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Veröffentlicht am 11.05.2026

Eine gelungene Fortsetzung

Malacarne
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Monza, 1940. 4 Jahre ist es nun her, seit Maddalena sich für ihre Freundin Francesca geopfert hat und in eine Anstalt gesperrt wurde. Seitdem hat Francesca nichts mehr von ihr gehört, obwohl sie ihr zahlreiche ...

Monza, 1940. 4 Jahre ist es nun her, seit Maddalena sich für ihre Freundin Francesca geopfert hat und in eine Anstalt gesperrt wurde. Seitdem hat Francesca nichts mehr von ihr gehört, obwohl sie ihr zahlreiche Briefe geschrieben hat. Als sie erfährt, dass alle diese Briefe von ihrem Vater zurückgehalten wurden, ist Francesca eines klar: Sie muss Maddalena nach Hause holen und ihr sagen, dass sie sie niemals vergessen hat. Doch Italien steht kurz vor dem Kriegseintritt und die Zeiten sind schwer. Kann die Freundschaft der beiden jungen Frauen den Faschismus überstehen?

„Malacarne“ ist die Fortsetzung von „Malnata“ von Beatrice Salvioni – ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe. Auch dieser zweite Band wurde von Anja Nattefort ins Deutsche übersetzt. Während der Titel des ersten Buches sich auf Maddalena bezog, die im Ort nur als die „Malnata“ („die Unheilbringende“) bekannt ist, ist „Malacarne“ (eine durch und durch Verkommene) nun der Spitzname, den Francesca ertragen muss. Und das nur, weil sie leben möchte, wie sie es für richtig hält und an ihrer Freundschaft zu Maddalena festhalten will.

Als sie noch jünger waren, bestand die Freundschaft von Maddalena und Francesca aus gemeinsamen Streichen und Abenteuern unten am Fluss. Nun sehen sie sich einem ganzen System gegenüber, das Andersartigkeit in jeder Art und Weise bestraft. Seien das Frauen, die unverheiratet mit einem Mann zusammenleben oder Ladenbesitzerinnen, deren Ehemann Jude ist. Inmitten dieser Umbrüche entwickelt jede der beiden Frauen ihren eigenen Weg, mit der Situation umzugehen. Maddalena hat in der Anstalt Schlimmes erlebt und erkauft sich mit vorgetäuschter Liebe den Schutz eines Faschisten. Francesca hingegen treibt die Wut aus dem Elternhaus und schließlich in den Widerstand.

Es war schön, die beiden Frauen wiederzusehen, auch wenn sie es in diesem Buch nicht leicht haben. Besonders interessant ist es, mitzuerleben, wie Francesca sich ohne Maddalena entwickelt hat, die ja früher immer die Führung übernahm. Nun ist es an ihr, Mut zu fassen und vielleicht auch Maddalena zu zeigen, worauf es in diesen Zeiten ankommt.

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Veröffentlicht am 04.05.2026

Spannender Reihenauftakt

Mord in der Pension Möwennest
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Schon seit mehreren Wochen wartet Schwester Agnes in ihrem Kloster in High Dallow auf einen Brief ihrer Freundin Frieda, die auch einmal Novizin dort war. Zuletzt hatte sie in der Pension Möwennest in ...

Schon seit mehreren Wochen wartet Schwester Agnes in ihrem Kloster in High Dallow auf einen Brief ihrer Freundin Frieda, die auch einmal Novizin dort war. Zuletzt hatte sie in der Pension Möwennest in Gore-on-Sea gelebt und soll dort eines Tages überraschend ausgezogen sein. Doch Schwester Agnes ist sich sicher, dass Frieda sich trotzdem bei ihr gemeldet hätte. Also legt sie ihr Klosterleben nach 30 Jahren ab und mietet sich unter ihrem bürgerlichen Namen Nora Breen im Möwennest ein. Sie muss unbedingt herausfinden, was mit ihrer Freundin geschehen ist. Doch schon bald geschieht in der Pension mit ihren seltsamen Bewohnern ein Mord.

Jess Kidd war mir bisher für ihre Einzelromane bekannt. Mit „Mord in der Pension Möwennest“ legt sie nun einen Krimi vor, der als Auftakt einer Reihe geplant ist. Die deutsche Übersetzung verfasste Werner Löcher-Lawrence. Die Geschichte wird aus der Perspektive der Protagonistin Nora erzählt; wir wissen also selbst über den Mordfall und Friedas Verschwinden nur so viel, wie sie selbst und das rät herrlich zum Miträtseln ein. Die Autorin legt auch immer wieder falsche Fährten aus, so dass die Lektüre bis zum Ende spannend bleibt.

