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Marakkaram

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2019

Der Dämon des Lebens

Ein neues Blau
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* Das ist die Stille nach dem Tee. Wenn der Geist zur Ruhe kommt und sich ein kleiner Teil der Welt offenbart. Weil sich ein Weg aufgetan hat. Ein Weg, der vorher nicht dagewesen ist. *

Erneut beschreibt ...

* Das ist die Stille nach dem Tee. Wenn der Geist zur Ruhe kommt und sich ein kleiner Teil der Welt offenbart. Weil sich ein Weg aufgetan hat. Ein Weg, der vorher nicht dagewesen ist. *

Erneut beschreibt Tom Saller - dessen Debut "Wenn Martha tanzt" mich schon arg begeistert hat - das Leben einer starken, unabhängigen Frau auf der Suche nach sich selbst.

Lili ist noch ein Kind, als sie ihre Mutter durch die spanische Grippe verliert. Die Mutter Christin, der Vater Jude, hatten beide mit Religion nicht viel am Hut. Doch nun möchte Jakob, dass sie im jüdischen Glauben erzogen wird; um einer Gemeinschaft dazuzugehören. Für Rabbi Teichlmann ist Lili jedoch nicht einmal Halb-Jüdin, da dies ausschließlich über die mütterliche Linie bestimmt wird. Er ist es auch, der sinniert, ihr Name leite sich wahrscheinlich von Lilith ab. Und diese Lilith bleibt ein innerer Dämon, der sie ihr Leben lang begleiten wird....
Zuhause übernimmt Takeshi, ein Freund des Vaters und halb Japaner, halb Chinese ihre Erziehung, da Jakob oft für Monate geschäftlich unterwegs ist.
Jüdisch, Christlich, Japanisch.... alles halb, nichts ganz... Und das setzt sich in ihrem Leben und ihrer Suche fort.
Doch wenn Lili etwas auszeichnet, dann Hartnäckigkeit, sie liebt das Malen, aber ihr fehlt der Mut freie Malerin zu werden, und so verschlägt es sie nach Halle in eine Porzellanmalklasse....

Tom Saller ist es wieder einmal gelungen, mich mit einem bewegten und interessanten Leben in den Bann zu ziehen und das, obwohl ich lt. Klappentext etwas anderes, mehr auf KPM ausgerichtetes, erwartet hatte. Und das ist eigentlich das größte Kompliment.

Ruhig, feinfühlig und dennoch in sehr eindringlichen Bildern entfaltet sich Lilis Leben Schicht um Schicht. Viele Szenen verbleiben im Raum, stehen still und hallen nach, ganz intensiv. Dazu kommen noch die sehr leisen Zwischentöne ("Ein merkwürdiges Wort kommt ihm in den Sinn: Fehlgepaart." (S.78). Ein Schreibstil, den man Stück für Stück genießen sollte, um ihn in seiner ganzen Tiefe zu erfassen.

Die Charaktere sind vielschichtig und authentisch. Geschickt verwebt Tom Saller geschichtliche Fakten mit Fiktion, die man als Leser im Anhang unter Anmerkungen und Quellen nachvollziehen kann. Das fand ich unheimlich interessant und ist mir bei dieser Art Geschichten schon sehr wichtig.

Fazit: "Ein neues Blau" berührt mit leichter Hand, doch nicht minder intensiv politische und religiöse Themen. Der Roman erzählt die berührende und interessante Geschichte der 1913 geborenen Lili Kuhn, keine Jüdin, aber mit jüdischem Vater, auf der Suche nach sich selbst.

Veröffentlicht am 03.09.2019

ungewöhnlicher Whodunit der Spitzenklasse

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
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* "Jetzt sehen sie all diese Leute so, wie ich sie sehe", sagte der Pestdoktor mit leiser Stimme. "Wie Schauspieler in einem Theaterstück, die Abend für Abend dasselbe tun." *

Ein abgelegenes Herrenhaus ...

