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Veröffentlicht am 22.10.2025

Eine besondere Erzählart

Ich bin nicht da
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Es gibt keine Babyfotos von ihr. Die Eltern behaupten, dass eine ganze Filmrolle verloren gegangen sei. Auf die Idee, einen neuen Film zu kaufen, kamen sie nicht, sie waren zu beschäftigt, von ihrem Bruder ...

Es gibt keine Babyfotos von ihr. Die Eltern behaupten, dass eine ganze Filmrolle verloren gegangen sei. Auf die Idee, einen neuen Film zu kaufen, kamen sie nicht, sie waren zu beschäftigt, von ihrem Bruder jedoch gibt es unzählige Bilder. Eine mögliche Erklärung für ihr nicht Vorhandensein der ersten Lebensmonate im Familienalbum ist, adoptiert worden zu sein. Was ihr erzählt wird, ist wie sie mit zwei Monaten schrie und ständig Durchfall hatte. Laktoseintoleranz attestierte die Ärztin. Von da an mussten die Eltern Spezialmilch aus der Schweiz importieren.

Auch die Großmutter war nicht so belastbar. Ihr ist öfter dunkel geworden und dann fand sie sich auf dem Küchenboden wieder. Sie hat sicher viel mitgemacht durch den Krieg, aber ob das ihren Standardspruch „Wir sind nun mal zum Leiden geboren“ rechtfertigte, weiß sie nicht.

Der Vater ergoss sich regelmäßig in beifallheischendem Stolz über den Sohn wegen dessen Arbeitseifer und untermauerte seine Glaubwürdigkeit damit, dass Manolo oder XY das genauso sehe. Er beschönigte dessen Versetzungsgefahr und bagatellisierte die schlechten Noten damit, dass Lehrer auch einfach Idioten seien.

Die Mutter war immer da, schmiss mit großer Ernsthaftigkeit den Haushalt und schleppte sie alle regelmäßig zu Senyor Felix, den sie nur „den Mann von da oben“ nannten. Der hörte ihnen zu, fing die Schwingungen aus ihren aufgeschriebenen Namen auf und sprach in Metaphern. Wenn das Leben einmal tagelang aus den Fugen geriet, mussten sie Zigarettenpapierblättchen, auf die der Senyor Kreuze gemalt hatte, in Wasser einweichen. Danach tunkten sie Ohrenstäbchen hinein und strichen sich damit gegenseitig über den Körper und dann ging es meist schnell wieder bergauf.

Fazit: Anna Ballbona, mehrfach ausgezeichnete katalanische Journalistin und Autorin, nähert sich auf unterhaltsam komische Art einer Familie. Die Protagonistin fühlt sich überall fremd und sucht nach Gründen, die sie in ihrer Kindheit oder ihrer späteren Jugend vermutet. Sie resümiert die Enge des Dorfes, ihren starken Nachahmungsdrang zu Uni-Zeiten. Sie wollte so sein wie die, die beliebt waren. Die Autorin analysiert die Familie, schält das Unprätentiöse heraus. Zuerst hadert die Hauptdarstellerin mit dieser Einfachheit doch im Laufe der Erzählung bewundert und schätzt sie ihren familiären Hintergrund. Sie bekommt, allen Unkenrufen zum Trotz, selbst eine Tochter und hinterfragt, welche Eigenarten sie an sie weitergeben will. Die Geschichte ist durchzogen von klugen Sichtweisen.

Vielleicht hören wir einfach nie auf Kinder zu sein, verletzte Kinder. Und der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass die Wunden bei einigen offener liegen als bei anderen. S. 227

Am Ende schließt sich der Kreis, der mit einer Kiste voller Erinnerungen begann und lässt mich erstaunt zurück. Eine besondere Erzählart, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Geschichte über Selbstfindung

Drei Tage im Schnee
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Hannah lag weinend im Bad, grundlos. Ihr Leben sei großartig, schicke Altbauwohnung, guter Job, tolle Freunde, das sagte ihr jeder. Der Kritiker in ihrem Kopf jedoch trommelte ständig auf sie ein, rief ...

