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Veröffentlicht am 22.06.2025

Die heilende Kraft der Musik

Strandgut
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Im Mittelpunkt von "Strandgut", dem neuen Roman des britischen Autors Benjamin Myers, steht Earlon Bronco, genannt Bucky. Er ist über siebzig und lebt seit dem Tod seiner Frau Maybellene vor fast einem ...

Im Mittelpunkt von "Strandgut", dem neuen Roman des britischen Autors Benjamin Myers, steht Earlon Bronco, genannt Bucky. Er ist über siebzig und lebt seit dem Tod seiner Frau Maybellene vor fast einem Jahr allein und zurückgezogen in Chicago. Sein Leben lang hatte er zahlreiche Gelegenheitsjobs, aber keine Krankenversicherung, er konnte sie sich nicht leisten. Nun, im Alter, wird er von unerträglichen Arthroseschmerzen geplagt. Starke Schmerzmittel verschaffen ihm für ein paar Stunden Erleichterung und haben zur Abhängigkeit geführt.

Mit 17 Jahren schrieb Bucky einige Songs und erhielt für die Plattenaufnahmen ein kleines Honorar. Weitere Einnahmen hatte er mit den Liedern nicht, er hat sie nie wieder gesungen und ist auch nie mit ihnen aufgetreten.
Zu seiner Überraschung erhält er eine Einladung, seine alten Lieder, die in den USA längst vergessen sind, auf einem Soul-Festival in der englischen Küstenstadt Scarborough zu singen. Am Flughafen Yorkshire wird er von der Mittfünfzigerin Dinah Lake abgeholt, die ihn kontaktiert hatte und seit langem ein großer Fan von ihm ist ....

Die Geschichte ist in ganz wunderbarer, teilweise poetischer Sprache erzählt und hat mich von Beginn an gefesselt. Mit viel Empathie und Liebe beschreibt der Autor seine beiden Protagonisten und blättert dabei nach und nach insbesondere Buckys Vergangenheit auf, die von Leid und Verlust geprägt ist.
Während Buckys Welt nach dem Tod seiner Frau klein geworden ist und er in erster Linie zwischen seinem Zuhause und der Apotheke pendelt, um sich seine Opiate zu besorgen, lebt die Supermarktkassiererin Dinah ein trostloses und unglückliches Leben an der Seite ihres alkoholkranken Mannes Russell, der keiner geregelten Arbeit nachgeht. Dem gemeinsamen Sohn Lee fehlt jeglicher Ehrgeiz, er nimmt Drogen und verbringt seine Zeit mit Computerspielen.

Buckys und Dinahs Schicksale haben mich sehr berührt, ich konnte mich gut in ihre unterschiedlichen Lebenswelten hineinversetzen und habe die beiden schnell in mein Herz geschlossen. Ganz besonders mochte ich die herzliche und bisweilen auch schroffe Dinah, die sich um Bucky kümmert, auf seine Sorgen eingeht und ihm neues Selbstvertrauen gibt. Ich mochte auch Shabana, die Reinigungskraft aus Afghanistan, die Bucky im Hotel kennenlernt, und natürlich habe ich seit Buckys Flug über den Großen Teich seinem Auftritt ungeduldig entgegengefiebert.

"Strandgut" hat mir sehr gut gefallen, es ist ein leises und bewegendes Buch, in dem es um Trauer und Verlust, das Altwerden, Drogen- und Alkoholsucht geht. Es ist aber auch ein Buch über Freundschaft und Hoffnung, Neubeginn - und die heilende Kraft der Musik.

Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Melancholische und sensibel erzählte Geschichte

Perlen
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Die englische Autorin Siân Hughes hat ihren Debütroman "Perlen" veröffentlicht. Das Buch, das über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten entstanden ist, war in England ein großer Erfolg und schaffte ...

Die englische Autorin Siân Hughes hat ihren Debütroman "Perlen" veröffentlicht. Das Buch, das über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten entstanden ist, war in England ein großer Erfolg und schaffte es 2023 auf die Longlist für den Booker Prize und auf die Shortlist für den Author’s Club Best First Novel. 

