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Veröffentlicht am 20.12.2025

Der Auftaktband für Rieker und Ahrens verlangt nach mehr

Der Herzschlag der Toten
1

Der erste Fall für den Criminalcommissar Hermann Rieker und Johanna Ahrens, die Tochter eines Hamburger Richters, hat mich in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückversetzt.

Eine junge Frau wird in einem ...

Der erste Fall für den Criminalcommissar Hermann Rieker und Johanna Ahrens, die Tochter eines Hamburger Richters, hat mich in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückversetzt.

Eine junge Frau wird in einem abbruchreifen Kontor tot aufgefunden. Wie sich herausstellt, wurde ihr ein Messer immer wieder in den Rücken gestoßen, sie sieht aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Rieker, der gerade zum Criminalcommissar befördert wurde, hat die Leiche in Augenschein genommen und nun will sein Vorgesetzter Criminalinspektor von Stresenbeck von ihm wissen, wie der Stand der Dinge ist. Gleichzeitig macht er ihm klar, dass er große Bedenken hat, ob er der Richtige für diesen Fall sei. Drei Tage gibt er ihm Zeit, den Mörder dingfest zu machen, allenfalls wird Commissar Breiden eingreifen. Was Rieker so gar nicht gefällt. Die Rivalität, die von Breiden ausgeht, nimmt mich sofort für Rieker ein, der von seinem Mentor und ehemaligen Vorgesetzten Kleinschmidt, der leider verstorben ist, viel gelernt hat.

Johanna, die Tochter des Richters Hans Ahrens, hatte schon immer ihren eigen Kopf, zudem ist sie sehr sozial eingestellt. Heimlich betreibt sie im Gängeviertel eine Schule für Frauen, sie lehrt ihnen Lesen und Schreiben, unterrichtet sie im Rechnen, trägt zu ihrer Allgemeinbildung bei. Eine ihrer Schülerinnen ist abgängig, sie forscht nach und stellt fest, dass es sich bei der Toten im Kontor um diese Schülerin handelt. Sie meldet dies und mischt sich, sehr zum Missfallen Riekers, in seine Ermittlungen ein, dabei spielt ein Totenfotograf eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Ich tauche tief ein in die Totenfotografie (von der ich zugegebenermaßen nicht viel gewusst habe), die ein letztes Andenken an die Verstorbenen war. Der Totenfotograf ist es auch, der mehr als der von der Polizei bestellte Totenarzt über die Ermordung der jungen Frau sagen kann. Auch Johannas Leben als höhere Tochter wird beleuchtet, sie hat einen Verehrer, der den Eltern sehr genehm wäre, vor allem die Mutter ist sehr angetan von ihm. Und natürlich sind es Rieker und sein ihm zur Seite gestellte Helfer, der Criminalsekretär Kracht, die mit den ihnen damals zur Verfügung stehenden Mitteln alle Hebel in Bewegung setzen, um dem Mörder auf die Spur zu kommen. Denn wie es scheint, ist hier ein Serienmörder am Werk.

Riekers Ermittlungen und Johannas Nachforschungen sind es, die im Wechsel erzählt werden, die sich annähern und gefühlt immer dann den anderen Erzählstrang aufgreifen, wenn es vor Spannung knistert. Die Polizeiarbeit ist eine dieser Zeit angepasste, die Obrigkeit hat viel Gewicht. Standesdünkel spielen auch hier mit hinein, bei Johanna und der Stellung ihres Vaters als Richter sowieso.

Mit den beiden Hauptakteuren Hermann Rieker und Johanna Ahrens hat Ralf H. Dorweiler zwei Charaktere präsentiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die das gesellschaftliche Leben anno 1887 aufs Beste wiedergeben. Das Ende lässt auf einen neuerlichen historischen Kriminalroman hoffen, als Johanna zu Rieker eilt, um ihm von ihrem schrecklichen Verdacht zu berichten. Ich werde auch diesen Fall gespannt verfolgen.

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Veröffentlicht am 16.12.2025

Hoppla, jetzt kommt Carrie

Weihnachten mit Tony
4

Es sind noch zwölf Tage bis Weihnachten. Carrie sitzt im Flugzeug, da hört sie einen nicht enden wollenden Dialog, der sie nervt und mir das erste Schmunzeln entlockt. Wie sich herausstellt, sind es Stacy ...

