Profilbild von Magnolia

Magnolia

Lesejury Star
online

Magnolia ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Magnolia über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.09.2024

Einfühlsam erzählte Familiengeschichte über drei Generationen

Vaterländer
0

Sabin Tambrea erzählt seine Geschichte, die Geschichte seiner rumänisch-ungarischen Familie. Er selbst hat das 10 Stunden und 28 Minuten dauernde, ungekürzte Hörbuch eingesprochen, das mich trotz des in ...

Sabin Tambrea erzählt seine Geschichte, die Geschichte seiner rumänisch-ungarischen Familie. Er selbst hat das 10 Stunden und 28 Minuten dauernde, ungekürzte Hörbuch eingesprochen, das mich trotz des in weiten Teilen beklemmenden Inhalts doch sehr angesprochen hat. Zum einen war es sein Erzählstil, der – so könnte ich mir vorstellen – auch gut lesbar ist und zum anderen ist es seine angenehme Erzählstimme, die „Vaterländer“ zu einem ganz besonderen Hörerlebnis macht. Dabei lässt er auch seinen Vater und seinen Großvater zu Wort kommen, der das Ceauceșcu-Regime hautnah erleben und erleiden musste. Hierbei hat er sich an die Memoiren seines Großvaters über die Zeit seiner Inhaftierung durch die Securitate zwischen 1949 und 1951 gehalten.

Bela Tambrea, sein Vater, kehrt nach einer Konzertreise nicht mehr zurück nach Rumänien. Er kann dann endlich, nach zwei langen, einsamen Jahren, seine Frau und die Kinder nach Deutschland holen. Sabin ist noch klein, als er staunend das schier überquellende Warenangebot hier sieht, wir befinden uns gegen Ende der 1980er Jahre, es war kurz vor dem Zusammenbruch des Ceauceșcu-Regimes. Seine Eltern sind etablierte Orchestermusiker, auch Sabins Schwester ist im Gegensatz zu ihm sehr talentiert, für ihn dagegen ist sein Spiel auf der Geige eher ein Muss.

Die Erzählung ist in drei Teile gegliedert, wobei der zweite Teil einen tiefen Einblick in die Machenschaften der Securitate, der rumänischen Geheimpolizei, gewährt. Einmal in deren Fängen, war ein Entkommen schier unmöglich. Diese so intensiv geschilderte Zeit macht nur allzu deutlich, dass keiner vor diesem Unrechtsstaat sicher war. Man musste nur jemandem zufällig begegnet sein, vielleicht auch mit ihm gesprochen haben und dabei beobachtet worden sein, so wurde man schlechtestenfalls inhaftiert und gefoltert und nicht genug damit, auch mussten die einzelnen Familienmitglieder darunter leiden. Diese schreckliche Ära veranschaulicht der Autor anhand vieler Begebenheiten. Es ist ein hochinteressantes Zeugnis einer dunklen, einer gefährlichen Zeit.

Sabin Tambrea zeichnet daneben den unbedingten Zusammenhalt der Familienmitglieder untereinander nach. Es ist ein sehr persönlicher Blick zurück hin in eine von Gewalt und Unterdrückung geprägten kommunistischen Ära hin zu Vaters Verbleib im Westen und zu den späteren Verwandtschaftsbesuchen nach Rumänien. Es ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die mir vor allem die dunklen Zeiten des Ceauceșcu-Regimes nochmal allzu deutlich vor Augen geführt hat, die nicht vergessen werden darf.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.09.2024

Reihenauftakt um die Berghebamme

Die Berghebamme – Hoffnung der Frauen
0

Das Angebot der Stadthebamme Hilde Garhammer hat Maria Roßacker gleich nach ihrer mit Bravour abgelegten Prüfung gerne angenommen. Den Brief, den sie von Max, ihrem Freund aus Kindertagen, erhalten hat, ...

