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Veröffentlicht am 08.01.2026

Grausames Spiel um Leben und Tod

Blutwild
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Vor sechs Jahren ist die ehemalige Kriminalkommissarin Anka ihrem sadistischen Peiniger entkommen. Dies kostete sie einen ihrer Unterschenkel und sie leidet seitdem an Panikattacken. Als sie einen Hilferuf ...

Vor sechs Jahren ist die ehemalige Kriminalkommissarin Anka ihrem sadistischen Peiniger entkommen. Dies kostete sie einen ihrer Unterschenkel und sie leidet seitdem an Panikattacken. Als sie einen Hilferuf auf ihrem Handy mit GPS-Koordinaten bekommt, siegt ihre Neugier. Am Zielort erwartet sie das nackte Grauen und ihre geheime Befürchtung, dass der Falsche für das Verbrechen im Gefängnis sitzt, scheint sich zu bewahrheiten. Ist ihr Entführer zurück und will sie erneut quälen? In ihr erwacht die Polizistin und sie beginnt zu recherchieren, bis der Worst Case eintritt: Anka wird erneut entführt.

Blutiger und actionreicher Thriller mit sadistischem, sehr grausamem Täter und starker Protagonistin, die nicht Opfer sein will und sich ihren Ängsten stellt. Die sehr passende Umschlaggestaltung springt ins Auge und hätte nicht besser gewählt sein können. Mit Anka lebt man sofort mit, ihre völlig verständliche Neugier und die ehemalige Kommissarin in ihr lassen sie Nachforschungen anstellen und ihre Zweifel stetig wachsen. Da ihr keiner ihrer ehemaligen Kollegen glaubt, wird sie selbst tätig. Einzig in ihrer Nachbarin und Freundin Izzy findet sie eine Zuhörerin und Unterstützerin.

Die eher geringe Seitenzahl des Thrillers täuscht, die Geschichte ist inhaltlich kompakt und wird mit Rückblenden zwischen Gegenwart und unterschiedlich lange zurückliegender Vergangenheit erzählt. Während in der Gegenwart die Geschehnisse aus Ankas Sicht beschrieben und tiefe Einblicke in ihre Ängste und ihr Seelenleben gewährt werden, gehen die Rückblicke mit Perspektivwechseln einher. Hier stechen besonders die Passagen, die aus Tätersicht erzählt werden, ins Auge. Mir gefiel die perfide Persönlichkeit des Täters sehr gut, sein Hintergrund und die daraus entstandenen Traumata und der psychologische Aspekt daran, auch wenn ich fand, dass dieser Aspekt generell etwas zu kurz kam. Da schon das Vorwort die Richtung aufweist, wo es hingeht, hätte ich mir mehr Einblicke in die gestörte Seele des Täters gewünscht.

Etwa ab der Hälfte der Geschichte tritt dann der Worst Case ein, die erneute Entführung und der Beweis, dass Anka recht hatte. Ein brutales und perfides Spiel um Leben und Tod beginnt, bei dem das Blutwild gejagt wird. Die Menschenjagd ist sehr spannend und als Leser folgt man atemlos den immer wieder auftretenden Wendungen von Gefangennahme und erneutes Entkommen. Besonders gefesselt haben mich hier die Darstellung der Erschütterung von Ankas Vertrauen sowie die Situationen, wenn sie ihrem Peiniger gegenübersteht. Beides sind eigenwillige und dominante Persönlichkeiten und trotz ihrer Traumata starke Charaktere mit großem Überlebenswillen. Dieses Psychoduell hätte ich gerne noch ausführlicher verfolgt. Dennoch war es sehr spannend zu lesen, wie Anka immer eine Lösung findet und sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden will. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden findet seinen Höhepunkt im aufregenden Finale mit einer überraschenden Aktion einer Protagonistin, die man so nicht erwartet hätte.

Was weitgehend unterging, war die Ermittlungsarbeit von Ankas ehemaligen Kollegen, die sie zunächst nicht ernst nehmen, dann aber doch aktiv werden müssen und beim Finale plötzlich und aus für mich nicht hundertprozentig nachvollziehbaren Gründen auftauchen. In meinen Augen hätte man die Menschenjagd immer mal wieder durch das Einspielen der Ermittlungstätigkeiten unterbrechen und so die Spannung auf das Finale erhöhen können. Die Charaktere der Ermittler blieben demgemäß eher blass.