* "Jetzt sehen sie all diese Leute so, wie ich sie sehe", sagte der Pestdoktor mit leiser Stimme. "Wie Schauspieler in einem Theaterstück, die Abend für Abend dasselbe tun." *

Ein abgelegenes Herrenhaus im Wald, eine adelige Familie mit trauriger Vergangenheit und ein Maskenball, bei dem die Tochter Abend für Abend um 23:00 Uhr stirbt. Dazu ein Protagonist, der jeden Morgen am selben Tag aber in einem anderen Gast aufwacht - 8 Tage lang. 8 Tage, in denen er den Mord an Evelyn Hardcastle aufklären muss, um das Anwesen wieder verlassen zu können....

Ich liebe raffinierte Whodunit`s und das war genau das was "Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle" versprach.
Dennoch war ich skeptisch, ob der Krimi mein Interesse und die Spannung ganze 600 Seiten lang halten kann oder ob der Autor mich irgendwann unterwegs verliert (was ich ehrlich gesagt erwartet hatte).
Doch Stuart Turton gelingt es seine Leser vollends hineinzuziehen in die Geschehnisse auf Blackheath und mit einem spannenden Plot und unblutigem Krimi zu fesseln.

Mit hat der Schreibstil unheimlich gut gefallen - ich konnte sofort in die Geschichte eintauchen, die sehr ruhig, fast schon gemächlich erzählt wird, aber voller Atmosphäre und Raffinesse steckt. Durch die täglichen Perspektivwechsel ergeben sich immer andere Sichtweisen und das bringt neben so manchem klitzekleinem Puzzleteilchen auch immer wieder überraschende Twists - und zwar nicht konstruiert und aus der Luft gegriffen, sondern mit woow-Effekt. Mich hats begeistert.

Ich finde die Geschichte wirklich außergewöhnlich gut erzählt, so dass die Auflösung für mich manchmal sogar komplett in den Hintergrund geriet, da ich allein von den Personen und dem Geschehen rundherum gefesselt war.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung für alle Fans des ruhigen, unblutigen Krimis. Für mich ist das Debut von Stuart Turton ein Whodunit der Spitzenklasse und ich hoffe, es werden weitere folgen.

Veröffentlicht am 03.09.2019

romantische Geschichte

Was für immer bleibt
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* "Ich will mich zu meinen eigenen Bedingungen erinnern. Ich will mich nicht an Dinge erinnern, weil du oder jemand anderes, der mich kennt, sich auf eine bestimmte Weise an sie erinnert. Ich will keine ...

* "Ich will mich zu meinen eigenen Bedingungen erinnern. Ich will mich nicht an Dinge erinnern, weil du oder jemand anderes, der mich kennt, sich auf eine bestimmte Weise an sie erinnert. Ich will keine Geschichten darüber hören, wie die Dinge waren und wie ich mich dabei gefühlt habe. Ich will es selbst wissen und selbst fühlen. Wie kann ich sonst sicher sein, ob das, was ich fühle, echt ist und wirklich zu mir gehört?" *

Was bleibt von dir, wenn du dich an nichts erinnern kannst? Diese Frage stellt sich Gracie, als sie nach einem Autounfall mit ihrem Verlobten vollständig ihr Gedächtnis verloren hat. Wie kann sie ihren Freunden gegenübertreten, ihrem Verlobten.... Sie möchte nicht von irgendjemandem hören, dass sie sich lieben, sie möchte diese Emotionen spüren. Deswegen weigert sie sich, außer ihrer ehemals besten Freundin Scarlett, jemanden zu sehen und flüchtet auf die alte Blumenfarm ihrer verstorbenen Mom. Wird die Ruhe ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen...

"Was für immer bleibt" ist eine romantische Geschichte über die Liebe und was im Leben wirklich zählt.

