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Veröffentlicht am 02.05.2025

Der Weg ist das Ziel

Tage wie Salzwasser
1

Das erste Zusammentreffen war ein Unfall, auch danach geht es eher holprig weiter, irgendwann jedoch wissen sie, was sie voneinander haben. Atlanta und Enza – zwei ganz und gar unterschiedliche Frauen, ...

Das erste Zusammentreffen war ein Unfall, auch danach geht es eher holprig weiter, irgendwann jedoch wissen sie, was sie voneinander haben. Atlanta und Enza – zwei ganz und gar unterschiedliche Frauen, deren vordergründiges Ziel Noto ist, eine Stadt auf Sizilien. Aber von Anfang an:

Atlanta, die Mathematikerin durch und durch, lebt in Frankfurt, ihr langjähriger Freund hat seinen Lebensmittelpunkt in München, sie führen eine Wochenendbeziehung, was eigentlich ganz gut klappt. Bis zu dem Zeitpunkt, als Atlanta ungewollt schwanger wird und sie genau jetzt eine starke Schulter zum Anlehnen bräuchte. Eigentlich – denn er verlässt sie stillschweigend.

Enza ist eine zupackende, taffe Frau, die in Bad Vilbel einen Fahrradladen betreibt. Sie ist gewollt alleinstehend, zu ihrer Mutter hat sie eine enge Bindung und als diese ihr von ihrer schweren Krankheit erzählt, will sie direkt bei ihr einziehen. Mutter allerdings will, dass sie zunächst zu ihrer Tante nach Sizilien fährt, um ihre sizilianische Familie endlich kennenzulernen.

Da Atlanta und Enza das gleiche Ziel haben (wenngleich aus unterschiedlichen Gründen), machen sich die zwei gen Süden auf, jedoch wählen sie nicht die kürzeste Strecke, sie fahren über Freiburg nach Marseille und Barcelona, um irgendwann dann in Noto anzukommen. Der Weg ist das Ziel – so könnte man ihre Reiseroute umschreiben.

Das Schicksal treibt manchmal seltsame Blüten und vor allen Dingen ist es nie berechenbar. Gleich mal werde ich ins kalte Wasser geschmissen – zwei Frauen auf einem Motorrad, dazu ein Baby, das unbedingt auf diese Welt will und genau dieses kleine Wesen scheint mir dies zu erzählen. Noch bin ich etwas irritiert, was sich aber ganz schnell legt, denn diese „Tage wie Salzwasser“ sind so einfühlsam erzählt, trotzdem das Leben der beiden Protagonistinnen voller Turbulenzen und unvorhersehbarer Zwischenfälle ist. Die Ausgangssituation beider Frauen ist alles, aber schön ist sie ganz gewiss nicht und doch finden sie einen Weg, der beileibe nicht immer geradlinig verläuft. Eigentlich nie, es sind krumme Wege, die sie beschreiten müssen. Beide wollten das nicht, beide werden sie dazu gezwungen. Und – letztendlich ist es gut so, wie es ist.

Sita Maria Freys „Tage wie Salzwasser“ ist leicht und beschwingt erzählt und doch ist es eine Geschichte mit Tiefgang. Ein ergreifendes Debüt über Abschiede, über Neuanfänge und Freundschaft. Emotional, traurig und bittersüß, ein ganz besonderer Roadtrip, den ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Spannend, emotional, erschütternd - ein absoluter Lesegenuss

Die Erbin
1

Cosima Liefenstein ist „Die Erbin“. Eine junge Frau, die in eine Unternehmerfamilie hineingeboren wurde. Die Industriellenfamilie Liefenstein ist fiktiv, deren Verstrickungen in die Machenschaften des ...

Cosima Liefenstein ist „Die Erbin“. Eine junge Frau, die in eine Unternehmerfamilie hineingeboren wurde. Die Industriellenfamilie Liefenstein ist fiktiv, deren Verstrickungen in die Machenschaften des Nationalsozialismus dagegen bittere Realität. Sie waren Profiteure der Arisierung, sie beschäftigten Zwangsarbeiter, sie kungelten mit den Nazigrößen.

Claire Winter erzählt ihren neuen historischen Roman in zwei sich abwechselnden Zeitebenen. Durch Namen-, Orts- und Zeitangaben sind die Kapitel übersichtlich gestaltet, sodass der Überblick nie verloren geht und auch das vorangestellte Personenverzeichnis ist gerade anfangs hilfreich, bald aber sind mir die einzelnen Familienmitglieder und auch andere, wichtige Figuren, sehr vertraut.

