Platzhalter für Profilbild

Mianna

Lesejury Profi
offline

Mianna ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Mianna über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.05.2023

Packende science fiction - oder doch realer Thriller?

Going Zero
0

In einem Betatest eines riesigen Datensammelunternehmens und der CIA in den USA sollen 10 Versuchspersonen 30 Tage für jede Technik unauffindbar sein. Unter den "Zeros" ist auch eine Bibliothekarin, von ...

In einem Betatest eines riesigen Datensammelunternehmens und der CIA in den USA sollen 10 Versuchspersonen 30 Tage für jede Technik unauffindbar sein. Unter den "Zeros" ist auch eine Bibliothekarin, von der man annimmt, dass sie schnell gefunden werden wird. Was sollte sie auch gegen ein weltweit agierendes Sozial-Media-Unternehmen ausrichten, das die besten Hacker, die ausgeklügeltste Analyse- und Spysoftware hat und sogar die Geheiminformationen der CIA nutzen kann?

Kaitlyn ist eine sympathische Hauptfigur, die es nach dem Vorbild "David gegen Goliath", gegen die Macht eines ganzen Landes aufnimmt. Sie scheint gebrochen, einsam und als hätte sie nichts zu verlieren. Im Gegensatz zu den anderen Zeros, deren Beweggründe und Lebensrealitäten anschaulich beschrieben werden, bleiben ihre Beweggründe lange unklar. Unklar bleibt auch wegen der Andeutung ihrer psychischen Erkrankung lange, ob alles wirklich geschieht, oder ob sie es psychotisch erlebt. Es scheint alles möglich.

Der Roman, ob real-Thriller oder science fiction entwickelt bereits am Anfang einen großen Sog und eine knisternde Spannung. Es ist unglaublich real, was das Sozial-Media-Unternehmen mit ihren gesammelten Datenbergen und den extrem findigen Techniker*innen ans Licht bringen kann. Nichts bleibt verborgen, alles wird ans Licht gezerrt, in die Einzelteile zerlegt, Zusammenhänge hergestellt, alles bis ins Kleinste analysiert, sodass der Staat handhabe gegen alles und jeden hat. Die Geschichte bekommt einen derben Geschmack von Orwells 1984 und ist auch ähnlich bedrückend. Das macht es auch so spannend und greifbar.

Anthony McCarten gelingt es, wie in seinen anderen Romanen, unser soziales Gefüge und unser gesellschaftliches Leben und Streben infrage zu stellen. Die Moralische Frage drängt sich auf. Alles kommt auf den Prüfstand. Mit seinen klugen existenziellen Fragen regt er nachhaltig zum Nachdenken an. Es gelingt im hervorragend die Einzelnen glaubwürdig in das Geschehen zu bringen und deren Möglichkeiten sich zu verhalten auszuloten. Schwierige Entscheidungen müssen getroffen werden, manchmal mit dem Risiko um das eigene Leben. Denn das Experiment wirkt sich nicht nur auf die Versuchspersonen aus, es bringt auch das schlimmste aus den Beteiligten hervor, löst eine Dynamik aus, die die Kraft hat, alles zu zerstören.

Packender Thriller mit science fiction-Anteilen, nach dem Vorbild George Orwells. Ein Roman zum Nachdenken.

Veröffentlicht am 03.12.2022

Dysfunktionale Familie

Meine bessere Schwester
0

Die Geschichte beginnt mit der tragisch-komischen Beschreibung einer Trauerfeier. Während Alice es ihrer Mutter ängstlich recht zu machen versucht, verweigert sich ihre Zwillingsschwester Hanna komplett. ...

Die Geschichte beginnt mit der tragisch-komischen Beschreibung einer Trauerfeier. Während Alice es ihrer Mutter ängstlich recht zu machen versucht, verweigert sich ihre Zwillingsschwester Hanna komplett. Ihr Bruder Michael verurteilt dies. Schnell zeigt sich das abwertende und manipulative Verhalten der Mutter und die psychischen Erkrankungen einzelner Familienmitglieder als Ausgangspunkt dieser Dynamiken (TRIGGERGEFAHR).

