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Veröffentlicht am 25.07.2025

Nicht mein Geschmack

Frauen im Sanatorium
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Anna sitzt am See und denkt an ihre Mutter, ihre hellrot lackierten Nägel. Ihre Eltern mussten die Heimat verlassen. Sie gingen nach Deutschland. Für eine bessere Zukunft. Im See leben Flamingos und einen, ...

Anna sitzt am See und denkt an ihre Mutter, ihre hellrot lackierten Nägel. Ihre Eltern mussten die Heimat verlassen. Sie gingen nach Deutschland. Für eine bessere Zukunft. Im See leben Flamingos und einen, den besonders Hellen, nennt sie Pepik. Ihm erzählt sie ihre Geschichte. Die Mühe, die sie sich in Deutschland machte, in der Schule zu glänzen, später im Studium und dann auf der Arbeit. Sie war wie besessen. Ihr Vater hatte sich da schon seine eigene Wirklichkeit geschaffen, sie hieß Tatjana und stürzte ihre Mutter in die Depression.

Die Tabletten machen, dass sie sich wattig im Kopf fühlt. Sie ist seit zwei Wochen hier, wegen der Sache. Langsam, die Unsicherheit in den Beinen ausgleichend steht sie auf, es folgt die Schwimmstunde, Elif wartet auf sie. Die ist hier, weil ihr Verlobter verschwunden ist, gerade als sie das passende Hochzeitskleid gefunden hatte. Sie hatte seinen Namen nur einmal während einer Gruppensitzung erwähnt, dann nicht mehr. Elif redet viel, mit großer Vehemenz legt sie Bedeutung in ihre Worte. Alles scheint wichtig zu sein, aber Anna entdeckt, dass sie übertreibt, nicht immer die Wahrheit sagt. An dem Tag, als Elif entlassen wird, hängt Elif eine Tüte mit ihrem Notizbuch an Annas Tür.

Nach dem Essen geht Anna ins Raucherpavillon. Dort trifft sie unfreiwillig immer Marja, die beim Essen neben ihr sitzt. Marja monologisiert ihre verstorbene Mutter herbei, malt sie in den schönsten Farben, aber Anna kann nicht lange zuhören. Ein Bus hält und entlässt sieben Soldaten, die laut reden. Darunter eine Frau, die einem Soldaten ihren Ellbogen in die Seite stößt. Sie schultern die Rucksäcke und poltern die Eingangstreppe hinauf.

Fazit: Anna Prizkau hat eine unzuverlässig erzählende Protagonistin geschaffen. Die die Leserin kaum erkennen lässt, was wahr ist. Anna kam in die Klinik, weil sie von einem Auto angefahren wurde. Sie scheint das provoziert zu haben. Die Geschichte zeigt eine Kindheit mit ganz großem Leidensdruck. Anna kümmert sich um ihre depressive Mutter und muss früh eine Verantwortung übernehmen, der sie nicht gewachsen sein kann, niemand kann das. Nach Deutschland emigriert, glänzt sie durch Leistung und schlägt sich alleine durch. Privat erlebt sie erhebliche Brüche, deren Schmerz sie mit Alkohol, Drogen und Partys kompensiert. Die Kompensation ploppt, etwas in ihr bricht und es kommt zu einer Kurzschlusshandlung. In der Klinik kann ihr niemand wirklich helfen. Die Patienten bleiben sich selbst überlassen, es wird einzig ihre Mitarbeit vorausgesetzt. Anna lernt ihre Mitpatientinnen kennen. Vieles wird erzählt, aber was davon ist wahr und was Wunschdenken? Ich habe diese Geschichte zu Anfang sehr gemocht, hatte jedoch meine Schwierigkeiten, mich auf den Schreibstil der Autorin einzulassen. Sie verwendet unendlich viele Bindestriche, um Informationen einzufügen, die ich nicht gebraucht hätte. Der Text strotzt vor Fehlern in Syntax und Semantik. Und ich habe mich ernsthaft gefragt, ob das Lektorat extrem unmotiviert war oder ob ich das erste Buch gelesen habe, das mit künstlicher Intelligenz lektoriert wurde.

