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Veröffentlicht am 02.11.2023

Solider zweiter Band

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Bräutigam
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Rentnerin Judith Potts hat sich immer noch nicht recht von den Erlebnissen im letzten Sommer erholt, als sie von ihrem Nachbarn Sir Peter Bailey zu einem Empfang auf seinem Anwesen eingeladen wird. Dieser ...

Rentnerin Judith Potts hat sich immer noch nicht recht von den Erlebnissen im letzten Sommer erholt, als sie von ihrem Nachbarn Sir Peter Bailey zu einem Empfang auf seinem Anwesen eingeladen wird. Dieser möchte nämlich am nächsten Tag seine ehemalige Krankenschwester Jenny Page heiraten. Auf der Feier gerät der Hausherr dann erst in einen Streit mit seinem Sohn Tristram und wird dann von einem Schrank erschlagen. Die Polizei glaubt an einen Unfall, doch Judith und ihre Freundinnen Becks und Suzie wissen es besser und nehmen die Ermittlungen auf.

„Mrs Potts Mordclub und der tote Bräutigam“ ist der zweite Band der Reihe um die Hobbydetektivin und ihre beiden Freundinnen. Robert Thorogood ist darüber hinaus als Autor der „Death in Paradise“-Romane bekannt, auf denen die gleichnamige TV-Serie basiert. Erzählt wird die Handlung erneut aus Judiths Blickwinkel in der dritten Person und Vergangenheitsform. So begleiten wir die Protagonistin hautnah bei ihren Nachforschungen und teilen ihre Gedanken und Rückschlüsse.

Der Fall an sich ist ein klassisches Locked in-Rätsel, denn Sir Peter wird in seinem verschlossenen Arbeitszimmer gefunden, den einzigen Schlüssel in der Tasche. Verdächtige gibt es einige, zumal der Verstorbene erst vor kurzem noch sein Testament geändert hat. Doch neben der Frage, wie der Mord in einem abgeschlossenen Zimmer verübt werden konnte, ergibt sich ein weiteres Problem: alle haben ein hieb- und stichfestes Alibi. Und auch unsere Ermittlerinnen haben alle drei ihre privaten Schwierigkeiten: Judith kämpft mit den Erinnerungen an den letzten Mord und den Tod ihres Mannes, Suzie hat finanzielle Probleme und Becks scheint ein Geheimnis zu verbergen.

„Mrs Potts Mordclub und der tote Bräutigam“ ist ein solider zweiter Band, der eine gute Balance zwischen dem Privatleben der Detektivinnen und dem Kriminalfall bietet. Dieser kommt sehr klassisch daher, am Ende erscheint jedoch die Auflösung des Mords im verschlossenen Raum etwas konstruiert, was ein Mitraten leider erschwert. Dennoch mag ich die Reihe und ihre Figuren gerne und werde sie auch weiterhin begleiten.

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Veröffentlicht am 27.10.2023

Eine bemerkenswerte Sammlung

Wirres Haar
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In Deutschland wird japanische Lyrik am ehesten mit den dreizeiligen Haikus verbunden, die sich thematisch mit der Natur befassen. Weniger bekannt sind die Tankas, kurze reimlose Gedichte im Umfang von ...

In Deutschland wird japanische Lyrik am ehesten mit den dreizeiligen Haikus verbunden, die sich thematisch mit der Natur befassen. Weniger bekannt sind die Tankas, kurze reimlose Gedichte im Umfang von 31 Moren - wobei im Japanischen jede More einem Schriftzeichen entspricht und sich somit von dem unterscheidet, was wir unter einer Silbe verstehen. Dabei beschwört das Tanka stets einen bestimmten Augenblick und fängt ihn für die Ewigkeit ein.

Für die vorliegende Sammlung „Wirres Haar“ wählte die Lyrikerin und Essayistin Yosano Akiko aus etwa 650 ihrer Tankas genau 399 aus und unterteilte sie in insgesamt sechs Abschnitte. Die einzelnen Gedichte sind in dieser Ausgabe nummeriert und geben neben der deutschen Übersetzung auch die japanischen Schriftzeichen sowie die Umschrift in lateinische Buchstaben (rōmaji) an, was einen großen Mehrwert für diejenigen bieten dürfte, welche das Japanische beherrschen. Der Titel des Buches spielt auf eine gewisse innere Unruhe und ein Gefühlschaos an, denn zum Zeitpunkt der Entstehung im Jahr 1900/1901 trugen Frauen in der Regel ihre Haare hochgebunden oder hochgesteckt.

Generell ist die Sammlung eine Mischung aus tatsächlichen Erlebnissen und fiktiven Begegnungen, was nicht immer klar zu trennen ist. Es ist jedoch bekannt, dass der dritte Abschnitt „Weiße Lilie“ sich auf Yamakawa Tomiko bezieht, eine Freundin der Dichterin, mit der sie kurzzeitig auch um die Liebe zu ihrem späteren Ehemann Yosano Tekkan konkurrierte. Für ihn verließ Yosano Akiko überstürzt ihr Elternhaus – eine Erfahrung, welche sie wiederum im Abschnitt „Zwanzigjährige Gemahlin“ verarbeitet. Weitere Themen der Sammlung sind die Jahreszeiten, Farben und Blüten sowie Religion.

Im exzellenten Nachwort liefert Übersetzer und Herausgeber Eduard Klopfenstein neben biografischen Angaben auch eine kurze Chronik sowie ein Nachwort zur Sammlung, in dem er näher auf Aufbau und Inhalt eingeht. Yosano Akiko war eine faszinierende, unangepasste Frau, die sich neben ihrer Lyrik auch für die Gleichstellung von Frauen einsetzte. Ihre Essays liegen unter dem Titel „Männer und Frauen“ ebenfalls bei Manesse vor.

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Veröffentlicht am 25.10.2023

Einige Geschichten bleiben blass

Send Nudes
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Eine junge Frau lässt sich mit einem deutlich älteren Mann ein und liebt irgendwann seinen Hund mehr als ihn selbst. Die Pflegekinder Kite und Sage haben endlich einen Platz gefunden, an dem sie sich wohl ...

Eine junge Frau lässt sich mit einem deutlich älteren Mann ein und liebt irgendwann seinen Hund mehr als ihn selbst. Die Pflegekinder Kite und Sage haben endlich einen Platz gefunden, an dem sie sich wohl und sicher fühlen, doch dann will Kites Mutter ihren Sohn zurück. Mutter und Tochter möchten endlich den lang ersehnten Urlaub auf Teneriffa antreten, doch dann kommt die Corona-Pandemie dazwischen und sorgt für Enttäuschung.

Das sind nur drei aus insgesamt zehn Geschichten in „Send Nudes“, der mehrfach ausgezeichneten Kurzgeschichtensammlung der britischen Schriftstellerin Saba Sams. Momentan arbeitet diese an ihrem ersten Roman. Die einzelnen Stories begleiten die unterschiedlichsten Frauen und Mädchen: mal Mütter und Töchter, mal single oder in einer Beziehung, mal Teenager oder schon etwas älter. Dabei verwendet die Autorin auch diverse Perspektiven, Zeit- und Erzählformen.

Die Texte sind von unterschiedlicher Länge. Einige sind kurz und knapp in einer Art Berichtsstil verfasst, andere hingegen sind länger, detaillierter und mit deutlich mehr wörtlicher Rede. Thematisch gesehen spricht Saba Sams dabei viel Wichtiges an: Abtreibung, sexuelle Gewalt, Körperbilder sowie Dynamiken in Freundschaften, Familien oder Beziehungen. Leider plätschern dabei einige der Geschichten nur dahin, präsentieren zwar gute Ideen, setzen sie dann aber – meiner Meinung nach – nicht stark genug um. Es gibt kaum Aha-Momente oder überraschende Wendungen.

Am besten gefiel mir persönlich „Blue 4 Eva“, ein sehr gelungener Text über Stiefschwestern, die durch die Affäre, Beziehung und schließlich Ehe des jeweiligen Elternteils in eine neue Familie gezwungen werden und gemeinsam auf einer Insel Urlaub machen müssen. Stella ist 12 und sehnt sich nach Zusammenhalt, Jasmine ist 18 und rebelliert – verkompliziert wird das Verhältnis noch durch die Anwesenheit von Jasmines Freundin Blue. Die Geschichte erinnert mich stark an die Atmosphäre in „Bonjour Tristesse“ von Françoise Sagan und hier habe ich mir auch zum ersten Mal gewünscht, Saba Sams hätte mich noch länger bei diesen Figuren bleiben lassen. Das macht neugierig auf ihren Roman.

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Veröffentlicht am 18.10.2023

Satire und Utopie zugleich

Männer töten
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Anna Maria will weg aus ihrem Leben in Berlin und weg von ihrer Beziehung. Daher beschließt sie spontan, ihrer Cluberoberung Hannes in seinen oberösterreichischen Heimatort Engelhartskirchen zu folgen. ...

