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Veröffentlicht am 13.02.2026

Über das Glück in der zweiten Lebenshälfte

Wir Freitagsmänner
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Für den Mittfünfziger Henri Albers läuft es gerade nicht so rund. Er hat bei seiner Scheidung nichts behalten außer jeder Menge Schuldgefühle, sein Arzt diagnostiziert Wechseljahre und verordnet eine komplette ...

Für den Mittfünfziger Henri Albers läuft es gerade nicht so rund. Er hat bei seiner Scheidung nichts behalten außer jeder Menge Schuldgefühle, sein Arzt diagnostiziert Wechseljahre und verordnet eine komplette Lebensumstellung und zu allem Überfluss bekommt sein Bart Löcher. Wird er etwa alt? Als er bei einem missglückten Date zufällig auf seine Traumfrau trifft, setzt er alles daran, sie näher kennen zu lernen. Wie gut, dass sie Life Coach ist! Wenn das mal nicht der perfekte Aufhänger ist, um sich von ihr sein Leben optimieren zu lassen. Leider läuft nicht alles so wie geplant.

Herrlicher Roman über einen Mann in den besten Jahren, der die Midlife-Crisis erfolgreich hinter sich gebracht hat und nun Angst hat, aufs Abstellgleis abgeschoben zu werden. Mit wunderbarer Leichtigkeit, aber auch der nötigen Schwermut, nie seicht, sondern sehr tiefgründig und immer empathisch erzählt der Autor von Henri, dem es eigentlich ganz gut geht, der aber nicht komplett immun gegenüber dem allgemein herrschenden Drang zur Selbstoptimierung ist. Da er ein selbstreflektierter Mensch ist, fallen die Salven von außen auf fruchtbaren Boden. Sein Arzt und sein besten Freund Felix verordnen ihm ein gesalzenes Gesundheitsprogramm, seine Frau macht ihm gehörig Schuldgefühle wegen seines Seitensprungs und der Chef im Verlag möchte ihm seinen Job aufs Auge drücken. Alles Dinge, die Henri eher nicht braucht. Schon nützlicher sind die Tipps von Traumfrau und Life Coach Emily, in deren Praxis er sich einschleicht. An sich will er sie nur zu einem Date überreden, aber dann erweisen sich ihre Tipps und Anregungen als ungeheuer hilfreich für sein neues Lebensgefühl. Und so erkennt er, dass er nicht nur ein Freitagsmann ist, sondern je nach dem auch mal ein Mittwochs-, Donnerstags- oder Sonntagsmann sein darf.

Der Autor versteht es meisterhaft, in sehr eingängigem, lockerem Stil die alltäglichen Geschehnisse und Gedanken Henris zu erzählen, mit einer guten Prise Humor und immer voller Sympathie mit seinem Helden seine Kümmernisse, Selbstzweifel und Gefühlsausbrüche aufs Trapez zu bringen, ohne ihn zu verurteilen. Durch die Ich-Perspektive kommt man als Leser Henri sehr nah, man lebt mit ihm mit und er wird zu einem guten Freund. Im Laufe des Buches kann man so verfolgen, wie Henri reift, wie er wieder Selbstbewusstsein bekommt und letztlich lernt, was ihm guttut und was nicht. Auch die anderen Figuren sind bestens beschrieben, besonders Henris bester Freund Felix sorgt für einiges Schmunzeln und macht ebenso eine positive Entwicklung wie auch Jenny, Henris Ex, die zum Glück von ihrem nervigen und belehrenden Schuldgefühle-Einreden wegkommt.

Ein kurzer Exkurs sei dem Cover gegönnt, das mit leuchtenden Farben und dem Dachskopf sofort ins Auge sticht. Mir gefiel es sehr gut und ich habe länger darüber nachgedacht, was man dem Leser da wohl mitteilen wollte. Henri ist eher kein Frechdachs und auch kein junger Dachs, schon eher ein Meister Grimbart, der mit dem Ergrauen des Bartes langsam, aber sicher seinen Platz im Leben gefunden hat, der aber noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Der Dachs steht symbolisch oft für Selbstentdeckung und persönliche Entwicklung, was in dem Zusammenhang sehr gut zu Henri passt.

