Gewöhnungsbedürftige, bewegte Geschichte
Rom sehen und nicht sterbenEr steht auf der Brücke Ponte Sisto. Über ihm tanzt ein, das Auge überwältigender, Schwarm Stare. In großem Tempo ändert die Formation die Richtung, schlägt Wellen und dann wieder Formen, dreht abrupt ...
Er steht auf der Brücke Ponte Sisto. Über ihm tanzt ein, das Auge überwältigender, Schwarm Stare. In großem Tempo ändert die Formation die Richtung, schlägt Wellen und dann wieder Formen, dreht abrupt ab und wird vom dunkel gewordenen Nachthimmel verschluckt. Was für eine Pracht, welche Freude.
Schon im Kinderheim hatte er eine besondere Beziehung zu Vögeln, vertrieb sich die Zeit im Dickicht, um auf ein Rotkehlchen zu treffen. Bewunderte die Kugelnester des Zaunkönigs. Lauschte der Amsel beim Nachahmen anderer fedriger Waldbewohner. Beobachtete den kessen Eichelhäher und dessen Geschrei bei Gefahr.
Im Spätsommer 2018 hatte man ihn auserwählt. Ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom war ihm gegönnt und er zählte sich zum erlauchten Kreis. Schon war er ein Rompreisträger, ein Erpete. Flugs saß er im Flugzeug, gab sich beschwingt Gedankenspielen, um das Wort Rom herum, hin. Dann Ankunft. Metro. Bologna Platz. Großes Entzücken beim Anblick des kleinen Parks, in dem eine Horde grüner Sittiche tobte. Erstaunen ließ ihn auf seinen Koffer sinken und als er weiterziehen wollte, kam er nicht mehr hoch. Schwindel ergriff ihn. Ein Weilchen verweilte er, dann bezwang er seinen Körper, zur Villa war es nicht mehr weit. Vor der Villa haute ihn ein Schwächeanfall fast um, auf einem Poller kam er zum Sitzen, schaute sich um, wunderte sich. Das geschwungene, schmiedeeiserne Tor der Villa öffnete sich leise, bat ihn und seinen Koffer hinein, aber er konnte sich nicht erheben und sah dabei zu, wie es sich wieder schloss. In diesem Moment begann er sein Leben zu überdenken. Was hatte er geschafft, erledigt, geleistet.
Fazit: Peter Wawerzinek hat auf ausgefallene Weise einen Teil seines Lebens erzählt. Ich lerne ihn als Autor und Stipendiaten kennen. Nach Rom eingeladen, wird er neuerdings von seinem Körper beherrscht. Tief verunsichert fällt er in ein Loch. Die Schreibblockade versucht er mit Spaziergängen durch Rom zu kompensieren. Als das Stipendium sich dem Ende nähert, hat er noch nichts Brauchbares zu Papier gebracht. Er bleibt in Rom, zieht nach „Trostwerdemir“ und schreibt in wenigen Tagen ein Manuskript, das in den Analen des Computers verschwindet und unauffindbar bleibt. Sein Körper zwingt ihn zurück nach Berlin zu seinem Hausarzt, der eine beunruhigende Diagnose in den Raum wirft. Der Autor beschreibt das Erleben seiner Erkrankung minutiös und leidenschaftlich, bezieht seine Vergangenheit ansatzweise, auch als mögliche Erklärung, mit ein. Dabei behält er die Umgebung im Auge und zeigt sie mir. Er zeigt sich ganz bewegt, fast naiv durch sein Erleben und hat die Gabe, das so eins zu eins an mich weiterzugeben. Seinen Stil, teils in Reimform, teils mit Wortneufindungen, fand ich die ersten siebzig Seiten gewöhnungsbedürftig und ermüdend. Das ist sicher Geschmackssache, die ich hinnehme, weil mir richtig gut gefallen hat, was er zu sagen hatte und nicht so sehr wie. Auf jeden Fall ist ihm eine interessante und mutmachende Geschichte über den Umgang mit Schicksalsschlägen gelungen.