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Veröffentlicht am 11.10.2024

Warme Geschichte über Freundschaft

Wohnverwandtschaften
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Jörg ist Ende sechzig und plant eine Reise nach Georgien. Als Brigitte noch lebte, war er viel mit ihr unterwegs, aber fast nur in Europa, denn sie mochte es warm. Einmal zog es sie nach Dänemark, aber ...

Jörg ist Ende sechzig und plant eine Reise nach Georgien. Als Brigitte noch lebte, war er viel mit ihr unterwegs, aber fast nur in Europa, denn sie mochte es warm. Einmal zog es sie nach Dänemark, aber da hatte Basti ein schwer zu ertragenes Teenagertief, das Brigitte die Reise versaut hat. Jörg hat zwei Zimmer seiner Wohnung an Anke und Murat vermietet. Sein Arbeitszimmer hat er gerade für eine neue Mitbewohnerin freigeräumt.

Constanze hat sich von Flo getrennt. Er hatte ihr einen Antrag gemacht und sie die Flucht ergriffen. Eine bezahlbare Wohnung in Hamburg zu finden gestaltete sich schwierig, deswegen versucht sie übergangsweise in dieser WG zu wohnen. Das Klavier, das sie von Flo geschenkt bekommen hat, muss in dem 20 Quadratmeter Zimmer untergebracht werden, obwohl sie gar nicht spielen kann.

Anke, die Schauspielerin ohne Aufträge, war zuerst nicht erbaut, ihre beiden Mitbewohner mit einer Frau zu teilen. Allmählich jedoch gewöhnt sie sich an die Zahnärztin. Sie sehnt sich nach einer Rolle nicht nur finanziell, auch wegen des Selbstwerts. Die Regisseure bevorzugen allerdings Frauen, die mindestens zehn Jahre jünger sind als sie.

Murat liebt das Leben und weil er gern isst, kocht er oft für seine Mitbewohnerinnen. Er hat den kleinen Garten von Jörg übernommen, den früher Jörgs Brigitte bewirtschaftet hat. Von dort kommen die Kartoffeln, Kohlrabi und Bohnen, die Murat jedes Frühjahr setzt und hegt und pflegt. Er liebt seine Anke, der er zu gerne Rollen verschaffen würde und in seinem Herzen ist auch noch Platz für die neue Constanze, die viel lockerer ist, als Anke glaubt.

Fazit: Eine gelungene Geschichte, die Isabel Bogdan gezeichnet hat. Die Kapitel beginnen mit dem Tagesdatum und einer Protagonistin, der sie beim Denken zugeschaut hat. Wechselweise lese ich über das Innenleben aller Beteiligten oder schaue ihren Interaktionen zu. Die Autorin hat einen geübten Blick für die großen und kleinen Alltagsprobleme. Das Leben schweißt die unterschiedlichen Charaktere zusammen. Der Autorin ist eine warme Geschichte gelungen, in der sich Freundschaft zart entwickelt und stabil wird. Der Titel „Wohnverwandtschaften trifft den Kern des Konstrukts sehr genau, denn die vier Menschen werden zu einer Wahlfamilie, in der gemeinsam genossen, gelacht und geweint wird. Eine schöne Idee, so eine gut gelingende WG. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 11.10.2024

Absolut bereichernder Lesegenuss

zu lieben
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In einem Café in München erhielt sie die Nachricht. Sie ließ sie in sich wirken auf dem Weg nach Berlin. Seit Jahren wurden Hunter und sie auf Herz und Nieren geprüft. Der Verein, mit dem sie das Menschenkind ...

In einem Café in München erhielt sie die Nachricht. Sie ließ sie in sich wirken auf dem Weg nach Berlin. Seit Jahren wurden Hunter und sie auf Herz und Nieren geprüft. Der Verein, mit dem sie das Menschenkind adoptierten, stellte ihnen all diese Fragen, das Sozialamt, das Jugendamt waren involviert und der Psychologe, der sie für geeignet befand, die Elternschaft anzustreben.

Ulrike wollte schon als Kind mindestens vier Kinder, doch dann bekam sie keins. Immer verlor sie das Kind frühzeitig verließ es sie, konnte nicht bei ihr bleiben. Hunter und sie waren voller Sehnsucht zueinander, doch die Angst vor der nächsten Fehlgeburt folgte ihnen und lähmte sie.