Fazit: Das mit seinen knapp 290 Seiten eher dünne Buch erweist sich als intensive und zu Herzen gehende Geschichte, die immer kurzweilig und kompakt und bisweilen auch überraschend daherkommt und bis zum einigermaßen hoffnungsvollen Ende bestens unterhält. Henri ging mir ins Herz, ließ mich lachen und schmunzeln und gerührt ein Tränchen verdrücken. Nicht nur für Freitagsmänner ein wunderbarer Roman über Selbstbestimmung und das Schmieden des eigenen Glücks.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Von Rache und Überleben in den Schrecken eines unbarmherzigen Krieges

TINTE und SCHWERT
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Südbaden im Frühjahr 1618: Während der junge und ungestüme Grafensohn Heinrich von Hohenfels versucht, als Söldner im Heer von Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz angeworben zu werden, will der fromme ...

Südbaden im Frühjahr 1618: Während der junge und ungestüme Grafensohn Heinrich von Hohenfels versucht, als Söldner im Heer von Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz angeworben zu werden, will der fromme und belesene Bauernbursche Jacob Wolffen ins Priesterseminar aufgenommen werden. Währenddessen sehen sich in der böhmischen Stadt Pilsen die heilkundigen Hebammen Anna und ihre Mutter einem priesterlichen Hexenjäger ausgesetzt. Bei all dem wirft der 30jährige Krieg seine Schatten voraus und so treffen die drei in den Wirren des Krieges aufeinander. Jacob wird von Heinrich gefangen genommen und als Schanzknecht an das Heer des Söldnerführers Ernst von Mansfeld verkauft, seine Familie ausgelöscht. Als von Mansfeld Pilsen erobert und besetzt, treffen Jakob und Anna aufeinander. Beide haben ein gemeinsames Ziel: Rache an ihren Peinigern.

Großartiges und sehr emotional beschriebenes Sittengemälde einer Zeit, in der Moral und Ethik über Bord geworfen werden und in der jeder auf sich allein gestellt zusehen muss, wie er überlebt. Meisterhaft gelingt es dem Autor, die Schrecken des Krieges, die Schlachten, das Blut, die Raserei, das Elend und all die Verzweiflung lebendig werden zu lassen. Seine sehr bildhafte Sprache passt sich phänomenal den Ereignissen an: in ruhigeren Zeiten gemächlich, derbe beim einfachen Volk und bei wild gewordenen Soldaten, abgehackt und wirr im Kriegsgeschehen. Durch die Sprache gewinnt oder verliert die Geschichte an Tempo, ohne jedoch an Spannung und Intensität einzubüßen. Der Leser wird von der ersten Zeile an und unmittelbar mitten ins Geschehen hineingeworfen.

Dieser erste Band bildet den rundum gelungenen Auftakt einer Trilogie um den jungen, sehr frommen katholischen Jacob Wolffen, Sohn eines Tagelöhners, der verschleppt wird und zunächst sterben will, sich dann aber als Gottes Werkzeug bei der Rache an den Mördern seiner Familie sieht. Er liebt Gott und Bücher, Gewalt und Waffen sind ihm fremd. Ihm direkt gegenübergestellt ist der ungestüme, impulsiv handelnde Grafensohn Heinrich, der die niederen Stände verachtet, selbst aber sein ganzes Leben lang nach der Anerkennung seines Vaters dürstet. Während seine Waffen Schwert und Degen sind, sind Jacobs Waffen Tinte und Feder. Durch seine Fähigkeiten steigt er vom Schanzknecht zum Schreiber auf.

Die hervorragend herausgearbeiteten Charaktere der Figuren sind nicht uneingeschränkt sympathisch. Sie sind Kinder ihrer Zeit mit all ihrem Aberglauben, ihrem Fatalismus und ihrer Frömmelei, und auch sie werden korrumpiert durch die Grausamkeit des Krieges. Besonders Jacob polarisiert: Erscheint er lange Zeit als frömmelnder Schwächling, der sich nichts traut und sich alles gefallen lässt, wird er durch seine Rachegelüste zum eiskalten Mörder und Verräter. Bei aller Grausamkeit entwickelt er großen Mut, er wird Schreiber, sammelt Informationen und empfindet große Empathie mit Anna und hilft ihr und auch anderen der gebeutelten Pilsener Menschen. Außerdem glaubt er aus mir unerfindlichen Gründen an das Gute in seinem Landsmann Ulrich, der aus demselben Ort wie Jacob, Bachthal, stammt, mit ihm verschleppt wurde, ebenfalls seine Familie verlor und als Schanzknecht neiderfüllt auf Jacob schaut.

