Männliche Depression sichtbar gemacht
Es gibt kein ZurückAldus Wieland Mumme von manchen Willi genannt, hadert mit seinem Namen, seit er denken kann, deswegen nennt er sich einfach A. W. Mumme. Er arbeitet als Freiberufler für das Bundesradio und liest seine ...
Aldus Wieland Mumme von manchen Willi genannt, hadert mit seinem Namen, seit er denken kann, deswegen nennt er sich einfach A. W. Mumme. Er arbeitet als Freiberufler für das Bundesradio und liest seine eigenen Essays über skandalöse oder problematische Themen. Nach dreißig Jahren beim Sender weiß er alles über Rhetorik, Betonung und Stimme. Als er mit Halsschmerzen im Bett liegt, lauscht er seinem Ersatz, der weder die Größe des Entwurfs, die List des Angriffs, den Zorn über die schweigende Mehrheit so nötig verlauten lässt. Eher kommt die verbale Darbietung Mummes Essay rüber, wie beim Schulfunk für Erwachsene.
Mumme mag seine eigene Stimme eigentlich nicht. Wenn er sie hört, spürt er das Kind, das ohne Vater aufwuchs, das kehlige Schmusekind der Mutter. Schon in der Schule hatte Mumme Anpassungsschwierigkeiten. Er war nie einer Meinung, vor allem nicht mit großen Gruppen, aber auch Lehrer mussten Überzeugungsarbeit leisten. Er war das Kind des Zweifels, sein Mantra, das Dissens.
Seine Spezialität ist die Glosse, das nimmt den aktuellen und zweifelsfrei strittigen Themen die Schärfe. Als Mia Farrow Woody Allen im Zeichen des Rosenkriegs vorwarf, er habe sich an seinen Kindern vergangen, hat Mumme daraus eine Glosse gemacht. Er bezog selbst keine Stellung und bot wenig Angriffsfläche. Er ist einzigartig in seinem Metier. Jetzt ist er vierundsechzig und die Rentenversicherung hat ihm mitgeteilt, dass ihm knappe Tausendzweihundert zustehen, wenn er in zwei Jahren den Antrag einreicht. Da kommt die Idee seiner Agentin gerade recht. Er solle eine Autobiografie schreiben. Und Mumme geht ohne restlose Überzeugung in sich.
Fazit: Ulf Erdmann Ziegler verhandelt das Thema Depression. Mit viel Ruhe und Feingefühl zeichnet er einen Protagonisten, der überaus intelligent und kommunikationsbegabt ist. Seiner Mutter verdankt er, viel von der Welt gesehen zu haben, aber dadurch auch heimatlos und entwurzelt zu sein. Eine Vaterfigur hatte er nicht. Aus der unsteten Kindheit entsteht das Bedürfnis nach Sicherheit, weswegen er fast sein gesamtes Arbeitsleben beim gleichen Sender bleibt. Eine jahrelange Freundschaft ist an Corona zerbrochen. Seine Frau ist in der Geschichte physisch kaum anwesend, weil sie erfolgreich als Abgeordnete im Bundestag sitzt. Mumme hat beruflich eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden, die ihn intellektuell fordert, doch bleibt er dabei vage und unangreifbar. Seine Hörer lieben ihn und das pimpt seinen Selbstwert. Im privaten bleibt er ebenso vage und harmoniebedürftig. Nichts stört ihn, er hat keinen Diskussionsbedarf. Bald ist er den Job los, mit dem er sich identifizieren konnte. Was bleibt, sind Erinnerungen. Es ist diese typische Gefahr bei Männern, Gefühle zu unterdrücken und Bedürfnisse zu bagatellisieren, die in die lavierte Depression führt. Niemand bemerkt den enormen Leidensdruck, den die Betroffenen selbst kaum als solchen wahrnehmen, weil sie es nicht anders kennen. Bricht dann durch Berentung oder Trennung ein Teil der Festung weg, kann es durchaus zu Kurzschlusshandlungen kommen. Der Autor hat das alles sehr versiert und überzeugend dargestellt und damit ein wichtiges Buch geschaffen. Und noch dazu ganz und gar unterhaltsam.