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Veröffentlicht am 21.07.2025

Ein psychologisches Komplott

Schattengrünes Tal
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Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. ...

Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. Die Gäste stolpern übereinander, ein Schmerzenslaut wird ausgestoßen. Draußen hat jemand den Stecker des Generators gezogen. Simon schaut auf sein Handy, stutzt, geht ein paar Schritte von Lisa weg. Sie fragt ihn, was los ist und erhält eine schroffe Antwort.

Simon war die letzten Wochen als Projektleiter für naturgemäße Waldwirtschaft in Polen. Dort hat er fast nicht gesprochen, ist die meiste Zeit durch die unberührte Natur gelaufen und hat Flora und Fauna bewundert. Jetzt ist er wieder hier, hat zu viel gegessen und zu laute Musik gehört. Er weiß, dass Lisa es gut gemeint hat und es freut ihn, dass sie für ihn gesungen hat, aber er muss erst wieder ankommen. Als sein Handy vibriert hat, verharrte sein Blick länger als er eigentlich wollte. Eine anonyme Nachricht ließ ihn schlucken: „Alles Liebe zu deinem Hochzeitstag Simon“. Niemand seiner Freunde oder Bekannten hätte ihm anonym gratuliert. Es kann nur sie gewesen sein. Und er denkt an das Blut auf ihrer weißen Haut.

Lisa ist am frühen Morgen auf dem Weg in das Hotel ihres Vaters, die Heizung ist ausgefallen. Sie ist eigentlich für die Buchhaltung zuständig, aber wenn Not am Mann ist, springt sie auch schon mal ein. Margret kommt die Treppe herunter. Vor fünfzehn Jahren bewarb sie sich als Servicekraft, ihr Vater stellte sie ein und ihr Siegeszug begann. Lisas Mutter erkrankte mit Anfang sechzig an Demenz und wurde ins Pflegeheim ausquartiert, seitdem schläft Margret auf ihrer Bettseite. Der einzige Gast dieses Tages ist eine junge Frau, die sich nicht an dem kalten Zimmer zu stören scheint.

Fazit: Kristina Hauff hat ein psychologisches Komplott geschaffen. Die Protagonistin Lisa neigt dazu, sich für alles verantwortlich zu fühlen. Sie litt unter dem lieblosen, patriarchalen Vater, der in seiner Gunst stets Lisas Bruder bevorzugte. Sie hätte gerne mehr Zuständigkeiten im Hotel, doch ihr Vater traut ihr nichts zu. Lisa ist nähesuchend und leidet unter der teilweise abweisenden Haltung ihres Mannes. Die fremde Frau, die sich im Hotel einquartiert hat und der Kälte trotzt, hat gute persönliche Gründe. Lisa nimmt sich ihrer nichtsahnend an und verliert mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben. Ich mochte den Plot sehr. Die Sprache ist einfach gehalten. Die Autorin hat sich auf ihre Darstellerinnen konzentriert. Manches wurde zu früh vorweggenommen und hat mich um meine Neugier gebracht. Die Fremde war leider allzuschnell durchschaubar, die Art, wie sie interveniert hat schon wieder gut gezeigt. Jedes Kapitel ist abwechselnd Lisa oder Simon gewidmet und will deren unterschiedlichen Sichtweisen zeigen, dabei jedoch in der dritten Person erzählt. Insgesamt ein gut lesbarer Roman, den ich gerne allen empfehlen möchte, die sich für Geschichten mit manipulativen Menschen interessieren.

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Veröffentlicht am 18.07.2025

Eine Hymne der Transgender-Literatur

Stag Dance
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Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. ...

Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. Er denkt, sie wäre so ein Austie-Boy, weil er nicht weiß, dass sie schon vor der Seuche Östrogen gespritzt hat und trans war. Das Östrogen kommt vom Schwarzmarkt, weil das aus offiziellen Quellen streng rationiert ist und nur noch an Frauen mit aussichtsreicher Fruchtbarkeit geht. Keith zapft es seinen genmanipulierten Schweinen ab, die jetzt mehr Hormone produzieren, die mit denen der Menschen bioidentisch sind. Sie bezahlt Kieth dafür, dass er ihr die Schweinezucht zeigt, aber eigentlich will sie ihm nur ein paar Ferkel klauen, um mit Lexi eine eigene Zucht aufzuziehen.

Seattle, am Tag des Ausbruchs

Lexi zeigt ihr ihre neuen Tätowierungen. Über einem Schiffstattoo zeigt sie auf ein absolut schlichtes t4t. Es soll bedeuten, Trans Frau liebt trans Frau. Lexi ist mittlerweile die selbst ernannte Expertin der Trans-Frauen-Szene von Seattle und glaubt, dass in naher Zukunft alle Menschen trans sein werden. Sie lebt mit ihren Mitbewohnerinnen in einem verfallenen viktorianischen Haus und kann es sich nur leisten, weil der Onkel eines der Mädels es ihr günstig vermietet. Und als Wiedergutmachung dafür, dass Lexi von der Nächstenliebe eines Cis Kerls profitiert, lässt sie andere trans Frauen ohne Schlafplatz auf den Sofas im unteren Stock übernachten.

