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Veröffentlicht am 19.08.2025

Faszinierend befremdlich

Der letzte Tag des vorigen Lebens
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Sie hat das Haus streichen lassen und selbst dekoriert. Darin ist sie gut, hat ein feines Gespür für Architekturen und die passenden Details. Dennoch glaubt sie nicht daran, dass sie es verkaufen wird. ...

Sie hat das Haus streichen lassen und selbst dekoriert. Darin ist sie gut, hat ein feines Gespür für Architekturen und die passenden Details. Dennoch glaubt sie nicht daran, dass sie es verkaufen wird. Es ist zu protzig, die Vorbesitzer haben zu viel gewollt. Nachdem sie noch kurz durch die Küche gewischt hat, dreht sie sich zum Esszimmer und sieht ihn am Tisch sitzen. Einen etwa siebenjährigen Jungen mit kurzer brauner Hose und schwarzen Boots ohne Socken. Er ist ihr auf Anhieb unsympathisch, vermutlich, weil sie ihm all die Attribute andichtet, die dieses neureiche Haus verkörpert. Er blickt sie direkt an, ohne zu blinzeln. Er könnte aus der Zeit gerutscht sein und doch hat er etwas Körperliches, Reales. Nachdem sie sich eine Weile wortlos gemustert haben, fragt sie ihn:

„Was willst du?“ „Hör mal, hier darfst du nicht sein, verstehst du? Gleich kommen Leute.“ S. 44

Sie liebt den Mann, mit dem sie zusammenlebt, nicht. Vor zwei Jahren, als sie sich bei einer Wohnungsbesichtigung kennenlernten, wirkte er anziehend auf sie, jetzt findet sie ihn nur noch wuchtig. Sie erzählt ihm nicht von ihrem Erlebnis mit dem Jungen, warum auch. Auch ihrem Vorgesetzten sagt sie nicht, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Sie lässt sich ein Duplikat vom Schlüssel anfertigen. Bisher war sie stets rechtschaffen, sie versteht selbst nicht, was sie jetzt antreibt. Nach zwei Besichtigungsterminen treibt es sie zum Haus. Sie will den Jungen wiedersehen, aber im Esszimmer ist er nicht. Stattdessen sieht sie sich selbst in der Küche stehen, die Armaturen polierend, in den Kleidern von gestern.

Fazit: Andrés Barba hat eine verstörende Geschichte geschaffen. Seine kühl kalkulierte, sich selbst stark kontrollierende Protagonistin verkauft Häuser. Ein kleiner Junge weckt ihre Neugier und Faszination und wird zu ihrer Obsession, die ihr ganzes Dasein umkrempelt. Sie findet heraus, in welcher Notlage sich das Kind befindet, weil es glaubt, sich einiger Vergehen schuldig gemacht zu haben, und schafft es intuitiv, ihn zu befreien. Das Verblüffendste an der Geschichte, die aus Sicht der Erzählerin gezeigt wird, sind nicht die mystischen Elemente, sondern die ruhige Schreibweise. Der Autor erzeugt die Spannung nicht durch ein erhöhtes Tempo, im Gegenteil er tastet sich langsam an die Ereignisse heran, schafft Interaktionen, die verboten scheinen und am Ende lichten sich die bedrohlichen Schatten und alles wird hell und verständlich. Letztenendes wurde mir gezeigt, wie Schuldgefühle uns bremsen und von anderen entfremden können, wie sie die Einsamkeit anfachen. Andrés Barba erklärt in seiner Danksagung, dass die Geschichte während einer Krise in einer Zeit großer Unsicherheit entstand. Inspiriert fühlte er sich durch Clarice Lispektor (Die Passion), die ihre eigene Sprache gefunden hatte, sich einer Sache anzunähern. Ich habe diese seltsame, anspruchsvolle Herangehensweise und Umsetzung sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Entwaffnende Selbsterkenntnis

Botanik des Wahnsinns
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Sieben Kartons sind ihm von seiner Mutter geblieben, sieben Kartons mit Rechnungen, Briefen von Gerichtsvollziehern und Banken. Die Räumungsklage hatte sie aus ihrem letzten Refugium gespült, eine kleine ...

Sieben Kartons sind ihm von seiner Mutter geblieben, sieben Kartons mit Rechnungen, Briefen von Gerichtsvollziehern und Banken. Die Räumungsklage hatte sie aus ihrem letzten Refugium gespült, eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie hatte die Kisten selbst gepackt. Die Räumungsfirma sollte den Müll entsorgen und die Kisten mit den Familienfotos, Zeugnissen und Bewerbungsunterlagen einlagern. Irgendjemand hatte etwas verwechselt und jetzt waren alle materiellen Erinnerungen dem Fraß der Müllverbrennungsanlage geopfert worden.