Die Vorstellung, nach Sri Lanka zu fliegen hatte sich gerade kristallisiert, als es zu unplanbaren Schwierigkeiten kam. Ein Papier fehlt, „very Problem“, das sie am Einreisen hinderte, dann doch grünes Licht und wieder nicht. Fünf Jahre warteten sie jetzt schon auf den Startschuss und in all dem Chaos haben Hunter und sie sich verloren.

Dann endlich sitzen sie im Flugzeug nebeneinander. Ulrike sinnierend sich fragend, was bedeutet Mutterschaft? Was macht Elternschaft aus und warum gibt es das Wort Kindschaft nicht? Sie versucht sich die kleine dreijährige Mary vorzustellen, ihr serendipity, ihre future daughter.

Fazit: Wow! Ulrike Draesner zeigt sich in aller Offenheit. Sie lässt mich einen Teil ihres Lebens verstehen, der für mich, die ich nie in einer solchen Situation war, eine völlig neue Erfahrung ist. Ihre Worte, mit großer Präzision und feiner Selbstironie zu Papier gebracht, zeigen mir unmissverständlich und glasklar, wie sie sich gefühlt haben muss. Wie einschneidend Fehlgeburten für ein Paar und besonders für Frauen sind, habe ich bei meinen Klientinnen oft erlebt. Wie belastend die von der Autorin geschilderte Situation samt anschließender Adoptionsentscheidung mit jahrelangem Hoffen und Warten für eine Beziehung ist. Die Schilderungen ihrer eigenen Eindrücke Sri Lankas, als der Bürgerkrieg gerade zu Ende war. Die Insel geprägt durch portugiesischen und englischen Kolonialismus (Ceylon von Cinnamon = Zimt). Wie wenig Frauen und Mädchen grundsätzlich wert sind, vor allem aber die, die ungewollt schwanger wurden und aus ihrem Dorf vertrieben. Sie schildert die wenige Zeit, die sie hatten, um ihre zukünftige Tochter zu werben und erzählt von den Beeinträchtigungen durch den frühkindlichen Entzug von Körperlichkeiten und Geborgenheit, die eine Ergotherapie nötig machten. Ich durfte einige Stunden der großen Liebe dieser Mutter zu ihrem Kind nachspüren und das war eine große Bereicherung.

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Veröffentlicht am 07.10.2024

Berührende Geschichte

Und morgen wieder schön
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Nachdem Amandas Vater ihre Mutter verlassen hat, versucht die zu überleben. Sie führt ihren kleinen Friseursalon in der deutschen Provinz mit fester Hand. Ihre beiden Töchter sollen sie dabei unterstützen, ...

Nachdem Amandas Vater ihre Mutter verlassen hat, versucht die zu überleben. Sie führt ihren kleinen Friseursalon in der deutschen Provinz mit fester Hand. Ihre beiden Töchter sollen sie dabei unterstützen, doch für Amandas Ambitionen sind die Wasserstoffperoxidblondierungen und Dauerwellen der älteren Kundinnen nicht genug. Sie stielt ihrer Mutter etwas Geld und macht sich auf den Weg in die Stadt der Liebe, der Mode und des Stardesigners Karl Lagerfeld.

Amanda hat seit jeher fleißig Skizzen ihrer Frisuren angefertigt und in einem Buch gesammelt, damit will sie den Modezar überzeugen. Sie besucht die Museen mit den schönsten Barockmalereien und träumt von ihrem Leben als gefragte Hairstylistin. In einer Pension hat sie von dem Geld ihrer Mutter ein kleines Zimmer gemietet. Doch als die Concierge herausfindet, dass Amanda minderjährig ist, fliegt sie raus.

Niedergeschlagen lungert Amanda am Seineufer herum und beobachtet die Frauen, die sich Geld zustecken lassen und mit fremden Männern Tango tanzen. Sie alle träumen von einer Tanzkarriere im Moulin-Rouge erfährt sie von Cathérine, die aus Köln stammt und ihre beste Freundin wird.

Vor dem Lagerfeldatelier Cloé wartet Amanda auf eine günstige Gelegenheit zum Vorsprechen, doch als sie es endlich schafft, ist Lagerfeld wenig begeistert von der Idee, sie auszubilden und schickt sie zu dem Pariser Star des Frisurenhimmels.

