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Veröffentlicht am 23.10.2024

Das Leben einfacher Bauern im 16. Jahrhundert – eindrucksvoller Auftaktband

Am Fluss der Zeiten
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„Am Fluss der Zeiten“ ist der Auftakt eines historischen Mehrteilers, der im 16. Jahrhundert angesiedelt ist. Er basiert auf einer wahren Geschichte mit Personen, die damals gelebt haben. Das besondere ...

„Am Fluss der Zeiten“ ist der Auftakt eines historischen Mehrteilers, der im 16. Jahrhundert angesiedelt ist. Er basiert auf einer wahren Geschichte mit Personen, die damals gelebt haben. Das besondere daran ist, dass es die Vorfahren der Autorin waren, sie lebten auf dem Hof Kalmule, den es auch heute noch gibt, jedoch hat dieser mit Ulrike Renks Familie nichts mehr zu tun. Fiktionale Momente mischen sich mit den sorgfältig recherchierten Verhältnissen der damaligen Zeit.

Zunächst möchte ich auf die Personenliste am Ende des Buches hinweisen, gegliedert nach den einzelnen Höfen, der Burg Kakesbeck, dem Haus Senden und der Domkurie Münster. Gerade anfangs ist es sehr hilfreich, hier immer mal wieder nachzuschauen und auch das Glossar danach war für mich unverzichtbar.

Elze lebt mit ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester Nele, ihren drei Brüdern sowie ihrer Vaterschwester Stine auf Hof Kalmule und seit ihr ältester Bruder Drees seine Käthe geehelicht hat, lebt auch sie hier. Sie sind Eigenbehörige – der Begriff war mir fremd. Sie waren unfrei, sie standen in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Grundherrn mit allen Pflichten, die sie dadurch hatten. Auch so manch andere Benennungen und Ausdrücke, die diesen Roman so authentisch machen, waren mir nicht geläufig und so habe ich auch erfahren, dass eine Hofübernahme, für welche Zahlung – und das nicht zu knapp - geleistet werden musste, als Auffahrt bezeichnet wurde. Im Prolog erfahren wird, dass Drees auf Hof Kalmule auffahren will, sein Vater ist alt und angeschlagen und wird aufs Altenteil gehen. Den ersten Seiten ist auch zu entnehmen, dass Amtmann Valcke die siebzehnjährige Elze zum Gesindedienst nach Münster verplichtet. Drees Einwand, dass sie auf dem Hof gebraucht wird, lässt Valcke nicht gelten, er duldet keinen Widerspruch. Bis dahin mag es noch ein Weilchen dauern, denn nach dem kurzen Prolog gehen wir ein Jahr zurück. Die Bauern sind mitten in der Ernte, die Trockenheit hat die Böden hart gemacht und nun ist der Damm gebrochen, die Stever steigt, auch der Kleuterbach tritt über die Ufer, das Wasser kommt in die Höfe. Wir sind mittendrin im ganz normalen Alltag der einfachen Leute und ihres arbeitsreichen Daseins. Alle müssen mit anpacken, alles wird verwertet, sie sind weitgehend Selbstversorger.

Vom Sommer 1551 bis ins Frühjahr 1553 begleiten wir Elze und die ihren ein Stück ihres Weges. Es sind Tage voller Arbeit, so mancher Schicksalsschlag in der Familie ist schwer zu verkraften, auch spielt der Aberglaube mit hinein. Die Reformationsbewegung, die Zeit der Widertäufer und deren Auswirkungen sind Thema, aus Stines Sicht lässt uns die Autorin daran teilhaben. Das Bild vom finsteren Mittelalter drängt sich mir unweigerlich auf. Auch war das Wissen der Kräuterfrauen sehr gefragt, lesen und schreiben konnten die wenigsten, geheiratet wird nicht nur aus Sympathie und doch spielen auch Zuneigung und die ersten zarten Bande eine Rolle.

Ulrike Renk hat das Leben der einfachen Bauern gut eingefangen. Sie lässt Geschichte lebendig werden, sie nimmt ihre Leser mit auf eine Reise ins fünfhundert Jahre zurückliegende Gestern. Der Auftaktband der Trilogie um Hof Kalmule macht Lust auf mehr – ich bin auf die Fortsetzung gespannt.

