr Privatleben muss so manches Mal hintanstehen. Und nicht zuletzt sind es auch die privaten Momente, die das Bild der jungen Ärztin so rund, so authentisch machen.

„Lebensträume ist ein Roman mit mindestens 47 % Wahrheitsgehalt.“ Der Beipackzettel zum Schluss vermittelt kurz und bündig nochmal sehr viel Hintergrundwissen – ein stimmiger Abschluss. Und doch fällt mir das Abschiednehmen schwer, gerne hätte ich Vicky noch weiter begleitet. Es waren unterhaltsame Lesestunden mit einer liebenswerten Protagonistin. Es ist ein hervorragend recherchiertes Buch, das viel Wissenswertes von damals vermittelt, dazu ein packender Schreibstil mit glaubhaften Charakteren. Kurzum – ein sehr lesenswerter Roman, den ich gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Tödliche Geheimnisse

Kummersee
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Die Suche nach einem Endlager gestaltet sich schwierig, denn keiner möchte diesen gefährlichen atomaren Müll in seiner Nähe haben. So auch hier, in dem kleinen, vergessenen Ort Horlow direkt an der ehemaligen ...

Die Suche nach einem Endlager gestaltet sich schwierig, denn keiner möchte diesen gefährlichen atomaren Müll in seiner Nähe haben. So auch hier, in dem kleinen, vergessenen Ort Horlow direkt an der ehemaligen Zonengrenze.

Die Fima Alphaplus Sonderbauplanung schickt zwei Leute – den Projektleiter Detlev Kosinski und den Vermessungstechniker Björn Thoms - an den See, dessen Tauglichkeit für dieses Vorhaben geprüft werden soll. Zu ihrem Schutz sind die beiden Polizisten Lena Wolff und Malik Nasiri abgestellt. Kaum angekommen, sehen sie sich einem Pulk aus Protestierenden, Presseleuten und einem massiven Aufgebot der örtlichen Polizei gegenüber. Auch sind die zuvor gebuchten Hotelzimmer plötzlich alle weg. Lena, die hier aufgewachsen ist, sieht den einzigen Ausweg darin, bei ihrer Mutter anzufragen, ob sie die erste Nacht bei ihr verbringen können.

Der „Kummersee“ hat mich mit diesem so drastischen Anfang sofort angezogen, ja aufgesaugt und lange nicht mehr losgelassen. Die ganze Dramatik um die Proteste, der spürbare Hass den Technikern, aber auch Lena und Malik gegenüber hat mich für sie, die scheinbar auf verlorenem Posten stehen, eingenommen. Haben sie überhaupt eine Chance, ihrer Arbeit nachzugehen? Es geht Schlag auf Schlag, die Ereignisse überstürzen sich.

Der Geschichte vorangestellt ist die Legende vom Müller und seiner Frau und deren lang ersehntem Kind, auch andere Storys rund um den See muten gar gruselig an.

Hat die Tragik um Lenas Bruder Tom, der vor dreißig Jahren im Kummersee ertrank, mit den jetzigen Vorkommnissen zu tun? Denn bald gibt es hier am See einen übelst zugerichteten Toten und es bleibt nicht bei diesem einen. Als „die verrückte Schwester des toten Jungen, dessen Bruder vom Monster geholt wurde“ wird Lena von gewissen Leuten bezeichnet und nun scheinen sich die Vorfälle zu wiederholen.

Ivar Niklas Schwarz Debüt ist an und für sich gelungen, wäre da nicht dieses drastische Ende, das ins Utopische abdriftet. Hier sehe ich Superkräfte am Werk, die alles rundherum platt machen. Die Frage, ob die hier Agierenden aus diesem Schlamassel herausfinden, stellt sich des Öfteren. Es geht um Umweltschutz, um die schwierige Suche nach einem Endlager, auch spielt die deutsch-deutsche Geschichte mit hinein um diesen “Kummersee“, den so einige am liebsten für immer im Dornröschenschlaf wissen wollen.

Der Thriller hat mich neugierig gemacht, mich vorwärts gedrängt, der drastische, der rigorose, ja unerbittliche Schluss jedoch gefällt mir so gar nicht. Da mich aber das Buch bis zu diesem bitteren Ende gut unterhalten hat, vergebe ich dennoch vier Sterne.

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Was ist damals geschehen?

Die Villa
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Jess Ryder hat mit „Die Villa“ einen spannenden Psychothriller vorgelegt, der die Hintergründe um Aoifes Tod näher durchleuchtet. Sie erzählt von damals, als fünf Freundinnen in der Villa Floriana residierten, ...

Jess Ryder hat mit „Die Villa“ einen spannenden Psychothriller vorgelegt, der die Hintergründe um Aoifes Tod näher durchleuchtet. Sie erzählt von damals, als fünf Freundinnen in der Villa Floriana residierten, um hier und im nahen Ferienort ihren Spaß zu haben. Und sie erzählt von heute, von dem Willen, mit dem noch immer unaufgeklärten Tod abzuschließen.

Ein Junggesellinnenabschied muss heutzutage unbedingt sein, zumindest meinen dies Dani, Celine, Tiff und Beth, die es mit der zukünftigen Ehefrau Aoife nochmal so richtig krachen lassen wollen. Das Wochenende in der Nähe von Marbella mit allem Drum und Dran will sorgfältig vorbereitet werden, Tiff übernimmt die Planung. Drei Jahre ist es nun her, dass diese Tage, die unbeschwert sein sollten, völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Aoife liegt in ihrem Blut auf den Boden, der Notarzt kann nur noch ihren Tod feststellen.

Was ist damals passiert? Dani fehlen noch immer entscheidende Momente, also beschließt sie, die Freundinnen von damals nochmal zusammenzutrommeln. Vordergründig sollte der Todestag von Aoife gemeinsam begangen werden, aber eigentlich hofft Dani darauf, ihrem lückenhaften Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Und auch wenn es so scheint, als ob Celine, Tiff und Beth damit abgeschlossen haben, so lässt Dani nicht locker.

Die Kapitel wechseln vom Damals zum Heute. Sämtliche Locations werden nochmal aufgesucht, auch Aoifes Verlobter Nathan und so einige mehr werden näher betrachtet, das Bild jedes einzelnen setzt sich sukzessive zusammen und wie es so oft der Fall ist, trügt der äußere Schein. Überhaupt werden die Freundschaften untereinander näher durchleuchtet, die so unterschiedlichen, geheimnisumwitterten Charaktere bekommen mehr und mehr Kontur.

Die zwei Zeitebenen wechseln sich ab, beide sind sie spannend umgesetzt. Wie es denn zu dem Tod von Aoife kam, lässt mich aber doch unzufrieden zurück und ist für meine Begriffe nicht so ganz schlüssig. Ich lese eher von Feindschaften denn von Freundschaften, von Misstrauen und kriminellen Machenschaften, all das durchzogen von exzessivem Alkoholkonsum.

Nach etwa einem Viertel des Buches keimte in mir ein Verdacht auf. Ein Gedanke, der wieder verschwand, der aber immer wieder neue Nahrung bekam und der letztendlich auch in die richtige Richtung zielte. Ein durchweg fesselndes Buch, das gut unterhält.

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