Eva Schmidt erzählt so eindringlich wie nüchtern von Abschied und Verlust, aber auch von der Suche nach Verbundenheit und Nähe.
Rosa war Krankenpflegerin, seit sie in Pension ist, hat sie nur mehr wenig mit Menschen zu tun. Die einzige Freundin ist eine ehemalige Kollegin, die Nachbarn halten sie auf Distanz, dabei möchte sie nur helfen. Das Verhältnis zur Mutter war nie gut, es wird nicht besser, seit diese auf Hilfe angewiesen ist und die Tochter mehr und mehr zu vereinnahmen versucht. Und auch einen Mann gibt es, aber der ist verheiratet. Als er überraschend stirbt, bleibt Rosa nur der Campingbus, den er ihr einmal geschenkt hat. Doch was soll sie damit? Ist er eine Chance auf ein anderes Leben, vielleicht die letzte? Als sie den Aufbruch wagt, erreicht sie ein Brief von ihrem Sohn, der vor Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hat. Er wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben – nun weiß sie immerhin, wo er lebt.
Rosa wurde kürzlich pensioniert, sie war Krankenpflegerin in einem Seniorenheim. Ihr Freund ist überraschend verstorben, hinterlassen hat er ihr einen Campingbus, noch ist sie nicht sicher, was sie damit ...
Rosa wurde kürzlich pensioniert, sie war Krankenpflegerin in einem Seniorenheim. Ihr Freund ist überraschend verstorben, hinterlassen hat er ihr einen Campingbus, noch ist sie nicht sicher, was sie damit macht. Mit Menschen hat sie es nicht so, die einzige Freundin kennt sie aus dem Seniorenheim. Spontan fasst sie den Beschluss, reisen zu wollen, als ein Anruf sie darüber informiert, dass ihre Mutter ins Krankenhaus gekommen ist. Leben ist das, was passiert, während man andere Pläne macht.
Die Ich-Erzählerin Rosa scheint kein einfacher Mensch zu sein, die schwierige Kindheit und die zerrüttete Beziehung zur Mutter haben sie geprägt, auch ihre zwischenmenschlichen Erfahrungen halten sich in Grenzen, da sie viel zu jung Mutter wurde und früh gezwungen war, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Erst im Alter ließ sie sich auf die Liebe ein, und auch da war es ein verheirateter Mann. Nun ist er tot und zusätzlich zur Trauer in Wellen gesellt sich die Frage, ob das alles war.
Ein leiser Roman über die Sehnsucht nach etwas, was hätte sein können und nach dem, was vielleicht werden kann. Ein Buch darüber, wie es ist, wenn man etwas ändern will, aber nicht aus seiner Haut kann. Über Enttäuschungen und Hoffnungen, über die kleinen Freuden im Alltag und über verpasste Chancen. Ein wahres Lebens-Psychogramm. Lesenswert!
Jeden Morgen zur gleichen Zeit verlässt sie mit Dom das Haus. An diesem Morgen hält der prasselnde Regen sie eine Stunde zurück. Über ihr Balkongeländer gebeugt, beobachtet sie die Nachbarin, die die Terrasse ...
Jeden Morgen zur gleichen Zeit verlässt sie mit Dom das Haus. An diesem Morgen hält der prasselnde Regen sie eine Stunde zurück. Über ihr Balkongeländer gebeugt, beobachtet sie die Nachbarin, die die Terrasse schrubbt. Er mäkelt, dass die Polster nass geworden sind, weil sie vergessen hat, sie reinzuholen. Es klirrt. Sie schreit, warum er nicht besser aufpassen kann.
Fred hatte sie gefragt, ob sie nicht heiraten wollten. Warum, wollte sie wissen. Wegen des Geldes. Sie bekäme dann einen Teil seiner Pension. Das Geld und das Haus hatte er schon Frau und Kindern vererbt. Sie ist keine Romantikerin, aber hätte er ihr einen richtigen Antrag gemacht, sie hätte wahrscheinlich Ja gesagt.
Sie überquert mit Dom den Marktplatz. Die Sonne hat sich durchgesetzt. Auf dem Friedhof sieht sie nach Freds Grab. Seine Familie hat die Pflege übernommen. Es gibt nichts zu tun. Die Kerze brennt, kein welkes Blatt, die Bepflanzung verträgt Hitze und muss nicht gegossen werden.