Das Angebot der Stadthebamme Hilde Garhammer hat Maria Roßacker gleich nach ihrer mit Bravour abgelegten Prüfung gerne angenommen. Den Brief, den sie von Max, ihrem Freund aus Kindertagen, erhalten hat, hat sie verdrängt, denn was soll sie in Brannenburg? Dort wurde sie, das Findelkind, nie akzeptiert und nicht nur das, als Bankert wurde sie beschimpft. Max bittet sie dennoch, zurückzukommen, um die Nachfolge der alten Hebamme Alma anzutreten, was Maria nach reiflicher Überlegung dann doch macht. Zurück im Dorf spürt sie auch jetzt diese feindselige Stimmung ihr gegenüber, allen voran ist es die alte Hebamme Alma, die gegen sie wettert, die seit mehr als vierzig Jahren hier die Kinder zur Welt holt. Dass sie nun vom Bürgermeister und dem Gemeinderat in den Ruhestand versetzt worden ist und die junge Maria als ihre Nachfolgerin bestimmt wurde, ficht sie nicht an und so manche werdende Mutter auch nicht, sie schwören nach wie vor auf Alma. Auch der örtliche Pfarrer hält an Althergebrachtem fest wie etwa die von der Hebamme seit jeher ausgeführte Nottaufe - dafür hat Alma immer Weihwasser dabei, was Maria als unhygienisch ablehnt. Ihre fortschrittliche Arbeitsweise missfällt so manchen hier, aber davon lässt sie sich nicht beeindrucken.

Wir sind in Brannenburg, das liegt in Oberbayern, im Jahr 1893. Mangelnde Hygiene bei der Geburt war oftmals für die Müttersterblichkeit und auch die ihrer Neugeborenen verantwortlich. Im Nachwort weist die Autorin auf den Arzt und Geburtshelfer Ignaz Semmelweis hin, der vor 200 Jahren die Ursachen des Kindbettfiebers entdeckt hat. Heute wissen wir, wie wichtig Hygienestandards sind, Ende des 19. Jahrhunderts aber war dies eher nicht der Fall. Am Beispiel dieser beiden so unterschiedlich denkenden und agierenden Hebammen und auch so manch verbohrtem Dörfler wird dies nur allzu deutlich.

Vor diesem Hintergrund erzählt Linda Winterberg Marias Geschichte. Sie ist mit Leib und Seele Hebamme, ihre fortschrittlichen Methoden gefallen nicht jedem. Ihre Außenseiterrolle als lediges Kind, das im Waisenhaus aufwächst, ist gut nachvollziehbar geschildert, auch die damals betriebenen Gebäranstalten, in denen sich die Mütter ihrer Kinder diskret entledigen konnten, ist Thema. Und natürlich spielt auch die Liebe mit hinein. Die Diskrepanz der ewig Gestrigen und derer, die Neues annehmen können und es auch wollen und auch die so unterschiedlichen Charaktere sind gut herausgearbeitet.

Der erste Teil der „Berghebamme – Hoffnung der Frauen“ schildert die damalige Zeit, den vielfach verbreiteten Aberglauben, auch die Ausgrenzung derer, die anders leben, deren Start ins Leben unter schwierigen Bedingungen nicht einfach war und macht den medizinischen Fortschritt in punkto Schwangerschaft und Geburt deutlich, auch wenn für meine Begriffe dann und wann etwas zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt wird. Davon mal abgesehen ist es ein durchaus gelungener Reihenauftakt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.09.2024

Die starken Frauen hinter der Front

Die Frauen jenseits des Flusses
0

Die McGroths lassen es sich nicht nehmen, zu Ehren ihres Sohnes Finley, der in den Krieg zieht, eine Abschiedsparty zu geben. Nach Vietnam wird er gehen. Seine Schwester Frankie schreibt ihm regelmäßig ...

Die McGroths lassen es sich nicht nehmen, zu Ehren ihres Sohnes Finley, der in den Krieg zieht, eine Abschiedsparty zu geben. Nach Vietnam wird er gehen. Seine Schwester Frankie schreibt ihm regelmäßig und auch von ihm erhält sie lustige Briefe und bunte Postkarten, er erzählt von Partys in Saigon, die Truppen werden anscheinend gut unterhalten.

„Frauen können doch auch Helden sein“ meint Finleys bester Freund. So hat sie das noch nie gesehen, aber warum eigentlich nicht. Als frisch gebackene, examinierte Krankenschwester ist sie nicht gefordert, außerdem will sie weg von daheim. Sie trifft auf einen Kriegsversehrten mit nur einem Bein, er ist auf eine Mine getreten – in Vietnam.