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Veröffentlicht am 22.10.2024

Rund um das Hawelka - eine Melange auf zwei Zeitebenen

Café Hawelka
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Die Reihe „Cafés, die Geschichte schreiben“ wird mit dem dritten Band um das „Café Hawelka“ fortgesetzt. Wer kennt es nicht, dieses Wiener Kaffeehaus, in dem sich die Berühmtheiten seit jeher wohl fühlen. ...

Die Reihe „Cafés, die Geschichte schreiben“ wird mit dem dritten Band um das „Café Hawelka“ fortgesetzt. Wer kennt es nicht, dieses Wiener Kaffeehaus, in dem sich die Berühmtheiten seit jeher wohl fühlen. Maria Wachter schrieb als Wienerin dieses Buch mit großen Vergnügen, wie sie in ihrem Nachwort verrät.

„Nicht grandios und glamourös, aber gemütlich ist es bei uns. Deshalb kommen sie alle – Dichter, Maler, Literaten, Schauspieler, Studenten genauso wie die Reichen und die Mächtigen…“ schwärmt Jutta von „ihrem Hawelka“, ihrem zweiten Wohnzimmer. Alle sind sie gleich viel wert, alle sind sie willkommen.

Endlich – der Krieg ist aus. Gerade noch war Else mit Fritzi im Luftschutzkeller und nun hört sie es, seit drei Tagen schon soll er vorbei sein. Aber wo ist Fritzi, ihre kleine Schwester, die sie notgedrungen aufzieht, da ihre Mutter bei Fritzis Geburt gestorben ist und Vater in den Krieg musste. Auf der Suche nach Fritzi begegnet ihr Frau Hawelka, die ihr gut zuredet, die ihr Mut macht und sie mitnimmt in ihr Kaffeehaus, denn in ihr Zuhause kann Else nicht mehr – Wien ist ein einziger Trümmerhaufen und doch steht das Café Hawelka noch, völlig unbeschadet.

Es ist so viel mehr als nur die Geschichte um das Hawelka, die Maria Wachter in ihrem Roman in zwei sich abwechselnden Zeitebenen so wundervoll erzählt: Von 1945, als Leopold und Josefine Hawelka alles dran setzten, um ihr Kaffeehaus trotz Mangel wiederzueröffnen, was ihnen trotz den nicht zu unterschätzenden Gefahren des Schwarzmarktes und der zerstörten Infrastruktur mit viel Improvisationstalent gelingt. Im Nachkriegs-Wien begleiten wir Else. Wien ist in vier Zonen eingeteilt, es gibt praktisch nichts und doch kämpfen sie alle ums Überleben und nicht nur das – Else ist jung, sie ist pflichtbewusst und auch ein wenig lebenshungrig, sie geht tanzen, sie verliebt sich. 1968 dann, im zweiten Erzählstrang, ist es Jutta, der wir folgen. Sie will heiraten und braucht dafür Papiere, die Ihre Mutter Else in der Dokumentenmappe der Familie sicher verwahrt. Jutta ist bald einem gut gehüteten Geheimnis um ihre Familie auf der Spur, es wird an die Kriegswirren, die Judentransporte und auch die Überzeugungstäter und an noch so vieles mehr erinnert. Juttas eckt an, ihr Sinn für Gerechtigkeit ist nicht jedem genehm. Auch wird der Zeitgeist gut eingefangen, sie tragen wieder Pelzmäntel – um nur eine kleine, wie dazwischengeschobene Anekdote zu benennen - was heutzutage gar nicht mehr geht.

Maria Wachter ist es bestens gelungen, rund um das Hawelka die Geschichte einer Familie zu erzählen und dabei sehr viel Historisches mit einfließen zu lassen. Ihre Melange aus wahren Biographien, dem gut recherchierten geschichtlichen Hintergrund und den fiktiven Charakteren habe ich sehr genossen.

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Veröffentlicht am 20.10.2024

HaPe, der Ahnenforscher

Gebt mir etwas Zeit
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Aufmerksam wurde ich bei Inas Nacht, bei der Hape Kerkling zu Gast war, um dieses Buch zu bewerben. Es war ein launiges Gespräch, ich war angefixt. Als absoluter Fan von ihm musste ich sein neuestes Werk ...