Als er noch zur Schule ging, lebten sie in einem Haus in München, das die Mutter von der Großmutter erbte. Seine Mutter war beruflich unentbehrlich, hatte sich hochgearbeitet, sie sahen sie wenig. Sein Vater schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und seine Großmutter sah, was niemand sonst sah und hörte, was niemand hörte. Ihre Entrücktheit machte ihm Angst. Schon sein Großvater hatte die meiste Zeit seines Lebens in der Psychiatrie verbracht. Sein Vater blieb ganze Tage im Bett und war stets mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Alles wurde ihm schwer und schicksalsträchtig und so verließ er seine Familie gleich nach dem Schulabschluss und ging nach New York.

Der Wahnsinn begleitete ihn. Am Union Square fand er ein Kabuff von fünf Quadratmetern in einer Halle, abgetrennt durch alte Holzschränke, in der Mitte ein Feldbett. In West Village sah er ein spottbilliges Zimmer, mitten in einer Wohnung, in der Hunderte Porzellanpuppen drapiert waren, deren schwarze Augen bis tief in seine Seele blickten. In einer WG in Brooklyn traf er auf drei normal wirkende Mitbewohner und eine Vielzahl Kakerlaken. Er kaufte sich zwei Anzüge und fand einen Bürojob. Doch dann flog er von seinem letzten Geld nach Paris, um zu erkennen, dass die Stadt ihn verrückt machte. In Wien, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität, wurde er schließlich sesshaft.

Fazit: Leon Engler blickt in seinem Debütroman auf eine lange Generation psychischer Erkrankungen zurück. Er durchforstet Begrifflichkeiten und versucht sich darüber zu definieren, findet sich darin aber nicht. Er sucht nach seiner Identität, seinen eigenen Anteilen in dieser genetischen Disposition. Er entwickelt Zwänge, darf nicht auf die Ritzen im Gehweg treten und hinterfragt, was er kontrollieren will. Nach einem Studium in Psychologie macht er einen einjährigen Zwischenstopp in einer Psychiatrie. Dort kommt er seiner ent-rückten Familie näher als je zuvor. Er beobachtet die Symptomenkomplexe der Schizophrenie (Großmutter) und kommt der Depression (Vater) ebenso nah wie der Abhängigkeit von Betäubungsmitteln (Mutter und Großvater). Er entdeckt den Zusammenhang zwischen dem Leiden seiner Mutter und deren eigener suizidalen Mutter. Die Geschichte wirkt autobiografisch, aber am Ende nennt sie sich Roman, vermutlich ein Verlagsentscheid, weil sich Autobiografien von Unbekannten schlecht verkaufen. Mir gefällt sehr, welche Wege ihm halfen, sich seiner Familie durch die Analyse anzunähern und sich zu versöhnen. Seine Stimmfarbe ist ruhig, aufgeräumt und auf den Punkt. Eine gelungene Familienforschung und entwaffnende Selbsterkenntnis.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Erinnerungen an ein tödliches Drama

Die Ausweichschule
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Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas ...

Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas zu greifen, das wie gebratenes Ei aussieht. Ein Stück davon gelangt in seinen Mund, es ist so heiß, dass ihm die Tränen in die Augen schießen. Der Rest plumpst in die Nudelbrühe und zaubert ein Stücken grünen Spargel nach oben. Herr Mertens schiebt sich ein großes Stück glasiertes Irgendwas in den Mund und kaut nachdenklich. Ob der Autor glaube, dass die Geschichte für ein größeres Publikum interessant wäre, der hegt gerade Zweifel. Sie sei so, Herr Mertens ringt um Worte, entschuldigt sich, beliebig. Er müsse sich überlegen, ob er etwas Literarisches schreiben oder den Zeitgeist treffen wolle. Das Ganze sei fast akademisch brav und er sei doch nicht traumatisiert. Schließlich habe er zwar den Täter gesehen, aber keine Toten. Aber im Grunde sei er, Herr Mertens, eh so was wie ein Unterhaltungsonkel und fände Krimis super. Deswegen also auch gar nicht der richtige Ansprechpartner. Er könne ihn aber gerne weiterempfehlen, schmatzt er wohlwollend. Ja, das wäre schön.

Die unerwartete E-Mail-Anfrage eines Dramatikers trifft ein. Er möchte ein Stück über Amokläufer auf die Bühne bringen und habe ein paar Fragen. Als sie telefonieren, legt er große Behutsamkeit in seine Stimme und fragt, ob der Autor sich dazu im Stande fühle. „Imstande fühle“, der Autor will sich über die Wortwahl nicht lustig machen, glaubt aber, dass dieses ganze „Mental Health“ zu mehr Ratlosigkeit als zu echter Hilfe für die von Trauma Betroffenen führt. Im Laufe des Gesprächs entspinnt sich ein möglicher Plot. Wer war Steinhäuser?