Marianne, die Ich-Erzählerin, ist acht Jahre alt, als ihre Mutter Margaret kurz nach der Geburt des kleinen Joe verschwindet, ohne jemandem zu sagen, wohin sie geht und wann sie wiederkommt. Die Kinder wachsen bei ihrem Vater Edward, einem Geschichtsdozenten, in einem alten Haus am Rand eines kleinen Dorfes und später in einem gemieteten Stadthaus auf. Marianne bleiben Erinnerungen an ihre Mutter und die Liebe, die sie miteinander verband, an die Märchen und Lieder von damals, die gemeinsamen Spiele  - und an "Pearl", das Lieblingsgedicht der Mutter. Je älter sie wird, desto mehr sucht sie nach den Gründen, die Margaret dazu veranlassten, ihre Familie zu verlassen. Als sie 30 Jahre nach Margarets Weggang selbst Mutter einer kleinen Tochter wird, stürzt ihr unbewältigtes Trauma sie in eine tiefe Depression.

Die Geschichte, in der Marianne sich rückblickend an den Schmerz über den Weggang der Mutter erinnert und in der es um die zentralen Themen Verlust, Mutterschaft, Trauer und Trauerbewältigung geht, ist in wunderschöner und ruhiger Sprache geschrieben, sie hat mich gefesselt und zutiefst berührt. Die Autorin zeichnet ihre Protagonisten, ganz besonders Marianne, sehr bildhaft und authentisch. Wir erfahren, wie die Abwesenheit der Mutter das Leben ihrer zurückgebliebenen Tochter prägte, erleben neben ihrer Kindheit auch die schwierigen Jahre ihrer Jugend und blicken dabei tief in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. 

Ich hatte nicht nur tiefes Mitgefühl für das kleine Mädchen, das den Alltag mit dem Vater und Joe allein bewältigen muss und die Mutter so schmerzlich vermisst, sondern auch für die wütende und aufbegehrende Heranwachsende, die sich selbst Verletzungen zufügt.

Die sensibel erzählte Geschichte hat mir sehr gut gefallen - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 21.05.2025

Beeindruckender und faszinierender Debütroman

Teddy
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Die in Dallas lebende, aus einer wohlhabenden Familie stammende Teddy Carlyle ist 34 Jahre alt, als sie sich vornimmt, bis zu ihrem 35. Geburtstag einen Ehemann zu finden. Es ist bei Teddy keine Liebe ...

Die in Dallas lebende, aus einer wohlhabenden Familie stammende Teddy Carlyle ist 34 Jahre alt, als sie sich vornimmt, bis zu ihrem 35. Geburtstag einen Ehemann zu finden. Es ist bei Teddy keine Liebe auf den ersten Blick, als sie auf Vermittlung einer Cousine David Shepard zum ersten Mal begegnet. Dieser zeigt Interesse an der jungen Frau, nach nur wenigen Wochen findet die Hochzeit statt. Das Leben der beiden ändert sich schon bald, als sie nach Rom ziehen, wo David als Botschaftsangehöriger arbeiten wird. Auf einer Party des Botschafters Warren Carey erregt Teddy nicht nur durch ihre Schönheit viel Aufsehen, und man bietet ihr an, die Kunstsammlung der Botschaft zu sichten und zu katalogisieren. Teddy blüht auf, sie und David sind nun gern gesehene und gefragte Gäste auf Empfängen und Obernabenden, darüber hinaus erhält sie viele Einladungen der Botschaftsfrauen. Als auf einer Party ein kompromittierendes Foto von ihr und dem Botschafter geschossen wird, gerät sie in große Schwierigkeiten ....

