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Veröffentlicht am 17.10.2024

Gutes Thema aber beliebiger Schreibstil

Der Kommandant des Flusses
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Yabar blutet aus einem Auge. Es ist mehr als dumm gelaufen. Er ist sich sicher, dass er es noch über diese Brücke des Tiber bis vor die Tür des Krankenhauses schafft und tatsächlich, vor dem Haupteingang ...

Yabar blutet aus einem Auge. Es ist mehr als dumm gelaufen. Er ist sich sicher, dass er es noch über diese Brücke des Tiber bis vor die Tür des Krankenhauses schafft und tatsächlich, vor dem Haupteingang bricht er zusammen und verliert das Bewusstsein. Als er zu sich kommt, liegt er auf einer Bahre eine Nadel in seiner Hand, fixiert mit Klebeband. Er habe großes Glück gehabt, was denn passiert sei? Gestürzt, sagt Yabar. Ob er seine Eltern anrufen könne, will der Arzt wissen. Sein Vater ist fort, seine Mutter will er nicht beunruhigen.

Yabar verbringt viel Zeit bei Rosa, der Frau, die er Tante nennt, obwohl sie keine Tante ist, sondern die beste Freundin seiner Mutter. Rosa hat eine Tochter, Sissi, die mit ihren blonden Locken und weißer Haut ganz anders aussieht als Rosa, er oder seine Mutter. Sissi ist die Streberin schlechthin und sie verhält sich wie eine Lehrerin, weiß alles besser und will Yabar ständig motivieren, dafür sorgen, dass er nicht sitzen bleibt und dann passiert es doch.

Nach der Nichtversetzungspleite schickt seine konsequente Mutter ihn zu ihrer somalischen Schwester und seinen Cousins nach London. Die Schwestern haben keinen Kontakt mehr, warum weiß Yabar nicht. Er hofft, bei seiner Familie etwas über seinen Vater zu erfahren. Als sein Onkel ihn am Flughafen abholt, flattern Yabar die Nerven, weil sein somalisch schlecht ist. Doch dann fällt ihm seine Muttersprache leichter als gedacht. Seine Cousins erheben sich alle, als er reinkommt. Seine Tante verfällt in Lobhudeleien, während sie etliche Schälchen mit Reis, Lamm, Bananen und Hühnchen auftischt. Danach ziehen seine Cousins weiße Hemden und Kappen über ihre Hoodie und fahren mit ihm beten.

Fazit: Ubah Christina Ali Farah hat den schwarzen Teenager Yabar geschaffen. Seine Eltern flohen, wie viele andere 1990 von Somalia nach Rom. Die Mischung aus Clans, Milizen und Militär machte das Überleben der Zivilbevölkerung immer unwahrscheinlicher. Die Mitglieder einer Familie gehörten unterschiedlichen Clans an und mordeten sich gegenseitig. Somalia, Äthiopien und Eritrea waren italienische Kolonien, deshalb flüchteten viele Menschen nach Italien. Die Väter gingen zurück, kämpften weiter und brachten Schande über ihre Familien, weil sie für die Falschen gekämpft haben. Die Auswanderer blieben weitestgehend unter sich und fanden Anerkennung unter ihresgleichen. Ich finde das Thema Kolonialismus wichtig, ebenso wie die Ausbeutung des schwarzen Kontinents durch Konzerne weltweiter Herkunft. Einer der reichsten Kontinente an Ressourcen, der ausgeblutet wird, damit reiche Industrienationen ihren Wohlstand mehren können. Menschen, die durch korrupte und militante Machthaber vertrieben werden und ebenso unerwünscht sind wie die Menschen, die den Mittelmeerweg wählen. In der Sahara sind mittlerweile mehr Menschen verendet als im Mittelmeer ertrunken, Dramen, über die dringend geschrieben werden muss.

Was mir an der Geschichte nicht gefallen hat, war die Beliebigkeit des Schreibstils. Ebenso die Übergänge zu den Zeitsprüngen, die, wenn überhaupt mit einer Leerzeile gekennzeichnet wurden, statt mit einem neuen Absatz. Ich hätte mir ein wenig mehr der somalischen Kultur gewünscht, nicht der Sprache, davon gab es genug Worte, die mir fremd blieben, eher von den Bräuchen. Die Atmosphäre hat mir nichts über Italien gezeigt, außer die Erwähnung einiger Straßennamen. Wie riecht es da unten am Tiberufer, wie klingt es? Ich weiß nicht, woran es lag, aber das war mir zu wenig Klangfarbe und Kultur. Schade.

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Veröffentlicht am 15.10.2024

Eine ganz besonders berührende Geschichte

All die kleinen Vogelherzen
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Wenn Sunday aufgeregt ist, besteht ihr Speiseplan ausschließlich aus weißen Lebensmitteln. Toast und Haferflocken zum Frühstück, Hühnchen und Kartoffelpüree am Abend und vielleicht auch mal ein Rührei, ...

Wenn Sunday aufgeregt ist, besteht ihr Speiseplan ausschließlich aus weißen Lebensmitteln. Toast und Haferflocken zum Frühstück, Hühnchen und Kartoffelpüree am Abend und vielleicht auch mal ein Rührei, aber nur wenn Sunday das als weiß befindet. Zuweilen nervt ihre sechzehnjährige Tochter Dolly das Essverhalten ihrer Mutter, wie es schon Dollys Vater – den König – genervt hat. Während der Ehe zu ihrem Ex Mann hat sich das bestätigt, was Sunday schon bei ihrer Mutter gelernt hat, Sunday ist sonderbar, manchmal erschreckend in ihrer Direktheit und das Anstarren zum Fürchten.

Seit der Scheidung verdient sich Sunday ein kleines Zubrot in der Gärtnerei ihrer ehemaligen Schwiegereltern. Mit David, der ihr zur Hand geht, braucht es nicht vieler Worte. Sie unterhalten sich in Gebärdensprache, denn David ist nach einer Meningitis in seiner Kindheit taub. Die Stille, das Berühren der Erde und der zarten Pflänzchen helfen Sunday, sich zu Fokussieren, wenn ihr Alltag aus dem Ruder gelaufen ist.

An einem sonnigen Herbsttag beobachtet Sunday eine Frau im Nachbargarten. Sie liegt auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt. Fast sieht sie aus, als könne sie vom Baum gestürzt sein. Die glatten schwarzen Haare ergießen sich über ihre schwarze Kleidung. Sunday will wissen, was die fremde leblose Frau da drüben macht und schleicht sich an, um einen näheren Blick zu erhaschen, doch als die sich bewegt, zieht Sunday sich zurück. Kurz darauf steht die dunkle Schönheit vor Sundays Tür. Als die öffnet, stellt die Fremde sich als Vita vor, sie habe mit ihrem Mann das Nachbarhaus gemietet. Schnell werden die spröde Sunday, der die Benimmregeln aus dem frühen 19ten Jahrhundert heilig sind und die charismatische, lebhafte Vita Freundinnen und Sunday fühlt sich und ihre Eigenarten so akzeptiert wie nie im Leben zuvor.

Fazit: Diese besondere Geschichte hat mich tief berührt. Viktoria Lloyd – Barlow – selbst Autistin – nimmt mich mit in das Innenleben ihrer autistischen Protagonistin. Mit großem Feingefühl zeigt sie die Stärken und Schwächen Sundays. Sie ist in der sozialen Interaktion holprig, plump und direkt, wenn sie die Kontrolle über sich verliert. Andere empfinden ihr Sosein als störend und befremdlich. Ihr ganzes Leben war sie falsch, als Kind die ungeliebte Tochter, deren Schwester glorifiziert und bevorzugt wurde. Gerade als sie sich von ihren früheren Enttäuschungen erholt hat und gefestigt ihr Leben bestreitet, trifft sie auf eine Frau, die alles verkörpert, was sie gerne wäre. Die mit Leichtigkeit kommuniziert, berührt und ihr schönes Äußeres durch exzentrische Kleidung unterstreicht. Sunday ist so mit der Analyse beschäftigt, was die Wertschätzung und Akzeptanz der anderen mit ihr macht, dass sie vergisst, sich zu fragen, warum gerade sie in den Fokus der Zuneigung gerät. Die Stimmfarbe der Autorin ist ruhig, lässt mir Zeit, mir die Fragen zu stellen, die sich die Protagonistin nicht stellt und ihr hilflos dabei zusehen, wie sie sich blenden lässt. Ein grandioses psychologisches Katz – und Mausspiel. Ich habe jede Zeile genossen.

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Veröffentlicht am 14.10.2024

Subtile Machtspiele

Das Institut
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Thyl Osterholz hat sein Biologiestudium hinter sich und ist unschlüssig, was er als nächstes machen soll. Er bewirbt sich für einen Aushilfsjob am Institut für Soziales. Der Institutsleiter Lavetz sieht ...

Thyl Osterholz hat sein Biologiestudium hinter sich und ist unschlüssig, was er als nächstes machen soll. Er bewirbt sich für einen Aushilfsjob am Institut für Soziales. Der Institutsleiter Lavetz sieht vor, dass Thyl eine kleine Aufgabe in Seymours Abteilung übernimmt. Thyl wird markierte Zeitungsartikel in fünf Stichworten in vorgedruckten Formularen zusammenfassen. Ein Computer ermittelt dann, welche gesellschaftspolitischen Diskussionen wichtig werden.

Schon nach kurzer Zeit soll Thyl die Tagung zum Thema Fettsucht organisieren und gezielt Fachleute zu bestimmten Fragestellungen hinzuziehen. Inwiefern beeinflusst die Convenience Food Industrie Übergewicht und inwieweit profitieren Pharmaindustrien von den Adipositas begleitenden Krankheiten wie Herz-Kreislauf und Diabetes?

Seine Lebensgefährtin Isabelle versteht Thyl nicht, warum er sich keine richtige Arbeit wie eine Dozententätigkeit sucht. Wie so oft fühlt Thyl sich bevormundet. Sie treffen sich regelmäßig zum Abendessen bei seinem besten Freund Serge und dessen Frau Fania. Serges Vater hatte damals Thyls Vater, der Direktor der örtlichen Keramik Manufaktur gewesen war, vom Thron gestoßen. Sie mussten aus der Villa ausziehen und das Feld den Martons überlassen. Sie hatten sich aus den Augen verloren und waren später doch wieder aufeinandergetroffen, um die alte Freundschaft erneut zu besiegeln.

Dem Institut war klar, dass der Ölschock von 1973 allen hochrangigen Geschäftsmännern noch in den Knochen saß. Die ölproduzierenden Länder drosselten die Gewinnung, das Wachstum sank um 6,9 % und es folgten Depression, Deflation, Krise und Zerfall.

Fazit: Christian Haller hat eine klug durchdachte Geschichte geschaffen. Sein Protagonist rutscht immer tiefer in die Machenschaften des Instituts hinein. Zuerst fühlt er sich hofiert, weil ihm Verantwortung übertragen wird, doch dann merkt er, dass er benutzt wird. Es geht um den Austausch von Mitwissenden, um die Manipulation der Gesellschaft und den Erwerb von Spendengeldern durch hochrangige Industrielobbyisten. Die Geschichte liest sich spannend wie ein Krimi. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt.

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Veröffentlicht am 14.10.2024

Feminismus in Prosa lesenwert

Verdammt wütend
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Britt ist dreiundvierzig, Mutter der achtjährigen Elise und Ehefrau. Ihre eigene Mutter ging, als sie zwölf war, verschwand einfach während sie in der Schule saß und hinterließ in Britt eine große Menge ...

Britt ist dreiundvierzig, Mutter der achtjährigen Elise und Ehefrau. Ihre eigene Mutter ging, als sie zwölf war, verschwand einfach während sie in der Schule saß und hinterließ in Britt eine große Menge Wut. Die Mutter war oft traurig, rauchte dann Kette und sah aus dem Fenster. In den Anfangsjahren ihrer Eltern hörte Britt die beiden noch oft miteinander lachen, doch dann schlich sich Resignation ins Haus.

Britt hielt sich an alle Regeln. Sie war nett, machte ihre Hausaufgaben, fehlte nie in der Schule. Sie orientierte sich an Mitschülern, versuchte sie nachzuahmen. Als Daniel, den ihre Mitschüler cool fanden mit Emilie schlief, nannten alle Emelie Hure, Daniel blieb der coole und Britt war wütend. Die Aussagen „Stell dich nicht so an, reiß dich zusammen“ machten sie wütend, aber dann riss sie sich zusammen und stellte sich nicht so an. Ihr Vater dagegen

Er war nicht besonders wütend. Nachdem Mama weg war, hatte er eigentlich aufgehört irgendetwas zu sein, er war einfach nur da. S. 25

Ihr Mann Espen war humorvoll. Unbeschwert, wenn sie schwer war, sorglos und frei. Sie war mal in ihn verliebt, weiß aber nicht mehr, wie es sich angefühlt hat. Jetzt daddelt er die meiste Zeit auf seinem Handy oder er verbringt Abende mit seinen Freunden und kommt spät nach Hause, schleicht sich ins Bett und riecht nach Alkohol, während Britt vorgibt zu schlafen.

Einer von Espens Freunden ist die selbstbewusste Niko. Wenn sie ihren Bedürfnissen Ausdruck verleiht, bittet sie einfach. Britt hasst sie dafür, gleichzeitig bewundert sie sie still.

Fazit: Linn Strømsborg hat eine Protagonistin geschaffen, die stereotyp als Mädchen erzogen wurde und sich typisch weibliche Eigenschaften angeeignet hat mit dem Ziel, allen zu gefallen und jedem gerecht zu werden. Statt ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, hat sie die anderer befriedigt. Sie lebt in einer Beziehung, in der nichts schön oder leicht ist, weicht Konflikten aus und funktioniert. Wenn sie etwas für sich einfordert, wird sie nicht ernst genommen und übergangen. Sie hat ein großes Kontrollbedürfnis und malt sich schlimmste Szenarien aus, die ihr zusätzlich schlechte Laune bereiten. Wer wäre da nicht stinkwütend? Die Autorin bringt eine Kontrahentin ins Spiel, eine Frau, wie Britt sie zuvor nicht erlebt hat. Mit ihr kommt sie in den Genuss von Integrität und Veränderung. Ich fand die Erzählart einer Icherzählerin, die wie ein allwissender Erzähler in die Köpfe der anderen Darsteller schaut ungewöhnlich und auch ein bisschen verwirrend. Grundsäzlich aber mochte ich die Stimmfarbe der Autorin und mir gefällt das Thema Feminismus in Prosa zu verpacken. Eine gelungene Geschichte, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 11.10.2024

Warme Geschichte über Freundschaft

Wohnverwandtschaften
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Jörg ist Ende sechzig und plant eine Reise nach Georgien. Als Brigitte noch lebte, war er viel mit ihr unterwegs, aber fast nur in Europa, denn sie mochte es warm. Einmal zog es sie nach Dänemark, aber ...

Jörg ist Ende sechzig und plant eine Reise nach Georgien. Als Brigitte noch lebte, war er viel mit ihr unterwegs, aber fast nur in Europa, denn sie mochte es warm. Einmal zog es sie nach Dänemark, aber da hatte Basti ein schwer zu ertragenes Teenagertief, das Brigitte die Reise versaut hat. Jörg hat zwei Zimmer seiner Wohnung an Anke und Murat vermietet. Sein Arbeitszimmer hat er gerade für eine neue Mitbewohnerin freigeräumt.

Constanze hat sich von Flo getrennt. Er hatte ihr einen Antrag gemacht und sie die Flucht ergriffen. Eine bezahlbare Wohnung in Hamburg zu finden gestaltete sich schwierig, deswegen versucht sie übergangsweise in dieser WG zu wohnen. Das Klavier, das sie von Flo geschenkt bekommen hat, muss in dem 20 Quadratmeter Zimmer untergebracht werden, obwohl sie gar nicht spielen kann.

Anke, die Schauspielerin ohne Aufträge, war zuerst nicht erbaut, ihre beiden Mitbewohner mit einer Frau zu teilen. Allmählich jedoch gewöhnt sie sich an die Zahnärztin. Sie sehnt sich nach einer Rolle nicht nur finanziell, auch wegen des Selbstwerts. Die Regisseure bevorzugen allerdings Frauen, die mindestens zehn Jahre jünger sind als sie.

Murat liebt das Leben und weil er gern isst, kocht er oft für seine Mitbewohnerinnen. Er hat den kleinen Garten von Jörg übernommen, den früher Jörgs Brigitte bewirtschaftet hat. Von dort kommen die Kartoffeln, Kohlrabi und Bohnen, die Murat jedes Frühjahr setzt und hegt und pflegt. Er liebt seine Anke, der er zu gerne Rollen verschaffen würde und in seinem Herzen ist auch noch Platz für die neue Constanze, die viel lockerer ist, als Anke glaubt.

Fazit: Eine gelungene Geschichte, die Isabel Bogdan gezeichnet hat. Die Kapitel beginnen mit dem Tagesdatum und einer Protagonistin, der sie beim Denken zugeschaut hat. Wechselweise lese ich über das Innenleben aller Beteiligten oder schaue ihren Interaktionen zu. Die Autorin hat einen geübten Blick für die großen und kleinen Alltagsprobleme. Das Leben schweißt die unterschiedlichen Charaktere zusammen. Der Autorin ist eine warme Geschichte gelungen, in der sich Freundschaft zart entwickelt und stabil wird. Der Titel „Wohnverwandtschaften trifft den Kern des Konstrukts sehr genau, denn die vier Menschen werden zu einer Wahlfamilie, in der gemeinsam genossen, gelacht und geweint wird. Eine schöne Idee, so eine gut gelingende WG. Lesenswert!

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