Anders als meine Bewertung von 2 Sternen vermuten lässt, handelt es sich um ein gutes Buch. Nur leider eins, das in meinen Augen komplett falsch beworben wird. Ich bin in dieses Buch hineingegangen mit dem Gedanken an eine Liebesgeschichte, eine ungewöhnliche Familie, und ja, vielleicht ein bisschen Drama, aber im Endeffekt trotzdem eine schöne Geschichte. Was ich stattdessen bekommen habe, war eine Geschichte über Trauma und Missbrauch, und dem Umgang/Aufwachsen in schwierigen Umständen. Mit der Schwierigkeit, dass es der Hauptfigur (weil er noch jung ist) nicht klar ist, und scheinbar auch niemand anderem bewusst ist, was eigentlich los ist. Und leider hatte ich das Gefühl, dass es nicht absichtlich passiert ist. Insofern fand ich das Buch also einerseits tatsächlich echt gut, andererseits fand ich es gut als das Buch, das es eigentlich nicht sein sollte, und das Buch, das es sein sollte, habe ich beim Lesen nicht gefunden.
(Im folgenden Spoiler für ganz viele Dinge.)
So gibt es unendlich viele Kleinigkeiten, die einfach nie aufgegriffen oder behandelt werden, und deren Thematisierung ich beim Lesen echt vermisst habe. Dagegen sind die ganzen Klischees, die in dem Buch vorkommen, sogar eine Kleinigkeit, die mich gar nicht gestört hat, denn auf einem gewissen Level kam es mir wirklich so vor, als könnte die Geschichte so existieren, und nur weil etwas ein Klischee ist, heißt es nicht, dass es (zum Beispiel) Männer hassende Lesben nicht auch in echt gibt. (Heißt nicht dass ich's toll fand, aber passte in meinen Augen zur Tatsache, dass absolut niemand in dem Buch wirklich sympathisch war.)
Was mich anders als die Klischees aber sehr gestört hat (mich allerdings nicht stören würde, wenn es tatsächlich ein Buch über Trauma und Missbrauch wäre, entsprechend trotzdem eine Bewertung in der Mitte der Skala, weil dann fände ich das Buch tatsächlich in Ordnung, da ich sehe, was genau los ist, selbst wenn der Ich-Erzähler keine Ahnung hat), war: Die Tatsache, dass sich eine erwachsene Frau an einem Kind vergreift, um ihm zu zeigen, wie man "sich ein schönes Gefühl macht"; dass ein Freund der Familie einem (zwar inzwischen älteren, aber trotzdem immer noch) Kind sexuelle Erfahrungen näher bringt, indem er einen Prostituierten engagiert; generell dass die Erwachsenen alle viel zu invested in die sexuellen Erfahrungen eines Kindes waren, und das nicht auf einem Aufklärungs-Level (da hätte ich's akzeptiert); dass die beste Freundin des Hauptcharakters absolut alle Grenzen überschreitet und es aber immer als eine Eigenschaft dargestellt wird, die praktisch bewundernswert ist, weil sie die Menschen besser kennenlernen will; dass die Mutter ein Verhalten an den Tag legt, das vielleicht nicht körperlich misshandelnd ist, sehr wohl aber psychisch so einige Schäden hinterlässt; und noch ein paar andere Dinge. Ich fand die Dinge aus Sicht von Phil durchaus gut geschrieben, sodass ich es als Buch über eine schreckliche Kindheit absolut akzeptabel fände, aber weder Nachwort noch Klappentext noch irgendwas anderes gibt mir das Gefühl, dass das das Ziel daran war, und insofern kann ich es nicht gut finden, weil wenn es kein Buch über Trauma ist, dann hat davon so ziemlich nichts was im Buch zu suchen.
Und ein paar Dinge, die mich auch in einem Buch über Trauma gestört hätten: die ganzen merkwürdigen sexuell angehauchten Gespräche und Situationen mit der Familie. In einem Bett schlafen verstehe ich, kein Ding, gerade wenn man emotional gerade Nähe braucht (die es in der Familie eindeutig zu wenig gibt), aber das Geschwisterkind unter der Dusche beobachten? Eifersüchtig sein, wenn Leute Familienmitglieder küssen? What? Das fand ich sehr befremdlich, egal, was für ein Buch es denn wäre.
Weiterhin stolpert man gelegentlich über veraltete Sprache, aber das Buch ist alt, entsprechend will ich es mal nicht zu sehr ankreiden, auch wenn's nicht super war.
Und damit auch noch was positives: Das Ende hat mir tatsächlich sehr gut gefallen. Hauptsächlich, weil es mir das Gefühl gibt, dass Phil vielleicht den ganzen Trauma-Kreis doch zu durchbrechen schafft. Ich denke auch hier, dass es nicht das Ziel war, mir dieses Gefühl zu geben, aber ich habe tatsächlich Hoffnung für Phil.
Fazit: Das Buch wäre in meinen Augen absolut seine 4 Sterne wert, wenn es anders beworben worden wäre, und ich das Gefühl hätte, dass zum Beispiel die Familiensituation tatsächlich thematisieren soll, wie grauenhaft das alles eigentlich ist, oder die merkwürdigen Erwachsenen-Kinder-Situationen tatsächlich mit der Intention geschrieben worden wären, ein sehr ungutes Gefühl beim Leser hervorzurufen. Da ich allerdings das Gefühl habe, dass es eher eine spannende Geschichte für Jugendliche sein sollte, die ihren Alltag mir ein paar lustigen und ein paar weniger lustigen Situationen zeigt, konnte mich das Buch in der Hinsicht leider gar nicht überzeugen, denn für Jugendliche fehlte mir zu 100% die Einordnung vieler Dinge, von denen ich überzeugt bin, dass es nicht so leicht ist, hinter Phils Perspektive zu schauen und zu sehen, was tatsächlich los ist, statt das, was Phil in Momenten sieht.