Die Geschichte ist auf zwei Zeitebenen erzählt. Im ersten Erzählstrang, wir schreiben den 9. Juli 1969, steht Teddy in Rom zwei Ermittlungsbeamten Rede und Antwort, die zweite Zeitebene spielt in Dallas und umfasst die Monate Januar bis Mai 1969. 
Ich fand es faszinierend, die Ich-Erzählerin Teddy zu begleiten und dabei tief in ihre Gefühls- und Gedankenwelt zu blicken. Sie führt in Rom ein vollkommen anderes Leben als in den USA, lebt mit ihrem Mann in einer kleinen und bescheidenen Wohnung und hat den Wunsch, ihre geheimnisvolle Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine gut gekleidete, höfliche und perfekte Diplomatengattin zu sein. 

Sprache und Erzählstil des Romans haben mir sehr gut gefallen, die Geschichte ist flüssig und äußerst unterhaltsam erzählt. Die Charaktere sind sehr bildhaft und authentisch beschrieben. Ich mochte die naive, chaotische und mir sehr oberflächlich erscheinende Protagonistin, der Designerkleidung und Kosmetika übertrieben wichtig sind, die zu viel Alkohol trinkt und aufputschende Tabletten schluckt, anfangs überhaupt nicht und konnte ihre Handlungsweisen oft nicht nachvollziehen. Im Laufe der Handlung und mit zunehmendem Wissen über ihre Vergangenheit wurde sie mir sympathischer, und ich habe sie bedauert bei ihren verzweifelten Versuchen, den von ihr mitverursachten Skandal zu verhindern.

Die Handlung springt zwischen den beiden Zeitebenen hin und her, und während wir immer mehr über Teddys Vergangenheit erfahren, steigt die Spannung stetig bis zum überraschenden Ende. Der Zeitgeist ist ganz wunderbar eingefangen, und es war spannend, in die sechziger Jahre einzutauchen und dabei Einblick in die damaligen Gesellschaftsstrukturen zu erhalten, als die Rolle der Frau noch eine vollkommen andere war als heute. 

Ich habe das faszinierende Buch, in dem es neben dem Dolce Vita auch um traurige Familiengeheimnisse, Tablettenmissbrauch, Kunst, Intrigen, Verrat, Manipulation und Korruption geht, sehr gern gelesen. 

Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Zauberhaftes und sehr liebevoll gestaltetes Kinderbuch

Die Erdbeermädchen
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In seiner Reihe "Einfach lesen lernen" hat der Carlsen Verlag "Die Erdbeermädchen" veröffentlicht, das neue Kinderbuch von Judith Allert und Tessa Rath.

Gleich auf den ersten Seiten werden die wichtigsten ...

In seiner Reihe "Einfach lesen lernen" hat der Carlsen Verlag "Die Erdbeermädchen" veröffentlicht, das neue Kinderbuch von Judith Allert und Tessa Rath.

Gleich auf den ersten Seiten werden die wichtigsten Figuren Anna, Jo, Kira und Oma Irmi vorgestellt. Irmi ist die "Erdbeeroma", die nur "geliehen" ist, also keine wirkliche Oma von einem der Mädchen ist. Sie wohnt mit ihrem Hund Wuschel in einem kleinen Haus am Waldrand, und die Kinder lieben es, in ihrem Garten zu spielen. Im Sommer freuen sich alle auf die Erdbeerernte, dann gibt es Marmelade und Erdbeereis. Doch in diesem Jahr ist alles anders, denn Anna wird mit ihrer Familie vielleicht bald umziehen, und Oma Irmi muss ganz plötzlich ins Krankenhaus. Wird der von allen ersehnte Erdbeersommer in diesem Jahr ganz ausfallen?
 
Das Buch mit dem auffallend schönen und liebevoll gestalteten Cover richtet sich an Kinder ab etwa 5 Jahren und ist in altersgerechter Sprache erzählt. Die Schrift ist groß, die Sätze sind kurz, was kleine Leseanfänger dazu animieren wird, die Geschichte eigenständig zu lesen. Sie eignet sich aber auch hervorragend zum Vorlesen für Vorschulkinder. Judith Allerts Texte sind ergänzt durch eine Vielzahl zauberhafter und farbenfroher Illustrationen von Tessa Rath.

