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Veröffentlicht am 19.02.2024

Eine Geschichte über Vertreibung

Die lichten Sommer
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Liz arbeitet seit ihrem 14. Lebenjahr in der Batteriefabrik. Auf dem Weg dorthin schwätzt sie mit den anderen Mädchen und erfreut sich mit ihnen an ihrem Alltag. Den Rückweg meistert sie allein, läuft ...

Liz arbeitet seit ihrem 14. Lebenjahr in der Batteriefabrik. Auf dem Weg dorthin schwätzt sie mit den anderen Mädchen und erfreut sich mit ihnen an ihrem Alltag. Den Rückweg meistert sie allein, läuft ganz beschwingt und überlässt sich ihren umherflatternden Gedanken. Unten am Fluss entlang, erinnert sie ihre Herkunft.

Wie aus dem Nichts waren sie nach Kriegsende plötzlich hier aufgetaucht und hatten das Dorf in helle Aufregung versetzt, es plötzlich gesprächig und streitsüchtig gemacht. S. 11

Ihre Eltern waren aus Tschechien geflüchtet und hatten in den Barracken unten am Fluss gelebt. Jahre später schafften sie es, aus ihrer eigenen Hände Arbeit, ein kleines zweistöckiges Haus zu mieten. Die Eltern lebten oben und richteten unten eine Gaststätte ein, als Liz geboren wurde.

Ihr Vater Ladislaus trägt die alten Narben auf dem Rücken, das hatte sie mal beobachtet. Jeden Tag steht er hinter dem Thresen und ihre Mutter Nevenka steht in der Küche und bereitet den Mittagstisch. Dass sie feine böhmische Gerichte zu günstigen Preisen anboten, hatte sich bald rumgesprochen und auch, dass Ladislaus großzügig die Schnapsflasche rumgehen ließ. Mit der eigenen Gaststätte kam der Aufstieg, der Schnaps und die Bedürfnisse. Auf das Haus! Auf die Frau! Auf das Kind! Auf die Freude! Auf den Kummer! Prost!

Als Liz ein Ausbildungsangebot von ihrem Vorgesetzten bekommt, weigert sich der Vater, den Vertrag zu unterschreiben. Liz solle weiter in der Gaststätte aushelfen und auch ihre Mutter brauche sie noch.

Fazit: Es ist eine Geschichte über Vertreibung und Ankommen, über Schuld und Demütigung. Und es ist eine Geschichte darüber, wie sich Traumen über Generationen weiterverbreiten. Die Geheimnisse, die Liz Mutter Nevenka in sich verbirgt und die Erlebnisse von Nevenkas Mutter, färben auf Liz ab und bestimmen ihr Sein. Liz hat den schweren Weg zu gehen, zu kränkeln und in Melancholie zu fallen, oder ihrem Partner zu sagen, was sie stört, gleichzeitig ihr Gesicht zu wahren und ihre Herkunft zu verbergen. Ich mochte die Geschichte, in die ich allerdings erst ab Seite 100 so richtig reingerutscht bin. Die Autorin hat Kapitelweise aus der Gegenwart erzählt und ist dann immer wieder in die Rückschau gegangen. Wenn sie mich aus Vergangenheit wieder in die Gegenwart brachte, habe ich den Faden verloren, wusste nicht mehr mit welchem Cliffhanger sie geendet hatte. Die fremden Namen haben es auch nicht leichter gemacht. Alles in allem eine gut geschriebene Geschichte, in deren Technik ich mich leider verloren habe.

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Veröffentlicht am 15.02.2024

Was für ein ungewöhnliches Debüt

Magnolia
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Magnolias Mutter Cherry hängt an dem Zeug, seit Manolia denken kann. Es fing an, als ihr afroamerikanischer Vater bei der Arbeit einen Ziegel abbekam. Die weiße Cherry lernte den weißen Quarry kennen und ...

Magnolias Mutter Cherry hängt an dem Zeug, seit Manolia denken kann. Es fing an, als ihr afroamerikanischer Vater bei der Arbeit einen Ziegel abbekam. Die weiße Cherry lernte den weißen Quarry kennen und der wurde ihr zum Verhängnis. Mama Brown, die Mutter von Magnolias Vater, nahm das verwahrloste Mädchen auf. Cherry schlug nur auf, wenn sie dringend Geld brauchte.