Cosima will eine Stiftung für bedürftige Frauen und Mütter ins Leben rufen, ihr Onkel Theodor unterstütz t sie dabei und wie er sagt, ist es Tradition bei den Liefensteins, sich für die Schwächeren und Ärmsten der Gesellschaft einzusetzen. Nicht jeder findet ihr Engagement gut, letztendlich aber lässt sich Cosima nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Als sie dann den Journalisten Leo Marktgraf kennenlernt, ist auch er von ihrer Idee überzeugt und trotzdem sein journalistischer Schwerpunkt anders gelagert ist, möchte er gerne über ihre Stiftung berichten. Wir scheiben das Jahr 1957…

…und gehen zurück ins Berlin der 1929er Jahre. Hier treffen wir auf Elisa, die bei der Familie Liefenstein als Hausmädchen angestellt ist. Wilhelm ist der unangefochtene Patriarch, seine Söhne Theodor und Albert werden eines Tages seine Nachfolge antreten, der jüngste Sohn Edmund ist nach Wilhelms Ansicht dazu nicht geeignet. Als sehr begabter Maler sieht ihn sein Vater eher kritisch, um nicht zu sagen, er verachtet alles, was nicht seiner Norm entspricht. Doch eine standesgemäße Heirat ist auch für Edmund unabdingbar. In der mondänen Rita findet er seine Ehefrau, die ihm ein bezauberndes Mädchen schenkt – Cosima. Bald ist Elisa ihr Kindermädchen und auch wenn Rita sich eher auf dem gesellschaftlichen Parkett tummelt, so kümmert sich ihr Vater liebevoll um die Kleine.

Um diese beiden Protagonistinnen rankt sich der historische Roman, der so viel mehr ist als eine Familiengeschichte. Als Cosimas Stifung eine große Summe von einem Freund von Theodor zugesagt bekommt, ist es Theo, der die Spende ablehnt. „Diesem Mann will man nichts schulden“ ist seine lapidare Erklärung, was Cosima stutzig macht und sie daraufhin mehr wissen will. Sie stößt auf eine Mauer des Schweigens und doch lässt sie nicht locker.

Die Geschichte dieser Familie ist turbulent und steckt voller Geheimnisse. Es geht um Liebe in all ihren Facetten, ein Mord wirft viele Fragen auf und auch ein Suizid hängt irgendwie damit zusammen sowie mehrere Einbrüche in Privatwohnungen und Kanzleien. Daneben ist es die beklemmende Zeit des Nationalsozialismus, dessen Profiteure auch Unternehmerfamilien wie die Liefensteins waren, die in ihren Fabriken Zwangsarbeiter beschäftigten, angetrieben von SA und SS. Durch Arisierungen vergrößerten sie ihr Firmenimperium immens, die Schicksale dahinter waren nicht mal zweitrangig, sie waren ihnen schlichtweg egal.

Claire Winter gibt darüber einen erschreckend realistischen Einblick. Und auch, wenn dieses Thema bekannt ist, so ist es nochmals etwas ganz anderes, hinter die Kulissen zu blicken. Da ist David, ein sehr guter Freund von Edmund, der als Jude sich nach Polen rettet. Sie schreiben sich, bis kein Brief mehr kommt. Edmund hofft, dass David es schafft, sich in Sicherheit zu bringen, aber einige Zeit danach sieht er ihn, schwach und abgemagert, als Zwangsarbeiter, mit blutigen Striemen. Er will ihn retten, ihm zur Flucht verhelfen, was die Aufseher brutalst zu verhindern wissen. Dies ist nur ein kleiner Abriss all der Grausamkeiten, denen die einen ausgesetzt waren und andere sich dadurch bereichert haben. Auch die Liefensteins haben sich den Nazis angebiedert und danach, als all die Verbrechen aufgeklärt werden sollten, wurden ganz schnell sämtliche Beweise vernichtet. In so manchen Unternehmen haben die mit verräterischen Akten gefütterten Feuer lange gebrannt.