Vanessa Carnevale erzählt Gracies Geschichte in einem ruhigen, sehr flüssigem Ton. Sie fängt das Gefühl der Amnesie, der absoluten Hilflosigkeit unheimlich realistisch ein und man spürt als Leser genau wie es Gracie grade geht. Das kriecht einem schon unter die Haut.
Aber nicht alle Charaktere konnten mich überzeugen, so war mir Flynn über weite Strecken relativ unsympathisch und irgendwie ein wenig zu übergriffig.

Die Autorin erfindet das Rad nicht neu und es gibt ein paar Kleinigkeiten, die für mich nicht ganz so rund waren, dennoch hat sie mich sehr gut unterhalten. Hier kommt auch das Setting zum Tragen, denn insbesondere auf der alten Blumenfarm habe ich mich unheimlich wohlgefühlt. Das erden, die Liebe zu den Pflanzen und das Gefühl für die Sprache der Blumen waren wunderschön.

Veröffentlicht am 01.09.2019

etwas konstruiert - kippt nach einem tollen Start

STILL ALIVE - Sie weiß, wo sie dich findet
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* Er unterdrückte ein Seufzen. "Was ist mit der Tür?" "Sie stand stundenlang offen, Jay. Ich weiß auch nicht, aber es macht mich ein bisschen nervös." Er sagt mir nicht, dass ich paranoid bin. Das muss ...

* Er unterdrückte ein Seufzen. "Was ist mit der Tür?" "Sie stand stundenlang offen, Jay. Ich weiß auch nicht, aber es macht mich ein bisschen nervös." Er sagt mir nicht, dass ich paranoid bin. Das muss er nicht - es steht ihm ins Gesicht geschrieben. *

"Wohnung zum Tausch gesucht" Dieses Angebot kommt für Libby und Jamie wie gerufen, denn eine Auszeit benötigen sie nach dem letzten Jahr dringend. In Cornwall angekommen ist Libby schon etwas irritiert über die hochmoderne, komfortable Villa am Meer und gleichzeitig auch ein wenig peinlich berührt, im Gegenzug nur ihr kleines, etwas heruntergekommenes Apartment anbieten zu können, in dem nicht einmal der Kühlschrank gefüllt ist. Doch es dauert nicht lange und Libby beschleicht ein komisches Gefühl. Irgendetwas stimmt hier nicht - holt ihre Vergangenheit sie ein oder ist sie doch nur paranoid....

Obwohl ich "Missing" nicht kenne, hatte ich recht hohe Erwartungen an diesen Thriller: psychologisch raffiniert, atmosphärisch dicht....
…und genauso beginnt die Geschichte auch.

Der Einstieg ist spannend und leicht mysteriös - die Villa hat eine tolle Atmosphäre und es gibt so einige beklemmende Momente. Sprich, die ersten 150 Seiten haben mich gecatched.

Mit der Rückkehr nach Bath beginnt es dann zu kippen. Zwar bleibt es spannend und es gibt den ein oder anderen Twist, den ich so nicht erwartet habe - aber ein wenig scheitert der Roman daran auch. Er will zu viel und das wirkt zu gewollt und konstruiert. Vor allem bleiben viele Fäden lose in der Luft hängen. Grade die Fäden, die im ersten Part oftmals für die gelungene Atmosphäre gesorgt haben und das hat mich am meisten gestört. Es sind keine Dinge, die offen gelassen werden, so dass man sich seinen Teil denken kann, sondern eher wie kurz für den Effekt genutzt und dann wieder fallengelassen - das hat mich total genervt.

Die Charaktere bleiben recht flach und zu eindimensional. Man nimmt ihnen vieles als Beweggründe einfach nicht ab. da fehlt Raffinesse und psychologische Hintergründe. Ich hatte oft Probleme die Personen, ihre Beweggründe und Handlungen nachvollziehen zu können. Das zieht sich bis zu kleinen Nebensächlichkeiten durch, so kann Sylvie (Schwiegermutter) Libby nicht leiden, doch plötzlich ändert sich das von einem auf den anderen Tag ohne wirklichen Auslöser. Das ist teilweise unheimlich schwach umgesetzt.