Fred verstarb plötzlich, keiner hatte damit gerechnet. Als er aus der Haustüre trat, fiel er einfach um. Seine Tochter rief sie an. Sie könne ihn noch im Aufbewahrungsraum besuchen, solle sich aber bloß nicht bei der Beerdigung blicken lassen.
Fred war bis zum Schluss mit seiner Frau verheiratet gewesen, aber sie lebten schon lange getrennt. Die Tochter hatte sie einmal zufällig kennengelernt, als sie an ihnen vorbeigegangen war. Er war ihr hinterhergelaufen, hatte sie gebeten, noch kurz mit ins Lokal zu kommen und sie kennenzulernen. Sie war nach kurzer Zeit aufgestanden und wieder gegangen.
Fazit: Eva Schmidt hat eine eindringliche Geschichte erschaffen. Sie lässt ihre Ich-Erzählerin über ihren Ist-Zustand sinnieren. Sie hat einen Hund und eine unfreiwillige Freundin, die ehemals Kollegin war. Der Partner verstarb, der Sohn hat schon lange den Kontakt abgebrochen. Rosa ist einsam. Sie vermisst ihren Sohn und ihren besten Freund Fred. Was mich an dieser Erzählung so fasziniert ist, dass sie so unaufgeregt daherkommt. Rosa ist ein bisschen resigniert, weiß nicht, was sie vom Leben noch erwarten kann, ob das alles gewesen sein soll. Die Autorin lässt mich in die ganz triviale Alltagstiefe hinabblicken. Zeigt mir die Fallhöhen, die wir alle zu bewältigen haben, Verlust, Einsamkeit, Altwerden, seltsame Nachbarn, unverständliche Feindschaften, oberflächliche Freundschaften, eine emotional manipulative Mutter und der Wunsch nach Intimität und Wertschätzung. Eva Schmidt zeigt mir das pure Leben, frei von Hysterie und Geschwätz. Und ich habe mich in diese Rosa verliebt, weil sie voll knorke ist, ihr Leben wuppt, ohne daran zu zerbrechen, gnadenlos ehrlich zu sich ist und eine Nüchternheit an den Tag legt, die ich mir auch manchmal wünsche. Das hat mir so gut gefallen. Bravo!
Rosa lebt zurückgezogen. Von ihrem Sohn hat sie lange nichts gehört, ihre einzige Freundin ist eine ehemalige Kollegin und mit den Nachbarn hat sie auch nicht viel zu tun. Der Mann, den sie geliebt hat, ...
Rosa lebt zurückgezogen. Von ihrem Sohn hat sie lange nichts gehört, ihre einzige Freundin ist eine ehemalige Kollegin und mit den Nachbarn hat sie auch nicht viel zu tun. Der Mann, den sie geliebt hat, ist vor kurzem verstorben aber auch das war nicht so einfach. Was ihr bleibt ist ein vererbter Campingbus und eine Mutter, die mit Vorwürfen ihr gegenüber recht großzügig ist.
Erzählt wird uns hier ganz nüchtern und unaufgeregt. Es passiert nicht viel aber unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Rosa ist an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Wie es weitergeht weiß sie noch nicht. Sie sehnt sich nach Nähe und Zugehörigkeit. Das wird uns ganz wunderbar und zart näher gebracht. Die großen Themen hier sind Trauer, Generationenkonflikte und Einsamkeit. Ganz alltägliche Dinge, doch das so schön erzählt. Rosa reflektiert, klagt an. Mit ihren Eltern hadert sie gewaltig, die Mutter schon immer sehr anstrengend gewesen, der Vater hatte außer Affären nicht viel dagegenzusetzen.
Ein Roman der leisen Zwischentöne, emphatisch und poetisch. Empfehle ich euch sehr gern weiter.
Eva Schmidts neuer Roman Neben Fremden hat hohe Qualität aufzuweisen.
Rosa ist eine zurückhaltende Frau. Der Freund gestorben, die Mutter eine Last und der schon erwachsene Sohn seit Jahren entfremdet.
Ihre ...
Eva Schmidts neuer Roman Neben Fremden hat hohe Qualität aufzuweisen.
Rosa ist eine zurückhaltende Frau. Der Freund gestorben, die Mutter eine Last und der schon erwachsene Sohn seit Jahren entfremdet.