Fazit: Solider und spannender Thriller, der von den starken Täter-Opfer-Persönlichkeiten und ihrem Duell lebt. Einiges in der Storyline wäre meiner Ansicht ausbaufähig und ausführlicher zu beschreiben gewesen, dennoch fesselt die Geschichte von der ersten Zeile an und sie lässt sich dank des sehr eingängigen Schreibstils der Autorin sehr flüssig lesen. Nichts für Fans des Whodunnit-Krimis, aber für alle, die blutige Action mögen.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Gabe oder Fluch: In dieser Adaption polarisiert Medea als Mensch und Hexe

Medea
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Medea, die Prinzessin von Kolchis, hat die Gabe der Zauberei, was sie zur Außenseiterin in ihrer Familie und in der Gesellschaft macht. Ihr Vater nutzt sie für seine Zwecke aus, sperrt sie ein, unterdrückt ...

Medea, die Prinzessin von Kolchis, hat die Gabe der Zauberei, was sie zur Außenseiterin in ihrer Familie und in der Gesellschaft macht. Ihr Vater nutzt sie für seine Zwecke aus, sperrt sie ein, unterdrückt und musshandelt sie. Medea strebt danach, ihrem Gefängnis zu entfliehen. Die Chance bietet sich ihr in Gestalt von Jason, der mit seinen Argonauten das Goldene Vlies in seinen Besitz bringen will. Medea hilft ihm und unter großen Gefahren erreichen sie Jasons Heimat Iolkos. Dort will sie ihm zur Königswürde verhelfen, sie scheitern jedoch und werden aus Iolkos verbannt. Obwohl sie heiraten, zwei Söhne bekommen und Medea ihre Gabe unterdrückt, bleiben sie Außenseiter. Als Jason sich eine neue Frau nehmen will, sieht Medea rot.

Bildgewaltig, dramatisch, erschütternd! Auch wenn die Autorin sich eng an den antiken Dramendichtern orientiert, ist ihre Interpretation des Medea-Mythos doch einzigartig. Ihre Medea ist außergewöhnlich, verletzlich, zerrissen, schwankend, menschlich und doch göttlich, mächtig und doch ihren Gefühlen ausgeliefert. Ihr Charakter ist zwiespältig und vielschichtig, sie polarisiert und als Leser schwankt man zwischen Mitleid und Abscheu. Ist sie anfangs noch empathisch, hilfsbereit, naiv, ein Opfer ihres tyrannischen Vaters, wird sie mehr und mehr zur bösen Hexe, die sich auf die dunkle Seite der Macht schlägt und kein Erbarmen mehr kennt. Dennoch kann man als Leser nicht umhin, Verständnis für sie und ihre Entscheidungen aufzubringen, die aus ihrer tiefen Unsicherheit und ihr Streben nach Liebe und Anerkennung herrühren. Medea erfährt jahrelange Unterdrückung und physische und psychische Gewalt, so etwas wie Urvertrauen kann sie nicht aufbauen. Dies erklärt ihre zerrissene Seele, die für jede Art von Einflüsterung und Manipulation zugänglich ist.

Formal untergliedert sich der Roman in vier Teile, an deren Ende jeweils Wendepunkte für Medeas Leben stehen. Der erste endet mit der Verzauberung des Goldenen Vlieses und dem gescheiterten Versuch, ihrem Gefängnis zu entfliehen. Medea muckt zum ersten Mal auf. Den größten Teil nimmt der zweite Block ein, Jason tritt auf den Plan. Wer denkt, dass Jason der strahlende Held ist, irrt. Er ist ein Narziss, ein geschickter Manipulator und Verführer, auf seine Art ein ebensolcher Zauberer wie Medea, denn er verzaubert Menschen und kann sie für sich gewinnen. Dabei behält er stets sein Ziel im Auge, welches rein egoistisch ist, nämlich Macht zu erlangen, über andere zu herrschen, Anerkennung zu finden. Dafür geht er über Leichen, vermeidet es aber tunlichst, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Jason wird im Laufe der Geschichte für mich immer mehr zum Antihelden in seiner schändlichsten Form. Er manipuliert, lügt, betrügt, verdreht die Wahrheit, bedient sich Medeas Macht und will sie beherrschen. Sobald er sie nicht mehr benötigt, entledigt er sich ihr.