Fazit: Ich muss gestehen, dass ich der Autorin gegenüber voreingenommen war, aber Marie Sand hat mich mit ihrer soliden Geschichte über Amanda von ihrer Schreibkunst überzeugt. Sie schreibt unter anderem über Paris von 1968-1972. Ihre Protagonistin beißt sich mit ihrem feinen und bodenständigen Charakter durch. Ihre Feinde sind die Arroganz der Unerreichbaren und die Alkoholabhängigkeit ihres Vorgesetzten. Nach hartem Kampf in der Unsichtbarkeit ergreift sie günstige Fügungen. Ihr Umfeld lehrt sie nicht nur fügsam zu sein, sondern auch, dass ein Wunsch sich bei genauer Betrachtung nicht mehr so erstrebenswert darstellt. Die Geschichte frei von Phrasen, ist sehr berührend, Amandas Weg bewundernswert. Das habe ich sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 04.10.2024

Erfrischend anders

Munk
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Es war noch kein Jahr her, seit Nadja die Beziehung zu Peter Munk beendet hatte, nicht nur weil sie ihn mit einem Percussionisten betrug. Da glaubt er sie in einem Kaufhaus in Zürich zu sehen. Munk kann ...

Es war noch kein Jahr her, seit Nadja die Beziehung zu Peter Munk beendet hatte, nicht nur weil sie ihn mit einem Percussionisten betrug. Da glaubt er sie in einem Kaufhaus in Zürich zu sehen. Munk kann sich nicht entschließen, ob er ihr hinterherspionieren und sie anglotzen, ansprechen oder das Weite suchen soll. Sein Körper übernimmt und entscheidet sich für einen Zusammenbruch auf der Rolltreppe, die ihn in die dritte Etage fahren sollte. Herzinfarkt.

Im Krankenhaus legt man Munk einen Bypass. Die Mediziner können sich die Verengung seiner Herzkranzgefäße nicht erklären. Zwar ist er mit einundfünfzig im besten Alter, doch Munk hat kaum schlechte Angewohnheiten, sogar Zucker und Transfette meidet er. Er entwickelt eine ihm unbekannte Sensibilität für die vom Personal erbrachten Dienstleistungen, wie das Aufschütteln der Kissen. Seine fragile Lebendigkeit rührt ihn zu Tränen. Er weiß nicht, wen er anrufen kann, um von dem ihn ereilten Schicksalsschlag zu erzählen, denn Munk ist mutterseelenallein.

Die anschließende Reha in einem Fünf-Sterne-Resort mit Spa, Pool und angrenzender medizinischer Einrichtung will er nutzen, um bei langen Spaziergängen im Schwarzwald in sich hinein zu horchen. Sein Therapeut, vor dem er Angst hat, sich zu entblößen, rät ihm, sein bisheriges Leben zu analysieren, herauszufinden, welche Menschen ihn am meisten geprägt haben. Und so erstellt Munk eine Liste mit den dreizehn ihm am wichtigsten erscheinenden Frauennamen.

Fazit: Jan Weiler hat einen weißen, binären, privilegierten Protagonisten Anfang fünfzig erschaffen. Das kurze Innehalten seiner Lebenszeit bringt ihn ins Grübeln. Er erinnert die zumeist kurzen erfreulichen Momente seiner Beziehungen und seziert die Gründe für deren Scheitern. Gerne hat er sich ohne nachzudenken in die Liebelei gestürzt, sich von der Energie und Leichtigkeit der Frauen anstecken lassen. Um dann daran zu scheitern, dass er sich nicht wirklich auf den anderen Menschen einließ. Die Beziehung zu seinem Vater, den er wegen seiner Bigotterie leidenschaftlich hasst, ist schwierig und doch erkennt er sich in dem Verhalten des Patriarchs wieder. Zuerst mochte ich die Geschichte sehr, die bissige Ironie und die Kunst der Situationskomik hat Jan Weiler einfach drauf und erinnert an andere männliche Autoren der Gegenwartsliteratur. Als ich über die Hälfte des Buches gelesen hatte, bekam ich folgenden Ohrwurm:

Ich liebte ein Mädchen in Lichtenfelde. Die lebte zu lange von meinem Gelde. Ich liebte ein Mädchen in Tempelhof. Die war sehr lieb, doch bisschen doof. Von Ingo Insterburg

Obwohl ich die Beziehungen und sein Scheitern daran interessant fand, endete die Vielzahl für mich in einer Litanei. Die weiblichen Charaktere sind mir etwas blass geblieben, was sicher an der Vielzahl der Darstellerinnen lag. Selbst der Charakter des Munk blieb spärlich, weil ihm die Frauen irgendwie zustießen und er eher teilnahmslos in die Beziehungen hineinschlitterte.