Nach und nach blättert sich das Leben der Familie und ihrer Familienmitglieder auf. Es ist einerseits spannend, aber auch sehr anstrengend die destruktive Dynamik mitzuerleben. Kein Familienmitglied ist besonders sympathisch, sondern eher anstrengend. Die Erzählung ist ungewöhnlich sachlich, liest sich wie ein psychologischer Bericht über die Entwicklung der Einzelnen. Vielleicht ist dies ein gutes Gegengewicht zur emotionalen Intensität und der Tragik, die die gesamte Geschichte ausmacht. Es gibt erst im letzten Drittel Dialoge und Interaktionen, die gegenwärtig wirken. Das ist gewöhnungsbedürftig. Trotzdem das Lesen des Buches wegen der Schwere und der Sachlichkeit sehr langwierig war, hat es sich gelohnt dranzubleiben.

Psychologische Erzählung über destruktive Familiendynamiken. Langwierig, packend und tiefgehend.

Veröffentlicht am 23.10.2022

Frauenleben

Die Rückkehr der Kraniche
0

Als Wilhelmine Hansen nach einem Sturz im Krankenhaus landet, treffen die ungleichen Schwestern Grete und Freya und Gretes Tochter Anne ungewollt aufeinander. Zurück in ihrem Elternhaus in der Marsch lassen ...

Als Wilhelmine Hansen nach einem Sturz im Krankenhaus landet, treffen die ungleichen Schwestern Grete und Freya und Gretes Tochter Anne ungewollt aufeinander. Zurück in ihrem Elternhaus in der Marsch lassen sich ihre Lebenslügen, Verletzungen und unerfüllten Sehnsüchte nicht lange vor den anderen verbergen. Es kommt zur Konfrontation.

Romy Fölck beschreibt die Erfahrungen der Frauen und ihr ganzes Sein sehr anrührend. Die Stärke der Frauen tritt offen zutage, obwohl deren unerfüllten Sehnsüchte, ihre Streitlinien und ihre Schwächen so vordergründig scheinen. Es ist spannend, welche Dynamik sich zwischen den Frauen unterschiedlicher Generation entwickelt. Das Ende ist nicht überraschend. Schnell ist klar, worauf das Ganze hinaus läuft. So bleiben größere Spannungen aus. Zudem ist auch der Erzählfluss zwar fließend, aber vorallem gemächlich. Besonders an diesem Roman sind die Schilderungen des Tierreiches insbesondere der Vögel in diesem Gebiet. Sie sind sehr anschaulich und interessant. Kommt man ohne großen Spannungsbogen aus, so bietet dieses Buch ein leichtes und unaufdringliches Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 23.10.2022

Wie im Trüben fischen

Schlangen im Garten
0

Die Familie Mohn trauert um die verstorbene Mutter. Doch die Welt um sie herum missbilligt ihre Art dies zu tun und wirft ihr Trauerverschleppung vor. Am Ende ist klar, dass die Familie ihren eigenen Weg ...

Die Familie Mohn trauert um die verstorbene Mutter. Doch die Welt um sie herum missbilligt ihre Art dies zu tun und wirft ihr Trauerverschleppung vor. Am Ende ist klar, dass die Familie ihren eigenen Weg finden muss.

Das Thema klingt tragisch und ernsthaft. Es ist schwer mitanzusehen, wie die Kinder leiden und Mauern um sich errichten, sich prügeln, zurückziehen. Ebenso der Vater.
Das ist es auch, was die Außenwelt nicht hinnehmen kann. Man möchte, dass sie schnell wieder in die richtige Bahn kommen und ihre Trauerarbeit tun. Doch der Beamte des Traueramtes kommt nicht gegen ihren vermeintlichen Eigensinn an.
Nur Menschen, die schon vorher nicht in das System passten, können ihnen Trost spenden. Und das ist das Spannende an dieser Geschichte. Es gibt allerhand Charaktere, allesamt überspitzt und ins Surreale gesteigerte Figuren, die für etwas stehen und die auf interessante Weise miteinander wirken.
Jede Figur und jedes Geschehnis ist absurd und gleichzeitig berührend und alles scheint bedeutsam. Schwierig dabei ist, dass die Geschichte ins Irreale abdriftet, unnahbar und oft unverständlich bleibt. Warum essen sie beispielsweise die Tagebuchseiten der Mutter?
Es ist, als ob man immer nur die trübe Oberfläche wahrnimmt und die wahre Bedeutung, die sicher großartig ist, nicht begreifen kann. Dies könnte den Ergeiz der Lesenden wecken, doch mir fehlt eher eine Deutungshilfe. Sicherlich macht genau dies das Buch so besonders, aber ebenso schwer lesbar und frustrierend.
Zusätzlich ist die Sprache dermaßen bedeutungsschwanger und auf eine anregende Weise poetisch, dass es einerseits vergnüglich und andererseits schwer durchschaubar wird.
Ebenso wie der Vorgängerroman der Autorin "Junge mit dem schwarzen Hahn" gefällt mir dieser Roman genau wegen dieser Tiefe, der Poesie und der einfühlsamen Ergründung der menschlichen Seele. Auch wenn diese Geschichte weniger dunkel ist. Anders ist hier aber, dass alles im Unklaren bleibt.

Gelungener Nachfolger auf "Junge mit schwarzen Hahn", ebenso tiefgehend und poetisch. Sprachlich und inhaltlich jedoch schwer lesbar.

Veröffentlicht am 18.09.2022

Intensiv

Sanfte Einführung ins Chaos
0

Marta und Daniel sind seit zwei Jahren ein Paar. Sie leben in unsicheren Zeiten, ihre Erwartungen an das Leben haben sich noch nicht erfüllt. Ungeplant schwanger zu sein, wirft die Beiden in ein Chaos, ...

Marta und Daniel sind seit zwei Jahren ein Paar. Sie leben in unsicheren Zeiten, ihre Erwartungen an das Leben haben sich noch nicht erfüllt. Ungeplant schwanger zu sein, wirft die Beiden in ein Chaos, dass alles infrage stellt.
Schnell ist man als Leser im Drama dieses Paares angekommen. Erst sind es Daniels Gedanken und Gefühle und dann Martas, die in mehreren Kapiteln beschrieben werden. Dieses wechselnde Erzählen sorgt dafür, dass deutlich wird, wie Beide mit sich ringen und immer wieder gegeneinander prallen, sich einander nicht verständlich machen können. Vorallem können sich ihre jeweiligen Geschichten, ihre Erfahrungen und Sehnsüchte entfalten. Den vielen Zweifeln und Argumenten das Kind nicht zu bekommen, wird wenig entgegengesetzt, trotzdem sind auch Daniels aufkeimende Vatergefühle intensiv erlebbar. Einige Sichtweisen und Annahmen haben mich erstaunt und entsetzt, Vieles konnte ich nachvollziehen. Marta und Daniel sind sehr sympathisch beschrieben. Die Spannung nimmt mit jedem Kapitel zu. Es ist gut spürbar, wie es Beiden in dieser Situation ergeht, ohne das eine Seite mehr wiegen würde. Noch spannender wird es, als Beide sich annähern und das Aushandeln beginnt. Allerdings erscheint mir dies unzufriedenstellend. Zu schnell kommt es scheinbar zu einer nicht wohl überlegten Entscheidung, von der klar ist, dass nicht Beide gut damit leben können. Schwer zu ertragen, aber Realität. Wie werden sie es wohl im Nachhinein beurteilen?
Es wird deutlich, wie schwerwiegend und schwierig die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch ist. Ein Buch, das anregt und nachdenklich macht.