Magnolia ist neunzehn, als sie ihren Highschoolabschluss macht und an einer Tanke anfängt. Kurz darauf stirbt Mama Brown. Bei ihrer Beerdigung macht Mama Browns Vermieter, Magnolia das Angebot, die Miete in ihren Naturalien zu vergüten. Er verschafft sich Zugang zu ihrem Haus und wartet ihre Entscheidung nicht ab. Danach duscht sie so heiß, wie sie es gerade aushält. Sie weiß, dass sie eine zündende Idee braucht und der Zufall schwämmt ihr Cotton ins Leben. Cotton ist ein sprachbegabter Künstler und Bestatter, der Magnolia einen außergewöhnlichen und gut bezahlten Job anbietet.

Immer wenn Magnolia wütend ist, wischt sie durch Tinder und verabredet sich mit einem Fremden für schnellen Sex. Am Ende sitzt sie meistens auf ihm, leider führen ihre Escapaden zu einer ungewollten Schwangerschaft und sie weiß, dass sie dieses Wesen in ihr loswerden muss.

Fazit: Was für ein ungewöhnliches Debüt. Eine junge Frau wird Opfer eines übergriffigen Vermieters. Es macht den Anschein, als dürfte ihr das nicht so viel ausmachen, weil sie doch sowieso wahllos rumvögelt. Alle in der Geschichte mitwirkenden haben größere Probleme. Der schwarze Vermieter, ganz mieser Charakter, der Arbeitgeber ist zwanghaft, seine Tante alkoholabhängig und Magnolias Mutter heroinsüchtig. Da fällt eine merkwürdige junge Frau gar nicht mal so sonderlich auf. Tatsächlich handelt die Geschichte von Unterdrückung, Macht und Missbrauch von Frauen, durch Männer. Ganz am Ende dieser locker, unterhaltsam geschriebenen Geschichte, kommt die entsetzliche Wahrheit, die Magnolias Stolpern erklärt und verständlich macht. Ich mag die Geschichte sehr. Die Autorin hat mich nach Tennessee entführt und mich von allem kosten lassen, Ungleichheit, Minderwertigkeit, Angst und Ausgeliefertsein, Rassismus, schwüle Hitze, Ghospel, Sex und ein bisschen Voodoo. Ein heißer Ritt durch die Südstaaten.

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Veröffentlicht am 13.02.2024

Eine Spurensuche

Krummes Holz
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Jirka ist neunzehn als er in sein Heimatdorf “Krummes Holz” zurückkehrt. Erwartungsgemäß ist niemand glücklich ihn zu sehen. Leander nicht, der ihn auf dem Weg zum väterlichen Hof aufsammelt, Magret, seine ...

Jirka ist neunzehn als er in sein Heimatdorf “Krummes Holz” zurückkehrt. Erwartungsgemäß ist niemand glücklich ihn zu sehen. Leander nicht, der ihn auf dem Weg zum väterlichen Hof aufsammelt, Magret, seine Schwester nicht und sein Vater Georg ganz sicher auch nicht, aber den wird er erstmal nicht zu sehen bekommen. Er steigt in den verbeulten Taunus und erinnert sich an Leanders Vater Vilém Dorodzala. Er war der beste einarmige Suffkopp, der jemals gelebt hat, bevor der Tod ihn aus Jirkas Leben gepflückt hat. Vilém war der einzige von den ganzen Wanderarbeitern auf dem Hof, der ihn aus dem Hundezwinger wieder rausließ, in den sein Vater ihn regelmäßig sperrte.

Im Grunde hätte Jirka schon eher kommen müssen, weil seine Schwester ihn darum gebeten hatte, vor einigen Wochen. Doch dann hatte der weltbeste Sozialarbeiter Jochen ihn bekifft erwischt und Hausarrest erteilt. Für Jirka war das kein Problem, für seine Schwester schon.