So reift ihr Plan, es ihrem Bruder gleichzutun. Anfängliche Hürden hat sie überwunden und nun ist sie angekommen, der erste Eindruck ist ernüchternd. Bald aber arbeitet sie sich ein, ihr Beruf wird ihr zur Berufung. Sie sieht viel Leid, zu viele der viel zu jungen Männer, halbe Kinder noch, werden in Leichensäcken heimgeflogen und wenn sie Glück haben – so man es als Glück bezeichnen will – kehren sie als körperliche und seelische Krüppel heim. Frankie findet zwei Freundinnen, die auch später dann, als sie alle wieder in der Heimat sind, für sie da sind. Und auch die Liebe gibt ihr Halt, wenngleich diese eher bitter denn süß ist.

Irgendwann dann ist Frankies Dienst in Vietnam zu Ende, daheim aber wartet keiner auf sie. Sie wird angespuckt und beschimpft, die „Heldin“ ist nicht willkommen. Sie sucht Hilfe, findet jedoch keine. Nicht bei ihrer Familie und bei den Vietnam Veteranen auch nicht, denn es sind ausschließlich Männer, die gekämpft haben, hört sie, Krankenschwestern zählen da nicht. Und sie spürt den unbändigen Zorn einer ganzen Nation, die das sofortige Kriegsaus fordert.

Kristin Hannah hat es wiederum geschafft, mich sofort mitzunehmen. Es ist nicht mein erstes Buch von ihr und ganz bestimmt wird dieses hier auch nicht das letzte sein. Ihre Schilderung vom Alltag inmitten eines schrecklichen Krieges, geprägt von dem unbedingten Willen, Leben zu retten, erschüttert mich bis ins Mark. Über lange Passagen lese ich gebannt weiter und verfolge schweren Herzens ihren täglichen (und oftmals auch nächtlichen) Einsatz hinter der Front. Sie arbeiten bis zur Erschöpfung, denn so lange Verwundete nicht versorgt sind, heißt es weitermachen. Und viel zu oft begleiten sie die letzten Atemzüge eines Schwerverwundeten, mehr ist nicht mehr möglich. Diese Arbeit geht an die Substanz und auch nach ihrer Rückkehr kann sie nicht abschalten. Sie erträgt die ignorante Gesellschaft nicht, sie hat Albträume, sie findet nicht aus diesem viel zu tiefen Loch, die Nachwirkungen all dessen, was sie erlebt hat, drohen sie zu zerstören.

Die Autorin beschreibt diese innere Zerrissenheit so intensiv, so hautnah und einfühlsam, der Krieg und der damit einhergehende Verlust sprechen aus jedem Absatz, aus jeder Zeile. Neben der Kriegsmüdigkeit und der Ignoranz von „denen da oben“, die nur zu deutlich spürbar ist, sind es auch bedingungslose Freundschaften und Liebe in vielen Facetten, von denen ich lese, die nicht aus bleiben, die wichtig sind und in schweren Zeiten emotional stützen. Es ist ein aufwühlendes Buch, ein trotz des Leides zutiefst menschliches Buch, das unbedingt gelesen werden sollte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.09.2024

Den eigenen Wurzeln nachspüren

Juli, August, September
0

Lou lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej und ihrer Tochter Rosa in Berlin. Als erfolgreicher Pianist ist Sergej ständig unterwegs, auch Lou führt als Kunsthistorikerin ein nicht gerade häusliches Leben, ...

Lou lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej und ihrer Tochter Rosa in Berlin. Als erfolgreicher Pianist ist Sergej ständig unterwegs, auch Lou führt als Kunsthistorikerin ein nicht gerade häusliches Leben, wenngleich ihr Beruf wegen Rosa momentan eher zweitrangig ist, sie also ihre Tage mit Kind gezwungenermaßen daheim verbringt. Wäre da noch das Gerücht um eine Trennung von Sergej, das nicht verstummen will. Ein Gerücht, das immer wieder aufflammt.

Und nun steht der 90. Geburtstag von Lous Großtante Maya an, sie hat in ein Resort auf Gran Canaria eingeladen. Auch Lou und Rosa sollen mit, denn – so meint Lous Mutter – es könnte Mayas letzter Geburtstag sein. Also, werden die Flüge gebucht. Sie sind die ersten, die dort eintreffen, so nach und nach trudelt dann die ganze jüdische Verwandtschaft ein.