Hannah lag weinend im Bad, grundlos. Ihr Leben sei großartig, schicke Altbauwohnung, guter Job, tolle Freunde, das sagte ihr jeder. Der Kritiker in ihrem Kopf jedoch trommelte ständig auf sie ein, rief sie jeden Morgen um 04:37 Uhr aus dem Schlaf, um sie mit ihren Dummheiten und Unfähigkeiten zu konfrontieren, dabei gab sie sich die allergrößte Mühe. Jeder Tag war minutiös verplant. Sie gab sich zwischen Meetings, Videokonferenzen und Seminaren die Türklinke in die Hand. Danach zwang sie sich zu Einkauf und Sport und versuchte noch Verabredungen unterzubringen. Am späten Abend verdrängte sie die Schmutzwäsche, aß etwas Schnelles und beschallte sich mit Serien, um runterzukommen. Sie brauchte eine Auszeit und mietete für drei Tage eine Holzhütte.

Sie steht am Fenster und schaut in die schneebedeckten Bäume, die Kaffeetasse in der Hand dampft. Sie versucht das Gefühl der Pflichtlosigkeit zu erfühlen. Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, die Wohnung zu putzen und die Post abzuheften. Der Schneeregen verwandelt sich in dicke Flocken. Was, wenn sie eingeschneit wird oder sich verletzt und keiner findet sie hier. Wie war sie bloß auf die blöde Idee gekommen, diese Einöde zu wählen? Ein roter Schneeanzug reißt sie aus ihren Gedanken, darin steckt ein kleines Mädchen, das vielleicht acht oder neun ist. Sie stapft entschlossenen Schrittes den Weg an ihrem Fenster vorbei, bleibt stehen und sieht sich um. Sie legt sich rücklings in den Schnee und schiebt die Arme auf und ab. Hannah zieht ihr Jacke an und tritt vor die Haustür: „Was machst du da?“ Das Mädchen setzt sich auf, beobachtet Hannah, lächelt: „Einen Schneeengel. Willst du auch?“ Hannah verneint, stellt sich vor und erfährt, dass das Kind Sophie heißt.

Fazit: Ina Bhatter hat in ihrem Debüt das Leben einer Frau Mitte dreißig beleuchtet. Die Protagonistin verliert sich im Alltag. Das Bedürfnis, allen gerecht zu werden, lässt sie ausbrennen. Kurz vor der tiefen Depression zieht sie die Reißleine und fährt drei Tage in eine einsame Holzhütte. Dort trifft sie auf ein Mädchen, das sie an ihre eigene Kindheit erinnert. Die beiden freunden sich an und die Interaktionen mit Sophie bringen Hannah dazu, sich selbst zu hinterfragen. Wie ist sie in diesen Alltagsstrudel geraten? Warum fühlt sie sich mit sich selbst unwohl? Wir geht sie künftig mit gesellschaftlichen Erwartungen um? Die Stimmfarbe der Autorin ist ruhig und präzise. Sie zeigt mir die Anforderungen, die an eine Frau Mitte dreißig gestellt werden. Eigene Vorstellungen und Erkenntnisse aus Erziehung und Freundeskreis stellen sich bei näherer Betrachtung vielleicht als falsch heraus, aber die Alltagszeit ist so knapp, dass alles wichtiger scheint als Innenschau. Die Debütantin hat eine fein austarierte Geschichte über Selbstfindung und Selbstfürsorge geschrieben, die sich auch ganz wunderbar als Weihnachtsgeschenk eignet, gerade weil es vielen Frauen so geht.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Annäherung an den toten Bruder

Der Absturz
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Édouard hatte seinen Bruder fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Als er von seinem Tod erfuhr, nahm er die Nachricht auf wie einen Wetterbericht. Seine Mutter hatte immer einmal vorsichtig insistiert: „Gib ...