Der Autor erinnert sich an die sechzehn brennenden Kerzen und die eine Abseits stehende, die nicht recht brennen wollte. Sechzehn Menschen hat Steinhäuser am 26.04.2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium hingerichtet und sich danach selbst erschossen.

Fazit: Kaleb Erdmann erinnert sich an das tödliche Drama seiner Kindheit. Damals war er ein elfjähriger Fünftklässler. Während die Ältesten ihre Abiprüfungen schrieben, wartete die 2A auf das Läuten, das die letzte Unterrichtsstunde dieses Tages ankündigen würde, als ein Schuss fiel. Kurz darauf wurde die Klassentüre aufgerissen und eine schwarz gekleidete Gestalt mit Skimaske schaute in den Raum und verschwand wieder. Das Gespräch mit dem Dramatiker reißt nicht geahnte Wunden auf und er beginnt zwanghaft das Geschehen und die Folgen zu sezieren. Eineinhalb Jahre Therapie konnten seine Dissoziation, seine Panikattacken und sein Kontrollbedürfnis nicht auflösen. Er hinterfragt alles, so auch den Umgang der Presse, der Behörden und der Schulleitung mit den Konsequenzen des Massakers. Warum haben die Eltern Steinhäuser nicht gemerkt, wie ihr Sohn abdriftete? Erst als er versucht, sich dem Thema schreibend zu nähern, wird ihm klar, wie stark er traumatisiert ist. Mir gefällt die Herangehensweise, wie er die Geschichte durch Anekdoten auflockert, gut. Es ist die Verarbeitung eines Kriegsszenarios, das sich im Großen wie im Kleinen weltweit immer wieder ereignet, auch jetzt in diesem Moment, wo ich hier sitze, schreibe und mir bewusst wird, wie glücklich ich mich schätzen kann, derzeit keiner Bedrohung ausgesetzt zu sein. Die Geschichte ist spannend und hat mich zum Mitdenken angeregt. Meine große Empfehlung für diese kluge Aufarbeitung. Ich mochte auch sein Debüt „Wir sind Pioniere“ sehr.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Die Reinkarnation Paganinis

Schwarzer Schwan
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Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er ...

Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er etwas schärfer als eigentlich beabsichtigt. „Ich suche einen Chauffeur für zwei Abende pro Woche.“ „Also Sie wollen Taxifahrten bestellen.“ „Ich suche einen Chauffeur.“ Krause versucht ihn abzuwimmeln.

Bei Temperinis zweitem Versuch erklärt er, dass der Fahrer von 19 Uhr bis 23 Uhr zur Verfügung stehen sollte, natürlich für gutes Geld. Krause weiß, dass er den ungewöhnlichen Auftrag annehmen wird. Dieses Extrageld wird er zur Seite legen, um mit seinem Sohn mit dem Wohnwagen durch Kanada zu fahren.

Irene ist mit Leo zu ihrem Neuen gezogen. Sie hielt seine Nachtfahrten nicht mehr aus. Jetzt sieht er Leo nur noch am Papawochenende. Er hatte Irene an der Fachhochschule für Verwaltung kennengelernt. Sie wurde schwanger und während sie im Krankenhaus war, um Leo auszutragen, versemmelte er drei von vier Prüfungen, weil seine Angst zu versagen ihm alle Gedanken stahl. Und so kam er zum Taxifahren.

Temperini hatte ihn letzte Woche für heute bestellt. Als Krause vor seiner Haustür hält, steht schon ein großer hagerer Schatten seiner selbst davor. Temperini macht keine Anstalten, einen Fuß auf den Bürgersteig zu setzen. Krause steigt aus, geht auf den Mann zu, erst da setzt der sich in Bewegung. Er bleibt vor der hinteren Türe stehen, wartet, dass Krause sie öffnet, dann steigt er ein. Von hinten schiebt er umständlich einen gefüllten Umschlag auf den Beifahrersitz, Krauses Honorar. Zur Philharmonie, sagt der Alte. Krause beobachtet ihn verstohlen im Rückspiegel. Temperini fragt ihn, ob er von Niccolo Paganini, dem Teufelsgeiger gehört habe. Am Rande antwortet er, nicht ahnend, dass er bald mehr über den Geiger erfahren wird, als ihm lieb ist.