Es sind noch zwölf Tage bis Weihnachten. Carrie sitzt im Flugzeug, da hört sie einen nicht enden wollenden Dialog, der sie nervt und mir das erste Schmunzeln entlockt. Wie sich herausstellt, sind es Stacy und Morris Dormond – ausgerechnet! Aber noch weiß Carrie nicht, wer sie sind und was sie nach Schottland treibt. Bald aber ist klar, dass dieses Paar mit dem Hotelprojekt nahe Luss, Carries Heimatort, zu tun hat. Dieses Luxusressort sollte auf Inchconnachan, einer Binneninsel im Loch Lomond in Schottland, entstehen, auf der die Wallabys vor vielen Jahren ihre Heimat gefunden haben. Sieben davon, einschließlich Tony, leben heute noch da…

…und nun kehrt Carrie zurück, nachdem sie vor sieben Jahren gen Australien regelrecht geflohen ist und seitdem weder von Tony noch seine Artgenossen etwas wissen wollte. Damals war sie ziemlich jung, der Antrag ihres Freundes hat sie dermaßen erschreckt, dass sie einfach weg musste. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen, lediglich für ein paar Tage war sie da, zur Taufe der Kinder ihrer Schwester. Und nun erfährt sie, dass ihr Vater im Krankenhaus liegt, ihr Ex-Freund Marc, ein gefragter Architekt, dieses Hotelprojekt geplant hat und – wie sie vermutet, für ihre ehemals heiß geliebten Wallabys kein Platz mehr ist.

Kaum angekommen, holt sie zum Rundumschlag aus, sie organisiert blitzschnell eine wilde Demo, beschimpft ihren Ex, wann immer möglich, ist grundlos sauer auf ihn und auf alle, die vermeintlich ihre Wallabys weghaben wollen. Dabei pfeift sie auf jegliche Info, schnappt ein Wort auf, sieht eine Geste und schon geht’s wieder los. Sie benimmt sich wie die sprichwörtliche Axt im Walde, ist ungehobelt und rücksichtslos. Man meint, einen schwer pubertierenden Teenie vor sich zu haben, obwohl sie die dreißig überschritten hat. Sie ist sowas von drüber, dass man nicht weiß, sollte man über ihr Benehmen lachen oder eher die Augen rollen.

Ich hab ja nichts dagegen, wenn eine Figur überzeichnet ist, hier aber ist es kaum zu ertragen, wie eine erwachsene Frau dargestellt wird. Ein Weihnachtswunder sollte es geben, mit Tony und den anderen Wallabys, dazu etwas Romantik und ein happy end. Nun gut, wenn man großzügig ist, war da irgendwas von alledem, die Story an sich aber hatte weder mit Weihnachten noch mit Tony zu tun. Auch Romantik fand eher nicht statt, dafür gab es genug Schimpftiraden und unüberlegtes Handeln seitens Carrie.

Übrigens gibt es diese Insel und die Wallabys tatsächlich, sie wurden in den 1940er Jahren von Fiona Gore, Countess of Arran, hier angesiedelt. Es ist einer der wenigen Orte außerhalb Australiens mit einer Wallaby-Population. Und auch der Verkauf von Inchsonnachan an eine Familie ist so geschehen, selbst ein verfallener Holzbungalow, der im Roman als Hütte vorkommt, ist real. Einst waren es sechzig Tiere, die sich auf sieben reduziert haben, auch das stimmt. Ebenso die geplante Umsiedelung der Tiere und eine Widerstandbewegung. Stella Lucas hat um diese wahre Geschichte ihren Roman gesponnen, der - wäre weniger Carrie-Action gewesen – schon heimelig hätte werden können. So aber ist er für mich ins sehr Seichte abgerutscht. Hoppla, jetzt kommt Carrie.

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Veröffentlicht am 16.12.2025

Ein perfider Totentanz

Der Blutmacher
1

Der dritte Fall für Tara Kronberg ist ihr persönlichster Fall, gerät sie doch immer tiefer in das perfide Spiel des BLUTMACHERS, dabei lässt er ihre Familie keineswegs außen vor.

„Was Ist Ein Mensch ...

Der dritte Fall für Tara Kronberg ist ihr persönlichster Fall, gerät sie doch immer tiefer in das perfide Spiel des BLUTMACHERS, dabei lässt er ihre Familie keineswegs außen vor.

„Was Ist Ein Mensch Wert?“ Diese Frage steht bald im Raum.