…oder hatte den Satz Marja selbst gesagt? S. 166

Heroin hatte ich mir davor immer schlecht und schmutzig vorgestellt, als Droge, die sich mit alten Nadeln Arme spritzten. S. 170

Mit sieben kam Veronika auf eine Mädchenschule, die Nonnen führten S. 179

Es war das erste Mal. Und letzte. S. 183

Es kommt mir fast unwirklich vor, dass das Buch von einer Redakteurin geschrieben wurde. Zumal sie eine Korrekturfahne bekommen haben muss und das so durchgewunken haben soll? Fragen über Fragen. An Satzbau und der Verteilung der Satzzeichen hat die Autorin mich verloren und die fast letzte Szene mit David hätte ich auch nicht gebraucht. Das war nicht meins.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Über weibliche Selbstermächtigung

Zwischen zwei Leben
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Und am Ende wird sie intercontinental fliegen. Bequeme Kleidung und ein leichtes Make-up werden ihr helfen, den Flug zu überstehen. Toronto wird ihr Ziel sein.

Die Ajataras in ihrem Kopf treten als Gestalten ...

Und am Ende wird sie intercontinental fliegen. Bequeme Kleidung und ein leichtes Make-up werden ihr helfen, den Flug zu überstehen. Toronto wird ihr Ziel sein.

Die Ajataras in ihrem Kopf treten als Gestalten der Gebrüder Grimm auf. Es handelt sich um Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen, Gretel, Rapunzel und Rotkäppchen. Sie begleiten sie schon ihr ganzes Leben. Es sind die Stimmen, die das missverstandene Ideal-Ich repräsentieren und eigentlich gibt es sie gar nicht.

Sie hat gegoogelt „Wie lebt man allein“ (851.000 Suchergebnisse) und „Wie verlässt man seinen Mann“ (3.980.000 Ergebnisse) und jetzt steht sie hier mit zwei großen Reisetaschen. Sie schreibt auf einen Notizzettel „Ich bin weg“, Jenni. Doch dann überkommt sie die Lust des Ausprobierens und aus dem i wird ein schwungvolles y. Jenny. Und passend dazu hängt sie ihren Mädchennamen hinten an, Jenny Mäki und schon fühlt sie sich anders, ist den ersten Schritt ihrer Metamorphose gegangen. Unten wartet ihr Taxi.

Jenny Mäki ist in der neuen Wohnung angekommen. Eine leicht ungepflegte Regisseurin hat sie ihr untervermietet. Die sperrigen Dinge lässt sie dort und so blickt Jenny nun auf einige Bilder an den Wänden, das Sofa und den Couchtisch. Jetzt wird sie zuerst einmal alles gründlich reinigen, so dass einzig die Atmosphäre des über hundert Jahre gelebten Lebens in diesen Räumlichkeiten bleibt.

Sie ist gegangen, hat Jussi Jussi sein lassen. Sie hatten gute Momente und auch schlechte.

Oberflächlich betrachtet war alles gut. Sehr lange hat Jenni gedacht, das würde genügen und man könnte so leben. Ihr ist nicht aufgefallen, wie ermüdend die Gesellschaft von Trauer sein kann. S. 28

Fazit: Minna Rytisali hat ein feministisches Manifest geschaffen, verspricht der Klappentext und hält sein Versprechen. Ihre Protagonistin ist Anfang fünfzig und trennt sich ohne Ansage, dafür konsequent von ihrem Mann. Sie waren viele Jahre zusammen und haben zwei Kinder, die längst auf eigenen Beinen stehen. Jenny ist in der Mutterrolle aufgegangen. Sie hat die Annehmlichkeiten einer privilegierten Hausfrau und die Sicherheiten, die ihr Mann ihr bot, genossen. Doch als die Kinder aus dem Haus waren, fehlte es ihr an allem. Sie verschwand neben ihrem Mann und die stete Dissonanz in ihrem Inneren wurde lauter. Das Gefühl, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein, wurde zum Dauerton. Als harmoniebedürftige Frau meidet sie Konflikte und auch das Setzen nötiger Grenzen. Sobald sie alleine lebt, werden die Märchenwesen in ihrem Kopf lauter und versuchen sie zu erreichen, indem sie sie ansprechen. Und diese zauberhafte Technik der Autorin führt dazu, dass sie mich ebenso ansprechen. Und ich erfahre, wie ihre Geschichten in einer patriarchalen Gesellschaft tatsächlich waren. (Nicht wie im Märchen dargestellt) Im Laufe der Geschichte wird Jenny klar, welche Glaubenssätze sie internalisiert und sich ihnen unterworfen hat. Wie sie in den Genuss kommt, ihren Neid, die Missgunst, Wut und ihre Bewertungen gehen zu lassen und deutlich mehr Lebensqualität gewinnt. Die Sprache ist so erfrischend, die ganze Geschichte so mutmachend und augenöffnend. Das Ende so tröstlich, dass mir mein Herz ganz warm überläuft vor tiefem Verständnis für alle Frauen, die genauso unter ihrer Selbstsabotage leiden. Ein kluges, warmes, berührendes Buch über weibliche Selbstermächtigung, das ich so so gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Ein psychologisches Komplott