In fortlaufenden Kapiteln mit treffenden Überschriften erzählt der Autor die Geschichte sehr lebendig und anschaulich aus den vier Perspektiven von Jacob, Heinrich, Anna und des Söldnerführers Ernst von Mansfeld, welcher dem Leser bereits im Prolog begegnet und der exemplarisch für den harten, durch den Krieg geprägten Soldaten steht. Skrupel- und rücksichtslos, aber auch taktierend und schlau kocht von Mansfeld sein eigenes Süppchen mit dem einzigen Ziel, Ruhm und Beute zu scheffeln. Das ist auch Heinrichs Ziel, der dabei allerdings mehr als einmal seinen eher unzulänglichen Verstand offenbart und der sich mehr durch unbedachte Grausamkeit hervortut. Die starke Figur der Anna, die als Hexe verdächtigt wird und sich prostituieren muss, um zu überleben, und die damit ebenfalls exemplarisch für die besonderen Schrecken der Frauen steht, ging mir besonders nahe. Sie agiert mit Mut und Pragmatismus und ist ebenso skrupellos, wenn es um ihr Überleben und ihre Rache geht. Auch alle anderen Protagonisten bestechen durch ihre sehr detailliert herausgearbeiteten Charaktereigenschaften und sind es wert, dass man einen zweiten Blick auf ihre Persönlichkeit wirft.

Fazit: Hervorragend recherchierter, detailgetreuer und fesselnd erzählter Historienroman und gelungener Auftakt zur Trilogie um die Erlebnisse einzelner Personen in den Wirren und Schrecken des 30jährigen Krieges. Dieser erste Teil vom Juni 1618 bis Juni 1619 umfasst mit rund einem Jahr den Beginn der Auseinandersetzung zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union als zunächst noch reinem Glaubenskrieg. Dass der Autor seine Erfahrungen aus der Reenactment-Gruppe einfließen ließ, merkt man deutlich an den sehr bildhaft beschriebenen Schlachtszenen. Nichts für zarte Seelen und nichts für Einsteiger ins Genre, da manche Szenen allzu blutrünstig und realistisch beschrieben werden. Ich für meinen war vollkommen gepackt und warte sehnsüchtig auf Teil 2!

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Veröffentlicht am 16.01.2026

Kampf zwischen Gut und Böse, verpackt in einer feurigen Liebesgeschichte

Imperia - you let the fire in
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Die junge Jara lebt in Imperia, einer Stadt, die ausschließlich von Frauen bewohnt wird. Als Tochter der Führerin Timere wird sie zur Kriegerin ausgebildet, einer Kampfmaschine, die jegliche Gefühle zu ...

Die junge Jara lebt in Imperia, einer Stadt, die ausschließlich von Frauen bewohnt wird. Als Tochter der Führerin Timere wird sie zur Kriegerin ausgebildet, einer Kampfmaschine, die jegliche Gefühle zu unterdrücken hat. Timere regiert mit eiserner Hand und duldet keinerlei Kritik. Als Jaras beste und einzige Freundin Tohru verhaftet und in den sogenannten Randbezirk verbannt wird, setzt Jara alles daran, sie zu retten. Im Randbezirk stellt sie fest, dass es eine Welt außerhalb Imperias gibt, in der Frauen und Männer gemeinsam leben, und dass sich Widerstand gegen Imperia gebildet hat. Jara lernt eine völlig neue Welt kennen und alles, was sie bisher kannte, wird auf den Kopf gestellt.

Debütroman der Autorin und gelungener Auftakt einer Trilogie um eine junge Kriegerin, die eine neue Welt und die Liebe kennenlernt und für die alles, was sie bisher als wahr erachtet hat, ins Gegenteil verkehrt wird. Auch wenn Jara unterschwellig spürt, dass etwas nicht stimmt, trifft sie die Erkenntnis, dass ihr Leben eine Lüge war, wie ein Schlag ins Gesicht.