Ein Mensch wird vor laufender Kamera ermordet, sein Blut spritzt auf die schon bereitstehende Leinwand, der komplett vermummte „Künstler“ verfeinert und vervollständigt das abstrakte Bildnis. Das so entstandene Kunstwerk wird live versteigert, die eingeblendete Uhr zeigt die hierfür zur Verfügung stehende Zeit an, sie tickt gnadenlos. Die Bieter werden mehr, die Minuten und Sekunden immer knapper. TikTok…

Die Ermittlung übernimmt das Dezernat 47 des LKA Sachsen, geleitet von Tara Kronberg. Ihr zur Seite steht Gabriel Schneider, beide arbeiten sie erfolgreich zusammen, wovon wir uns schon im ersten Tara-Kronberg-Thriller „Signalrot“ und auch danach in „Todesstimme“ überzeugen konnten.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn bald steht fest, dass eine ganze Reihe ähnlicher, meistbietend versteigerter Bilder - „gesponsert von BleedCraft“ - existieren. Als feststeht, dass Tara direkt betroffen ist, ist sie raus, also ermittelt sie an dem neu eingesetzten LKA-Team vorbei, sozusagen undercover. Und sie ist gut, sie schaut genau hin, entdeckt kleinste Hinweise und doch bekommt sie nicht alles zu fassen, der Täter scheint sich einen Spaß daraus zu machen, mit ihr und dem LKA zu spielen. Was treibt ihn an? Welch Motiv steckt hinter diesen grausamen Taten? Nach welchen Kriterien sucht er seine Opfer aus?

Bis zuletzt weiß ich nicht, wer denn hinter diesen Morden steckt, wer sich dieses barbarische Todesspiel ausdenkt. Auch das Tagebuch, von dem ich zwischendurch lese, gibt diesbezüglich nichts preis. Sind es die Taten eines Wahnsinnigen? Ist es Rache? Und wenn ja, warum? Um Tara habe ich nicht nur einmal gebangt, sie steht hinter ihrer Arbeit, sie ist couragiert und zielstrebig, aufgeben ist für sie keine Option.

Dieses dritte Buch um Tara Kronberg steht den beiden Vorgängerbänden in nichts nach, die Story ist so abgefahren wie rasant, sie ist spannend von Anfang bis Ende.

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Veröffentlicht am 13.12.2025

Tieftraurig und doch so voller Hoffnung

In den Scherben das Licht
1

Oktober 1946. Gisela streift durch die Straßen Hamburgs, alles voller Schutt und Trümmer. Ihre Schlafstelle ist der steinerne Koloss, ein Bunker. Viele bleiben liegen im Feldbett, sie haben keine Kraft ...

Oktober 1946. Gisela streift durch die Straßen Hamburgs, alles voller Schutt und Trümmer. Ihre Schlafstelle ist der steinerne Koloss, ein Bunker. Viele bleiben liegen im Feldbett, sie haben keine Kraft mehr.

Gisela aber will weg, sie hat ein ganz bestimmtes Haus schon länger im Blick, im Erdgeschoss brennt Licht, auch wenn es weiter oben nicht gar so heimelig wirkt. Sie ist vierzehn, als sie sich in das Gärtchen schleicht, über das Kellerfenster steigt sie ein. „Bleib, wo du bist“ hört sie. Der sechzehnjährige Junge erwischt sie, auch er, Gert, ist ein Eindringling, aber schon länger hier. Hitlers letzte Blutreserve war er und nun lebt er im Keller von Friede Wahrlich, der einstigen Schauspielerin.

Palutke, einer ihrer Verehrer, hat Friede einst dieses Haus vermacht, zwanzig Jahre ist das nun her. Ihr Herz jedoch hat einem anderen gehört - Franke, einem Juden, was in Zeiten des Nationalsozialismus gefährlich war. Sie denkt oft an ihn – ob er das Ghetto in Litzmannstadt überlebt hat?

Von den Nachkriegsjahren in Hamburg erzählt Carmen Korn, von 1946 bis 1955. Das Hörbuch hat sie selber eingesprochen, sie vermittelt mir mit ihrem Erzählstil und auch mit ihrer Sprechweise das Gefühl, direkt dabei zu sein. Der Krieg ist zwar vorbei, aber noch gibt es nichts. Der Schwarzmarkt blüht, der Hunger ist allgegenwärtig. Es wird geplündert, es wird organisiert, Zigaretten sind ein beliebtes Tauschmittel, im Haus ist es bitterkalt, denn auch Heizmaterial ist Mangelware. Sie sind sowas wie eine Notgemeinschaft, sie müssen ganz einfach zusammenhalten. Und immer wieder die bange Frage, wer von ihren Angehörigen noch lebt und ob sie sich jemals wiederfinden werden.