Im Taunus muss er seine heiße Stirn an die kühle Scheibe der Beifahrertür lehnen. Leanders starker Unterarm, mit dem roten Flaum verwirrt ihn, sein Geruch nach Erde und Zigarettenrauch lässt ihn die Augen schließen. Fünf Jahre haben sie sich nicht gesehen. Eine lange Zeit, die alles verändert, wenn man so jung ist wie Jirka.

Fazit: Zuerst einmal, die vielen Namen und Infos brachten mich zu Anfang ins Stolpern. Die Geschichte ist aber so interessant gemacht, dass ich dran bleiben musste. Mir gefällt die Technik des Rückblicks sehr. Die Autorin packt ganz langsam und bedächtig aus, was Jirka und seiner Schwester passiert ist. Die Charaktere sind sensibel gezeichnet. Leanders erotische Aura, die Jirka die Luft nimmt und zutiefst verunsichert, war spürbar, Jirkas Unsicherheit nachvollziehbar. Jirka begibt sich auf Spurensuche, um sich selbst zu verstehen. Er ist ein sensibler, trotziger, junger Mann. Wie traumatisiert er ist, wird ihm erst durch seinen Besuch auf dem Hof klar, wo sein Vertrauen mehrfach missbraucht wurde. Doch ja, ich mag dieses Debüt sehr und empfehle es ganz klar.

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Veröffentlicht am 12.02.2024

Gelungene Fallbeispiele

Emotionales Erbe
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Die Psychoanalytikerin und Supervisorin erklärt anhand vieler Fallbeispiele und aus Sicht epigenetischer Zusammenhänge, wie stark wir mit unseren Verwandten verbunden sind. Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt:

1. ...

Die Psychoanalytikerin und Supervisorin erklärt anhand vieler Fallbeispiele und aus Sicht epigenetischer Zusammenhänge, wie stark wir mit unseren Verwandten verbunden sind. Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt:

1. Die Großeltern

Hier zeigt uns die Autorin, wie sehr Kriegseindrücke, Holocausterfahrungen, Vergewaltigung und Vertereibung, über Generationen, in unsere Seelen gebrannt sind. Gerade wenn über solche Erfahrungen nicht geredet und die Scham und Demütigung tabuisiert wird, besteht die Gefahr, dass kommende Generationen, diese nicht verarbeiteten Traumata be- und verarbeiten werden müssen.

2. Die Eltern

Wir wissen vieles nich über unsere Eltern, aber nicht alles. Manchmal schweigen sie, um uns nicht zu verwirren, oder den eigenen Schmerz von uns fernzuhalten, weil sie und nicht belasten wollen. Auch Galit Atlas ist bei einem ihrer “Fälle” der Verlust eines Zwillingskindes während der Geburt begegnet. Der verbliebene Zwilling fühlte sich bis zu Beginn der Therapie, zerrissen, so als wäre ihm etwas wichtiges abhanden gekommen. Ebenso belastend sind verdrängte Fehlgeburten, Abtreibungen, aber auch Suizide innerhalb einer Familie. Es zwingt die nächste Generation förmlich dazu, die dabei erlebten Gefühle, wie Trauer, Wut und Scham, an Stelle der anderen aufzuarbeiten.

Der dritte Teil ist uns, der letzten Generation gewidmet und beschreibt, welche Auswirkungen Tabuthemen, wie Missbrauch auf uns haben. Wie sich eine emotonal abwesende Mutter auf unsere Entwicklung auswirkt. Warum wir es jedem recht machen wollen und wie wir den Teufelskreis durchbrechen können.

Fazit: Ich mag die Autorin und ihre Arbeit. Sie zeigt an gelungenen Beispielen, wie Übertragung und Gehenübertragung funktionieren, indem sie zeigt, welche Gefühle ihr Gegenüber in ihr hervorruft. Ob sie Sympathie empfindet, sich kümmern und Sicherheit vermitteln möchte, oder zu Tränen gerührt wird und mitfühlt. Was sie macht wirkt authentisch. Die Fallbeispiele lesen sich wie Kurzgeschichten und sind frei von Psychologischer Termini und daher auch für den Laien verständlich. Ich hätte mir einen kleinen Exkurs in die Bedeutung der Epigenetik, die ja noch ein ganz junges Wissenschaftsfeld ist, gewünscht. Das ist aber mein ganz persönliches Interesse. Ein Anspruch, den eine andere Leser*in sicher nicht hätte.