Auch wenn Medea immer wieder Zweifel hat und auch von außenstehenden Personen, wie der Kriegerin Atalante oder ihrer Tante Circe, gewarnt wird, kann sie sich den Engelszungen Jasons nicht entziehen. Aufgewachsen unter strenger Ägide ihres gewalttätigen Vaters, unter ständiger Beobachtung, einsam, mit schwacher Mutter wird sie ständig auf ihren vermeintlichen Defekt, ihre Magie, hingewiesen. Einerseits bedient man sich gerne ihrer Gabe, andererseits ist alles ist ihre Schuld. In dieser archaischen, von Männern dominierten Welt, in der Frauen praktisch nichts gelten, haben diese zu gehorchen und still zu halten. Passt eine nicht ins Schema, wird sie verstoßen. Als Jason aus Iolkos verbannt wird, geht Medea mit ihn, immer noch nicht gewahr, dass sie allein besser dran wäre. Weitere zehn Jahre zwingt er sie als ihr Ehemann dazu, ihre Macht zu unterdrücken und nur Hausfrau und Mutter zu sein. Sie, die nie mütterliche Liebe kennen gelernt hat, kann ihren Söhnen keine gute Mutter sein. Erneut lässt sie sich von Jason unterdrücken und ihr ureigenstes Wesen verleugnen, aber auch das ist nicht genug.

Der Übergang zu Teil vier ist ein Donnerschlag und der ultimative Wendepunkt. Medea erkennt, dass Jason jede Verantwortung ablehnt und dass er sich nie ändern wird. Ihre einzige Rechtfertigung für ihre Taten, nämlich die vermeintlich große Liebe und gemeinsame glückliche Zukunft, gibt es nicht. Der Zorn auf Jason und auch auf sich selbst bestimmt ihre Rache. Ihr Rachefeldzug gegen Jason ist allumfassend und schließt die gemeinsamen Söhne mit ein. Könnte man ihr Aufbegehren als etwas Positives begreifen? Das vermeintlich Gute, nämlich dass sie ihre eigenen Entscheidungen trifft und ihre Gabe zu etwas Positivem nutzt, wird ins Gegenteil verkehrt. Sie wird zur gefühllosen, kühlen Pragmatikerin, die nur noch zu ihrem eigenen Vorteil handelt und davon überzeugt ist, dass sie das Richtige tut. Um ihre Ziele zu erreichen, unterwirft sie sich komplett den dunklen Mächten, vor denen Circe sie gewarnt hat. Dafür muss sie einen hohen Preis zahlen: den Verlust ihrer Menschlichkeit. So wird die Geschichte im vierten und letzten Teil denn auch nicht mehr aus ihrer Perspektive erzählt, sondern aus der ihrer Schwester Chalkiope. Der Perspektivwechsel symbolisiert die Entpersonalisierung Medeas und lässt Chalkiope ebenso wie den Leser daran zweifeln, ob Medea noch ein Mensch ist.

Wie in den antiken griechischen Epen ist auch in diesem Roman Medeas Ende offen. Bei aller Düsterkeit gibt uns die Autorin ein bisschen Hoffnung in Gestalt von Chalkiope, einer Figur, die für mich tatsächlich eher schwach und unwirklich war, die aber deutlich an Kontur und Selbstsicherheit gewonnen hat. Während die anderen Figuren Medeas Leben begleitet und einen unterschiedlichen Einfluss auf sie ausgeübt haben, ist es schlussendlich die Schwester, die ihr in einem Akt der Gnade die Hand reicht.

Fazit: Auch als in der griechischen Mythologie wenig Bewanderter kann man den Roman als mythisch-fantasievolles Epos lesen, dennoch ist die Kenntnis der rudimentären Geschichte von Vorteil. Den Leser erwartet in jedem Fall ein fulminantes, bildgewaltiges Werk mit polarisierender Hauptfigur, in deren Leben man eintaucht und die sowohl Mitleid und Sympathie als auch Abscheu und Schrecken hervorruft. Fesselnd ist es immer und der Stil der Autorin ist ein wahres Vergnügen. Stark!

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Wiedersehen in Coopers Chase - Der 5. Fall für die Hobby-Ermittler aus dem Seniorenheim

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code (Die Mordclub-Serie 5)
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Die vier vom Donnerstagsmordclub sind gerade jeder mit seinen eigenen Dingen beschäftigt: Elizabeth trauert, Ron hat Familienprobleme, Ibrahim führt Gespräche mit seiner Lieblingskriminellen Connie und ...