Der Fokus der Geschichte liegt auf dem Kampf Gut gegen Böse, die von den gegensätzlichen Städten Imperia und Luces verkörpert werden. Während Imperia kalt und künstlich ist, in getrennte Bezirke aufgeteilt ist und die Bewohnerinnen eine klar zugewiesene Aufgabe haben, ist Luces bunt und natürlich, die Menschen sind gesellig und freundlich und alle bringen sich in die Gemeinschaft ein. Das dystopische Imperia wird von der tyrannischen Timere regiert, die gottgleich herrscht, keine anderen Götter neben sich duldet und die jegliche Emotionen unterdrücken lässt, da sie sie als Schwäche ansieht. In Luces hingegen gibt es einen demokratisch gewählten Rat und die Menschen sind tolerant gegenüber jedweder Lebens- und Liebesform. Da ist es kein Wunder, dass Jara zunächst vollkommen überfordert ist von den vielen, für sie widersprüchlichen Eindrücken, die auf sie einprasseln.

Die Figur der Jara ist der Autorin meines Erachtens außerordentlich gut gelungen und ich habe sofort mit ihr mit gelebt und gelitten, sie ist authentisch und mitreißend und ihre Persönlichkeit ist gut herausgearbeitet. Besonders schön fand ich den Erkenntnis-Prozess, den Jara durchmacht, aus einem emotionslosen Leben kommend öffnet sie sich mehr und mehr für die alternative Lebensweise, sie passt sich an und stürzt sich in den Kampf für die Freiheit. Auch ihre Selbstzweifel, ihre Verzweiflung und ihr Mut kommen sehr gut rüber, sie ist selbst reflektiert und empathisch. Neben ihr blieb manch andere Figur eher blass, die in meinen Augen mehr Potential gehabt und von der ich mir eine tiefergehende Beschreibung gewünscht hätte. Auch ihrem männlichem Gegenstück Aidan konnte ich merkwürdigerweise nicht allzu viel abgewinnen, ich fand ihn anstrengend und in seiner Widersprüchlichkeit nicht wirklich authentisch. Die beiden als Paar haben mich insgesamt nicht restlos überzeugt.

Grundsätzlich ist die Geschichte gut erzählt und fesselnd, und besonders das offene Ende macht Lust auf die Fortsetzung. Sprachlich gesehen ist es eingängig geschrieben, wenn auch nicht unbedingt abwechslungsreich. Manche Wendungen werden recht häufig wiederholt, Tohru etwa grinst oft frech. Stilmäßig passt es zu einem Jugendbuch, Amazon gibt als Altersempfehlung zwischen 16 und 18 Jahren an. Sehr schön fand ich die Bedeutung von Namen. In Imperia wird den Verbannten der Name genommen, die Person wird zur Namenlosen und verliert damit ihre Persönlichkeit und verkümmert. Nahezu jeder Name hat eine Bedeutung, dabei bedient sich die Autorin aus verschiedenen Sprachen. Luces etwa ist die Stadt des Lichts und der Hoffnung, vor Timere zittern alle und die Menschen in Luces haben gemäß ihrer Gabe Namen. So besitzt Aidan seinem Namen gemäß die Gabe des Feuers, was wiederum den sehr passenden Untertitel erklärt.

Dennoch gab es für mich ein paar Längen und Schwächen. Die Autorin entwirft zwei interessante, gegensätzliche Welten, in der Menschen mystische Gaben besitzen und die durch Magie entworfen und geschützt werden. Wie die Magie funktioniert, bleibt jedoch zu oberflächlich, ebenso wie die psychologischen und gesellschaftlichen Aspekte des Lebens in Luces und Imperia. Vielleicht ist dies aber auch den Vorlieben der jugendlichen Zielgruppe geschuldet. Von den Gaben war ich sehr fasziniert und hätte mir gewünscht, mehr darüber zu erfahren. Mir erschloss sich nicht, wieso Jara ihre Gabe nicht annimmt und ausbaut, und auch was es mit ihrer Fähigkeit, Emotionen in Farben wahrzunehmen, auf sich hat, wird nicht näher erläutert.

Vorab und auch hinten im Buch wird vor den spicy Liebes- und den brutalen Gewaltszenen gewarnt, weil sie triggern könnten. Beides hält sich in meinen Augen in vernünftigen Grenzen. Die spicy Szenen sind durchaus feurig und detailverliebt geschrieben, ich fand sie nur übertrieben häufig und teilweise etwas langatmig. In der Wiederholung liegt eben auch eine gewisse Langeweile und es nutzt sich ab. Erst spät kommt nach einer längeren Ruhepause in der Geschichte wieder Spannung auf, nämlich dann, wenn man sich zum Aufbruch nach Imperia rüstet.