Die warmherzige Geschichte, in der es nicht nur um Erdbeeren und Freude an der Natur geht, sondern auch um Freundschaft und Hilfsbereitschaft, ist spannend und kindgerecht erzählt. Dass auf den ersten beiden Seiten die sympathischen Protagonistinnen in kurzen Steckbriefen vorgestellt werden, erleichtert den Kindern den Einstieg in das Geschehen. Die Kapitel sind kurz gehalten, enthalten neben den Texten auch Sprechblasen und überfordern kleine Leseanfänger nicht. Auf der letzten Seite befindet sich das Erdbeermarmeladenrezept von Oma Irmi - eine schöne Idee!

Absolute Vorlese- und Leseempfehlung für dieses zauberhafte Kinderbuch!

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Veröffentlicht am 30.04.2025

Großartige und mitreißende Unterhaltung

Wut und Liebe
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Als ich "Wut und Liebe", den neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Martin Suter, entdeckte, habe ich mich sehr gefreut. Mein Lieblingsbuch des Autors ist zwar nach wie vor "Small World", aber auch ...

Als ich "Wut und Liebe", den neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Martin Suter, entdeckte, habe ich mich sehr gefreut. Mein Lieblingsbuch des Autors ist zwar nach wie vor "Small World", aber auch weitere Bücher von ihm haben mich begeistert, zuletzt "Melody". Meine Erwartungshaltung war also sehr hoch - und ich wurde nicht enttäuscht!

Im Mittelpunkt stehen die 31-jährige Camilla da Silva und der 33-jährige Noah Bach. Die beiden haben sich beim Tanzen kennengelernt und sind seit drei Jahren zusammen. Camilla sorgt als Buchhalterin für den Lebensunterhalt des Paares, während Noah als freischaffender Künstler, der auf den großen Durchbruch hofft, nur geringe Einkünfte hat. Die junge Frau liebt ihren Freund, doch sie ist unzufrieden und wünscht sich ein Leben ohne finanzielle Sorgen. Sie beschließt, sich von Noah zu trennen und nach einem reichen Mann Ausschau zu halten. Der Verlassene lernt in einer Bar die herzkranke 65-jährige Betty Hasler kennen. Sie hat vor drei Jahren ihren Ehemann verloren und hasst seinen Geschäftspartner Peter Zaugg, den sie für den Tod ihres Mannes verantwortlich macht. Geld spielt für die wohlhabende Betty keine Rolle, und so stellt sie demjenigen, der Zaugg tötet, eine Million in Aussicht. Der mittellose Noah könnte mit einem Schlag seine Geldsorgen loswerden und vielleicht sogar seine Freundin zurückgewinnen ...

Die mitreißende Geschichte, eine Mischung aus Liebesroman und Krimi, ist in gewohnt schöner und eleganter Sprache mit immer wieder aufblitzendem Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Die interessanten Figuren beschreibt Martin Suter lebensnah und präzise, er lässt uns tief eintauchen in ihre Lebenswelten. Ich fand es spannend, Camilla, Noah und Betty kennenzulernen, konnte ihre Handlungsweisen allerdings nicht immer nachvollziehen. Die Beschreibungen über die Kunst und ihre Vermarktung sowie sehr spezielle Finanzgeschäfte haben mich fasziniert. Gut gefallen hat mir, dass der Autor wie in vielen seiner Werke auch in "Wut und Liebe" nicht mit Gesellschaftskritik spart. Nicht gefallen hat mir dagegen der häufige und reichliche Alkoholgenuss der Protagonisten.

Das Buch ist fesselnd und spannend bis zur letzten Seite, es gibt raffinierte Wendungen, Geheimnisse werden enthüllt, und das Ende hat mich vollkommen überrascht. Ich habe den kurzweiligen Roman, in dem es neben Liebe und Wut auch um Verzweiflung, Verrat und Trauer geht, sehr gern gelesen und mich dabei bestens unterhalten gefühlt.

Absolute Leseempfehlung! 

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