Der Krimi lebt vor allem von der skurrilen Mischung an unterschiedlichen Personen, die sich im Möwennest eingefunden haben. Da ist zum Beispiel Wirtin Helena und ihre Tochter Dinah, die nicht sprechen will. Dazu ein zwielichtiger Geschäftsmann, ein junger Kriegsrückkehrer und seine Frau, ein Marionettenspieler mit seinem Hund und ein sehr stiller Fotograf. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, die Nora bei ihren Ermittlungen rund um Friedas Verschwinden und den Mord in der Pension herausfindet. Der örtliche Inspektor Rideout hält hingegen gar nichts von ihrer Herumschnüffelei und für ihn war es sowieso kein Mord, sondern Selbstmord. Aber Nora wäre nicht Nora, wenn sie sich so einfach abschütteln ließe.

Ein wirklich schöner Reihenauftakt mit einen Ermittlerduo, das sich wohl oder übel zusammenraufen muss. Gut gefallen hat mir auch, dass „Mord in der Pension Möwennest“ vor schwierigen Themen nicht zurückschreckt.

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Veröffentlicht am 29.04.2026

Ein bedeutsamer Roman

So, in etwa, ist es geschehen
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Eigentlich soll es für Amata Haller nur nach Timmendorfer Strand gehen, wo ihre Mutter auf sie wartet. Jedes Jahr am 3. Mai treffen sie sich dort, um Amatas Großvater zu gedenken, der zu den Überlebenden ...

Eigentlich soll es für Amata Haller nur nach Timmendorfer Strand gehen, wo ihre Mutter auf sie wartet. Jedes Jahr am 3. Mai treffen sie sich dort, um Amatas Großvater zu gedenken, der zu den Überlebenden der Cap Arkona gehörte – einem Schiff, das am 3.5.1945 mit 7500 KZ-Häftlingen an Bord von der britischen Royal Air Force bombardiert und versenkt wurde. Für diese wichtige Verabredung hätte Amata einen Mietwagen reservieren sollen, es aber vergessen. Doch dann bietet ihr Chef Heinz Brockhaus an, sie mit dem Auto dorthin zu fahren. Die beiden kommen ins Gespräch (naja, eigentlich spricht nur Heinz), stehen im Stau, halten an Raststätten – und am Ende ist Heinz tot und Amata im Gefängnis, wo sie auf ihren Gerichtstermin wartet.

Der Ausgang ist uns schon bekannt, wenn wir beginnen, Sharon Dodua Otoos neusten Roman „So, in etwa, ist es geschehen“ zu lesen. Der Titel beschreibt dabei sehr genau, was uns erwartet; in dieser Geschichte geht es jedoch nicht darum, „was“ passiert ist, sondern vielmehr „wie“ und vor allem „warum“. Die Handlung ist dabei sehr raffiniert aufgebaut. Zunächst ist da ein Brief von Amata an die fiktive Herausgeberin des Buchs, Nkechi. Dann folgt Amatas Schilderung der Ereignisse und schließlich zwei Anhänge: ein Transkript einer Audiodatei - denn Amatas Handy hat versehentlich alles aufgezeichnet – und ihr Geständnis.

Der Roman löst vielerlei Reaktionen in mir aus. Zunächst bin ich überrascht über Amata, die fast schon stolz auf den Mord an ihrem Chef zu sein scheint. Sie bereue nichts, sagt sie, doch ihre Schilderung des Tages bleibt zunächst recht sachlich. Ja, Brockhaus war sicherlich anstrengend, doch ihn gleich umbringen? Erst das Transkript der Audiodatei und ein Rückblick auf ihr bisheriges Leben enthüllt einen Teil des riesigen Berges an Mikroaggressionen, Diskriminierung bis hin zu Hass, den Amata als Schwarze Frau erfahren musste. Und plötzlich erscheint es beinahe folgerichtig, dass Heinz nicht mehr am Leben ist.

„So, in etwa, ist es geschehen“ ist ein bedeutsames Buch und ich habe das Gefühl, nicht klug genug zu sein, um all seine Anspielungen und Implikationen zu verstehen. Einen kleinen Ausblick kann ich erhaschen, als ich in einer Satzkonstruktion eine Parallele zu Paul Celans bekanntestem Gedicht „Die Todesfuge“ entdecke. Ich wette aber, es ist noch viel mehr in diesem nicht einmal 150 Seiten langen Text versteckt. Und wir alle sollten, nein müssen, ihn lesen!

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Vier ganz unterschiedliche Freunde

Überlebensstrategien
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In einem kleinen Ort irgendwo in Island führt das Schicksal vier Menschen zueinander. Teenagerin Hanna ist mit ihrer Mutter gerade erst hierhin umgezogen und vermisst Reykjavík und ihre Freundinnen. Árni ...

In einem kleinen Ort irgendwo in Island führt das Schicksal vier Menschen zueinander. Teenagerin Hanna ist mit ihrer Mutter gerade erst hierhin umgezogen und vermisst Reykjavík und ihre Freundinnen. Árni ist seit kurzem erwerbsunfähig, stark übergewichtig und fühlt sich allein. Sein Welpe Alfons soll ihm mehr Antrieb geben. Borghildur vermietet Ferienhäuser und hat vor einigen Jahren ihren Mann verloren. Und dann ist da noch der kleine Aron Snær, ein Außenseiter im Ort, dessen Mutter einfach nicht mehr aus dem Bett aufstehen will.