Lexi und sie sind total unterschiedlich und doch sowas wie best Bitches geworden. Sie skypt abends heimlich mit irgendwelchen Typen, hat ausgeklügelten Telefonsex für den Selbstwert und Lexi sammelt Knarren gegen die Ohnmacht und ihren stillen Kummer. Und dann infiziert Lexi sie mit voller Absicht mit einem GnRH Impfstoff, der die Bildung der Sexualhormone hemmt.

Fazit: Torrey Peters (Detransition Baby, Women´s Price for Fiction Nominierung 2021) hat in vier Geschichten bravourös gezeigt, wie leidvoll die sexuelle Orientierung sein kann. in der ersten Story spielt sie mit dem Gedanken an eine Welt voller geschlechtsloser Menschen, die sich ihr Geschlecht aussuchen müssen. Eine Seuche lässt das Immunsystem Antikörper bilden, die die eigenen Sexualhormone zerstören, so, dass sie von außen zugeführt werden müssen. Die zweite Story zeigt die Suche nach der sexuellen Orientierung in der Jugend an zwei Jungs, die sich im Internat sehr nah kommen. In der Story Stag Dance lese ich von illegalen Holzfällern, echten brachialen Kerlen, die sich während einer Party von ihrer Einsamkeit ablenken wollen und am Ende brutal eskalieren. Die Autorin schreibt über die Suche nach Geschlechtsidentität, Ausgrenzung, Homophobie, Bedürfnisse und das Für und Wider von Outings. Vermutlich verarbeitet sie ihre eigenen Erfahrungen auf ihrem fragilen Weg von Mann- zu Frauwerdung. Was mir an diesem Buch so unglaublich gut gefällt, ist die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit der queeren Szene, die oft romantisiert wird. Neid, Missgunst, Eifersucht und Manipulation sind gesellschaftskonform und unabhängig von der sexuellen Orientierung. Mit großem Feingefühl hat die Autorin die Schattenseiten der Selbstfindung herausgearbeitet. Wer sich nach diesem Buch immer noch fragt, warum wir eine geschlechterneutrale Sprache brauchen, um jeden Mitbürgerin sichtbar zu machen, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Sprache ist großartig mehrgleisig: brutal, feminin, humorvoll und tragisch, das Buch eine Hymne. Für alle, die offen und mutig genug sind, einen Blick in die trans* Szene zu werfen.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Das war mal eine ganz andere Lesart

Im Leben nebenan
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Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille ...

Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille an ihren Schenkeln, Spritzer roten klumpigen Blutes in der Keramik. Elf Wochen, länger konnte sie es diesmal nicht halten.

Auf Antonias Bauch liegt ein winziges Kind. Sie ist sicher, dass sie gleich aufwachen wird. Doch dann schreit das Baby und sie ist wach. Alles ist fremd, ihr Unterleib schmerzt wie nie zuvor. Sie zwingt sich vom Sofa aufzustehen, weiß nicht wohin mit dem Säugling, findet einen Maxi-Cosi, legt ihn hinein. Ihr Blick fällt auf die Bilderrahmen. Darauf Antonia in einem Brautkleid, neben ihr ein Mann. In ihm erkennt sie ihre erste große Jugendliebe. Sie hatte sich damals getrennt, weil sie aus dem Kaff rauswollte und er nur so tat, als wolle er auch weg.

Toni liegt schon länger wach im Bett. In der Wohnung über ihr Stöhnen, ein quietschender Lattenrost. Nebenan beißt sich ein Mahlwerk durch die Kaffeebohnen. Gegenüber Kindergeschrei, die Wohnungstür knallt zu, Schuhklappern auf Holzstufen. Sie dreht sich zu Jakob und schmiegt ihr Gesicht in seinen Nacken. Sie hatte Jakob nach Adam kennengelernt. Mit Adam hätte sie sich alles vorstellen können, das volle Programm, aber dann hatte sie in der Stadt erst mal eine Weile das Alleinsein geübt. Jakob traf sie zum richtigen Zeitpunkt an seinem Merchendising-Stand. Er konnte sich Kinder vorstellen und dann konnte Toni das auch. Ihre Gynäkologin empfahl ihr zuerst einmal Folsäure und zyklusoptimierten Beischlaf. Zuerst lachten sie noch, dann gaben sie sich Mühe und scheiterten. Mühe und Scheitern. Mühe und Scheitern.