Édouard hatte seinen Bruder fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Als er von seinem Tod erfuhr, nahm er die Nachricht auf wie einen Wetterbericht. Seine Mutter hatte immer einmal vorsichtig insistiert: „Gib ihm doch noch eine Chance“. Édouard wollte nicht.

Damals kehrte der Bruder mit Anfang zwanzig nach Hause zurück. Er hatte sich Monate nicht blicken lassen. Dann stand er zur Essenszeit im Wohnzimmer und hielt ein Papier in der Hand. Er habe endlich was gefunden, werde einen neuen Beruf erlernen. Ein Metzger mit eigener Metzgerei habe ihn auf Anhieb gemocht und ihm eine Stelle angeboten. Jetzt also werde er einen Beruf erlernen, für den man sehr spezielle Kenntnisse brauche. Die Leute würden von weit hergereist kommen, um in den Genuss seiner Fleischwaren zu kommen.

Er hatte immer von Ruhm geträumt. Die Diskrepanz aus Wunschvorstellung und Realität waren die Begrenzungen aus Armut und Chancenlosigkeit, eben das, was ihn unglücklich machte. Bei Édouards Vater galt er als Versager, weil er arbeitslos war, sich prügelte und Drogen nahm, aber dieses Bild gedachte er jetzt zu ändern. Sein eigener Vater war der erste Mann ihrer Mutter. Er trank und schlug, die Mutter ließ sich scheiden und heiratete Édouards Vater. Der Vater des Bruders gründete eine neue Familie und wollte von seinem Sohn nichts mehr wissen. Dieses Gefühl, es nicht wert zu sein, arbeitete in ihm und im Laufe seines Lebens fand er immer neuen Brennstoff, um diese Wunde zu befeuern. Mit achtunddreißig war er ausgebrannt, seine Freundin fand ihn leblos in ihrer Wohnung.

Fazit: Édouard Louis ist den Lebensspuren seines Bruders gefolgt, mit dem Wunsch, sich ihm anzunähern. Er macht keinen Hehl daraus, dass er den Älteren gehasst hat und zeigt mehrere Szenen, die seine Abneigung verständlich machen. Dennoch versucht er herauszufinden, warum ihn sein Tod nicht bewegen konnte. Es entsteht das Bild eines Menschen, der ein Kindheitstrauma nicht überwinden konnte, keinerlei Hilfe erhielt und auf ganzer Linie versagte. Der Autor befragt Ex-Freundinnen, die wahlweise über seine Grausamkeiten sprachen, wenn er getrunken hatte und von einem liebevollen, gutmütigen, hilfsbereiten Mann, wenn er nüchtern war. Die dysfunktionale Familiensituation (Vater prügelt Mutter), die spätere Peergroup (Diebstahl, Drogen), hat den ehemals ruhigen Jungen, der wenige Auffälligkeiten gezeigt hatte, menschlich entarten lassen, ihn misogyn, homophob, gewalttätig und kriminell werden und voll in die Fußstapfen des Vaters treten lassen. Die ganze Geschichte hat mich tief ergriffen, weil der Autor so gut Szenen wiedergibt, mich mitreißt und fesselt. Ganz sicher aber auch, weil ich vieles davon kenne, selbst mit einer Mutter aufgewachsen bin, die ihre Tochter nicht schützen konnte, die eben auch aus einer dysfunktionalen Familie stammt und den Teufelskreis nicht durchbrechen konnte. Mir ist dieses ganze Drama aus Demütigung, Gewalt, das Gefühl der Wertlosigkeit und Abhängigkeit absolut bekannt. Édouard Louis hat dafür die treffenden Worte gefunden. Nach „Das Ende von Eddy“ und „Die Freiheit einer Frau“ fand ich diese Geschichte am stärksten aber lest selbst.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Rekonstruktion schriftstellerischer Anfänge

Das Buch zum Film
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Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.

Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.

In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm ...

Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.

Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.