Fazit: Grundsätzlich hat mir die Geschichte gut gefallen und besonders Jara hat es mir angetan. Sie ist eine starke Hauptfigur und ein vielschichtiger Charakter. Das clever gemachte offene Ende tut sein Übriges, dass man auf jeden Fall wissen will, wie es weitergeht. Passt sehr gut für die jugendliche Leserschaft, ältere Semester haben aber sicher auch ihre Freude dran. Ich hoffe sehr, dass wir als Leser in den Folgebänden noch tiefer in die Magie der Gaben und die Funktionsweise der beiden gegensätzlichen Städte eintauchen dürfen.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Grausames Spiel um Leben und Tod

Blutwild
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Vor sechs Jahren ist die ehemalige Kriminalkommissarin Anka ihrem sadistischen Peiniger entkommen. Dies kostete sie einen ihrer Unterschenkel und sie leidet seitdem an Panikattacken. Als sie einen Hilferuf ...

Vor sechs Jahren ist die ehemalige Kriminalkommissarin Anka ihrem sadistischen Peiniger entkommen. Dies kostete sie einen ihrer Unterschenkel und sie leidet seitdem an Panikattacken. Als sie einen Hilferuf auf ihrem Handy mit GPS-Koordinaten bekommt, siegt ihre Neugier. Am Zielort erwartet sie das nackte Grauen und ihre geheime Befürchtung, dass der Falsche für das Verbrechen im Gefängnis sitzt, scheint sich zu bewahrheiten. Ist ihr Entführer zurück und will sie erneut quälen? In ihr erwacht die Polizistin und sie beginnt zu recherchieren, bis der Worst Case eintritt: Anka wird erneut entführt.

Blutiger und actionreicher Thriller mit sadistischem, sehr grausamem Täter und starker Protagonistin, die nicht Opfer sein will und sich ihren Ängsten stellt. Die sehr passende Umschlaggestaltung springt ins Auge und hätte nicht besser gewählt sein können. Mit Anka lebt man sofort mit, ihre völlig verständliche Neugier und die ehemalige Kommissarin in ihr lassen sie Nachforschungen anstellen und ihre Zweifel stetig wachsen. Da ihr keiner ihrer ehemaligen Kollegen glaubt, wird sie selbst tätig. Einzig in ihrer Nachbarin und Freundin Izzy findet sie eine Zuhörerin und Unterstützerin.

Die eher geringe Seitenzahl des Thrillers täuscht, die Geschichte ist inhaltlich kompakt und wird mit Rückblenden zwischen Gegenwart und unterschiedlich lange zurückliegender Vergangenheit erzählt. Während in der Gegenwart die Geschehnisse aus Ankas Sicht beschrieben und tiefe Einblicke in ihre Ängste und ihr Seelenleben gewährt werden, gehen die Rückblicke mit Perspektivwechseln einher. Hier stechen besonders die Passagen, die aus Tätersicht erzählt werden, ins Auge. Mir gefiel die perfide Persönlichkeit des Täters sehr gut, sein Hintergrund und die daraus entstandenen Traumata und der psychologische Aspekt daran, auch wenn ich fand, dass dieser Aspekt generell etwas zu kurz kam. Da schon das Vorwort die Richtung aufweist, wo es hingeht, hätte ich mir mehr Einblicke in die gestörte Seele des Täters gewünscht.

Etwa ab der Hälfte der Geschichte tritt dann der Worst Case ein, die erneute Entführung und der Beweis, dass Anka recht hatte. Ein brutales und perfides Spiel um Leben und Tod beginnt, bei dem das Blutwild gejagt wird. Die Menschenjagd ist sehr spannend und als Leser folgt man atemlos den immer wieder auftretenden Wendungen von Gefangennahme und erneutes Entkommen. Besonders gefesselt haben mich hier die Darstellung der Erschütterung von Ankas Vertrauen sowie die Situationen, wenn sie ihrem Peiniger gegenübersteht. Beides sind eigenwillige und dominante Persönlichkeiten und trotz ihrer Traumata starke Charaktere mit großem Überlebenswillen. Dieses Psychoduell hätte ich gerne noch ausführlicher verfolgt. Dennoch war es sehr spannend zu lesen, wie Anka immer eine Lösung findet und sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden will. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden findet seinen Höhepunkt im aufregenden Finale mit einer überraschenden Aktion einer Protagonistin, die man so nicht erwartet hätte.