Fazit: Anne Sauer hat in ihrem Romandebüt zwei Szenarien unterschiedlicher Frauenleben erschaffen. Nach dem Motto, was wäre wenn, zeichnet sie Toni, die glaubt, den idealen Partner gefunden zu haben, mit dem sie die Familie gründen wird, die sie sich wünscht. Doch dann scheitern sie an der Fertilisation und dem Leistungsdruck. Das andere Szenario zeigt Toni als Antonia, die plötzlich im Leben nebenan als unfreiwillige Mutter erwacht. Was ich daran sehr gelungen finde, ist der enorme Leidensdruck auf beiden Seiten, so als würdest du, egal welche Lebensrealität du wählst, nichts richtig machen können. Die Autorin hat ganz klar gezeigt, wie traumatisierend ungewollte Kinderlosigkeit ist, aber auch, wie erschlagend das vermeintliche Mutterglück, tatsächlich ist. Der körperliche Schmerz durch die Geburt und danach, die Ängste um den Säugling und der Druck der Verantwortung, ganz zu Schweigen von dem erheblichen Mehraufwand. Ebenso die Frustration, wenn es nicht klappt, die Versagensängste, die Wut und die Belastung für die Beziehung. Anne Sauer hat den Blick der Gesellschaft auf fehlende Mutterschaft ebenso gezeigt, wie den auf überforderte Mütter. Selbst kinderlos geblieben, habe ich mich den gesellschaftlichen Anforderungen entzogen, habe mich Bewertungen einfach nicht gestellt, deshalb sind mir beide Dramen fremd geblieben. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die Autorin meinen empathischen Blick geschärft hat. Sie sieht kapitelweise abwechselnd in die beiden Lebensentwürfe und lässt mich an den intimsten Gedanken teilhaben. Das war einmal eine ganz andere Lesart, die mich absolut bereichert hat.

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Eine mutmachende Geschichte

Amphibium
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Susie mou liegt im Bett, als die elfjährige Sissy aus der Schule kommt. Die Vorhänge, wie immer zugezogen, liegt sie auf der Seite und sieht zur Wand. Ein Blick in den Kühlschrank spiegelt Sissys innere ...

Susie mou liegt im Bett, als die elfjährige Sissy aus der Schule kommt. Die Vorhänge, wie immer zugezogen, liegt sie auf der Seite und sieht zur Wand. Ein Blick in den Kühlschrank spiegelt Sissys innere Leere. Sie füllt eine Schale mir Cornflakes und schüttet die restliche Milch darüber, sie schmeckt sauer.

Sissy kennt Luke Perry nicht, trotzdem hat sie seinen Aufkleber aus der Illustrierten in der Arztpraxis geklaut. Jetzt klebt er unter dem Regal über ihrem Bett, wo nur sie ihn sehen kann. Ihr ist egal, wie er heißt, sie gibt seinem Gesicht eigene Namen (Ramses, Adam oder Freddie) und träumt davon, ihn zu verführen, um ihn dann zu ertränken. Sie hat gemerkt, dass, wenn sie sich auf ihre Matratze hockt und die rechte Ferse zwischen die Beine klemmt, das Becken ein wenig kreisen lässt, ihr Gesicht heiß wird und es in ihr flutet und pocht, wie die Supernova.

Koko aus Griechenland ist nicht mehr da, aber er war der Namensgeber für ihre Mutter. Er nannte sie Susie mou (meine Susie) oder matia mou (meine Augen) anders für ich liebe dich. Sie haben Koko irgendwo draußen auf der Nordsee gelassen. Vielleicht ist er immer noch auf den Bohrinseln, spart für ein kleines Häuschen mit Garten für Mom und seine Tochter.

Neue Schule, neue Sissy. Tegan sitzt auf einer Bank, kichert und flüstert mit einem anderen Mädchen. Hinter ihnen stehen sechs weitere in der Schlange. Sie hat die Illustrierte More auf dem Schoß, aber darum geht es nicht. Sie wollen alle in den Genuss kommen, neben Tegan zu sitzen, denn Tegan ist cool. Sissy läuft die Schulhofbegrenzung auf und ab und schaut ihnen verstohlen über die Schulter zu.

Fazit: Tyler Wetherall hat ein feinfühliges Romandebüt geliefert. Mit großer Empathie versetzt sie sich in ein junges Mädchen, dessen Mutter an einer Depression erkrankt ist. Sie ist nicht in der Lage, sich um ihre Tochter zu kümmern, die sich selbst überlassen bleibt. Die Mutter leidet unter ihrer Unfähigkeit und überträgt die Schuldgefühle auf die Tochter, die sich für deren Wohlergehen verantwortlich fühlt. Die Ängste der Mutter führen zu Übersprungshandlungen mit Fluchttendenzen. Derweil versucht Sissy ihr Leben zu meistern und den rasanten Sprung vom Kindsein zur Frau zu vollenden. Die Autorin trifft genau den richtigen Ton, hat in ihrer klugen Protagonistin die Richtige gefunden, um mich an meine eigenen pubertären Nöte zu erinnern. Immer in Begleitung der Angst, Nein zu sagen, des Gefühls, sich zu verweigern führe dazu, nicht gemocht zu werden. Diese Enttäuschung, wieder nur benutzt worden zu sein und die Hingabe an augenscheinlich Stärkere. Wetherall hat einige mystische Elemente eingebracht, die mich nicht gestört, sondern eher das Besondere an der jungen Heldin Sissy hervorgehoben haben. Die Ich-Erzählung im Präsens erleichtert den Lesefluss und bringt mich ganz nah an Sissy heran. Eine traurige, schöne, kluge und mutmachende Geschichte, die ich ganz arg genossen habe.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Authentisch und spannend

Sein Name ist Donner
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David ist auf dem Weg zu Rab, der außerhalb des Reservats Gras verkauft. Doch der Drecksack lässt sich von David nicht vorführen. David sucht nämlich nach dem Schein und tut ganz überrascht, weil seine ...

David ist auf dem Weg zu Rab, der außerhalb des Reservats Gras verkauft. Doch der Drecksack lässt sich von David nicht vorführen. David sucht nämlich nach dem Schein und tut ganz überrascht, weil seine Hosentaschen leer sind. Muss er eben noch mal wiederkommen. Auf dem Rückweg ins Reservat stolpert er fast über Fellis. Der liegt stöhnend im Dreck. Er hatte am Morgen den Bus verpasst, um sein Methadon zu holen und hielt es für eine gute Idee Schnaps zu trinken, um die Übelkeit zu dämpfen. Im Sumpf war er dann nachdenklich geworden, hatte sich kurz hingesetzt, war dann aber eingenickt und festgefroren. David zückt sein Taschenmesser und Fellis kreischt. Er versucht seine Haare selbst zu befreien, bleibt jedoch chancenlos. David schneidet ihm ein gutes Stück seines langen Haars ab und bringt ihn zu Fellis Mutter Beth.

David und seine Mom hatten das Leben im Süden mit seinem Vater aufgegeben und waren nach Maine ins Reservat gezogen. Seine Mutter stammt von der Penobscot Nation. Als sie her gekommen waren fand David, beim Spielen vor dem Haus in einer Senke, ein Glas mit Zähnen, Maiskörnern und grauem Haar. Als er es seiner Mom gezeigt hatte, musste er alles fallen lassen und mit ihr ins Haus gehen, wo sie telefonierte und zwei Zigaretten rauchte. Dann kam Frick der Medizinmann, sprach Gebete, räucherte David und Mom mit Salbei und weihte das Haus. Seine Mom dachte nicht an einen Spaß, sie glaubte, dass jemand ihnen ernsthaft schaden wollte. Und irgendwie sollte sie recht behalten, denn kurz darauf zog Frick bei ihnen ein, stellte seine Zahnbürste neben Davids, verteilte seine Haare im WC und trank mit Mom Wein aus Pappkartons.

Fazit: Morgan Talty, selbst Angehöriger der Penopscot Indian Nation, hat eine generöse Geschichte gezeichnet. Er hat mich in seine indigene Heimat entführt und mir mit großem sprachlichem Können gezeigt, wie traumatisiert die Menschen seines Stammes sind. Einst in Freiheit lebend bestritten sie ihren Unterhalt mit Jagen und Sammeln. Heute leben sie im Reservat als Menschen zweiter Klasse. Die Mutter des Protagonisten wurde durch Kriege und Kolonialisierung über viele Generationen traumatisiert. Man wies ihnen ein kleines Gebiet, in dem sie sein dürfen. Innerhalb des Reservats herrscht Perspektivlosigkeit. David und die anderen jungen Leute teilen multiple Abhängigkeiten. Fast jeder im Reservat ist alkoholabhängig. Geld ist schwer zu beschaffende Mangelware. Der Autor zeigt die ganze Ausweglosigkeit, ein unabhängiges, selbstständiges Leben zu führen. Sein lakonischer, teils komischer Erzählstil verpackt das ganze Elend in mundgerechte Häppchen und macht den Lesefluss erträglich. Die Eindrücke von Geistern, die an Wasserrohre klopfen, verfluchte kleine Kinder, die Schabernack treiben und schmutziges Geschirr, das mit einem Tuch abgedeckt wird, damit die Geister sich nicht eingeladen fühlen, haben mich so gut in seine Kultur hineinfühlen lassen, dass ich fast Dankbarkeit für seine Gastfreundschaft empfinde. Ich war mittendrin in der Familie des Hauptakteurs und habe mich an den Maisküchlein und am Schweinebauch mit Farnkrautspitzen erfreut. So eine authentische, spannende und wertvolle Geschichte.

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