„Die Erbin“ ist ein bestens recherchierter historischer Roman, der mir einen tiefen Blick in unsere gar nicht so lange zurückliegende Vergangenheit gewährt. Eine finstere Zeit, die man nie vergessen darf, die noch lange in die Nachkriegszeit hineinwirkt. Dies alles eingebettet in die Geschichte der fiktiven Familie Liefenstein und deren so unterschiedlichen Mitglieder. Es war eine intensive Reise zurück in die Jahre 1929 bis 1957. Ein unterhaltsamer Roman, spannend, emotional und absolut lesenswert. Mein Tipp: Lesen, einfach lesen. Es lohnt sich. Wer Claire Winters Bücher kennt, wird sowieso unbesehen danach greifen.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Spannender Tessin-Krimi

Der Schädel von Sant'Abbondio
1

Während der Weinlese bei den Cavadinis wird ein menschlicher Schädel gefunden. Die Arbeiten werden daraufhin gestoppt und der Fundort weitläufig abgesperrt. Bald stellt sich heraus, dass dieser Tote bzw. ...

Während der Weinlese bei den Cavadinis wird ein menschlicher Schädel gefunden. Die Arbeiten werden daraufhin gestoppt und der Fundort weitläufig abgesperrt. Bald stellt sich heraus, dass dieser Tote bzw. der Schädel von ihm seit mindestens vierzig Jahren hier vergraben liegt und da die Verjährungsfrist dreißig Jahre beträgt, werden die polizeilichen Ermittlungen eingestellt. Was sie aber wissen ist, dass es sich um Domenico handelt, einen jungen Mann, der nach Amerika auswandern wollte.

Da die Polizei den Fall nicht weiter verfolgt, bleibt Moira gar nichts anderes übrig, als auf eigene Faust zu ermitteln, um Ambriogio, ihren Vater, zu entlasten. Denn das Gerücht, er könnte mit dem Tod seines Freundes zu tun haben, hält sich hartnäckig. Als dann ein zweiter Toter aufgefunden wird, schaltet sich die Polizei wieder ein, Moira aber bleibt dran, sie liefert wertvolle Hinweise.

„Der Schädel von Sant’Abbondio“ ist ein Urlaubskrimi. Neben den Ermittlungen spielt auch das Privatleben der Hauptfiguren inklusive ihrer Tiere und der wunderschönen Gegend mit hinein, sodass ich am liebsten sofort abreisen und mich zu ihnen setzen möchte, um von all den Köstlichkeiten zu probieren, die sie gefühlt ständig auf den Tisch zaubern.

Neben diesen Toten gilt es, einem Giftanschlag nachzugehen, eine tote Cousine wirft nach Jahren nochmal viele Fragen auf, auch verschwindet ein älterer Herr, Lunas Hund entgeht knapp einem Anschlag und dann taucht auch noch eine rätselhafte Kassette auf. Schnatternde und um sich beißende Gänse haben ihren Auftritt und natürlich sind Ambrogios Katzen wieder mit dabei. Es geht hoch her und neben Ambrogio gibt es noch so einige Verdächtige, auch meint die Polizei, den Fall gelöst zu haben, Moira sieht dies anders.

Jeder neue Band ist für mich wie heimkommen, es ist mein vierter Tessin-Krimi, die alle in Montagola am Comer See angesiedelt sind. Die Figuren sind mir mittlerweile wohlvertraut. Neben Moira, die mit ihrer Tochter Luna und dem Hund Liam seit einiger Zeit in Montagnola lebt und hier auch ihre große Liebe gefunden hat, sind es ihr Vater Ambrogio, Arianna Manzoni, die Staatsanwältin, die Winzerfamilie Cavadinis, um nur einige aus dem Dorf zu nennen. Und natürlich darf auch diesmal Ispettrice Chiara Moretti nicht fehlen, die mit Moira mittlerweile gut befreundet ist. Jeder einzelne, auch die hier nicht genannten, sind individuelle Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten. Mascha Vassena versteht es, sie alle typgerecht abzubilden, ihr einnehmender Schreibstil tut ein Übriges. Sie hat mich wiederum bestens unterhalten, so manches Mal musste ich geschockt den Atem anhalten, an anderer Stelle dann war es ein Schmunzeln, das sie mir entlockt hat. Trotz des grausigen Fundes gleich zu Beginn ist „Der Schädel von Sant’Abbondio“ ein Wohlfühlkrimi mit durchaus kriminellen Machenschaften, der gelesen werden will. Wird Moira weiterhin ermitteln? Ich hoffe es sehr.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Das Schicksal dreier sámischer Frauen und deren Zwangsumsiedelung

Das Echo der Sommer
1

Die schwedisch-sámische Journalistin und Autorin Elin Anna Labba greift in ihrem Roman „Das Echo der Sommer“ das Schicksal der Samen auf, deren Dörfer zugunsten der Energieversorgung der Städte geflutet ...