Ihre ganze Liebe gehört dem Hund, aber auch der ist alt und krank.
Es ist ein ruhiger Roman, um eine gefasste, ruhige Frau. Aber doch gibt es hier große Emotionen, nur sind sie gschickt unter der Oberfläche verborgen.
Das ist großartig gemacht.
Wie schon in Die untalentierte Lügnerin konnte mich die Autroin auch mit diesem Roman stilistisch begeistern.
Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.
Und ...
Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.
Und zwar nicht, weil „Neben Fremden“ so unvorstellbar aufregend oder spannend war, sondern weil Schmidt in ihrem Roman so grandios und so treffsicher von einem ganz banalen Leben erzählt. Von so einem Leben, wie du und ich es vielleicht auch haben.
Die Ich-Erzählerin Rosa ist eine ältere, mittlerweile verrentet Frau, die zusammen mit ihrem Hund in einer kleinen Wohnung wohnt. Gerade erst ist ihr Freund Fred gestorben, mit dem sie eine längere Beziehung hatte, obwohl er noch mit einer anderen Frau verheiratet war.
Von Fred hat sie auch erst vor kurzem cheinen Campingbus geschenkt bekommen, eigentlich für gemeinsame Touren und Ausflüge.
Rosa hat außer einer Freundin und ihrer Mutter ansonsten nicht viele Sozialkontakte, sie hält Distanz zu Nachbarn und sucht auch nicht aktiv nach Anschluss. Nur dass sie zu ihrem Sohn schon lange keinen Kontakt mehr hat, schmerzt sie manchmal.
Freds Tod hat sie nachdenklich gemacht, und sie beschließt, mit dem Camping Bus ein paar Tag wegzufahren.
Was bei anderen Autor*innen vielleicht der Anfang zu einem aufregenden Selbst-Findungs-Roadtrip inklusive Neustart und YOLO-Vibes wäre, ist es bei Schmidt all das nicht.
Die Gewohnheiten, der Alltag und die inneren und äußeren Zwänge und Verstrickungen sind eng für die Erzählerin und binden sie an ihr Leben.
„Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele.
Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich.“
Und dann wird ihre Mutter krank, zu der Rosa ebenfalls ein merkwürdig distanziertes Verhältnis hat. Schmidt beschreibt eine Mutter-Tochter Beziehung, die vielleicht typisch ist für die Generation meiner Eltern, zu der auch die Autorin gehört.
„Ich hatte sie gekränkt, hatte sie nicht ernst genommen, hatte versucht, sie aufzumuntern, anstatt zu trösten. Ich hatte kein Verständnis für sie, obwohl sie meine Mutter war und alles für mich getan hatte.“
Es ist diese Sprach- und Wortlosigkeit, die in so vielen Familien herrscht, die auch Rosas Aufwachsen geprägt hat und die in Schmidts Roman so deutlich hervorsticht.
„Neben Fremden“ ist auch ein Roman über Abschiede, über ungelebtes Leben, über „hätte, hätte, Fahrradkette“, über verpasste und verstrichene Möglichkeiten. Über die Enge des Lebens und die Unfähigkeit und Unmöglichkeit diese zu überwinden.
„Meinem Vater fehlte es an Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Er wollte leben, wusste nur nicht, wie. Genau wie ich.“
Und immer wieder das große Überthema, das auch schon im Titel steckt: “Neben Fremden” ist ein Roman über den Wunsch nach einer Verbindung zu anderen Menschen und über die Sehnsucht, anderen wirklich nahe zu sein.
Großartig finde ich dabei, wie leise und realistisch Schmidt diese großen und universellen Themen heraus arbeitet. Ich finde leise Erzähltöne oft, naja, langweilig, aber hier finde ich es berührend. Gerade auch, dass Schmidt mir keine Wertung vorgibt, gefällt mir und rührt mich.
„Neben Fremden“ ist damit so ein bisschen der Gegenentwurf von Romanen wie „Eat, Pray, Love“ (die natürlich ebenfalls toll seien können und ihre Berechtigung haben).
Ich find „Neben Fremden“ ganz unspektakulär einfach toll.
Kritik habe ich allerdings für die Kurzbeschreibung auf der Umschlagsseite, die meiner Meinung nicht gut gelungen ist, zuviel und das Falsche vorweg nimmt und dem Roman nicht gerecht wird.