Spannend, humorvoll, schön gestaltet
Rico, Oskar und die Tieferschatten (Rico und Oskar 1)Ich habe den ersten Band über Rico und Oskar irgendwann während meiner Grundschulzeit schon einmal gelesen, nicht zu lange nachdem es rauskam, da müsste ich wohl wirklich um die 10 bis 12 gewesen sein, ...
Ich habe den ersten Band über Rico und Oskar irgendwann während meiner Grundschulzeit schon einmal gelesen, nicht zu lange nachdem es rauskam, da müsste ich wohl wirklich um die 10 bis 12 gewesen sein, und konnte mich inhaltlich nicht mehr an viel erinnern, außer dass die Geschichte mir damals sehr viel Spaß gemacht hat. Und eventuell habe ich irgendwann zwischendurch das Buch noch einmal gelesen, oder einen anderen Band der Reihe, ich weiß nicht mehr genau, aber auch damit habe ich sehr positive Erinnerungen verknüpft, auch ohne mich inhaltlich an viel zu erinnern, und so konnte ich nicht anders, als mich der Geschichte erneut zu widmen, nachdem mir das Buch nun wieder in die Hände fiel.
Und ich kann nicht glauben, wie viele Dinge ich als Kind verpasst habe. Weshalb ich tatsächlich auch das Gefühl habe, dass das Buch für Kinder gar nicht so ungeeignet ist, wie ich jetzt beim Lesen teils das Gefühl hatte. Vieles wird angedeutet oder ausgesprochen, auch sehr deutlich, wie den Beruf der Mutter, die als Prostituierte irgendwo einen Club zu leiten scheint, aber als Kind ist das vollkommen an mir vorbei gegangen. Immerhin geht es darum nicht, sondern das ist nur Beiwerk, das die Figuren tiefgründiger macht, weil sie alle ihr eigenes Leben haben.
Was nicht heißt, dass ich alles daran ideal finde, oder dass es nicht kleinere Dinge gibt, bei denen ich doch das Gefühl habe, dass das vielleicht nicht die besten Bilder für Kinder sind, aber gleichzeitig weiß ich, dass ich damals wirklich hauptsächlich total auf den spannenden Fall fokussiert war, und auch wenn vieles drumherum teilweise etwas blutig ist oder nicht jugendfrei ... gerade die Horror-Vorstellungen von Rico sind vielleicht gar nicht so schrecklich für Kinder. Gerade, weil Rico auch nicht mit Angst darüber nachdenkt, wenn/falls irgendwem ein Ohr abgeschnitten wird oder so. Ich bin trotzdem unsicher, ob es hätte sein müssen, aber mit Erinnerung an mich damals: Es ist vermutlich nicht schlimm, wenn Kinder sowas lesen. Kann ich mir vorstellen. Hängt aber eindeutig auch vom Kind ab, denn wie könnte es anders sein.
Es wird teilweise mit Beleidigungen in dem Buch gearbeitet, die Rico sich aufgrund seiner "Tieftbegabtheit" immer mal wieder anhören muss, und ich bin mir recht sicher, dass nicht alle Wortwahlen immer so zeitgemäß sind, gleichzeitig wird aber sehr wertschätzend mit allen Personen und ihren Charakterzügen im Buch umgegangen, und an keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass Dinge auf Kosten von irgendetwas passieren. Die Figuren sind einfach alle sehr komplex, mit Stärken, Schwächen, Hoch- oder Tiefbegabung, Depressionen, Schwierigkeiten, und alles davon trägt jeweils zu den Figuren bei, ohne zur einzigen Charaktereigenschaft zu werden.
So wirken die Figuren alle sehr lebendig und aufgeweckt, und außerdem sehr echt und menschlich. Obwohl nicht immer alle Handlungen glaubwürdig sind - und natürlich bringt so ein Buch auch immer einige Übertreibungen oder Dinge mit sich, die so in echt vermutlich nie laufen würden - sind sie auch nie so übertrieben, dass man aus dem Lesen rausgerissen wird, und mit einer angenehmen Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, hat das Buch trotz wirklich ernster Themen und Probleme einen sehr leichten und freundlichen Ton, der in meinen Augen wirklich gut zu Figuren und Handlung passt.
Außerdem war es wirklich interessant, das Buch jetzt noch einmal zu lesen, und so viele Hinweise zu erkennen, die einem als Kind vielleicht entgehen. Dazu zählen sowohl die Dinge, die man beim zweiten Lesen einfach beachten kann, weil man (mehr oder weniger) weiß, was passiert, als auch kleinere oder größere Geschichten, die einem als Kind vielleicht gar nicht so klar werden (wie die Tatsache, was Rico in seinen Texten statt aktueller Ereignisse verarbeitet, wovon ich mir recht sicher bin, dass nicht alle Kinder das beim ersten Lesen sofort in Verbindung setzen).
Das sorgt auch dafür, dass das ganze Buch wirklich unglaublich durchdacht wirkt, und alle Figuren noch mal echter, einfach weil das Verhalten durchgängig dem entspricht, was die Figuren bereits erlebt haben, und das ohne, dass man wirklich auflösen müsste, was diese Erlebnisse sind, gerade weil sie durch das konsequente Verhalten eigentlich deutlich werden.
Hat mir also auch beim zweiten (oder dritten?) Lesen weiterhin unglaublich gut gefallen, und einige Dinge sind bestimmt nicht unproblematisch, also vermutlich sollte man bereit sein, mit Kindern das ein oder andere Gespräch zu führen, wenn man sie das Buch lesen lässt, aber insgesamt macht die Geschichte trotzdem unglaublich viel Spaß und ich sehe sie tatsächlich auch jetzt nach über 10 Jahren noch als ziemlich lesenswert an (aber vielleicht spricht da auch Nostalgie aus mir, das kann ich nicht ausschließen).