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Veröffentlicht am 07.11.2019

Eine wunderbare Reise durch die Zeit und eine (ehemals) geteilte Stadt

Nelly Rau-Häring
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Bildbände sind für mich immer kleine Reisen. Ob zu Orten oder Zeiten, emotional befinde ich mich dann einfach nicht mehr im Hier und Jetzt. Ich liebe es, die jeweils aktuelle Mode in Kleidung und Frisuren ...

Bildbände sind für mich immer kleine Reisen. Ob zu Orten oder Zeiten, emotional befinde ich mich dann einfach nicht mehr im Hier und Jetzt. Ich liebe es, die jeweils aktuelle Mode in Kleidung und Frisuren zu betrachten, Prallelen zu sehen, Dinge wiederkommen zu sehen oder anderen Dingen quasi auch nachzutrauern.

Im Bildband von Nelly Rau-Häring, der sich mit den „zwei Seiten Berlins“ befasst, sind so viele Dinge „versteckt“, die gar nicht ost-west-typisch sind, auch nicht berlintypisch, sondern einfach überall so waren. Gerade das geht mir nahe und zeigt mir, wie engstirnig der Mensch oft denkt und handelt. Dennoch ist es eine wunderbare Reise über vierzig Jahre hinweg durch Berlin, mit seinen Menschen, seinem Leben und seinen Problemen.

Die Fotos sind einfach großartig. Schon allein, wenn ich sehe, wie in einer Straße Auto an Auto steht und fast alle von ihren (1966 quasi ausschließlich männlichen Besitzern) liebevoll und im Anzug an einem Sonntag geputzt werden, geht mir das Herz auf. Auch der Plakatierer mit seinem Fahrrad – da geht mir das Herz auf! Lebensfreude, aber auch Frust; Ernst, aber auch Spaß; Eleganz, aber auch Lässigkeit; Kälte und Wärme – all das findet sich in den Bildern. Und sehr oft wundert man sich, dass das Bild nicht den Teil Berlins zeigt, den man zunächst vermutet hätte und auch im Jahrzehnt irrt man sich schnell.

Dass die Bilder überwiegend in Schwarzweiß sind, verstärkt diesen Effekt noch. Für mich sind sie aber auch gerade dadurch ausdrucksstärker. Mich persönlich lenken Farben oftmals ab. Die Schwarzweißbilder fokussieren auf das Wesentliche. Der Nikolaus vor dem Bestattungsinstitut ist in (blassen) Farben jedoch sehr effektvoll.

Die Bilder der Mauerreste, der „Zeit danach“ – sie stimmen einfach nachdenklich. Es ist schlicht schön, dass gewisse Dinge vorbei sind.

Das Interview ist sehr aufschlussreich und liest sich prima weg. Man hat fast das Gefühl, selbst mit Nelly Rau-Häring gesprochen zu haben. Auch das Vorwort ist absolut lesenswert und stimmt auf die anschließenden Bilder ein.

Einundvierzig Jahre existierte die Teilung und damit die Mauer und die DDR. Vor dreißig Jahren fiel die Mauer. Erstaunlich! Ich bin sehr beeindruckt und noch mehr begeistert von diesem Bildband, der völlig ohne Worte auskommt und doch so viel sagt. Dafür gebe ich die vollen fünf Sterne.

Veröffentlicht am 05.11.2019

Frauen und Medizin Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland

Die Charité: Aufbruch und Entscheidung
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Rahel und Barbara sind zwei völlig unterschiedliche Frauen in Berlin – und erleben beide auf ihre Weise den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung, Anerkennung und ein besseres Leben. Rahel, eine der ersten ...

Rahel und Barbara sind zwei völlig unterschiedliche Frauen in Berlin – und erleben beide auf ihre Weise den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung, Anerkennung und ein besseres Leben. Rahel, eine der ersten Ärztinnen in der Charité und noch dazu Jüdin, wird von Barbara, einer jungen Arbeiterin der Wäscherei der Charité, deren Tante „Gewalt angetan worden“ war, vor dem sicheren Tod gerettet.

Wie schon im ersten Band ist man auch hier sofort in der Geschichte drin – und das im doppelten Sinne. Die Story von Ulrike Schweikert ist quasi Geschichtsunterricht in Romanform. Es macht Spaß, auf diese Weise etwas von unserer noch gar nicht so lange zurückliegenden Geschichte zu erfahren und lernen.

Besonders schön geschildert ist meiner Meinung nach die Forschung. Verglichen mit damals ist es heute ein Kinderspiel, Menschen zu behandeln und Krankheiten sowie Behandlungsmethoden zu erforschen. Erstaunlich, dass viele männliche Ärzte ebenso auf Widerstand stießen – weil sie zu „modern“ waren. Die Erfolge gingen zulasten von Tieren – Tierversuche waren normal und kaum jemand empfand Mitleid für sie.

Ein bisschen oberflächlich geht es dagegen beim Thema Gleichberechtigung zu. Es wird immer mal wieder erwähnt, aber etwas lascher, als mir gefallen würde. Dennoch ist es gut, dass es nicht komplett übergangen wird. Hier ist aber eben Rahels Part dominanter und Barbaras Weg wird nur nebenbei erwähnt, obwohl Rahel sehr profitiert. Auch Rahels Herkunft und Religion werden immer mal wieder zum Thema und Krieg ebenso. Natürlich ist beides in der Zeit nicht wegzuschweigen und spielt eine wichtige Rolle. Gerade im Krieg ist Rahels Arbeit als Ärztin wichtig, gar keine Frage. Doch das Drumrum ist mir auch hier ein bisschen zu kurz gekommen. Das klingt sicher seltsam bei einem Buch, das 448 Seiten hat, doch ich denke, es hätte Stoff für gut 700 Seiten gehabt. Das Hörbuch läuft mehr als 900 Minuten, aber ich hätte auch doppelt so lange gelauscht!

Natürlich ist auch der Krieg ein Thema. Und hier ist super schön geschildert, dass nicht nur der Krieg selbst, sondern auch dessen Ende die Menschen schwer belastet. Klingt blöd, ist aber so. Und gibt zu denken. Das Leben in der Zeit war so oder so schwer, es gab viel Gewalt in jeder Hinsicht und Gerechtigkeit war Mangelware.

Svenja Pages versteht es meisterlich, den Figuren eigene Stimmen zu geben. Dabei wirkt es nie künstlich oder albern. Besonders schön finde ich ihre Art, Barbara darzustellen. So schön berlinert niemand sonst! Dennoch finde ich es schade, dass nicht Beate Rysopp das Buch eingelesen hat, wie den ersten Band, auch wenn es um das Leben anderer Frauen geht.

Insgesamt wurde ich aber wieder wunderbar unterhalten und habe viel gelernt oder auffrischen können. Die Atmosphäre der Zeit wurde perfekt eingefangen und transportiert. Die beiden Frauenfiguren bringen das Geschehen sehr schön rüber, sodass man quasi durch exzellente Unterhaltung die Deutsche Geschichte nebenbei vergegenwärtigt bekommt und dabei lernt. Nicht ganz so schön, wie die Reihe „Die Ärztin“, aber weit über „Die Hafenschwester“. Deshalb gebe ich trotz meiner Kritikpunkte die vollen fünf Sterne.

Veröffentlicht am 05.11.2019

Kommt nicht in meine Hitliste

Bis ihr sie findet
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Eine Clique in den 1980er Jahren, eine Zeltnacht und Spannungen, und am Ende fehlte die Jüngste. Trotz intensiver Suche wurde sie nie gefunden, bis in der Gegenwart durch Zufall die Überreste der Leiche ...

Eine Clique in den 1980er Jahren, eine Zeltnacht und Spannungen, und am Ende fehlte die Jüngste. Trotz intensiver Suche wurde sie nie gefunden, bis in der Gegenwart durch Zufall die Überreste der Leiche gefunden werden. DCI Jonah Sheens kannte das Mädchen und ist fest entschlossen, endlich herauszufinden, was damals wirklich geschah …

Ach ja. Es fällt mir richtig schwer, eine Rezension zu diesem Buch zu schreiben. Aber es ist mir wichtig, denn ich kann die Begeisterung über das Buch leider absolut nicht teilen. Dabei fand ich den Plot super interessant und freute mich besonders auf und anfangs auch über die Rückblenden in die 1980er, denn das war „mein Jahrzehnt“.

Da dieses Buch ein Reihenauftakt ist, war klar, dass die anfänglichen Verdachtsmomente nicht stimmen können, auch wenn sorgsam darauf geachtet wurde, diese immer wieder einzustreuen. So ist dieser Faden also ein bisschen unnötig. Jonah Sheens ist einer dieser Ermittler, die ein eigenes Problem mitbringen. Ebenso seine Kollegin Juliette Hanson. Anfangs hatte ich noch Verständnis für sie und bis zum Schluss mochte ich sie auch sehr gern, aber ab einem gewissen Punkt nervt ihr Verhalten ihrem Ex gegenüber doch schon. Sie ist Polizistin, um Himmels willen! O’Malley und Lightman wurden mit eigenen, speziellen Charakterzügen bedacht, allerdings muss ich sagen, dass die Mischung insgesamt doch schon sehr oft so oder stark ähnlich vorhanden war. Für Vielleser also leider nicht erfrischend und schon gar nicht neu.

Der Wechsel zwischen den Zeitebenen ist immer ganz nach meinem Geschmack. Dieses Stilelement ermöglicht dem Leser, die Zusammenhänge sehr gut erfassen zu können und immer zu wissen, was wichtig ist und den Ermittlern oft nicht klar ist, denn sie müssen das ja erst noch herausfinden. Leider mochte ich in der Clique niemanden besonders. Und ich konnte mich absolut nicht hineinfinden – meine Erfahrung mit der Dynamik von Cliquen, gerade in den 1980ern, ist eine völlig andere. Und das große Schweigen nach dem Vorfall – nein, so ist für mich das alles leider völlig undenkbar.

Die Auflösung am Ende – nun, sie ist stimmig, sie ist actionreich (endlich! Bis dahin ist das Buch absolut ruhig und unaufgeregt), ein Showdown wie im wilden Westen. Da glaubt man fast, der Autor hat gewechselt und ein anderer hat den Schluss geschrieben.

Drogen und Alkohol sind hier irgendwie die Erklärung für alles, was schiefläuft. Das mag ja im Grunde gar nicht so falsch und verkehrt sein, aber in einem Krimi oder Thriller doch ein bisschen viel des Guten.

Ach ja, wie ich eingangs sagte – es ist sehr schwer, es in Wort zu fassen. Das Buch liest sich echt schnurpsig weg, es stellt keine großen Anforderungen. Ideal zur Entspannung eben. Das finde ich gut, das mag ich. Aber insgesamt sind da so viele Punkte, die einfach nicht gelungen sind und die mich langweilen oder im schlimmsten Fall sogar aufregen und sauer machen. Da von Anfang an klar ist, dass einer aus der Clique der Täter sein muss, hätte das Buch vor Spannung geradezu platzen müssen. Tut es aber nicht. Für mich ist da dann die Story in den Sand gesetzt. Zwei Sterne erscheinen mir aber zu wenig, also gebe ich drei. Schade! Ich bezweifle stark, dass ich an den Folgebänden interessiert bin.

Veröffentlicht am 31.10.2019

Ein sanftes, leises Buch, das bewegt und nicht mehr loslässt

Die fünf Menschen, die dir im Himmel begegnen
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Trotz seiner 83 Jahre arbeitet Eddie noch immer auf dem Jahrmarkt. Er ist für die Kinder „Eddie Wartung“ und bastelt ihnen Pfeifenreinger-Tierchen. Ausgerechnet an seinem Geburtstag geschieht ein Unglück ...

Trotz seiner 83 Jahre arbeitet Eddie noch immer auf dem Jahrmarkt. Er ist für die Kinder „Eddie Wartung“ und bastelt ihnen Pfeifenreinger-Tierchen. Ausgerechnet an seinem Geburtstag geschieht ein Unglück im Park und sein Versuch, ein kleines Mädchen zu retten, endet für ihn tödlich. Er findet sich im Himmel wieder und trifft nach und nach auf fünf Menschen, die auf ihn gewartet haben. Nicht alle kennt er, aber alle erzählen ihm Dinge, die eine ganz besondere Bedeutung haben …

Zuvor hatte ich das Hörbuch „Wer im Himmel auf dich wartet“ genossen und ich war neugierig, was der eigentliche Vorgänger des Buches in sich birgt. Fest steht, dass es keine Rolle spielt, in welcher Reihenfolge man diese Geschichten liest oder hört. Von der Logik her ist dies Band ein, aber die Geschichten sind eigenständig. Sie bauen nicht aufeinander auf, sie betreffen quasi nur zufällig zwei identische Figuren.

Die Geschichte ist ruhig und dennoch bewegend. Sie tröstet auch – zumindest hat sie diese Wirkung auf mich. Die Vorstellung eines „vernetzten“ Himmels ist wunderschön und den Wert des eigenen Lebens zu erkennen und sich mit dem Schicksal zu versöhnen, das finde ich einfach herrlich, wunderbar, großartig. Mitch Albom schafft es, in beiden Geschichten ruhig und sachlich zu schildern, was er sagen möchte. Es gibt keine echte Spannung, dennoch fesselt das Buch. Das ist fast schon magisch! Dabei lässt er Eddie nicht als unerkannten Helden durchs Leben schreiten, sondern zeigt auch auf, wo er sich geirrt hat, wo er falsch gehandelt hat und welche einschneidenden Folgen dieses Handeln hatte. Aber eines ist nicht möglich, wenn das andere nicht zuvor geschehen ist und so hängt eben alles zusammen und nichts davon ist unwichtig.

Ja, alles im Leben hat seinen Sinn, auch wenn wir es oft erst sehr spät verstehen. Ich mag dieses sanfte, leise Buch sehr und werde die Wirkung, die es auf mich hat, nicht so schnell vergessen. Es lässt mich daran glauben, dass die, die schon gegangen sind, nach fünf besonderen Begegnungen darauf warten, selbst einer von fünf zu sein, bevor sie endgültig ihre Reise beenden. In Frieden, in Zufriedenheit, ausgeglichen und glücklich.

Sicher kein Buch für jeden. Aber eins perfekt für mich. Und sicher nicht ohne Grund nach vierzehn Jahren neu aufgelegt! Ich gebe fünf Sterne.

Veröffentlicht am 26.10.2019

Hamburg 1892-1897

Die Hafenschwester (1)
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Martha ist 14 und lebt in einem Viertel, das nicht gerade das beste Hamburgs ist. Das Leben ist so schon hart genug, doch dann wird ihre Freundin Millie von ihrem Vater zur Prostitution gezwungen und zudem ...

Martha ist 14 und lebt in einem Viertel, das nicht gerade das beste Hamburgs ist. Das Leben ist so schon hart genug, doch dann wird ihre Freundin Millie von ihrem Vater zur Prostitution gezwungen und zudem nimmt die Cholera ihr Mutter und Schwester. Martha beschließt, als Krankenwärterin zu arbeiten. Dabei entdeckt sie ihre Liebe zur Medizin und wird eine Lernschwester bei den Erika-Schwestern. Deren Regeln sind streng und ihre aufflammende Liebe zu einem jungen Mann ist verboten. Auch ihr Anschluss an die Frauenrechtsbewegung ist nicht ohne Folgen. Im Hafen rumort es, denn die Arbeiter drohen mit Streik. Millie will nach Amerika, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Die Geschichte um Martha ist gut zu lesen, denn der Stil von Melanie Metzenthin ist schnörkellos und klar. Teils ist er mir sogar zu schlicht, sodass er ein klein wenig an Jugendliteratur (allerdings weniger bei Milles Part) erinnert. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass mir das Buch nicht gefallen hat!

Es muss sich nur leider mit „Die Ärztin“ und „Die Charité“ messen und hier fällt es dann doch ein bisschen zurück. Einige der Probleme jener Zeit kennt der Leser vielleicht noch aus dem Geschichtsunterricht oder eben durch die beiden genannten Bücher. Wenn nicht – der Roman hält sich nicht eisern, aber nahe an der Wahrheit. Ein bisschen künstlerische Freiheit muss man jedem Autor zugestehen, dann wird Geschichtsunterricht sogar lebendig und greifbar. Ich jedenfalls versank tief in die Story und erlebte mit Martha und ihren Weggefährten das Geschehen quasi hautnah.

Dazu gehört neben der Geschichte der Medizin und der Frauen in diesem Bereich auch der sozialdemokratische Gedanke. Hier wird es streckenweise ein bisschen trocken, bzw. wer sich weniger dafür interessiert, wird hier Längen finden. Es werden sehr viele Themen angeschnitten und eingewebt. Das macht das Buch ein bisschen überladen, auch wenn es historisch stimmig ist.

Anders als bei den Protagonistinnen der o.g. Bücher ist mir Martha ein bisschen zu stark und ohne Schwächen, zu perfekt und ohne wirkliche Probleme oder Rückschläge gezeichnet. Ansonsten hat man die Figuren aber alle sehr schön vor Augen und auch die Gegenden, das Drumrum kann man sich prima vorstellen, auch ohne Hamburg und Umgebung schon mal gesehen zu haben. „Die Hafenschwester“ ist nicht nur sehr gute Unterhaltung im historischen Genre, sondern in gewisser Weise auch eine Form von Geschichts- und Politikunterricht. Es ist ein Buch, das den Leser definitiv schlauer macht, so ganz nebenbei, auch wenn es ein paar Momente gibt, die mir zu unrealistisch sind. Aber es ist und bleibt ein Roman, das darf man nicht vergessen.

Da dies eine Reihe werden soll, warte ich nun gespannt, wie es weitergeht. Das Ende ist rund und in sich stimmig und lässt den Leser nicht in der Luft hängen, dennoch bleibt viel Raum für Spekulation und noch viel, das noch erzählt werden sollte.

Ich hatte eine wunderbare Lesezeit mit dem Buch und gebe deshalb vier Sterne.