Profilbild von Naraya

Naraya

Lesejury Star
online

Naraya ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Naraya über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.07.2026

Nicht unbedingt Fang Fangs stärkstes Werk, aber immer noch sehr lesenswert

Ich geh' jetzt los und bring mich um
0

He Hanqing ist in ihrer Familie das Mädchen für alles. Pausenlos kümmert sie sich um den Haushalt und die Wünsche ihrer Schwiegereltern, der Schwägerin und ihres Mannes. Obwohl sie unter chronischer Verstopfung ...

He Hanqing ist in ihrer Familie das Mädchen für alles. Pausenlos kümmert sie sich um den Haushalt und die Wünsche ihrer Schwiegereltern, der Schwägerin und ihres Mannes. Obwohl sie unter chronischer Verstopfung leidet, bleibt ihr nicht einmal genug Zeit, um in Ruhe auf die Toilette zu gehen. Nebenbei verdient sie auch noch Geld als Reinigungskraft, während ihr Mann nach seiner Entlassung in der eigenen Werkstatt kleine Autos aus Holz schnitzt. Als eine Bekannte von Hanqing mit Selbstmord droht, findet sie das erst ziemlich albern, aber dann beginnt der Gedanke auch in ihrem Kopf Form anzunehmen.

„Ich geh jetzt los und bring mich um“ ist der neuste Roman aus der Feder von Fang Fang und wurde von Karin Betz ins Deutsche übersetzt. Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonistin Hanqing, so dass wir beim Lesen all ihre Frustration und Verzweiflung, aber auch ihre Zerrissenheit zu spüren bekommen. Denn eigentlich will sie gar nicht sterben, sie will nur einfach ein anderes Leben, in dem sie als Mensch geschätzt und geachtet wird.

Wie es in China traditionell üblich ist, zog Hanqing nach der Heirat bei der Familie ihres Mannes ein. Ihr obliegen nun sämtliche Aufgaben und damit auch die Pflege der Schwiegereltern, die auf sie herabschauen, weil sie vom Land stammt und nicht besonders intelligent ist. Selbst Hanqings Sohn, der für sein Studium weggezogen ist, meldet sich nur dann bei seiner Mutter, wenn er Geld braucht. Im Gegensatz dazu ist sie bei den Nachbarn und all ihren Bekannten hoch angesehen und erhält dort mehr Freundlichkeit, als im eigenen Zuhause.

Alles verändert sich, als Hanqing das Haus verlässt, um sich das Leben zu nehmen – und doch bleibt andererseits auch alles so, wie es vorher war. Das macht den Roman ebenso frustrierend wie realistisch. Am Ende ist nur von Bedeutung, dass es Hanqing gelingt, eine Entscheidung zu treffen, die über ihre weitere Zukunft bestimmen wird. Für mich ist „Ich geh jetzt los und bring mich um“ nicht unbedingt Fang Fangs stärkstes Werk, aber immer noch sehr lesenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.06.2026

Eine Reihe für die Seele

Eine Prise Glück im Restaurant der verlorenen Rezepte (Die Food Detectives von Kyoto 3)
0

In einer Seitengasse in Kyoto liegt ganz versteckt das kleine Restaurant des Witwers Nagare Kamogawa und seiner Tochter Koichi. Die beiden sind nach dem Tod der Ehefrau bzw. Mutter ein eingespieltes Team, ...

In einer Seitengasse in Kyoto liegt ganz versteckt das kleine Restaurant des Witwers Nagare Kamogawa und seiner Tochter Koichi. Die beiden sind nach dem Tod der Ehefrau bzw. Mutter ein eingespieltes Team, auch wenn sie sich gerne gegenseitig aufziehen. Vor allem Katze Hirune (=Mittagsschlaf) sorgt regelmäßig für Streitigkeiten, weil Nagare sie nicht im Gastraum haben will. Gemeinsam erfüllen die beiden sehnsüchtigsten Essenswünsche der Menschen, die ihr Restaurant aufsuchen.

„Eine Prise Glück im Restaurant der verlorenen Rezepte“ von Hisashi Kashiwai ist bereits der dritte Band aus der Reihe rund um Vater-Tochter-Gespann auf der Suche nach den Lieblingsgerichten ihrer Kundschaft. Die deutsche Übersetzung verfasste Kristine Kress. Der Ablauf der Handlung ist dabei aus den ersten beiden Teilen gut bekannt: Ein Gast sucht das Restaurant der Kamogawas mit dem Wunsch nach einem bestimmten Rezept auf, beide machen sich an die Arbeit und zum Schluss wird das Gericht serviert und alle sind zufrieden. Das mag zwar sehr gleichförmig klingen, ist aber einfach herrlich entspannend und unterhaltsam.

Auch in diesem Band sind wieder sechs ganz unterschiedliche Geschichten vereint. Da ist zum Beispiel ein Sohn, der das Gefühl hat, seinen Vater enttäuscht zu haben, weil er nicht – wie er selbst – Noh-Schauspieler geworden ist. Oder eine Pianistin, die noch einmal die Yakisoba essen möchte, die ihre erste Liebe für sie gekocht hat. Besonders beeindruckt hat mich jedoch die junge Frau, die den Krokettenstand finden möchte, an dem sie als Kind immer gestohlen hat – diese Geschichte hat eine besonders schöne Wendung.

Es geschieht nicht allzu viel in den Bänden rund um das „Restaurant der verlorenen Rezepte“, aber jede Episode lässt uns einen kurzen Einblick in das Leben von Menschen werfen, die etwas bereuen oder jemanden vermissen. Besonders schön finde ich auch Nagares Einstellung zum Essen: Ein Gericht muss keine Sterneküche sein, um einem Menschen etwas zu bedeuten. Gerade einfaches Essen hat einen gewissen Zauber an sich – vor allem, wenn es jemand zubereitet hat, der uns liebt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.06.2026

Wie ein kleines Familientreffen

Das Postamt der verlorenen Briefe
0

Die junge Wissenschaftlerin Risa Katō hat sich eine 1-monatige Auszeit von ihrem Job an der Universität genommen, um in einem Postamt auf der kleinen Insel Awashima ein ganzes Archiv voller verlorener ...

Die junge Wissenschaftlerin Risa Katō hat sich eine 1-monatige Auszeit von ihrem Job an der Universität genommen, um in einem Postamt auf der kleinen Insel Awashima ein ganzes Archiv voller verlorener Briefe zu katalogisieren. Als Tochter eines Briefträgers liegt ihr Post am Herzen, die den Weg zu ihrem Empfänger nie gefunden hat. Doch Risa hat noch ein weiteres Ziel, denn sie ist sicher, dass ihre Mutter, zu der sie keine einfache Beziehung hatte, vor ihrem Tod ihre Briefe an das kleine Postamt auf Awashima geschickt. Die muss Risa unbedingt finden, denn vielleicht kann sie dann ja endlich verstehen, was ihre Mutter durchgemacht hat.

„Das Postamt der verlorenen Briefe“ ist bereits der vierte Roman der italienischen Schriftstellerin Laura Imai Messina, die mit ihrem japanischen Ehemann und zwei Kindern bei Tokio lebt. Die Übersetzung aus dem Italienischen verfasste Judith Schwaab. Unter den vier Romanen ist dieser bereits der dritte, der eine Geschichte rund um einen realen Ort erzählt, denn das kleine Postamt auf der Insel Awashima existiert tatsächlich. Dort werden Briefe aufbewahrt, die den Adressaten nie erreichen konnten. Vielleicht, weil derjenige schon verstorben ist, weil es sich um einen Brief in die Zukunft handelt oder an ein unbelebtes Objekt. Die Besucher können sich die Briefe ansehen und einen mitnehmen, falls dieser an sie selbst gerichtet sein sollte.

Um diesen magischen Ort herum baut die Autorin nun ihre Handlung auf. Risa hat stark unter dem wechselhaften Verhältnis zu ihrer Mutter gelitten, die ab einem gewissen Zeitpunkt in ihrer Kindheit kaum noch psychisch für sie zu erreichen war. Seitdem meidet die junge Frau, bis auf ihre beste Freundin Sayaka, den Kontakt zu neuen Menschen und fürchtet, eines Tages wie die eigene Mutter zu werden. Deren Briefe sollen ihr sagen, ob das tatsächlich eintreten wird.

Laura Imai Messina ist wieder ein besonderer Roman gelungen und ich liebe es, dass sie mit ihren Werken einen eigenen kleinen Kosmos erschafft. Dieses Mal sehen wir Charaktere aus allen drei Vorgängerromanen wieder und es fühlt sich wie ein kleines Familientreffen an.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.06.2026

Wohlfühlroman über die wichtigen Dinge im Leben

Der vergessene Wald
0

Die Architektin Saskia Tilbury-Martin hat ein ehrgeiziges Projekt. Sie will die Schlossruine von Gair aufwändig restaurieren, die sie schon seit ihrer Kindheit liebt. Doch da diese mitten im Wald liegt ...

Die Architektin Saskia Tilbury-Martin hat ein ehrgeiziges Projekt. Sie will die Schlossruine von Gair aufwändig restaurieren, die sie schon seit ihrer Kindheit liebt. Doch da diese mitten im Wald liegt und die Pläne kompliziert umzusetzen sind, hat sie bisher keinen Bauleiter gefunden. Dann trifft sie auf Owen Eliott, der das Geld wirklich gut gebrauchen könnte – und irgendwie findet er Saskias Vorhaben auch spannend. Für seinen Geschmack ist die Bauherrin allerdings zu reich, zu schwierig – und will außerdem direkt neben der Baustelle ihr Tiny House aufstellen.