Doch der Schreibstil von Claire Douglas ist flüssig, ja fast schon süffig und zusammen mit der recht großen Schrift liest sich der Thriller so weg.

Fazit: Toller Start - schwaches Ende. Was atmosphärisch beginnt, endet hölzern konstruiert und überfrachtet. Lesbar, aber ich hatte mir mehr versprochen.

Veröffentlicht am 30.08.2019

Lügen, Intrigen und ein Hauch von Krimi

Das Savoy - Aufbruch einer Familie
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* Das Savoy war ein Kosmos für sich, der jeden Tag seinen eigenen Sonnenauf- und Untergang erlebte. Hier arbeiteten, bedienten, genossen und vergnügten sich Menschen, die nicht nur aus der ganzen Welt ...

* Das Savoy war ein Kosmos für sich, der jeden Tag seinen eigenen Sonnenauf- und Untergang erlebte. Hier arbeiteten, bedienten, genossen und vergnügten sich Menschen, die nicht nur aus der ganzen Welt kamen, sondern auch für die ganze Welt standen. *

Das Hotel Savoy ist Londons erste Adresse. Hier logiert alles was Rang und Namen hat, die politische, intellektuelle und künstlerische Avantgarde Europas. Seit Jahrzehnten liegen die Geschicke in der Hand von Sir Laurence Wilder, dem alten Patriachen, der seinem Lebenswerk seinen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt hat. Als Laurence zusammenbricht deutet alles auf einen leichten Herzinfarkt hin, aber er selber ist davon überzeugt jemand wolle ihn umbringen, vergiften. Nur die Paranoia eines alten Mannes oder sollte wirklich jemand Interesse daran haben, ihn aus dem Weg zu räumen....

Ich finde Romane über Hotels immer wieder faszinierend, all die Geschichten, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen, die Welt des Personals usw.

Das Savoy von Maxim Wahl hat mich besonders gereizt, weil es ein weltbekanntes, traditionsreiches Haus ist und er seinen Roman in einer sehr spannenden Zeit, den 30iger Jahren, ansiedelt.

Allerdings bin ich es von historischen Geschichten dieser Art gewohnt, dass es ein Nachwort gibt, aus dem Fakten und Fiktion ersichtlich sind und war ziemlich irritiert, dass das hier nicht der Fall ist. Sehr schade, zu wissen, was von der Kernstory der Familiengeschichte wahr ist, wäre schon interessant gewesen - meine eigenen Recherchen waren da wenig ergiebig. Und in diesem Roman konzentriert sich alles auf die Familie und ihr Umfeld. Insbesondere auf Violet, die Enkelin, die im Zwiespalt zwischen Selbstverwirklichung und Familientradition steht.

Und dennoch bleibt der Autor Maxim Wahl recht oberflächlich im Leben seiner Charaktere. Man erfährt kaum privates, wenig Hintergründe oder Vergangenheit der Protagonisten. Trotz alledem versteht er sein Handwerk und schafft es mit wenigen prägnanten Worten Charaktere zu skizzieren, die einem ganz klar vor Augen stehen und die man so schnell auch nicht wieder vergisst - obwohl man kaum tiefergehend etwas von ihnen erfährt.

Mir hat die Familiengeschichte mit überraschendem Krimi unheimlich gut gefallen - allerdings gerieten dadurch das Alltagsgeschehen im Hotel und die Gäste ziemlich in den Hintergrund und es gab auch leider wenig Savoy-spezifisches Flair. Ich bin gespannt, ob sich das mit dem zweiten Teil ändert.

Fazit: Das Savoy von Maxim Wahl ist kein sehr anspruchsvoller Roman, aber er hat mich richtig gut unterhalten und ich freue mich schon auf den nächsten Band.