Die schwedisch-sámische Journalistin und Autorin Elin Anna Labba greift in ihrem Roman „Das Echo der Sommer“ das Schicksal der Samen auf, deren Dörfer zugunsten der Energieversorgung der Städte geflutet wurden. Dabei bezieht sie sich auf die Erzählungen der Überflutung schwedischer Dörfer, die an den Quellseen des Stora Luleälvs liegen und anderer gefluteter Gegenden in den Jahren 1923, 1939, 1940-1944 und 1972.

„Wir sind am schönsten und schrecklichsten Ort der Welt gelandet“ sagt Rávdná zu ihrer dreizehnjährigen Tochter Iŋgá , als sie nach dem Winter in ihr Sommerland zurückkehren in ihre Kote hoch oben über dem Stausee, an dessen Hügeln sich sámische Dörfer angesiedelt haben. Dieser Stausee wird über Jahrzehnte hinweg in Etappen geflutet. Dabei ist es den Betreibern des Kraftwerks und letztendlich dem Staat nicht wichtig, dass die Sámi dabei ihr gesamtes Hab und Gut verlieren. Mehr noch, für sie gilt, dass sie als Nomaden kein Land besitzen dürfen und ihre Koten lediglich geduldet sind mit der Auflage, diese ausschließlich räumlich begrenzt in runder Form mit höchstens zwei Fensterluken zu bauen, zudem werden sie nicht an das nahe Elektrizitätswerk angeschlossen. Sie werden permanent ihrer Rechte beraubt.

Drei Frauen sind es, die dem indigenen Volk der Samen angehören, über deren Lebenswelten und deren Zwangsumsiedelung ich lese. Rávdná, Iŋgá und ihre Tante Anne. Sie sind fest verhaftet in ihrer traditionellen Lebensweise, sie sind kunsthandwerklich geschickt, sie verkaufen ihre Fellschuhe, ihre Brieföffner, Kaffeefilter und noch so einiges mehr an Touristen. Dagegen hapert es mit dem Lesen und Schreiben, lediglich Iŋgá beherrscht dies einigermaßen, was schon auch wichtig ist, auch wenn ein Beschwerdebrief an die zuständige Behörde nichts nützt. Nicht nur hier ist die Diskriminierung der Sámi deutlich zu spüren.

Obwohl das ganze Dorf mitsamt ihrer Kote im Wasser versinkt, wollen sie sich unter keinen Umständen vertreiben lassen. Es ist nicht das erste Mal, dass der See geflutet wird. Sie wissen es aus Erzählungen der Älteren, als die erste Erhöhung des Staudamms gerade mal so hoch wie ein Haus war und nun erleben Rávdná, Iŋgá und Anne, Rávdnás Schwester, die neuerliche Flutung hautnah. Es wird auch nicht das letzte Mal sein, dass sie ihre Kote dem Wasser opfern müssen. Dabei kommt es mir so vor, als ob sie sich schon lange damit abgefunden haben, dass sie wieder und wieder aufs Neue ihre Behausung ein Stück weit höher den Berg hinauf errichten müssen. Sie leben ganz selbstverständlich im Einklag mit der Natur, sie folgen den Jahreszeiten und wollen es auch weiterhin so halten und nicht zuletzt auch darum kämpfen sie um ihren Lebensraum.

Elin Anna Labba hat mir eine Welt gezeigt, die mir vollkommen fremd ist. Sie lässt die sámische Sprache immer wieder kurz mit einfließen, was den Lesefluss lediglich anfangs etwas beeinträchtigt, da die Erklärung dazu dann wie nebenbei durchklingt. Das Buch lässt sich nicht einfach mal so weglesen, es fordert für sich ein gewisses Maß an Zeit ein. Die Diskriminierung indigener Völker – hier der Samen – ist hier anschaulich thematisiert, es ist ein lesenswertes Buch, das mich nachdenklich zurücklässt.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Elise und Valérié – gelungener Auftakt der Montmartre-Dilogie

Montmartre - Licht und Schatten
1

Elise Lambert wird als Tochter einer einfachen Wäscherin am 28. Juni 1866 geboren. Sie wächst in Armut auf den Hügeln von Montmartre auf. Am gleichen Tag, wenig später, erblickt Valérie Dumas das Licht ...