Die vier vom Donnerstagsmordclub sind gerade jeder mit seinen eigenen Dingen beschäftigt: Elizabeth trauert, Ron hat Familienprobleme, Ibrahim führt Gespräche mit seiner Lieblingskriminellen Connie und Joyce ist mit der Hochzeit ihrer Tochter ausgelastet. Als der Trauzeuge des Bräutigams Elizabeth um Hilfe bittet, weil er eine Bombe unter seinem Auto gefunden hat, sind ihre Neugier und ihre Lebensgeister wieder geweckt und der Club hat einen neuen Fall.

Der fünfte Fall des Donnerstagsmordclub ist ein Wiedersehen mit lieb gewonnen Figuren und die Weiterführung ihrer persönlichen Geschichte und vielen Gefühlen. Er verknüpft die moderne Cyberwelt mit traditionellen Berufen und Geschäftspraktiken und zeigt einmal mehr, dass man Altbewährtes nicht ad acta legen sollte. Mir hat gut gefallen, wie die vier mit ihrer Lebenserfahrung und viel Mut und Aufopferungsbereitschaft zu Werke gehen und sich auch nicht scheuen, die Hilfe jüngerer, vermeintlich weniger erfahrener oder schlauer Menschen anzunehmen. Ich fand es wunderbar, dass Ron eine tragendere Rolle als sonst spielt und dass er durch seine Aktion zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, weil er durch kluge Voraussicht gleich noch einem Verbrecher das Handwerk legt. Ebenfalls überzeugt haben mich die Figuren von Rons Enkel Kendrick und Mia, die durch ihre lässige Cleverness entscheidend zur Lösung des Falles beitragen. In bewährter Manier wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, so das man als allwissender Leser einiges mehr erfährt als jeder der Protagonisten. Joyce schreibt wieder Tagebuch und unterhält mit ihren köstlichen Ansichten zu Menschen und Ereignissen und auch sonst kommt der typische trockene Humor nicht zu kurz.

Im Vergleich zu den anderen Fällen des Donnerstagsmordclubs fällt dieser meines Erachtens ein bisschen ab. Vermisst habe ich die Verve und die Cleverness von Elizabeth und das Zusammenspiel mit Joyce. Dass jeder mit seinen persönlichen Dramen zu tun hat, drängt meines Erachtens den Hauptfall zu stark in den Hintergrund. Ibrahims Verbindung zur Drogenkönigin Connie führt dazu, dass man alles über deren Pläne mit ihrem Mündel Mia und deren Coup erfährt, was zwischendurch etwas langatmig wird. In Rons Familie wiederum hängt mehr schief als nur der Haussegen. Immerhin nimmt der Fall aber durch die Kontakte und Initiative der beiden reichlich Fahrt auf. Das Dreamteam Elizabeth und Joyce geht zwar zusammen los, gibt aber wenig Impulse, und Elizabeths geheime Kontakte werden zwar genutzt, haben aber keinen Aha-Effekt. Vieles verpufft und wird nicht weiterverfolgt. Joyce‘ Miss-Marple-Schläue kommt diesmal gar nicht zum Tragen, einen wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit dem Fall erfährt zwar ihre Tochter Joanna, aber dieses Wissen bleibt ungenutzt.

Alles in allem fand ich das Ganze nicht so verzwickt und spannend wie die vorangegangenen Fälle, die Kriminellen waren nicht so böse, es gab wenig überraschende Wendungen und die Auflösung blieb eher weichgespült. Es war aber dennoch eine Freude, über die munteren Senioren zu lesen und auch über andere, ebenfalls vertraute Figuren wie Donna und Bodgan. Der ironisch-humorige Stil des Autors macht einfach Spaß und der Club ist mir ans Herz gewachsen. Wie Joyce am Ende in ihrem Tagebuch notiert, ging es eben nicht hauptsächlich um Codes, sondern um andere Dinge, die im Leben wichtig sind, nämlich um Freundschaft und darum, alles für die zu tun, die man liebt.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

Sterben auf eigene Gefahr! Ein Trauerredner stolpert in seinen ersten Fall

Über die Toten nur Gutes
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Trauerredner Mads führt in Glücksburg ein eher beschauliches Leben. Er lebt mit seinem Vater Fridtjof, dessen Beerdigung vorab geprobt werden muss, und seiner Malteser-Hündin Bobby zusammen und trifft ...