Fazit: Theres Essmann hat mit dieser Debütgeschichte 2020 ein Stipendium gewonnen. Sie hat ihrem Protagonisten aus der Gegenwart diesen Gegenpol aus Alter, Kultur und Bildung, den so viel Geschichte umweht, entgegengesetzt. Zuerst findet dieses ungleiche Paar keinen großen Anklang aneinander. Doch mit jeder Fahrt zur Philharmonie, in Parks oder auf Friedhöfe kommen sie sich zwangsläufig näher. Krause, umgeben von ganz eigenen weltlichen Problemen, wie der Angst, den geliebten Sohn an den Stiefvater zu verlieren, lernt den alten Mann als Gesprächspartner schätzen. Die Autorin schafft es alle Beteiligten authentisch miteinander zu verweben, den eifersüchtigen Vater, den Sohn, der unter diesem Konkurrenzkampf leidet, die eigensinnige Ex-Frau, wenige Freunde und den einsamen alten Mann, der fast wie die Reinkarnation Paganinis wirkt. Die Erzählung verläuft ruhig, unaufgeregt und das Ende hat mich sehr berührt. Ich mochte den Folgeroman „Dünnes Eis“ ein wenig lieber.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Ein Debüt von großer verbaler Sprengkraft

Moscow Mule
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Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. ...

Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. Für sie bedeutet Glück nichts anderes als Stillstand und Trägheit.

Ihre Fakultät ist mit Kindern von Unternehmern, Managern und Regierungsbeamten übervölkert. Und die studieren einzig um ihren Lebenslauf aufzuhübschen, leben nicht im Wohnheim und suchen nicht nach Jobs. Karina und Tonya studieren politischen Journalismus. Nach ihrem dritten Semester wurde Anna Politkowskaja unweit der Uni auf offener Straße erschossen. Dank dem selbst ernannten Zaren sind die Zeiten wieder unsicher. Man geht der Polizei aus dem Weg, ist besser so. Ihre Zukunftschancen sind übersichtlich und sie leben zu lange in Moskau, um an eine echte Opposition oder freie Wahlen zu glauben. Europa würde ihnen gefallen, deshalb suchen sie nach Austauschprogrammen europäischer Universitäten.

Tonya lebt ihm Wohnheim, teilt sich ein Kabuff mit anderen Kommilitoninnen, kocht Nudeln im Wasserkocher und flucht, wenn jemand ihr wieder das frisch gewaschene Spitzenhöschen von der Heizung geklaut hat. Karina tingelt zwischen dem Schlafsessel bei ihrer lieblosen Mutter in Moskau und dem Bett bei ihrer geliebten Oma, weit außerhalb der Stadt. Meistens verpasst sie nachts um eins die letzte Metro und dann lässt sie sich von einem Typen abschleppen oder kriecht zu Tonya ins Bett. Sie jagen Wombats hinterher, leicht beleibte Männer mittleren Alters, die schon zwei Unternehmen gegründet haben und dreimal geschieden sind. Nur die interessieren sich nicht für Tom Sawyer und Huckleberry Finn. An den jungen Frauen, die deren Blick zum Glänzen bringen, ist alles lang, Haare, Beine, Fingernägel, sie sind gepflegt, geduldig und sexy. In Russland können Frauen alles werden, dennoch entscheiden sich die meisten dafür, Mätressen zu sein.

Fazit: Maya Rosa hat ein Debüt mit ganz großer verbaler Sprengkraft hingelegt. Die Wortakrobatin hat zwei junge Protagonistinnen geschaffen, die mit einem mickrigen Stipendium versuchen, ein Studium zu wuppen und zu überleben. Beide schlagen sich Seite an Seite mit diversen Nebenjobs durch. Trotz der politischen Diskrepanz ist der Hunger nach Abenteuer und Zerstreuung und die Lebensfreude spürbar. Ich erfahre viel über dieses Land, ohne mich durch Infodump erschlagen zu fühlen. Die Autorin webt alle Eindrücke in die Geschichte hinein. Korruption, Staatsgewalt, die Kluft zwischen Arm und Reich und die Dekadenz des Reichtums, der jung erworben wird. Frauen, die von Freiheit träumen und sich stylen, anbiedern und verraten, um auf die schimmernde Seite der Medaille zu gelangen. Alle sind ein bisschen schmierig. Die beiden Heldinnen Tonya und allem voran Karina, aus deren sprunghafter Sicht erzählt wird, sind beste Freundinnen, bis es in Tonya klickt und sie schneller erwachsen werden will als Karina. Ich liebe die rotzige, lakonische, lustige Erzählstimme, die mit Worten umgeht, als würde sie ein großes Orchester dirigieren. Da ist alles dabei vom Paukenschlag über die Klarinette bis zur Harfe. Meine Güte, war das unterhaltsam.

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