Elise Lambert wird als Tochter einer einfachen Wäscherin am 28. Juni 1866 geboren. Sie wächst in Armut auf den Hügeln von Montmartre auf. Am gleichen Tag, wenig später, erblickt Valérie Dumas das Licht der Welt. Sie ist die Tochter eines wohlhabenden Kunsthändlers am Boulevard de Clichy, dementsprechend behütet ist ihre Kindheit. Der Lebensweg der beiden scheint vorgezeichnet, denn im ausgehenden 19. Jahrhundert hat eine Frau zu heiraten und ihrem Manne zu dienen - was weder für Elise noch für Valérie erstrebenswert ist.

Eine frühreife Freundin nimmt Elise heimlich mit, um sich in einem Variété unter die Tanzenden zu mischen. Sie ist begeistert vom Cancan, Jacques Offenbachs Galop infernal, der Höllen-Cancan, hat es ihr besonders angetan und spätestens da reift in ihr der Wunsch, diesen schnellen Tanz zu erlernen und zu vervollkommnen.

Valérie ist zeichnerisch überaus begabt, viele Stunden verbringt sie malend in Vaters Galerie. Über ihr Ansinnen jedoch, eine Malakademie, die ausschließlich männlichen Schüler offen steht, zu besuchen, ist er nicht erfreut. Dennoch macht er es ihr möglich, als einzige Frau dort aufgenommen zu werden, allerdings muss sie so einige Einschränkungen in Kauf nehmen.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, angefangen von der späten Kindheit der beiden im Jahre 1878 über ihre mehr oder weniger wilde Jugend bis hin zu den darauf folgenden stürmischen Jahren. Weiter geht es dann auf den Weg zum Erfolg, Licht und Schatten endet mit ihren nunmehr dreiundzwanzig Jahren 1889.

Dabei begegnen ihnen viele heute weltberühmte Künstler. Henri Toulouse-Lautrec spielt eine große Rolle, auch Suzanne Valadon, Vincent van Gogh, Camille Pissarro, Edouard Manet und Claude Monet, um nur einige wenige zu nennen. Louise Weber, die als La Goulue als laszive Tänzerin Berühmtheit erlangte, ist in Elises Geschichte eingewoben. Eine schillernde Persönlichkeit, die mir bis dato unbekannt war. Ihr Charakter passt sich perfekt der anzüglichen, ja unzüchtigen, der frivolen Atmosphäre einschlägiger Nachtlokale – in ihrem Fall Tanzlokale - an. Die Autorin klärt zum Schluss über Wahrheit und Fiktion auf. Dabei wird klar, dass sie sich zwar künstlerische Freiheiten gegönnt, aber doch sehr viel an Wahrem wiedergegeben hat, wenngleich so einiges im fiktiven Bereich angesiedelt ist.

Der erste Teil der Montmartre-Dilogie hat mich sofort ins Buch gezogen. Die gegensätzlichen Lebenswege der beiden Frauen, die sich irgendwann begegnen, sind interessant und spannend erzählt, auch das Who’s Who der Kunstszene gibt sich die Ehre, was mir besonders gut gefällt. Beide Erzählstränge sind reizvoll, wobei mich Elises erste Lebensjahre noch mehr bewegt haben, was sich aber dann im Laufe der Geschichte ausgleicht. Vom Dorf Montmartre, in dem die armen Leute ihr Dasein fristeten bis hin zur Eröffnung des Moulin Rouge und der Pariser Weltausstellung und vielem mehr erstreckt sich der Roman, der von viel Licht, aber auch von noch mehr Schatten erzählt. Viel ist die Rede von den Stilrichtungen der damals aktuellen Malerei – eine kurze Erklärung dazu findet man am Ende des Buches, ebenso eine Liste der erwähnten Kunstwerke. Marie Lacrosse vermittelt Interessantes über eine Zeit, in der Frauen nicht viel zu melden hatten, einzelne es aber dennoch mit viel Durchhaltevermögen nach oben geschafft haben.

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