Der Roman wird aus Lous Sicht erzählt, untergliedert in diese drei titelgebenden Monate. Der Juli führt zunächst zu Lou, Rosa und Sergej, zu ihrem ganz normalen Alltag. Und auch wenn sie jüdisch sind - mit russischen Wurzeln - so leben sie diesen Glauben nicht, kennen sich mit diesen Ritualen so gar nicht aus. Nun, es geht nach Gran Canaria und später dann fliegt Lou alleine nach Tel Aviv. Hier will sie ihren Wurzeln nachspüren, dabei erfährt sie so einiges aus früheren Tagen, erfährt von ihren Vorfahren und ihrem beschwerlichen Dasein.

Olga Grjasnowa ist ein gut lesbares Buch gelungen, das eine Familie näher beleuchtet und das neben dem Familiären auch die angespannte Weltpolitik thematisiert. Die Hauptprotagonistin Lou ist eine weltoffene junge Frau, die ihre Herkunft hinterfragt. Dabei werden so manche geschönte „Wahrheiten“, die ein Leben lang immer weitergesponnen werden, aufgedeckt. Und das auf eine amüsante Weise, garniert mit so einigen Drinks.

Es ist die Geschichte einer durchaus modernen jüdischen Familie, deren Glauben eher Nebensache ist und die Suche einer Frau nach ihrer Identität. Es ist das etwas andere Leseerlebnis, gut und kurzweilig geschrieben, das mit einem Ende aufwartet, dem ich sehr viel abgewinnen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.09.2024

Grimms Märchen einmal anders

Cascadia
0

Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, leben seit jeher mit ihrer Mutter auf San Juan, einer Insel im Nordwesten der USA. Sam, die jüngere der beiden, erzählt von ihrem Plan, eines ...

Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, leben seit jeher mit ihrer Mutter auf San Juan, einer Insel im Nordwesten der USA. Sam, die jüngere der beiden, erzählt von ihrem Plan, eines Tages den Grundbesitz mitsamt dem Haus für eine stattliche Summe zu veräußern. Dieser Traum hält sie aufrecht, aber noch sind die beiden Schwestern mit der Pflege ihrer sterbenskranken Mutter an die Insel gebunden. Die Arztrechnungen wiegen schwer, beider Einkommen reicht nicht aus, die Schulden häufen sich.

Eines Tages wird ein Bär gesichtet, der neben der Fähre, auf der Sam arbeitet, schwimmt. Nun, sowas soll hier vorkommen. Als dieser jedoch kurz danach direkt vor der Tür der Schwestern auftaucht, meldet Sam dies bei der zuständigen Behörde. Groß wie drei Mann soll er sein, er war keine drei Meter von ihnen entfernt. Während Sam sich von dem Tier bedroht fühlt und es schnellstens wieder loswerden will, ist Elena geradezu fasziniert von ihm. Ohne Furcht nähert sie sich ihm an, sieht den Bären als ihre Chance auf ein schöneres, helleres Leben.

Dem Geschehen vorangestellt ist das Märchen der Gebrüder Grimm „Schneeweißchen und Rosenrot“ in Kurzform - der Bär und der verzauberte Prinz und Schneeweißchen und Rosenrot. Was hat sich die Autorin dabei gedacht, was will sie damit ausdrücken? Wird zumindest eine der beiden Schwestern ihren Prinzen finden? Aber wie es die Grimm´schen Märchen so an sich haben, erzählen sie eher von Düsternis denn von Helligkeit.

Die prekäre Lebenssituation der Familie offenbart sich in seiner Gänze erst spät, auch wird das dramatische Verhältnis der Schwestern untereinander von Kindheit an sichtbar. Es ist eine tragische Familiengeschichte, von flüchtigen, nicht immer ernst gemeinten Begegnungen durchzogen, die daneben auch die Auswirkung der Coronapandemie anspricht, überlagert vom unzulänglichen Gesundheitssystem der USA.

Julia Phillips vielgelobten Debütroman „Das Verschwinden der Erde“ habe ich nicht gelesen, habe somit auch keine Vergleichsmöglichkeit. Ihr neuestes Werk „Cascadia“ ist – trotzdem gefühlt nicht viel passiert, alles eher so dahinplätschert – gut zu lesen, der Schreibstil eher nüchtern. Der Bär ist für die eine Sehnsuchtsfigur, er zieht sie wie magisch an. Hier fällt sie aus ihrer Rolle der toughen, dominanten, alle und alles bestimmenden jungen Frau. Die andere erkennt, dass ihre trügerischen Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzen. Es ist ein durchaus gesellschaftskritisches Buch, das so gesehen nichts Märchenhaftes an sich hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere