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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.10.2021

Archivierte erste Liebe

Das Archiv der Gefühle
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Die erste Liebe vergisst man nicht? Das ist wohl das Thema des Buches. Der Protagonist dieses Romans hat für Franziska immer eine Leerstelle bewahrt. Doch beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit? Sind es ...

Die erste Liebe vergisst man nicht? Das ist wohl das Thema des Buches. Der Protagonist dieses Romans hat für Franziska immer eine Leerstelle bewahrt. Doch beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit? Sind es nicht eher seine Sehnsüchte, die er archiviert?

Die Erzählung beschreibt einen Mann, der sein Leben verpasst und sich verkriecht. Seine Weigerung sein Leben zu gestalten ist schwer zu verstehen. Die Frage ist ja, hat seine Sehnsucht nach Franziska Bestand, gibt es eine wirkliche Grundlage oder ist es mehr Wunsch als Wirklichkeit?
Die Erzählung lässt diese Grenze verschwimmen. Manche Situationen stellen sich im Nachhinein als nicht real heraus. Überraschend. Das kann es spannend machen, hat mich aber eher ermüdet. Der Protagonist bleibt seltsam fremd, namenlos und wenig greifbar. Auch konnte ich sein Verhalten oft schwer nachvollziehen und ertragen. Die Erzählung regt zwar zum Nachdenken an und hält nach, ist aber ansonsten eher langatmig.

Anregende aber langatmige Erzählung über mehr Wunsch als Wirklichkeit.

Veröffentlicht am 19.09.2021

Wirr

Weiße Nacht
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Das Hörtheater im südkoreanischen Seoul, in dem Ayami arbeitet wird an diesem Abend geschlossen. Sie hat noch keine Perspektive. In der unerträglichen Hitze des Sommers erlebt sie eine Nacht, in der alles ...

Das Hörtheater im südkoreanischen Seoul, in dem Ayami arbeitet wird an diesem Abend geschlossen. Sie hat noch keine Perspektive. In der unerträglichen Hitze des Sommers erlebt sie eine Nacht, in der alles zerfließt. Ihre Erlebnisse sind wie ein Fiebertraum, schwer zu greifen und bruchstückenhaft.

Genau so ist die gesamte Erzählung. Unklar, unstetig und sprunghaft. Die Situationen sind surreal. Die Erzählung lässt sich kaum nachvollziehen. Zusammenhänge bleiben unklar. Das ist auch das, was im Titel und Klappentext angekündigt wird und das Lesen unerwartet schwer macht. Das liegt wohl auch daran, dass die Umsetzung der Geschichte in Sprache und Erzählweise wirr ist. Alles bleibt im Unklaren und auf Distanz. Ayami bleibt merkwürdig fremd. Das ist enttäuschend, da die anfängliche Sympathie, die für sie erzeugt wird, nicht weiter ausgebaut wird.
Die Hitze und die Schwebe, in der sich Ayami befindet, sind gut nachvollziehbar. Die Grenzen sind fließend, alles befindet sich in einer Auflösung. Die Autorin hat dies sehr konsequent umgesetzt. Aber genau das ist es, weswegen ich das Buch vorzeitig weggelegt habe. Die Geschichte führt zu nichts.

Verwirrend, nicht greifbar und schwer lesbar.

Veröffentlicht am 16.09.2021

Nicht immer nur Gutes

Nichts als Gutes
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Wie kommt man darauf fiktive Grabreden zu schreiben? Wie auch immer, Stefan Slupetzky hatte damit einen guten Einfall.
Seine Grabreden legen Abgründe offen, überraschen mit absonderlichen Wendungen, lassen ...

Wie kommt man darauf fiktive Grabreden zu schreiben? Wie auch immer, Stefan Slupetzky hatte damit einen guten Einfall.
Seine Grabreden legen Abgründe offen, überraschen mit absonderlichen Wendungen, lassen tief blicken. Sie sind vorallem nicht immer wohlmeinend, sondern werfen auch Schatten auf die Betreffenden. Die Trauergemeinden, wenn es denn welche gibt, erfahren das ein oder andere Unerwartete. Oftmals sagen die Reden mehr über die Redner selbst, als über die Verstorbenen. Das macht es spannend und zeigt, daß Rituale nach dem Tod mehr den Lebenden dienen.
Slupetzky hat eine unterhaltsame Erzählweise, die immer wieder von österreichischem Vokabular durchzogen ist. Die Reden sind hintersinnig, schelmig und irritierend. Viele Reden haben, trotz aller Tragik, etwas komisches und amüsantes. Manchmal bleibt das Lachen im Halse stecken. Da werden tiefgreifende Fragen aufgeworfen, mit denen die Lebenden zurück bleiben, da wird der Tod gefeiert, ein Mord gestanden. Sehr gelungen. Zeitweise wirkt es so, als wolle der Autor gezielt irritieren. Einiges ist politisch unkorrekt, anderes dagegen sehr politisch.
Seine Einleitungen, die vor jeder Grabrede stehen, scheinen wenig aussagekräftig. Vielleicht ist es der Gegensatz zwischen der unverblümten Nähe in den Reden und den philosophischen Anwandlungen über das große Ganze in den Einleitungen, das etwas merkwürdig ist. Trotz allem lässt sich das Buch gut lesen.

Sehr unterhaltsame und hintersinnige Grabreden. Tragisch-komisch!

Veröffentlicht am 14.09.2021

Sehr persönlich

Was bleibt, wenn wir sterben
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Louise Brown wird nach dem Tod ihrer Eltern Trauerrednerin. In ihrem Buch beschreibt sie auf sehr persönliche Weise ihre Erlebnisse mit dem Tod.

Ihr Buch ist kein Sachbuch oder Ratgeber, sondern vielmehr ...

Louise Brown wird nach dem Tod ihrer Eltern Trauerrednerin. In ihrem Buch beschreibt sie auf sehr persönliche Weise ihre Erlebnisse mit dem Tod.

Ihr Buch ist kein Sachbuch oder Ratgeber, sondern vielmehr ein Erlebnisbericht.
Thematisch wird dieses Buch eher trauernde Menschen ansprechen und solche, die sich mit Verlust beschäftigen wollen. Obwohl Louise Brown unaufdringlich mit ihren Erfahrungen umgeht, ist das Thema von sich aus sehr konfrontierend. Der Gedanke an den Tod nahestehender Menschen mit allen Herausforderungen um die Beerdigung ist beklemmend. Es gelingt Frau Brown aufmerksam zu machen. Der Gedanke sich gemeinsam frühzeitig mit diesen Themen auseinandersetzen wird im Laufe des Buches zunehmend vertraut. Gut finde ich, dass sie auf schwierige Beziehungen zu nahestehenden Verstorbenen eingeht, wenn auch sehr kurz. Dabei sind zerrüttete Beziehungen gerade zwischen Eltern und Kindern nicht ungewöhnlich. Zeitweise wirkt ihre Sichtweise etwas verklärt, besonders wenn sie von den "lieben Verstorbenen" spricht. Im Laufe des Buches wird mir immer deutlicher, dass es mit Blick auf schwierige Beziehungen und Familienverhältnisse ein Buch dieser Art bräuchte. Eines mit der hoffnungsvollen und einfühlsamen Erzählweise Louise Browns.

Gelungener persönlicher Erfahrungsbericht, der berührt und zum Nachdenken anregt.

Veröffentlicht am 13.09.2021

Beklemmend

Raumfahrer
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Jan lebt mit seinem Vater in Kamenz, einer Stadt im ehemaligen Ostdeutschland. Von einem Fremden bekommt er eine Kiste mit Unterlagen, die die Geschichte seiner Familie aufdeckt, eng verwoben mit dem Künstler ...

Jan lebt mit seinem Vater in Kamenz, einer Stadt im ehemaligen Ostdeutschland. Von einem Fremden bekommt er eine Kiste mit Unterlagen, die die Geschichte seiner Familie aufdeckt, eng verwoben mit dem Künstler Baselitz. Die Zusammenhänge sind rein fiktiv, die Geschichte der Familie Baselitz scheint jedoch realistisch.

Jan weiß kaum was vom Leben seiner Eltern und deren Bezügen in der ehemaligen DDR. Alles ist uneindeutig. Wie Raumfahrer bewegen sich Jan und seine Eltern. Losgelöst, irgendwie distanziert, keinen festen Boden unter den Füßen. Dieses Sinnbild finde ich sehr stark. Es passt auch zu der kargen Landschaft und der ausgehöhlten Stadt, die der Autor beschreibt. Vergangenheit wird Zukunft, das zeigt sich in Jans Geschichte. Der Bogen wird in die heutige Zeit gespannt. Es ist spannend und zugleich bedrückend, wie die Nachkriegsgeschichte und die Trennung durch die Mauer dargestellt ist. Vorallem was es mit den Menschen macht und was die jeweiligen Menschen daraus machen. Die Aussage, dass es nicht nur Opfer und Täter gibt, sondern viel dazwischen liegt, finde ich stark. Menschen bespitzeln sich gegenseitig, werden vom Staat zum Spielball gemacht. Leider bleiben die individuellen Beweggründe unklar. Es ist sehr eindrücklich, wie diese Geschichte sich noch bis in Jans Gegenwart zieht. Diese Spannung ist auch der Grund dafür das Buch ganz gelesen zu haben. Und das trotz dem kargen Schreibstil, der fehlenden Emotionalität und die unvermittelten Sprünge zwischen den Zeitachsen, die das Lesen erschweren. Zwischendurch entgleitet mir die Geschichte. Die römischen Ziffern über den Kapiteln sind auch nicht gerade förderlich.

Eine sehr beeindruckende Erzählung über deutsche Nachkriegsgeschichte und deren Auswirkungen in der Gegenwart, aber schwer zu Lesen.