„Überlebensstrategien“ ist bereits der fünfte Roman der isländischen Schriftstellerin Guðrún Eva Mínervudóttir, der in deutscher Sprache erschienen ist. Die Übersetzung aus dem Original verfasste Anika Wolff. Die Handlung wird aus der Sicht der vier Hauptfiguren erzählt, was sehr spannend ist, da wir so in die Köpfe von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Lebenssituationen blicken können. Die vier treffen auch im Ort immer wieder in verschiedenen Konstellationen aufeinander, so dass ein kleines Beziehungsgeflecht entsteht.

Der Roman spricht auf nur knapp 220 Seiten die unterschiedlichsten Themen an. Hanna verspürt eine tiefe Abneigung gegen das Essen und sehnt sich in die Hauptstadt zurück, in die sie aktuell nicht zurück kann, weil ihre Mutter eine Trennung durchmacht. Árni hat Mühe, seinen Tag zu strukturieren und ist unglücklich in eine Frau verliebt, die ihn nur auszunutzen scheint. Borghildur trauert noch immer um ihren Mann und hat noch nicht recht ins Leben zurückgefunden.

Diese drei Menschen kommen am Ende zusammen, um den kleinen Aron Snær zu unterstützen, dessen Mutter in Depressionen versinkt und der sich selbst hasst. Hanna wird seine Sozialassistenz, Borghildur nimmt ihn auf, als seine Mutter ins Krankenhaus muss und Árni heitert ihn mit Alfons’ Hilfe und einem neuen Fahrrad auf. Doch es ist nicht nur Aron Snær, der durch die Begegnung mit seinen drei neuen Freunden Stabilität gewinnt, sie selbst finden in dieser Situation zu neuer Stärke und etwas Hoffnung für die Zukunft – auch wenn am Ende des Romans vieles offen bleibt.

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Veröffentlicht am 23.04.2026

Schöner Roman über das Erwachsenwerden, Familie und traditionelles Handwerk

Heimkehr nach Morioka
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Seit Monaten wird die 17-jährige Mio in der Schule gemobbt. Als sie dann auch noch mit ihrer Mutter in einen Streit gerät, beschließt sie, Tokyo hinter sich zu lassen und nach Morioka zu fahren. Dort lebt ...

Seit Monaten wird die 17-jährige Mio in der Schule gemobbt. Als sie dann auch noch mit ihrer Mutter in einen Streit gerät, beschließt sie, Tokyo hinter sich zu lassen und nach Morioka zu fahren. Dort lebt ihr Großvater väterlicherseits und betreibt eine kleine, aber bekannte Wollmanufaktur. Bei ihm auf dem Land möchte Mio sich von allem erholen und herausfinden, was sie im Leben eigentlich machen will. Das gestaltet sich umso schwerer, da Mios Eltern ihre Entscheidung nicht akzeptieren wollen und selbst ihre eigenen Probleme haben. Außerdem hat Mio eine große Schwierigkeit: ihr fehlen oft die Worte und eine eigene Stimme.

„Heimkehr nach Morioka“ stammt aus der Feder der japanischen Schriftstellerin Yuki Ibuki und wurde von Charlotte Scheurer ins Deutsche übersetzt. Die Handlung wird aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt; zu Wort kommen dabei Protagonistin Mio einerseits und ihr Vater Hiroshi andererseits. So können wir einerseits Mios neues Leben in Morioka und ihre Lehre in der Manufaktur miterleben, erfahren auf der anderen Seite aber auch, wie es ihren Eltern mit der neuen Situation geht. Die Geschichte umfasst dabei einen Zeitraum von Juni bis März des Folgejahres, mit einem kleinen Epilog.

In erster Linie geht es für mich in diesem Roman um das Erwachsenwerden und die Frage, was man als junger Mensch mit seinem Leben anfangen bzw. wie man das eigentlich herausfinden soll. Mio gelingt es zu Beginn nicht, ihre Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen und so bleibt sie in Gesprächen mit ihren Eltern stets stumm. Erst ihr Großvater versteht es, ihr den Raum zu geben, sich selbst zu vertrauen und die nötige Worte zu finden. Auch Taichi, der in der Manufaktur arbeitet, wird wie ein großer Bruder für sie und fordert sie heraus, ihren Gefühlen Luft zu machen.

„Heimkehr nach Morioka“ ist aber auch die Geschichte einer entfremdeten Familie, die nach Trauerfällen und Traumata erst wieder zueinander finden muss. Und der Roman ist eine Ode an das traditionelle Handwerk und das ohne dabei zu verkennen, wie schlecht seine Aussichten für die Zukunft sind. Einzig der Schluss der Geschichte kam für mich etwas zu früh.

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