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Veröffentlicht am 08.02.2024

Erschreckend schön

Liebe ist gewaltig
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Julis große Schwester Alex ist so sonderbar, dass man meinen könnte, sie sei noch im Krankenhaus vertauscht worden. Wenn der übliche Tumult zuhause losging hat sie sich hinter Buchdeckeln versteckt. Sie ...

Julis große Schwester Alex ist so sonderbar, dass man meinen könnte, sie sei noch im Krankenhaus vertauscht worden. Wenn der übliche Tumult zuhause losging hat sie sich hinter Buchdeckeln versteckt. Sie war die erste, die auszog. Juli selbst, ihre Brüder Max und Bruno haben sich allabendlich damit überschlagen, der oder die Beste zu sein, um Vater zu gefallen. Juli glänzte mit Schulnoten, Bruno mit Sport und Max, tja Max war zart und schön und zog oft den Kürzeren.

Wer mal keine Höchstleistungen erbrachte, musste damit rechnen, vor dem Rest der Familie gedemütigt und beleidigt zu werden. S. 22

Julis Vater war unantastbar der Allerbeste im Hause Ehre, er war immer noch so attraktiv, dass sich die jungen Frauen nach ihm umdrehten, wenn er in seinem Cabriolet saß. Als Jurist war er sehr angesehen weil man Intelligenz und Sinn für Gerechtigkeit voraussetzte. Julis Mutter, immer am Hungern, um Kleidergröße 34 zur Schau zu tragen. Julis Vater kontrollierte das Wiegen und nannte seine Frau bei der geringsten Gewichtszunahme “Fette Sau”.

Der Vater prügelt Frau und Kinder mit einer Regelmäßigkeit, die alle in ständiger Alarmbereitschaft hält. Als Juli noch kleiner war, kroch sie jede Nacht zu ihrem großen Bruder Bruno ins Bett, bis sich Schultern und Kiefer entspannten und sie in einen unruhigen Schlaf fiel.

Mutter erfüllte Wünsche, wenn es uns traf, damit wir niemandem davon erzählten. Traf es sie, suchte sie Trost. Mama die Tatortreinigerin. S. 106

Nachdem der Vater Bruno halbtot prügelt kann Juli kein Essen mehr bei sich behalten. Vaters Bruder schickt sie in Reha denn bei einer Psychotherapie wären die Eltern aufgeflogen. In der Reha zeigt sich wie verstört und destruktiv Juli wirklich ist. Dort ist man mit ihrem Verhalten überfordert und schicken sie wieder nach Hause. Alle anderen Geschwister sind mittlerweile ausgezogen und sie der Willkür ihrer Eltern gnadenlos ausgeliefert, bis ihre Dämme brechen und sie eskaliert.

Fazit: Das Cover verspricht einen sprachgewaltigen Roman und die Geschichte hält dieses Versprechen definitiv. Großartige Erzählkunst, absolut überzeugend. Claudia Schumacher erzählt die Geschichte von zwei Bilderbuchnarzisst*innen, die die Familie schikanieren, attakieren, manipulieren und so mutwillig zerstören, dass die Kinder ein Leben lang versuchen, das Erlebte zu verarbeiten. Hier sitzt jedes Wort, nichts scheint übertrieben, alles wirkt so schrecklich authentisch, dass ich mich frage, woher hat die Autorin dieses fundierte psychologische Wissen. Die Protagonistin verliert sich, zweifelt an ihrer eigenen Wahrnehmung, erkennt ihre Mutter, analysiert jedes Familienmitglied und dessen/deren Aufgabe, um das System am Laufen zu halten. Sie schafft es auszusteigen und sich in der Interaktion mit anderen zu finden, zu scheitern, sich wieder neu zu erfinden, bis sie am Ende echte Hilfe bekommt. Ein grandioses intelligentes Debüt, erschreckend schön. Ein Mutmacher!

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