Der unbedingte Überlebenswille ist deutlich spürbar, sie unterstützen und stürzen sich gegenseitig, sind voller Hoffnung und Zuversicht, dass es trotz ihres entbehrungsreichen Lebens von nun an aufwärts gehen wird. Leben in Ruinen haben wir Nachkriegskinder nie kennengelernt, von Lebensmittelmarken wissen wir aus Büchern. Carmen Korn zeichnet diese Lebensweise behutsam nach. Es gelingt ihr, die Realität dieser Jahre aufzuzeigen, dem Alltag nachzuspüren, in den Scherben das Licht zu finden.

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Veröffentlicht am 11.12.2025

Exil unter Palmen

Wenn die Sonne untergeht
1

Wer kennt sie nicht, die Familie Mann. Florian Illies nimmt sich ihrer während einer Zeit an, in der die Nationalsozialisten alles Jüdische verbannen, ja ausrotten wollen. Thomas Mann, der deutsche Schriftsteller, ...

Wer kennt sie nicht, die Familie Mann. Florian Illies nimmt sich ihrer während einer Zeit an, in der die Nationalsozialisten alles Jüdische verbannen, ja ausrotten wollen. Thomas Mann, der deutsche Schriftsteller, wurde 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, schon 1901 erschien Buddenbrooks, weitere bekannte Werke folgten.

Katia und Thomas Mann sind bald unterwegs nach Amsterdam, es ist Februar. Der 11. Februar des Jahres 1933, um genau zu sein. Noch sitzen sie mit drei ihrer sechs Kinder beim Mittagessen. Golo, 23, ist noch in Göttingen, er bereitet sich auf sein Staatsexamen vor. Michael, 13, ist in Neubeuern im Internat und Monika, 22, in Berlin. Mit leichtem Gepäck will das Ehepaar Mann reisen, die Wintersachen sollen direkt nach Arosa geschickt werden, hier werden sie in ihrem geliebten Waldhotel wohnen, das in Thomas „Zauberberg“ eine tragende Rolle spielt. Wir lesen noch öfter davon, wie Thomas Manns Werke direkt in diese Geschichte einer Vertreibung mit einfließen.

Nun, sie werden den Sommer 1933 im südfranzösischen Exil verbringen - es gibt beileibe schlechtere Orte, dem NS-Regime zu entfliehen. Im Mai kommen Thomas und Katia nach Bandol, hier wohnen sie zunächst in einem Hotel, um dann in ein Haus in Sanary-sur-Mer zu wechseln. Dort treffen sie sich alle, auch Thomas Bruder Heinrich ist zuweilen zu Gast, auch er musste Nazi-Deutschland verlassen. Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig, Bertold Brecht und wie sie alle heißen - für Deutschlands Dichter und Denker war die Côte d'Azur Zufluchtsort, bevor sie weiterziehen mussten.

Illies gewährt tiefe Einblicke in das Innenleben dieser so exzentrischen Familie Mann im Ausnahmezustand, jeder für sich ist eine Persönlichkeit. „Ein Thomas Mann lässt sich von niemandem sagen, an welchem Ort er zu sein hat!“ Ja, natürlich weiß er, dass er nicht zurück kann. Er wird vom Rotary-Club ausgeschlossen, hat Probleme mit der Pass-Verlängerung, seine Münchner Villa wird durchsucht, später konfisziert, um nur einige der Repressalien zu benennen.

„Wenn die Sonne untergeht“ ist trotz der Schwere des Themas ein leichtes Buch voller Leben und auch voller Tragik. Man spürt die bedrohliche Situation, in der sie sich befinden und doch sind sie hier, im Exil, frei. Der Autor geht ganz nah ran, fängt sinnliche Momente genauso ein wie die kritischen Augenblicke, er hält den prominenten Exilianern, auch den Dichterkollegen mitsamt Ehefrauen und Geliebten, den Spiegel vor.

Es ist heiß in diesem Sommer. „Waldbrand in der Nähe, wovon abends eine rosige Rauchwolke über Sanary schwebte. Dazu Feuerwerk“ notiert Mann in diesem in jeglicher Hinsicht heißen August. Bis September erzählt Florian Illies von ihnen, vom Verlust der Heimat, vom Exil dieser außergewöhnlichen Familie Mann. Es ist ein lesenswertes Buch geworden, das ich gerne gelesen habe, das ich nicht missen möchte.

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