„Der vergessene Wald“ ist bereits der fünfte Roman der britischen Autorin Sharon Gosling und wurde, wie auch schon die Vorgänger, von Sibylle Schmidt ins Deutsche übertragen. Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Saskia und Owen erzählt, die auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Leben führen. Saskia hat genug Geld, um sich in ein wahnwitziges Architekturprojekt zu stürzen, während Owen Schulden hat und sich mit seiner Frau und Tochter nicht einmal ein kleines Häuschen in der Gegend leisten kann. Nach und nach finden beide aber heraus, dass sie weniger trennt, als sie denken.

An Sharon Goslings Romanen schätze ich vor allem, dass es in ihnen zwar um Liebe geht, nie aber eine klassische Romanze im Vordergrund steht. Ja, Charaktere verlieben sich, aber auch andere Formen der Liebe spielen eine große Rolle: die Liebe zu unseren Freunden, zu unserer Familie, zur Natur und zum eigenen Beruf. Saskia hat ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet, diese Ruine zu restaurieren, weil sie als Kind dort viel Zeit mit ihrem verstorbenen Vater verbrachte. Seit seinem Tod hat sie kein einfaches Leben gehabt und musste vieles überwinden. Auch Owen hat sich alles eigentlich anders vorgestellt: die Ehe zu seiner Frau Tasha kriselt stark und dann wird Saskias Bauprojekt auch noch von außen sabotiert.

„Der vergessene Wald“ ist ein richtiger Wohlfühlroman über die Dinge, die uns im Leben wichtig sind. Besonders schön fand ich auch die kleine Anspielung auf alte Bekannte, die wir schon aus einem vorherigen Roman kennen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.06.2026

Stark vereinfachte Botschaft

Okada-sans wundersame Reise mit dem Taxi der geheimen Wünsche
0

Shûichi Okadas Leben verläuft nicht wirklich nach Plan. Gerade erst hat er in seinem Beruf als Versicherungsvertreter 20 Kunden auf einmal verloren. Seine Tochter will schon seit Monaten nicht mehr zur ...

Shûichi Okadas Leben verläuft nicht wirklich nach Plan. Gerade erst hat er in seinem Beruf als Versicherungsvertreter 20 Kunden auf einmal verloren. Seine Tochter will schon seit Monaten nicht mehr zur Schule gehen und nun möchte auch noch seine Mutter dringend etwas mit ihm besprechen. Auf dem Weg zur Schule seiner Tochter steigt er auf einmal in ein seltsames Taxi. Der Fahrer verspricht, ihn stets dorthin zu bringen, wo sein Leben eine große Veränderung nehmen kann. Doch auch Okada-san muss seinen Teil zu diesem Handel beitragen.

In Japan ist Yasushi Kitagawa bereits Bestsellerautor und gilt als „der Schriftsteller, der Leben verändert“. „Okada-sans wundersame Reise mit dem Taxi der geheimen Wünsche“ ist sein erster Roman, der auf Deutsch erschienen ist, die Übersetzung verfasste Bernd Sambale. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht des Protagonistin Shûichi, so dass wir hautnah Zeuge der Veränderung werden, die er im Laufe der Geschichte durchmacht.

Zu Beginn ist Okada-san ein echter Griesgram, der davon überzeugt ist, dass sein Leben schon immer nur von Pech durchzogen ist. Weil er auf einen Schlag so viele Kunden verloren hat, stellt er sich bereits auf seine Kündigung ein und darauf, seiner Frau erklären zu müssen, dass der geplante Urlaub storniert werden muss. Als er dann schließlich auf den namenlosen Taxifahrer trifft, ist er zunächst wenig überzeugt – das muss doch alles Unsinn sein! Doch nach und nach verändert sich seine Einstellung zum eigenen Leben.

„Okada-sans wundersame Reise mit dem Taxi der geheimen Wünsche“ ist ein typischer Roman des japanischen magischen Realismus. Die Botschaft ist hier ganz klar: wer Gutes tut und positiv denkt, der kann den Punktestand auf seinem Karmakonto irgendwann einlösen. Ich bin da eher auf Shûichis Seite, der (zumindest am Anfang) darauf hinweist, dass es durchaus Menschen gibt, die einen schlechten Start ins Leben hatten und die eben nicht nur lächeln und positiv sein müssen, um über die Runden zu kommen. Mir ist zwar klar, was der Autor hier aussagen wollte, aber mir persönlich war diese Botschaft zu einfach.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere