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Veröffentlicht am 13.04.2026

Kluge, sympathische Frau

Ein Haus für mich
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Christine ist in dreiundzwanzig Jahren einundzwanzig Mal umgezogen. Es kamen Menschen und Kinder hinzu und gingen wieder. Jetzt visioniert sie ein kleines Haus für sich, eines, das zum Bleiben einlädt. ...

Christine ist in dreiundzwanzig Jahren einundzwanzig Mal umgezogen. Es kamen Menschen und Kinder hinzu und gingen wieder. Jetzt visioniert sie ein kleines Haus für sich, eines, das zum Bleiben einlädt. In dem sie für Menschen, die an ihrem großen Tisch sitzen kocht, die mit ihr darüber sprechen, wie sich die Welt gestalten lässt.

Wenn ich also Haus sage, dann will ich über Bedürfnisse sprechen, über Kühlschrankinhalte und Eigentumsverhältnisse, über Provinz und Metropolen, über diejenigen, die die Häuser planen, und diejenigen, die darin wohnen. S. 15

Christine ist Literaturagentin für postjugoslawische Literatur und vertritt bosnische, kroatische und serbische Autor*innen. Es ist kein lukrativer Job. Die Verlage können sie nicht lesen, also braucht es einen Gutachter. Sie arbeitet eher mit kleinen, unabhängigen Verlagen, die solche Stimmen nach Deutschland holen. Das Honorar ist gering und eine Platzierung auf der Bestsellerliste ist nicht zu erwarten.

Lange hat sie geglaubt, dass Erbe, Ehe und Grundbesitz zwei Menschen unglücklich miteinander macht, samt den dazugehörigen Kindern, so hat sie es schließlich selbst erlebt. So hat sie sich bisher in ihrer früh gewonnenen Lebenswirklichkeit eingenistet, auf Geld, Ehe und Haus verzichtet und versucht ihr Glück zu erzwingen. Es hat lange gedauert, bis ihr klar wurde, dass der Alkohol das Glück ihrer Eltern zerstört hat.

Nun hat sie ein kleines Häuschen gefunden, in dem sie sich finden und alles bisherige anders machen wird. Zuerst wird entkernt, dann der Elektriker zurate gezogen, der einen Preis aufruft, den Christine gerade noch stemmen kann und dann fährt sie für drei Monate in die Suchtklinik nach Brandenburg.

Fazit: Christine Koschmieder, Autorin und Literaturagentin, hat nach ihrem großen Erfolg „Dry“ wieder über sich geschrieben. Die Großstadtdiva möchte einen neuen Weg einschlagen. Sie sucht und findet ein kleines sanierungsbedürftiges Häuschen in der Provinz und beginnt mit der Entkernung. Diese zieht die Komplettsanierung der Stromversorgung nach sich. Während der Elektriker ihres Vertrauens sich austobt, begibt sie sich in eine Klinik und bringt den Alkoholentzug hinter sich. Wieder zurück, renoviert sie die alten Holzdielen und bilanziert ihr bisheriges Leben. Dabei erfahre ich einiges über ihre unstete Vergangenheit, aber auch über ihre Träume. Sie möchte einen kleinen Raum ihres Häuschens an bedürftige Autorinnen abtreten, denen Ruheort und Zeit fehlen und insgesamt einen geschützten Ort für Menschen und Gespräche schaffen. Ich erfahre aber auch viel über ihre Interessen. Die Architektur und besonders der Bauhaus-Stil haben es ihr angetan. Sie hat einen feinen Schreibstil, der auch ihre spannenden Gedanken der Selbsterkenntnis transportiert. Alles wird nüchtern erzählt, ähnlich dem schlichten Bauhaus-Stil, frei von Übertreibungen. Und so entsteht das Bild einer klugen, sympathischen Frau, die sich innerlich und äußerlich auf das Wesentliche, das Wahre reduziert.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Bildreiche Inszenierung

Heimgehen
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Donnerstag 13 Uhr

Seine Nachricht kam überraschend. Sie hat ihn seit Kindertagen nicht mehr gesehen. Sie versucht sich seine Stimme vorzustellen. Kann es nicht. Angst und Vorfreude. Sie könnte jetzt durch ...

Donnerstag 13 Uhr

Seine Nachricht kam überraschend. Sie hat ihn seit Kindertagen nicht mehr gesehen. Sie versucht sich seine Stimme vorzustellen. Kann es nicht. Angst und Vorfreude. Sie könnte jetzt durch ihr lichtdurchflutetes Arbeitszimmer gehen und die unfertigen Bilder vollenden oder Manuels Geruch einsaugen. Sie muss weg, hat sie ihm gesagt. Eine Auszeit, hat die Unterrichtsstunden abgesagt, den Anrufbeantworter ausgestellt und Manuel um Geduld gebeten. Er hat es nicht gut aufgenommen und sie dann doch ziehen lassen. Sie läuft durch die Straßen dieser Stadt, von der sie noch nichts gesehen hat. Blaulicht flimmert am Himmel, Martinshörner drängen sich von hinten an ihr Ohr. Eine Frau in schwarzer Lederjacke, schwarzen Haaren läuft eilig über den Asphalt. Sie spürt einen stechenden Schmerz. Ein Knall drückt sie zu Boden, fühlt eine warme Flüssigkeit, die klebrig auf den Boden rinnt, schließt die Augen.

Donnerstag 14 Uhr

Fragmente. Der erste Schuss trifft sein Trommelfell. Er wirft sich über Rico, der am Boden liegt und zittert. Erinnerung an das Gespräch mit den Sanitätern, die hektisch herumlaufen. Eine Gewehrmündung. Rico, dem er sanft auf die Wange klopft, flüchtende Passanten. Nur ein Streifschuss, so ein Glück, haben sie gesagt. Sie können jetzt nach Hause gehen. Kreislaufstabil entlassen. Dann Zuhause reagiert Rico nicht. Seine Augen schwarze Löcher, in die er sich zurückgezogen hat. Rico ist kalt, er deckt ihn zu, sagt: „Rico, du bist Zuhause, es ist der zehnte September, du bist in Sicherheit. Er wiederholt es mantramäßig und plötzlich fluten Ricos Lider.

Fazit: Elke Cremer, Autorin und Filmbeschreiberin, hat in eindringlichen Episoden das Leben von 12 Menschen in 24 Stunden beschrieben. Gegen Mittag schießt ein Amokläufer auf mehrere Menschen. Der Einzeltäter hat es zuvor im Netz angekündigt und konnte doch nicht aufgehalten werden. Seine Mutter hat schon lange keinen Zugang mehr zu ihm. Zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, er ist es, dem er mit seiner Tat imponieren will. Von Anfang an baut die Autorin eine spannende Szenerie auf. Und doch ist die Tat eher ein Hintergrundrauschen. Viel faszinierender ist, wie die Autorin die Beteiligten miteinander verwebt. Ich bekomme einen Einblick in jedes dieser Leben, was die Menschen ausmacht, was sie bewegt. Nebenbei ereignet sich eine ganz andere Katastrophe und am Ende schließt sich der Kreis und ich verstehe, in welchen Zusammenhängen die Leute verbunden sind. Das hat mich ganz stark an den Film „Short Cuts“ erinnert. Interessantes Thema, feiner Schreibstil, bildreiche Inszenierung.

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Veröffentlicht am 02.04.2026

Knallharte Selbstanalyse

Entzug
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Was das soll, will die verärgerte Frau wissen. Sie meint die halb leere Flasche Wodka auf dem Küchentisch, die dort grundsätzlich, jedoch mittags um 12 Uhr nichts verloren hat. Auf dem Tisch sollte bald ...

Was das soll, will die verärgerte Frau wissen. Sie meint die halb leere Flasche Wodka auf dem Küchentisch, die dort grundsätzlich, jedoch mittags um 12 Uhr nichts verloren hat. Auf dem Tisch sollte bald das Mittagessen stehen, aber er hat noch gar nicht angefangen zu kochen. Wodka liegt bei ihnen sowieso im Eisfach, also wenn er ihn nicht getrunken oder vergessen hat, neuen zu besorgen. Wie er jetzt die Kurve kriegen soll, weiß er noch nicht. Der Nachbar könnte sie dort hingestellt haben. Er besorgt manchmal Einkäufe und stellt sie in der Küche ab, vielleicht hatte er noch Wodka übrig, den bei ihm niemand trinkt. Er versucht das naheliegendste. Er weiß es nicht, gesteht er. Die Frau verdreht die Augen und verschwindet mit ihrem Kind, ihrer gemeinsamen Tochter, seinem kleinen Mädchen im Kinderzimmer. Er entsorgt die Flasche dort, wo er sie schon vor Stunden hätte hinbringen müssen, wenn er nicht so selten dämlich wäre.

Die E-Mail seines Verlegers fährt ihm in die Glieder. Er habe sich seines Textauszuges angenommen und etwas anderes erwartet, das sei jedoch in einem persönlichen Telefongespräch schnell zu klären und er sei sicher, dass Peter (so ist weder sein Vor- noch sein Nachname) auch gleich sein Unbehagen verstehen werde.

Der Autor geht etwas ängstlich durch den Flur auf die geschlossene Kinderzimmertür zu, klopft an, obwohl er das nicht müsste und tritt ein, obwohl ihn niemand gebeten hat. Er müsse noch kurz weg. Die Frau und sein kleines Mädchen puzzeln. Wie es mit dem Essen sei, will die Frau wissen. Er würde kochen, sobald er zurückkäme, schon ganz bald. Sein ersehntes Ziel ist, schnell in die Kohlengrube zu huschen, seine bevorzugte Einzeltrinkerkaschemme gleich um die Ecke, ein halbes Glas Wodka gegen den Schreck zu kippen und direkt wieder zurückzukommen, um etwas schnelles zu kochen, aber auf einem Bein kann man schlecht stehen.

Fazit: Christoph Peters zeigt in seiner autofiktionalen Erzählung, mit feiner Selbstironie, sein Leben als Alkoholiker. Sein Leidensweg begann mit sechzehn im Internat, wo die Älteren den jüngeren Bier besorgten. Doch schon während seiner Kindheit war das Saufen ein gängiges Mittel, um Geselligkeit zu erzeugen und den Gemeinschaftssinn zu fördern. Während seines Literaturstudiums traf er auf saufende Professoren und Dozenten. Die ersten Filmrisse nahm er hin, fühlte sich großartig eloquent in der Konversation mit Freunden und Bekannten, die er im benebelten Zustand wortreich verjagte. Diverse Schreibflauten überflutete er mit den harten Getränken und sein Verlag war zufrieden. Zwanzig Jahre später hat der Alkohol seine peripheren Nervenenden, die Leber und die Magenschleimhaut zerstört. Er ist ein Wrack, das sich in Selbsthass suhlt. Beim seltenen Blick in den Spiegel sieht er den aufgedunsenen, ungepflegten Penner, der er geworden ist. Wenn er keinen Entzug macht, wird er Frau und Tochter verlieren. Christoph Peters (ich habe „Krähen im Park geliebt) zeigt mir auf knallhart ehrliche Weise und mit großer Liebe zum Wort, wie er sich in dieser Hölle gefühlt hat. Er beschönigt nichts mehr, holt sich seine Selbstachtung und Würde zurück und weckt mein tiefes Mitgefühl, aber auch meinen Respekt, dass er diesem Monster die Stirn geboten hat. 90 % schaffen den Entzug nicht dauerhaft. Ich finde auch, dass dieses Buch ganz wunderbar in die Zeit der toxischen Männlichkeit passt, denn Christoph Peters zeigt sich offen verletzlich, schwach und am Boden. Es ist das eine alkoholabhängig zu sein, die Fähigkeit allerdings, zu einer solchen Selbstanalyse, das andere. Für alle, die „Einsamsein“ von Daniel Haas mochten.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Starke Dialoge

Der Vater meiner Tochter
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Er hat gekündigt. Eva weiß es noch nicht. Diese Scheißautowerbung raubte ihm die Sinne. Er ist schließlich Schriftsteller, kein Texter.

Die Kleine schlüpft zwischen sie unter die Bettdecke. „Wer liest ...

Er hat gekündigt. Eva weiß es noch nicht. Diese Scheißautowerbung raubte ihm die Sinne. Er ist schließlich Schriftsteller, kein Texter.

Die Kleine schlüpft zwischen sie unter die Bettdecke. „Wer liest vor?“ „Was?“ „Dornröschen.“ „Das kennst du schon auswendig.“ „Dornröschen!“ Auf Seite fünf wird sie ihn fragen, was ein Scheiterhaufen ist. „Was ist ein Scheiterhaufen?“ „Ein großes Feuer.“ Er könnte den Arm zu Eva ausstrecken, aber er tut es nicht. Nicht weil die Kleine zwischen ihnen liegt, sondern weil sie aufhörten, sich zu berühren. Es schlich sich ein. Wenn sie den motivierten Versuch wagen, sich einmal zu umarmen, wirkt es ungelenk und sie scheitern an dem Gefühl, eine leere Hülle im Arm zu halten.

„Das Bett der Kleinen passt nicht mehr, wir werden ein neues kaufen.“ „Was stimmt nicht mit dem Bett?“ „Ihre Füße ragen raus.“ „Weißt du was das kostet?“ „Wir haben doch Erspartes.“ „Ich habe meinen Job gekündigt.“ „Vielleicht hättest du vorher mit mir darüber reden können?“

Statt nur eines Bettes zu kaufen, will Eva jetzt eine Wand herausreißen und die Küche umbauen. Das Umbaukomitee rückt Montagmorgen an. Sie sollen ihre Sachen im Schlafzimmer stapeln und dann werden sie zu Evas Onkel ziehen.

Auf dem Weg zum Onkel fragt die Kleine: „Was bin ich?“ „Ein kleines Mädchen.“ „Nein, was noch, bin ich Muslimin?“ „Nein, du bist meine Tochter.“ „Christin?“ „Nein, wir sind Sarajevoer.“

Fazit: Der Autor Nenad Velickovic (Nachtgäste 2025) hat einen unglücklichen Protagonisten erschaffen, der nicht nur mit seiner Ehe hadert. Der verträumte, selbst ernannte Sarajevoer glaubt an eine Zukunft als Schriftsteller. Er schreibt an seinem Leben entlang und entblößt seine Familie wider des eigenen Vergessens. Er hat den Krieg überlebt, ohne einen Schuss abgegeben zu haben und dem Untergang des Sozialismus beigewohnt und betrachtet die Entwicklung mit Argusaugen. Die Bombenruinen werden mit Werbeplakaten verhängt. Auf den Gräbern der Gefallenen tanzt der Kapitalismus. Seine Arbeit als Werbetexter empfindet er als durch und durch sinnlos, aber die ehemalige Kollegin, die würde er gerne mal anfassen. Velickovic hat einen unzuverlässigen Ich-Erzähler erschaffen, der seine Gedanken mit mir teilt. Die Dialoge fand ich großartig, die vorwitzige Tochter wunderbar gezeichnet. Manche Fantasiepassagen fand ich schwer durchschaubar. Mein Lesefluss wurde gestört durch falsche Anfangsbuchstaben und die Worte sie und sich, die beide konsequent sieh geschrieben wurden. Ich muss gestehen, dass ich nach dem Buch „Nachtgäste„, das für mich im letzten Jahr ein Highlight war, etwas anderes erwartet habe und das beeinflusst meine Meinung natürlich enorm. Ihr seht mich also etwas befangen. Velickovic kann definitiv gut schreiben und die Erzählung ist besonders. Für alle, die gern in die Köpfe mittelalter Männer schauen.

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Veröffentlicht am 30.03.2026

Treffsichere, glasklare Sprache

In den Flügeln das Licht
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Kaveh hatte bisher neun Jahre gelebt, als sein Vater starb. Kaveh sagte okay, als seine Mutter es ihm erzählte. Er hatte kein Gefühl für die Endgültigkeit des Todes. Sein Vater war seit drei Jahren in ...

Kaveh hatte bisher neun Jahre gelebt, als sein Vater starb. Kaveh sagte okay, als seine Mutter es ihm erzählte. Er hatte kein Gefühl für die Endgültigkeit des Todes. Sein Vater war seit drei Jahren in seinem Alltag abwesend, eingesperrt im Evin-Gefängnis, was konnte sein Tod noch verschlimmern?

Für die Trauerfeier wurde das Wohnzimmer geschmückt. Die Verbindung zwischen Trauer und Feier schien Kaveh unerklärlich. Auf kleinen Tellern wurde Halwa und reife Datteln herumgereicht, süße Köstlichkeiten, die es nicht auf Hochzeiten gab, sie kündigten den Tod eines Menschen an.

Der jüngere Bruder des Vaters kam ebenfalls zum Abschied. Er hatte sich frühzeitig auf die richtige Seite geschlagen, die der Revolutionsgarde, der Seite Gottes. Sicher hätte er mit wenigen Worten den Bruder aus dem Gefängnis holen können, manchmal bedurfte es nur der richtigen Worte, aber er hatte es nicht getan. Auch die Mutter des Vaters war zur Trauerfeier eingeladen, ohne dass sie wusste, dass es um eine Trauerfeier ging. Kavehs Mutter hatte sie unter falschem Vorwand hergelotst, um es ihr schonend beizubringen. Doch noch vor Eintreffen ihrer Schwiegermutter wurde sie verhaftet, weil sie gegen die Auflage – keine Trauerfeier – verstoßen hatte. Kaveh sah seine Großmutter eintreffen und rannte ihr entgegen. Er spürte ihre Unsicherheit, weil die Gäste sie betreten ansahen. Kaveh übernahm in Abwesenheit seiner Mutter die Verantwortung eines Erwachsenen und schrie ihr mit dem Enthusiasmus eines Kindes entgegen: „Sohrab ist tot!“

Fazit: Aidin Halimi, Poetry Slammer, Comedian und Autor, nimmt mich in seinem Debüt mit auf eine Reise in seine eigene Vergangenheit, in sein Herkunftsland Iran. Mit treffsicherer, glasklarer Sprache erzählt mir der Autor über den Verlust des Vaters und wie ein Regimewechsel alles verändert.

Der größte Kampf bestand nicht darin, sich gegen die herrschende Klasse aufzulehnen, sondern sich für oder gegen seine Familie zu entscheiden.

Obwohl der Autor von expliziten Gewaltbeschreibungen absieht, ist das Leid Sohrabs und seiner Familie omnipräsent. Ich erfahre, wie Sohrab verschwindet und die Mutter siebzig Tage nichts über seinen Verbleib erfährt. Dann sickern Informationen durch und es kommt zu dürftigen Besuchszeiten. Weil der Lebensunterhalt weggebrochen ist, zieht die Mutter mit ihren Kindern zu ihrer eigenen Mutter und dem angespannten Verhältnis zwischen ihnen. Die Geschichte ist durchtränkt mit Liebe. Der liebevolle Vater und Erzähler großer Geschichten. Die liebevolle Mutter, die um Zusammenhalt ringt, die Oma mit ihrem großen Garten und Bibi, die Iranerin mit der geschichtsträchtigen Vergangenheit und dem Antiquariat. Lauter starke Frauen, die während der Gewaltherrschaft versuchen, den Zusammenhalt zu forcieren und die Würde zu bewahren. Wieder eine so wichtige Geschichte, die Menschen eine Stimme gibt, die sonst kein Gehör finden. Für alle, die „Der letzte Sommer der Tauben“ von Abbas Khider oder „Evil Eye“ von Etaf Rum mochten.

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