Was weitgehend unterging, war die Ermittlungsarbeit von Ankas ehemaligen Kollegen, die sie zunächst nicht ernst nehmen, dann aber doch aktiv werden müssen und beim Finale plötzlich und aus für mich nicht hundertprozentig nachvollziehbaren Gründen auftauchen. In meinen Augen hätte man die Menschenjagd immer mal wieder durch das Einspielen der Ermittlungstätigkeiten unterbrechen und so die Spannung auf das Finale erhöhen können. Die Charaktere der Ermittler blieben demgemäß eher blass.

Fazit: Solider und spannender Thriller, der von den starken Täter-Opfer-Persönlichkeiten und ihrem Duell lebt. Einiges in der Storyline wäre meiner Ansicht ausbaufähig und ausführlicher zu beschreiben gewesen, dennoch fesselt die Geschichte von der ersten Zeile an und sie lässt sich dank des sehr eingängigen Schreibstils der Autorin sehr flüssig lesen. Nichts für Fans des Whodunnit-Krimis, aber für alle, die blutige Action mögen.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Gabe oder Fluch: In dieser Adaption polarisiert Medea als Mensch und Hexe

Medea
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Medea, die Prinzessin von Kolchis, hat die Gabe der Zauberei, was sie zur Außenseiterin in ihrer Familie und in der Gesellschaft macht. Ihr Vater nutzt sie für seine Zwecke aus, sperrt sie ein, unterdrückt ...

Medea, die Prinzessin von Kolchis, hat die Gabe der Zauberei, was sie zur Außenseiterin in ihrer Familie und in der Gesellschaft macht. Ihr Vater nutzt sie für seine Zwecke aus, sperrt sie ein, unterdrückt und musshandelt sie. Medea strebt danach, ihrem Gefängnis zu entfliehen. Die Chance bietet sich ihr in Gestalt von Jason, der mit seinen Argonauten das Goldene Vlies in seinen Besitz bringen will. Medea hilft ihm und unter großen Gefahren erreichen sie Jasons Heimat Iolkos. Dort will sie ihm zur Königswürde verhelfen, sie scheitern jedoch und werden aus Iolkos verbannt. Obwohl sie heiraten, zwei Söhne bekommen und Medea ihre Gabe unterdrückt, bleiben sie Außenseiter. Als Jason sich eine neue Frau nehmen will, sieht Medea rot.

Bildgewaltig, dramatisch, erschütternd! Auch wenn die Autorin sich eng an den antiken Dramendichtern orientiert, ist ihre Interpretation des Medea-Mythos doch einzigartig. Ihre Medea ist außergewöhnlich, verletzlich, zerrissen, schwankend, menschlich und doch göttlich, mächtig und doch ihren Gefühlen ausgeliefert. Ihr Charakter ist zwiespältig und vielschichtig, sie polarisiert und als Leser schwankt man zwischen Mitleid und Abscheu. Ist sie anfangs noch empathisch, hilfsbereit, naiv, ein Opfer ihres tyrannischen Vaters, wird sie mehr und mehr zur bösen Hexe, die sich auf die dunkle Seite der Macht schlägt und kein Erbarmen mehr kennt. Dennoch kann man als Leser nicht umhin, Verständnis für sie und ihre Entscheidungen aufzubringen, die aus ihrer tiefen Unsicherheit und ihr Streben nach Liebe und Anerkennung herrühren. Medea erfährt jahrelange Unterdrückung und physische und psychische Gewalt, so etwas wie Urvertrauen kann sie nicht aufbauen. Dies erklärt ihre zerrissene Seele, die für jede Art von Einflüsterung und Manipulation zugänglich ist.

Formal untergliedert sich der Roman in vier Teile, an deren Ende jeweils Wendepunkte für Medeas Leben stehen. Der erste endet mit der Verzauberung des Goldenen Vlieses und dem gescheiterten Versuch, ihrem Gefängnis zu entfliehen. Medea muckt zum ersten Mal auf. Den größten Teil nimmt der zweite Block ein, Jason tritt auf den Plan. Wer denkt, dass Jason der strahlende Held ist, irrt. Er ist ein Narziss, ein geschickter Manipulator und Verführer, auf seine Art ein ebensolcher Zauberer wie Medea, denn er verzaubert Menschen und kann sie für sich gewinnen. Dabei behält er stets sein Ziel im Auge, welches rein egoistisch ist, nämlich Macht zu erlangen, über andere zu herrschen, Anerkennung zu finden. Dafür geht er über Leichen, vermeidet es aber tunlichst, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Jason wird im Laufe der Geschichte für mich immer mehr zum Antihelden in seiner schändlichsten Form. Er manipuliert, lügt, betrügt, verdreht die Wahrheit, bedient sich Medeas Macht und will sie beherrschen. Sobald er sie nicht mehr benötigt, entledigt er sich ihr.

Auch wenn Medea immer wieder Zweifel hat und auch von außenstehenden Personen, wie der Kriegerin Atalante oder ihrer Tante Circe, gewarnt wird, kann sie sich den Engelszungen Jasons nicht entziehen. Aufgewachsen unter strenger Ägide ihres gewalttätigen Vaters, unter ständiger Beobachtung, einsam, mit schwacher Mutter wird sie ständig auf ihren vermeintlichen Defekt, ihre Magie, hingewiesen. Einerseits bedient man sich gerne ihrer Gabe, andererseits ist alles ist ihre Schuld. In dieser archaischen, von Männern dominierten Welt, in der Frauen praktisch nichts gelten, haben diese zu gehorchen und still zu halten. Passt eine nicht ins Schema, wird sie verstoßen. Als Jason aus Iolkos verbannt wird, geht Medea mit ihn, immer noch nicht gewahr, dass sie allein besser dran wäre. Weitere zehn Jahre zwingt er sie als ihr Ehemann dazu, ihre Macht zu unterdrücken und nur Hausfrau und Mutter zu sein. Sie, die nie mütterliche Liebe kennen gelernt hat, kann ihren Söhnen keine gute Mutter sein. Erneut lässt sie sich von Jason unterdrücken und ihr ureigenstes Wesen verleugnen, aber auch das ist nicht genug.

Der Übergang zu Teil vier ist ein Donnerschlag und der ultimative Wendepunkt. Medea erkennt, dass Jason jede Verantwortung ablehnt und dass er sich nie ändern wird. Ihre einzige Rechtfertigung für ihre Taten, nämlich die vermeintlich große Liebe und gemeinsame glückliche Zukunft, gibt es nicht. Der Zorn auf Jason und auch auf sich selbst bestimmt ihre Rache. Ihr Rachefeldzug gegen Jason ist allumfassend und schließt die gemeinsamen Söhne mit ein. Könnte man ihr Aufbegehren als etwas Positives begreifen? Das vermeintlich Gute, nämlich dass sie ihre eigenen Entscheidungen trifft und ihre Gabe zu etwas Positivem nutzt, wird ins Gegenteil verkehrt. Sie wird zur gefühllosen, kühlen Pragmatikerin, die nur noch zu ihrem eigenen Vorteil handelt und davon überzeugt ist, dass sie das Richtige tut. Um ihre Ziele zu erreichen, unterwirft sie sich komplett den dunklen Mächten, vor denen Circe sie gewarnt hat. Dafür muss sie einen hohen Preis zahlen: den Verlust ihrer Menschlichkeit. So wird die Geschichte im vierten und letzten Teil denn auch nicht mehr aus ihrer Perspektive erzählt, sondern aus der ihrer Schwester Chalkiope. Der Perspektivwechsel symbolisiert die Entpersonalisierung Medeas und lässt Chalkiope ebenso wie den Leser daran zweifeln, ob Medea noch ein Mensch ist.

Wie in den antiken griechischen Epen ist auch in diesem Roman Medeas Ende offen. Bei aller Düsterkeit gibt uns die Autorin ein bisschen Hoffnung in Gestalt von Chalkiope, einer Figur, die für mich tatsächlich eher schwach und unwirklich war, die aber deutlich an Kontur und Selbstsicherheit gewonnen hat. Während die anderen Figuren Medeas Leben begleitet und einen unterschiedlichen Einfluss auf sie ausgeübt haben, ist es schlussendlich die Schwester, die ihr in einem Akt der Gnade die Hand reicht.

Fazit: Auch als in der griechischen Mythologie wenig Bewanderter kann man den Roman als mythisch-fantasievolles Epos lesen, dennoch ist die Kenntnis der rudimentären Geschichte von Vorteil. Den Leser erwartet in jedem Fall ein fulminantes, bildgewaltiges Werk mit polarisierender Hauptfigur, in deren Leben man eintaucht und die sowohl Mitleid und Sympathie als auch Abscheu und Schrecken hervorruft. Fesselnd ist es immer und der Stil der Autorin ist ein wahres Vergnügen. Stark!

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