Trauerredner Mads führt in Glücksburg ein eher beschauliches Leben. Er lebt mit seinem Vater Fridtjof, dessen Beerdigung vorab geprobt werden muss, und seiner Malteser-Hündin Bobby zusammen und trifft sich mit Freund Fiete zum Bier. Sein Trott wird empfindlich gestört, als er einen Brief von seinem alten Freund Patrick erhält, zu dem er keinen Kontakt mehr hatte, seit dieser plötzlich verschwand. Nun ist Patrick tot, angeblich durch einen Unfall, und Mads soll die Trauerrede halten. Bei seiner Recherche trifft Mads auf alte Bekannte, finstere Gesellen, ein dichtes Lügengeflecht und bringt doch unverhoffte Wahrheiten ans Licht. Als ihm klar wird, dass Patricks Tod vielleicht doch kein Unfall war, sticht er weiter ins Wespennest und bringt dabei sich selbst und seinen Anhang in tödliche Gefahr.

Gut konstruierter, sehr gut geschriebener und spannender Krimi mit viel Humor und norddeutschem Lokalkolorit. Wer jetzt aber einen seichten Wohlfühl-Krimi erwartet, bei dem man sofort weiß, was Phase ist, irrt sich: Auch wenn das Land platt ist, der Krimi und der Stil sind es nicht. Der Start ist erst einmal humorig und sagt viel aus über die skurrilen und eigensinnigen Menschen und ihre Eigenheiten. Man ist sofort in der Geschichte drin und verliebt sich auf der Stelle in Mads Vater und seine Marotten. Die Story wird fortlaufend erzählt und ist unterteilt in fünf Teile (ein Brief, ein Knopf, ein Monster, ein Finger, Schausende), die die Quintessenz des Teils auf den Punkt bringen.

Die Story ist sehr stark auf Mads ausgerichtet und wird komplett aus seiner Sicht erzählt. Dennoch, und das spricht für die Erzählkunst des Autors, bekommen auch die anderen ihren Stempel aufgedrückt. Alle haben ihre Persönlichkeit, ihren sehr eigenen Charakter und sind tiefgründig gestaltet, und so kommt man nicht umhin, neben Mads noch zu einigen anderen eine innige Zuneigung zu entwickeln. Bei mir war es neben Fridtjof (bei dem sich auch noch Abgründe auftun, nur so als Vorwarnung) Hauptkommissarin Mills (herrlich bissig, intelligent, Marke harte Schale, weicher Kern) auch noch Laura, neue Liebe von Mads Kumpel Fiete, die erheblich zum Gelingen des Falles beiträgt und die letztlich die Kohlen aus dem Feuer holt. Überhaupt: Wenn die Damen der Schöpfung nicht wären, sähen die manchmal doch sehr naiv und fern des gesunden Menschenverstandes agierenden Herren recht alt und ziemlich tot aus.

Mads für seinen Teil kann gut für seine Reden im Leben eines Verstorbenen recherchieren, ist aber absolut unbedarft, was in Patricks Fall auf ihn zukommt. Je mehr er mit alten und neuen Bekannten von Patrick, seines ehemals besten Freundes, spricht, desto tiefer taucht er in dessen neues Leben ein und desto mehr seiner eigenen verdrängten Erinnerungen kommen ans Licht. Warum ist Patrick damals spurlos verschwunden? Welchen Anteil hatte er, Mads, daran? Auch wenn zwischendurch immer mal wieder das Cosy Crime-Genre die Oberhand hat, wenn etwa Mads mehr damit beschäftigt ist, mit seinem Vater Bingo zu spielen als zu ermitteln und der Kriminalfall dadurch in den Hintergrund tritt, so wird er doch schnell, und mit ihm der Leser, schmerzhaft daran erinnert, seine Nase besser nicht allzu tief in Patricks Machenschaften zu stecken. Als er es doch tut, wird er plötzlich vom organisierten Verbrechen dazu auserkoren, den Kopf für die Verfehlungen seines ehemaligen Freundes und seiner Kumpane hinzuhalten, nachdem nach und nach alle anderen aus Patricks Umfeld spurlos verschwunden sind oder ermordet wurden. Für Mads spricht seine Loyalität, sein absolutes Bestreben, die Wahrheit herauszufinden, sein unerschütterlicher Optimismus und letztlich die Sorge um seine Lieben. Dies treibt ihn im letzten Drittel der Geschichte zu Höchstleistungen an und so nimmt die Story noch einmal mächtig an Fahrt auf und an Spannung zu.