In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm weiterexistieren dürfen. S. 7

Und so zeichnete er sein gesamtes Erleben auf, in E-Mails, Notizbüchern, Ringmappen. Seinen Zivildienst leistete er im Landeskrankenhaus. Er durchlief verschiedene Einrichtungen, in denen ihm ganz unterschiedliche Menschen begegneten.

Ein blinder Junge aus der Musik-Frühförderklasse mastrubierte unaufhörlich. Jeder Versuch, ihn davon abzubringen, scheiterte. Während er sich abmühte, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Die meisten nicht sprechenden Bewohner knirschen mit den Zähnen. Reiben ihre Zähne aufeinander gegen die Sprachlosigkeit. Ein Kind warf mit seiner Scheiße, wenn es aufgeregt war und Clemens beschleunigte seine Reaktionen. Als eines der Kinder starb, bat er um die Versetzung auf eine andere Station.

Ein spät erblindeter Bewohner, schon alt, seit kurzem im Heim, hat sich nachts aus dem Fenster gestürzt und ist verstorben. Alle sind schockiert.

Im Altenheim blickt man von den Flurfenstern aus auf den Friedhof.

Clemens Vater war wieder verschwunden. Er hat wohl ein finsteres Geheimnis und musste untertauchen. Wen interessiert sein scheiß Geheimnis. Die Mutter interessierts.

Clemens lungert oft ums Berufsschulinternat, um J. zu treffen. Sie war in der Pause nicht zu sehen. Er erfährt, dass sie geschlossen untergebracht wurde. Pulsadern. Sein Vater verbietet ihm, J. nochmal in die Wohnung zu lassen. „Dass du dich zu solche Leut überhaupt in die Nähe traust!“

Die schwerbehinderte Camilla ist gestorben. Keiner weiß, warum.

Der Vater brüllt besoffen: „Menschen gibts kane. Niemand existiert mehr! Ihr aa nit!“ Der Sohn nimmt Beruhigungsmittel.

Fazit: Clemens J. Setz, vielfach ausgezeichneter österreichischer Autor hat seine persönlichen Aufzeichnungen aus den Jahren 2000-2010 veröffentlicht. Anhand diverser Notizen gelang ihm die Rekonstruktion seiner schriftstellerischen Anfänge. Mit achtzehn Jahren begann er seinen Zivildienst und sammelte eindrucksvolle Erfahrungen im Umgang mit körperlich und geistig behinderten Menschen. Die Trinksucht seines Vaters setzte ihm zu. Während seines Studiums erschwerte die Beziehung zu einer psychisch kranken, suizidalen Lebensgefährtin seinen Alltag. In rudimentären, teils unzusammenhängenden Einträgen puzzelt der Autor ein Jahrzehnt seines Erlebens zusammen. Ich muss gestehen, dass dieses Memoir meine erste Erfahrung mit Clemens J. Setz ist und würde einem Leser, der sich dem Autor annähern möchte, sicher ein anderes Buch empfehlen. Und da gibt es einige zum Beispiel „Monde vor der Landung“ (Österreichischer Buchpreis 2023) Für alle, die den Autor bereits kennengelernt haben, dürften seine Anfänge erhellende Hintergrundinformationen bereithalten.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Chinesische Gesellschaftskritik

Schwanentage
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Während der Hausherr Chopin hört, weckt Yu Ling den Jungen. Gestern stand sie den ganzen Abend in der Küche und hat Leckereien für ihren gemeinsamen Ausflug gezaubert. Ananas- Zuckermelonenstückchen, Erdbeeren ...

Während der Hausherr Chopin hört, weckt Yu Ling den Jungen. Gestern stand sie den ganzen Abend in der Küche und hat Leckereien für ihren gemeinsamen Ausflug gezaubert. Ananas- Zuckermelonenstückchen, Erdbeeren und Pfirsiche, Fleisch- und Fischspieße mit verschiedenen Dips, wie es sich für ein Barbecue gehört. Der Junge putzt seine Zähne und Yu Ling sucht ihm unauffällige Kleidung heraus. Als sie ihm den grauen Pulli überziehen will, mault er, dass er den gelben will. Sie ignoriert seinen Protest. Sie müssen sich beeilen, bevor Kuan Kuans Mutter wiederkommt. Sie würde nicht wollen, dass sie sich vom Villengelände entfernen. Draußen wartet der Van ihres Freundes, der Chauffeur der Familie hat andere Aufträge. Sie hat alles durchgeplant.