Aufmerksam wurde ich bei Inas Nacht, bei der Hape Kerkling zu Gast war, um dieses Buch zu bewerben. Es war ein launiges Gespräch, ich war angefixt. Als absoluter Fan von ihm musste ich sein neuestes Werk unbedingt kennenlernen und was liegt da näher, als es sich von ihm vortragen zu lassen. Gesagt – getan. Die letzten Töne des ungekürzten Hörbuches, in dem er über 10 Stunden und 48 Minuten über sein Leben und auch über seine Verwandtschaft zu den britischen Royals erzählt, sind verklungen und nun hier mein Resümee.

Der Einstieg ins Buch war mir zu lang und breit erklärt. Wir stammen alle von denselben Ur- Ur- Ur… Vorfahren ab. Nach dem ausführlichen Prolog war ich erleichtert und auch gespannt darauf, was er nun zu berichten weiß - ich gebe ihm nur zu gerne etwas Zeit.

Hape ist nun auch Ahnenforscher. Dabei hat er festgestellt, dass er mit dem britischen Königshaus verwandt ist, was auf Oma Bertha zurückgeht. Auch sei verraten, dass der „Hutmacher“ Cornelius Kerkeling mit dem Titel dieses Buches zu tun hat. Er hatte ein auf Zweisamkeit ausgelegtes, nicht direkt legales Geschäft, das aber dennoch gut besucht war. Er erzählt viel Interessantes über interessante Leute und wie es so ist, ist manche Anekdote besser gelungen als so manch andere. Seine Anfänge im Showgeschäft gehören natürlich dazu und auch weiß man, dass er Männer liebt. Er meint, ein erzkonservativer Schwuler zu sein, also ein ganz normaler Mensch. Ein sympathischer noch dazu, wie ich finde. Etwas zu viel waren mir die zu intimen Einblicke in sein Privatleben, die hätte ich so geballt nicht gebraucht. Über so einige langatmige Stellen sehe ich hinweg, denn dieses locker-leichte, das Spontane, dieses witzig Vorgetragene, das ich von ihm gewohnt bin, ist auch hier da – Hape ist präsent, „Gebt mir etwas Zeit“ durchaus hörenswert.

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Veröffentlicht am 18.10.2024

Über Schlaflosigkeit, über prophetische Träume und mehr

Der längste Schlaf
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Mara Lux ist gebürtige Deutsche, lebt aber schon lange in London. Schon früh hat sie ihre Eltern verloren, hat dann aber in ihrer Pflegefamilie viel Zuwendung bekommen, deren Tochter Roxi ihr zur Schwester ...

Mara Lux ist gebürtige Deutsche, lebt aber schon lange in London. Schon früh hat sie ihre Eltern verloren, hat dann aber in ihrer Pflegefamilie viel Zuwendung bekommen, deren Tochter Roxi ihr zur Schwester und besten Freundin geworden ist. Mara ist Wissenschaftlerin, ihr Gebiet ist der Schlaf und die Schlaflosigkeit, an der sie selber leidet.

Einen Frankfurter Notar soll sie anrufen – diese Nachricht findet sie neben anderen in ihren eMails, was ihr äußerst seltsam erscheint. Denn außer mit Roxy hat sie keine Verbindung nach Deutschland. Nach kurzem Zögern ruft sie dennoch die hinterlegte Nummer an. Eine Schenkung, ein Herrenhaus, frei von Schulden und ähnlichen Verbindlichkeiten, wartet auf sie. Der Notar nennt ihr den Namen des ihr völlig Unbekannten. Sie lehnt ab, bedankt sich und beendet das Telefonat. Und doch geht ihr diese absonderliche Sache nicht mehr aus dem Kopf und beschließt, sich das Haus vor Ort anzusehen.

Dazwischen lesen wir von einem Geschwisterpaar, deren Geschichte ich nicht vorweg nehmen möchte.