Schattengrünes Tal
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Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. ...

Sie feiern Simons fünfundvierzigsten. Lisa, ihre beste Freundin Johanna und einige Freunde. Gerade als Lisa die letzten Töne ihrer schönen Stimme ausatmet, verstummt die Backgroundmusik und das Licht erlöscht. Die Gäste stolpern übereinander, ein Schmerzenslaut wird ausgestoßen. Draußen hat jemand den Stecker des Generators gezogen. Simon schaut auf sein Handy, stutzt, geht ein paar Schritte von Lisa weg. Sie fragt ihn, was los ist und erhält eine schroffe Antwort.

Simon war die letzten Wochen als Projektleiter für naturgemäße Waldwirtschaft in Polen. Dort hat er fast nicht gesprochen, ist die meiste Zeit durch die unberührte Natur gelaufen und hat Flora und Fauna bewundert. Jetzt ist er wieder hier, hat zu viel gegessen und zu laute Musik gehört. Er weiß, dass Lisa es gut gemeint hat und es freut ihn, dass sie für ihn gesungen hat, aber er muss erst wieder ankommen. Als sein Handy vibriert hat, verharrte sein Blick länger als er eigentlich wollte. Eine anonyme Nachricht ließ ihn schlucken: „Alles Liebe zu deinem Hochzeitstag Simon“. Niemand seiner Freunde oder Bekannten hätte ihm anonym gratuliert. Es kann nur sie gewesen sein. Und er denkt an das Blut auf ihrer weißen Haut.

Lisa ist am frühen Morgen auf dem Weg in das Hotel ihres Vaters, die Heizung ist ausgefallen. Sie ist eigentlich für die Buchhaltung zuständig, aber wenn Not am Mann ist, springt sie auch schon mal ein. Margret kommt die Treppe herunter. Vor fünfzehn Jahren bewarb sie sich als Servicekraft, ihr Vater stellte sie ein und ihr Siegeszug begann. Lisas Mutter erkrankte mit Anfang sechzig an Demenz und wurde ins Pflegeheim ausquartiert, seitdem schläft Margret auf ihrer Bettseite. Der einzige Gast dieses Tages ist eine junge Frau, die sich nicht an dem kalten Zimmer zu stören scheint.

Fazit: Kristina Hauff hat ein psychologisches Komplott geschaffen. Die Protagonistin Lisa neigt dazu, sich für alles verantwortlich zu fühlen. Sie litt unter dem lieblosen, patriarchalen Vater, der in seiner Gunst stets Lisas Bruder bevorzugte. Sie hätte gerne mehr Zuständigkeiten im Hotel, doch ihr Vater traut ihr nichts zu. Lisa ist nähesuchend und leidet unter der teilweise abweisenden Haltung ihres Mannes. Die fremde Frau, die sich im Hotel einquartiert hat und der Kälte trotzt, hat gute persönliche Gründe. Lisa nimmt sich ihrer nichtsahnend an und verliert mehr und mehr die Kontrolle über ihr Leben. Ich mochte den Plot sehr. Die Sprache ist einfach gehalten. Die Autorin hat sich auf ihre Darstellerinnen konzentriert. Manches wurde zu früh vorweggenommen und hat mich um meine Neugier gebracht. Die Fremde war leider allzuschnell durchschaubar, die Art, wie sie interveniert hat schon wieder gut gezeigt. Jedes Kapitel ist abwechselnd Lisa oder Simon gewidmet und will deren unterschiedlichen Sichtweisen zeigen, dabei jedoch in der dritten Person erzählt. Insgesamt ein gut lesbarer Roman, den ich gerne allen empfehlen möchte, die sich für Geschichten mit manipulativen Menschen interessieren.

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Veröffentlicht am 18.07.2025

Eine Hymne der Transgender-Literatur

Stag Dance
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Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. ...

Tipton, Iowa, sieben Jahre nach dem Ausbruch

Keith reißt ihr den Eimer aus der Hand, nennt sie kleine Lady und dann geht das Machogehabe los. Die übergroßen behaarten Titten werden zur Schau gestellt. Er denkt, sie wäre so ein Austie-Boy, weil er nicht weiß, dass sie schon vor der Seuche Östrogen gespritzt hat und trans war. Das Östrogen kommt vom Schwarzmarkt, weil das aus offiziellen Quellen streng rationiert ist und nur noch an Frauen mit aussichtsreicher Fruchtbarkeit geht. Keith zapft es seinen genmanipulierten Schweinen ab, die jetzt mehr Hormone produzieren, die mit denen der Menschen bioidentisch sind. Sie bezahlt Kieth dafür, dass er ihr die Schweinezucht zeigt, aber eigentlich will sie ihm nur ein paar Ferkel klauen, um mit Lexi eine eigene Zucht aufzuziehen.

Seattle, am Tag des Ausbruchs

Lexi zeigt ihr ihre neuen Tätowierungen. Über einem Schiffstattoo zeigt sie auf ein absolut schlichtes t4t. Es soll bedeuten, Trans Frau liebt trans Frau. Lexi ist mittlerweile die selbst ernannte Expertin der Trans-Frauen-Szene von Seattle und glaubt, dass in naher Zukunft alle Menschen trans sein werden. Sie lebt mit ihren Mitbewohnerinnen in einem verfallenen viktorianischen Haus und kann es sich nur leisten, weil der Onkel eines der Mädels es ihr günstig vermietet. Und als Wiedergutmachung dafür, dass Lexi von der Nächstenliebe eines Cis Kerls profitiert, lässt sie andere trans Frauen ohne Schlafplatz auf den Sofas im unteren Stock übernachten.

Lexi und sie sind total unterschiedlich und doch sowas wie best Bitches geworden. Sie skypt abends heimlich mit irgendwelchen Typen, hat ausgeklügelten Telefonsex für den Selbstwert und Lexi sammelt Knarren gegen die Ohnmacht und ihren stillen Kummer. Und dann infiziert Lexi sie mit voller Absicht mit einem GnRH Impfstoff, der die Bildung der Sexualhormone hemmt.

Fazit: Torrey Peters (Detransition Baby, Women´s Price for Fiction Nominierung 2021) hat in vier Geschichten bravourös gezeigt, wie leidvoll die sexuelle Orientierung sein kann. in der ersten Story spielt sie mit dem Gedanken an eine Welt voller geschlechtsloser Menschen, die sich ihr Geschlecht aussuchen müssen. Eine Seuche lässt das Immunsystem Antikörper bilden, die die eigenen Sexualhormone zerstören, so, dass sie von außen zugeführt werden müssen. Die zweite Story zeigt die Suche nach der sexuellen Orientierung in der Jugend an zwei Jungs, die sich im Internat sehr nah kommen. In der Story Stag Dance lese ich von illegalen Holzfällern, echten brachialen Kerlen, die sich während einer Party von ihrer Einsamkeit ablenken wollen und am Ende brutal eskalieren. Die Autorin schreibt über die Suche nach Geschlechtsidentität, Ausgrenzung, Homophobie, Bedürfnisse und das Für und Wider von Outings. Vermutlich verarbeitet sie ihre eigenen Erfahrungen auf ihrem fragilen Weg von Mann- zu Frauwerdung. Was mir an diesem Buch so unglaublich gut gefällt, ist die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit der queeren Szene, die oft romantisiert wird. Neid, Missgunst, Eifersucht und Manipulation sind gesellschaftskonform und unabhängig von der sexuellen Orientierung. Mit großem Feingefühl hat die Autorin die Schattenseiten der Selbstfindung herausgearbeitet. Wer sich nach diesem Buch immer noch fragt, warum wir eine geschlechterneutrale Sprache brauchen, um jeden Mitbürgerin sichtbar zu machen, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Sprache ist großartig mehrgleisig: brutal, feminin, humorvoll und tragisch, das Buch eine Hymne. Für alle, die offen und mutig genug sind, einen Blick in die trans* Szene zu werfen.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Das war mal eine ganz andere Lesart

Im Leben nebenan
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Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille ...

Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille an ihren Schenkeln, Spritzer roten klumpigen Blutes in der Keramik. Elf Wochen, länger konnte sie es diesmal nicht halten.

Auf Antonias Bauch liegt ein winziges Kind. Sie ist sicher, dass sie gleich aufwachen wird. Doch dann schreit das Baby und sie ist wach. Alles ist fremd, ihr Unterleib schmerzt wie nie zuvor. Sie zwingt sich vom Sofa aufzustehen, weiß nicht wohin mit dem Säugling, findet einen Maxi-Cosi, legt ihn hinein. Ihr Blick fällt auf die Bilderrahmen. Darauf Antonia in einem Brautkleid, neben ihr ein Mann. In ihm erkennt sie ihre erste große Jugendliebe. Sie hatte sich damals getrennt, weil sie aus dem Kaff rauswollte und er nur so tat, als wolle er auch weg.

Toni liegt schon länger wach im Bett. In der Wohnung über ihr Stöhnen, ein quietschender Lattenrost. Nebenan beißt sich ein Mahlwerk durch die Kaffeebohnen. Gegenüber Kindergeschrei, die Wohnungstür knallt zu, Schuhklappern auf Holzstufen. Sie dreht sich zu Jakob und schmiegt ihr Gesicht in seinen Nacken. Sie hatte Jakob nach Adam kennengelernt. Mit Adam hätte sie sich alles vorstellen können, das volle Programm, aber dann hatte sie in der Stadt erst mal eine Weile das Alleinsein geübt. Jakob traf sie zum richtigen Zeitpunkt an seinem Merchendising-Stand. Er konnte sich Kinder vorstellen und dann konnte Toni das auch. Ihre Gynäkologin empfahl ihr zuerst einmal Folsäure und zyklusoptimierten Beischlaf. Zuerst lachten sie noch, dann gaben sie sich Mühe und scheiterten. Mühe und Scheitern. Mühe und Scheitern.

Fazit: Anne Sauer hat in ihrem Romandebüt zwei Szenarien unterschiedlicher Frauenleben erschaffen. Nach dem Motto, was wäre wenn, zeichnet sie Toni, die glaubt, den idealen Partner gefunden zu haben, mit dem sie die Familie gründen wird, die sie sich wünscht. Doch dann scheitern sie an der Fertilisation und dem Leistungsdruck. Das andere Szenario zeigt Toni als Antonia, die plötzlich im Leben nebenan als unfreiwillige Mutter erwacht. Was ich daran sehr gelungen finde, ist der enorme Leidensdruck auf beiden Seiten, so als würdest du, egal welche Lebensrealität du wählst, nichts richtig machen können. Die Autorin hat ganz klar gezeigt, wie traumatisierend ungewollte Kinderlosigkeit ist, aber auch, wie erschlagend das vermeintliche Mutterglück, tatsächlich ist. Der körperliche Schmerz durch die Geburt und danach, die Ängste um den Säugling und der Druck der Verantwortung, ganz zu Schweigen von dem erheblichen Mehraufwand. Ebenso die Frustration, wenn es nicht klappt, die Versagensängste, die Wut und die Belastung für die Beziehung. Anne Sauer hat den Blick der Gesellschaft auf fehlende Mutterschaft ebenso gezeigt, wie den auf überforderte Mütter. Selbst kinderlos geblieben, habe ich mich den gesellschaftlichen Anforderungen entzogen, habe mich Bewertungen einfach nicht gestellt, deshalb sind mir beide Dramen fremd geblieben. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die Autorin meinen empathischen Blick geschärft hat. Sie sieht kapitelweise abwechselnd in die beiden Lebensentwürfe und lässt mich an den intimsten Gedanken teilhaben. Das war einmal eine ganz andere Lesart, die mich absolut bereichert hat.

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