Sie fahren aus Peking hinaus, Kuan Kuan kurbelt das Fenster herunter und hält den Kopf raus. Juchzend folgt der Oberkörper. Er soll das lassen, schreit Yu Ling, aber der Junge hört nicht. Ein Lkw rauscht vorbei, der Junge schreit dem Fahrer etwas zu, der legt eine Vollbremsung hin. Als er aussteigt, geht er um den Wagen herum und flucht, er hatte gedacht, ihm sei ein Reifen geplatzt. Schwäne ruft der Junge und zeigt auf die Ladefläche. Er will einen haben, kreischt er hüpfend. Yu Ling weiß, dass das jetzt noch lange dauern kann, wenn sie nicht nachgibt. Sie nickt ihrem Freund zu, der verhandelt mit dem Fahrer um eine schneeweiße Gans. Ihr Telefon klingelt, Yu Ling geht ran. Sie soll sofort mit dem Jungen zurückkommen, verlangt der Hausherr.

Der Plan war klar umrissen. Sie würden drei Tage mit dem Jungen in den Wäldern verschwinden, dann die Familie kontaktieren und die Lösegeldforderung stellen. Sobald das Geld bei ihnen angekommen wäre, würden sie den Jungen in einem Pekinger Freizeitpark verlieren, sich davon stehlen und die Eltern informieren.

Fazit: Zhang Yueran, eine der wichtigsten Stimmen Chinas und mehrfach ausgezeichnete Autorin, hat mir ein Stück chinesische Gesellschaft gezeigt. Die Protagonistin schuftet rund um die Uhr bei einer elitären Familie als Kindermädchen. Ihr eigentlicher Traum war es, Lastkraftwagen zu fahren, wie ihr Vater. Sie hatte den Führerschein gemacht, um ihm zu zeigen, dass sie mehr taugt als andere Frauen, doch sie blieb unsichtbar und er herablassend. Ein unglückliches Ereignis begrub ihren Traum. Sie lebt in einer fremden Villa mit einer Hightech Küche und täglich fragt sie sich, welche Küchenmaschine sie einmal ihr eigen nennen darf und weiß genau, dass sie sich das niemals wird leisten können. Eifersüchteleien der Mutter des Jungen erschweren das Zusammenleben. Der Drill ihres Vaters hat aus ihr eine disziplinierte, pflichtbewusste Frau gemacht. Ihr Lover hat Geldschwierigkeiten, denen sie mit ihrem Ersparten nicht beikommen kann, loyal wie sie ist, entsteht ein Plan. Die Autorin schreibt bildhaft und ruhig. Sie braucht keinen Pathos, um Stimmung zu erzeugen und mich spüren zu lassen, wie es um die Stellung der Frau in China bestellt ist. Ich weiß von einem Hongkongbesuch, dass in den Ballungsgebieten der überwiegende Teil der Bevölkerung auf kaninchenstallähnlichem Raum lebt und für sehr wenig Geld sehr viel arbeitet. Lebenshaltungskosten und Miete fressen die kleinen Einkommen auf. China ist ein arg menschenfeindlicher Ort. Die Bevölkerung durch strenge Erziehung angepasst, geisterfürchtig, obrigkeitshörig und diszipliniert. In China zu leben, heißt zu funktionieren, das ist fern jeder Lebensqualität. Die vielen Prachtbauten sind nur für die wenigen dekadenten Schönen und Reichen, die ihr Fähnchen in den richtigen Wind gehängt haben. Zhang Yueran hat mir auf ihre unaufdringliche Art ihre Kultur nahegebracht und mich auch noch großartig unterhalten. Absolut lesenswert.

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