Es geht um Schlaf und Schlaflosigkeit und von prophetischen Träumen lesen wir auch. Es sind mehrere Handlungsstränge, die jeder für sich rational nicht greifbar sind. Nicht nur in besagtem Herrenhaus geschehen seltsame Dinge – oder ist dies eher Einbildung? Vor allem nachts ist alles ein Stück weit unheimlicher und wenn man sich dann an einem Ort befindet, der einen nicht vertraut ist, hört sich jedes Geräusch zusätzlich bedrohlich an. Die Story driftet zuweilen ins Mystische ab, was dem Ganzen Spannung verleiht, den märchenhaften Elementen, die sich später dann dazwischenschieben, kann ich jedoch nicht viel abgewinnen. So manche Figur bleibt oberflächlich, andere verlieren sich zu sehr ins Phantastische. Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen, was nicht zuletzt dem einnehmenden Schreibstil geschuldet ist - es war meine erste Begegnung mit Melanie Raabe.

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Veröffentlicht am 18.10.2024

Sie riecht den Tod

Das Parfüm des Todes
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„Vor ein paar Wochen hast du eigenständig einen Auftrag angenommen, stimmt´s? Yang NIng erinnert sich an den Kunden, der schon etwas seltsam war. Der Anrufer hatte es eilig, in wenigen Stunden sollte ...

„Vor ein paar Wochen hast du eigenständig einen Auftrag angenommen, stimmt´s? Yang NIng erinnert sich an den Kunden, der schon etwas seltsam war. Der Anrufer hatte es eilig, in wenigen Stunden sollte der Auftrag erledigt sein. Es schien perfekt zu laufen - der Schlüssel war an der angegebenen Stelle, das Geld hinterlegt, alles war so wie besprochen. Ihr Chef war nicht begeistert, als er erst hinterher davon erfahren hat, auch wenn der Job sehr gut bezahlt wurde. „Die Polizei geht von einem Mord aus. Und du warst vor ihnen am Tatort“ eröffnet ihr Haoyang, ihr Anwalt und ehemaliger Lebensgefährte. Nun wird Yang Ning klar, warum die Polizei sie verdächtigt, denn sie hatte sämtliche Beweise beseitigt, einen nach dem anderen. Als Tatortreinigerin ist dies nun mal ihr Job, hier aber wurde sie in eine fiese Falle gelockt. Wie soll sie beweisen, dass sie mit dem Mord, der ihr zur Last gelegt wird, nichts zu tun hat?

Yang Ning ist ihr absoluter Geruchssinn abhanden gekommen, nur in bestimmten Situationen, an berüchtigten Orten, ist er wieder da. Ihr feines Näschen konnte zuvor sämtliche Aromen aufschlüsseln, jede einzelne Substanz identifizieren und sie bei Bedarf aus dem Gedächtnis abrufen. Und nun ist es der Gestank des Todes, dem sie als Tatortreinigerin im Einsatz begegnet, der ihr diese Gabe zurückgibt, wenngleich er nicht anhält.

In drei Teilen berichtet „Das Parfüm des Todes“ vom „Tatort“, zeigt das“ Täterprofil“ auf und endet in einem „Raunen“. Die Autorin lässt sich zunächst viel Zeit, sie stellt die einzelnen Figuren vor, wobei ich um das Personenverzeichnis am Ende des Buches sehr dankbar war, denn die taiwanisch-chinesischen, ähnlich geschriebenen Namen, sind schon eine Herausforderung. Man begegnet hochgradig gestörten Wesen, wir lesen von Pädophilie, von Fetischismus und von Gerüchen, die uns anhaften. Es wird Anleihe an Grenouille genommen, was mir jedoch so gar nicht gefällt. Süßkinds Grenouille hat den perfekten Geruchssinn, ist aber selber ohne jeden Eigengeruch. Diese Tatsache mal ausgeblendet, hat „Das Parfüm des Todes“ durchaus Thrillerqualitäten, wenngleich nicht durchgängig. Zuweilen verliert sich die Story in zu vielen Details, sie wartet aber schon mit brutalen Szenen auf – zu zartbesaitete Leser werden hier aufstöhnen. Der Schluss dann hat mich nicht abgeholt, er ist für meine Begriffe etwas seltsam geraten.

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