Wenn ich jedoch meine Einwände außer Acht lasse, hat mich dieses Buch besser unterhalten als viele andere. Also lesenswert und erfrischend anders.

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Veröffentlicht am 01.10.2024

Eine lesenswerte Geschichte über Jugendliche

Pink Elephant
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Vincent lebt mit seinen Eltern in dem Einfamilienhaus in der Neubausiedlung. Sein Vater ist Gastroenterologe, seine Mutter unterstützt einen Kommunalpolitiker, der Vincent nicht abgeht. Sein Leben wäre ...

Vincent lebt mit seinen Eltern in dem Einfamilienhaus in der Neubausiedlung. Sein Vater ist Gastroenterologe, seine Mutter unterstützt einen Kommunalpolitiker, der Vincent nicht abgeht. Sein Leben wäre durchschnittlich weitergelaufen, wenn nicht der Tag gewesen wäre, als Ali und Tarek ihn anrempelten, ihn Bleichgesicht und Mayonnaise nannten. Am Ende findet Vince sich mit blutender Nase auf der Polizeiwache wieder, wo er eine Aussage macht, die in einer Strafanzeige mündet, die er gar nicht stellen wollte. Seine Eltern holen ihn ab, Ali und Tarek müssen etwas länger bleiben.

Zuhause angekommen, klingelt das Telefon, Vince nimmt ab und hört die Stimme eines Mannes, die ihm sagt, er sei Tareks Vater und dass sein Sohn Vince nicht mehr schlagen werde und wenn doch, solle er ihn anrufen. Er diktiert Vince seine Nummer. Vince richtet, wie verlangt die Grüße an seine Eltern aus. Sein Vater schnaubt:

So einfach kommen mir die kleinen Paschas nicht davon. S. 39

Alis Vater ist in Holland, was egal ist, denn der ist abgehauen, als Ali drei war. Seiner Mutter kann er nicht beichten, was ihm jeden Tag passiert, weil sie daran zerbrechen würde, also macht Ali, der eigentlich Alexander heißt, weil er nur ein halber Araber ist, das mit sich aus.

Tarek ist ein hundert Prozent Araber und kommt aus Syrien. Sein Vater fährt nachts Taxi, die Mutter putzt und unterrichtet Arabisch in der VHS. Seine Schwester Tahira streitet jeden Morgen mit ihm um den Badezimmerspiegel.

Vince wäre auch lieber Araber statt Deutscher, deshalb schmiert er sich Bräunungscreme ins Gesicht, die seine Haut orange färbt. Deswegen lachen Ali und Tarek sich beim Opfer-Täter-Ausgleich auch halb tot, als sie die orange Kartoffel sehen. Die drei kommen sich näher und freunden sich zunehmend an. Vinces Leben gewinnt an Tempo und er hat nicht vor zu bremsen, bis Ali nach einer langen Nacht ins Koma fällt.

Fazit: Luca Kieser hat eine gut durchdachte Geschichte geschaffen. Sein Protagonist Vince ist ein privilegierter Weißer aus gutem Hause. Statt auf dem Gymnasium landet er auf der Gesamtschule mit hohem Anteil junger Menschen, deren Eltern trotz vieler Arbeit ein geringes Einkommen haben, teils mit Migrationshintergrund und entsprechenden Traumen. Die Jugendlichen wollen dennoch dazugehören und überbieten sich mit Diebstählen und Gruppenbildung. Während Vince sich anfreundet, erlebt er seine Eltern, Lehrer und die Behörden als fremdenfeindlich. Er lernt die Eltern von Ali und Tarek kennen und bekommt einen Blick auf die Schwierigkeiten. Ich mag die Idee sehr, wie der Autor den Alltagsrassismus und die Vorbehalte der Erwachsenen aus Sicht Vincents beleuchtet. Nicht ganz einfach fand ich, dass die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird. Der Autor lässt seinen Protagonisten vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen. Die Geschichte ist aber so spannend und unterhaltsam erzählt, dass ich am Ball geblieben bin und am Ende miterleben durfte, wie sich der Kreis schließt. Tatsächlich geht es um Freundschaft, Zugehörigkeit und auch um sexuelle Identität. Eine durch und durch jugendliche Geschichte, die ernste Themen transportiert. Lesenswert!

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