Fazit: Kein klassischer Whodunnit-Krimi, auch kein Cosy Crime, aber ein solide konstruierter Krimi, der meines Erachtens hauptsächlich von seiner sympathischen Hauptfigur und dessen skurrilem Umfeld lebt. Eine gute Geschichte, die sich hervorragend für die wieder dunkler werdenden Herbstabende vor dem Kamin (oder sonst einem warmen Ort) eignet und sich sehr gut lesen lässt. Vorausschauend sei gesagt, dass ein zweiter Fall für Mads bereits in Arbeit und für nächstes Jahr geplant ist. Kommt auf jeden Fall auf meine Liste.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Who is Mom? Spannender Thriller um Identitätssuche und Mutter-Tochter-Verhältnisse

Love, Mom
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Mackenzies Mutter, eine berühmte und gefeierte Star-Autorin, ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Mackenzie, die kein besonderes gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hatte, verachtet das Spektakel um die ...

Mackenzies Mutter, eine berühmte und gefeierte Star-Autorin, ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Mackenzie, die kein besonderes gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hatte, verachtet das Spektakel um die Beerdigung und um ihre Mutter ganz allgemein. Da tauchen Seiten aus einem Tagebuch auf, offensichtlich geschrieben von ihrer Mutter, mit geheimnisvollen Hinweisen auf tragische Ereignisse in deren Vergangenheit. Mackenzie beginnt, den Dingen auf den Grund zu gehen, und erkennt, dass ihr Leben auf einer großen Lüge aufgebaut ist.

Sehr spannender Psychothriller mit vielen Wendungen und Überraschungsmomenten. Die Autorin versteht es trefflich, subtile
Spannung aufzubauen und diese zu halten, ohne in abstrus-blutige Action abzudriften. Die Spannung speist sich hauptsächlich aus der Tatsache, dass man einfach nie weiß, wem Mackenzie wirklich trauen kann. Dadurch, dass man sofort mit ihr mit lebt und eine recht persönliche Beziehung zu ihr aufbaut, will man unbedingt wissen, was es mit der Vergangenheit ihrer Mutter auf sich hat und wie sich das auf ihr Leben auswirkt.

Der sehr eingängige Stil der Autorin, ihr sehr schlüssiger Plot und die tiefgründige Beschreibung der Charaktere machen das Buch zu einem echten Pageturner. Aus vielen verschiedenen Perspektiven und auf zwei Zeitebenen erzählt sie die Geschichte, so dass am Ende ein umfassendes Bild der Geschehnisse ans Licht kommt. Zwischendurch weiß der Leser durch den Zeitsprung in die Vergangenheit mehr als Mackenzie in der Gegenwart, die dies erst noch herausfinden muss, was die Spannung weiter erhöht. Mackenzie durchlebt eine breite Palette an Gefühlsregungen und wechselt häufig zwischen Gleichgültigkeit, Misstrauen, Wut, Selbstzweifel bis hin zur Todesangst. Dass ausgerechnet in ihrer eigenen Familie die größte Gefahr lauert, wird ihr fast ein bisschen zu spät klar.

Ich fand besonders das Thema Identität und die einen Menschen definierenden Charaktereigenschaften faszinierend, die letztlich den Unterschied zwischen zwei sich äußerlich ähnelnden Personen ausmachen. Die Passivität und Naivität einer Person machte mich genauso wütend wie die elegante, aber falsche und sehr gefährliche Fürsorge einer anderen. Dass Mackenzie vieles schnell durchschauen und alles durchstehen kann, verdankt sie nicht zuletzt dem sehr cleveren Mann an ihrer Seite, dem einzigen, dem sie rückhaltlos vertrauen kann und meine zweitliebste Figur im Buch. Die Charaktere sind durchweg gut gezeichnet und fast jeder bekommt eine Stimme innerhalb der Geschichte. Eingerahmt von Pro- und Epilog liefert die Autorin denn auch die ultimative Auflösung. Dass ausgerechnet eine recht unsympathische Nebenfigur das letzte Wort hat, trübte mein gutes Gefühl zum Schluss ein bisschen, da hätte meines Erachtens ein kleiner Cliffhanger nicht geschadet. Das Lesevergnügen insgesamt wurde dadurch aber nicht in getrübt.

Fazit: Sehr spannender Thriller mit Psychospielchen, Familiengeheimnissen und einer interessanten Hauptfigur auf der Suche nach ihrer und manch anderer Identität. Gut konstruierter Plot und eine gut durchdachte Story, die ohne reißerisch-blutige Action auskommt und der es gerade deswegen gelingt, von der ersten Zeile an zu fesseln. Die Autorin sollte man sich auf jeden Fall merken!

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