Anna Maria will weg aus ihrem Leben in Berlin und weg von ihrer Beziehung. Daher beschließt sie spontan, ihrer Cluberoberung Hannes in seinen oberösterreichischen Heimatort Engelhartskirchen zu folgen. Den passenden Vornamen habe sie schon, finden die Frauen des Dorfes, und nehmen sie schnell in ihre Gemeinschaft auf. Während Hannes sich um den Hof kümmert, verbringt Anna Maria viel Zeit mit ihnen und wird irgendwann misstrauisch. Warum gibt es im Ort so wenige Männer und so viele Unglücksfälle? Und warum predigt eine Frau in einer katholischen Kirche?

„Männer töten“ ist der erste Roman der österreichischen Journalistin Eva Reisinger. Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonistin in der dritten Person und der Gegenwartsform, was dem Text eine gewisse Unmittelbarkeit verleiht. Zudem fällt auf, dass wörtliche Rede nur durch Bindestriche gekennzeichnet wird, wie in einem Theaterstück. Die Kapitel tragen alle Namen aus der Landwirtschaft, können – im Nachhinein betrachtet – aber auch anders verstanden und auf den Handlungsverlauf bezogen werden.

Zunächst geht im Dorf alles seinen gewohnten Gang und Anna Maria findet eine ganz neue Sicherheit und Ruhe. Doch dann tauchen nacheinander ihre beiden Freundinnen aus Berlin und Exfreund Friedrich auf und wir erfahren einige Details ihrer Beziehung. In dieser Situation zeigt sich leider auch, wo die Loyalitäten der Freundinnen liegen. Während die vorlaute Yama bedingungslos hinter Anna Maria steht, hält die zurückhaltende Evîn stattdessen zu Friedrich – und so steuert alles auf eine Katastrophe zu.

Schon die Triggerwarnung zu Beginn des Buches lässt schmunzeln, verkündet sie doch ganz unverblümt „In diesem Buch sterben Männer.“ Damit setzt die Autorin den Grundton des Buches: satirisch, voller schwarzem Humor, aber doch mit einem bitteren, wahren Kern. Denn es sterben Männer, weil sie ihre Stellung im Patriarchat ausnutzen, um Frauen zu quälen. Gleichzeitig entwirft Eva Reisinger aber eine, wenn auch kurze und fragile Utopie, nämlich die einer Welt, in der Frauen sich gegenseitig bedingungslos unterstützen. Koste es, was es wolle.

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Veröffentlicht am 15.10.2023

Ein zarter Roman über die Erwartungen an Frauen

Eine kurze Begegnung
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Mizuki lebt in Tokio, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Dennoch will es ihr nicht recht gelingen, sich an die perfekten Ehefrauen um sie herum anzupassen, die schockiert sind, wenn sie ihr Kind tatsächlich ...

Mizuki lebt in Tokio, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Dennoch will es ihr nicht recht gelingen, sich an die perfekten Ehefrauen um sie herum anzupassen, die schockiert sind, wenn sie ihr Kind tatsächlich ein paar Minuten zu spät aus dem Kindergarten abholt oder erwähnt, sich einen Bikini kaufen zu wollen. Ehemann Tatsu arbeitet viel zu viel und wenn er zuhause ist, beschäftigt er sich lieber mit seinem Handy als mit ihr. Als Mizuki dann eines Tages in einem Café Kiyoshi begegnet, muss sie sich fragen, was sie eigentlich vom Leben erwartet.

„Eine kurze Begegnung“ ist der Debütroman der Journalistin und Reiseschriftstellerin Emily Itami, die selbst in Tokyo aufwuchs und inzwischen in London lebt. Erzählt wird die Handlung aus Mizukis Perspektive in der Ich- und Gegenwartsform, was dem Ganzen eine gewisse Unmittelbarkeit verleiht und uns ihr Gefühlschaos besser nachvollziehen lässt. Die Geschichte geht dabei jedoch weit über eine klassische heimliche Affäre hinaus.

In ihrer Jugend verbrachte Mizuki ein Jahr in den USA – eine Erfahrung, die sie nachhaltig beeinflusst hat. Als sie zurückkommt, wird sie von allen als seltsam und fremd gefunden und kann sich nicht mehr recht in den japanischen Lebensstil einfügen. Ihre Ehe mit Tatsu und die Geburt der beiden Kinder scheint wie ein Versuch, nicht immer nur eine Außenseiterin zu bleiben. Da ergibt es auch Sinn, dass sie es inzwischen zum Beruf gemacht hat, Ausländern, die in Japan leben, die Eingewöhnung zu erleichtern.

Die Beziehung zu Kiyoshi wird unglaublich zart und geschmackvoll beschrieben. Zwischen den beiden geht es nicht einfach nur um schnellen Sex oder Bestätigung des eigenen Egos. Mizuki fühlt sich endlich wieder als Mensch gesehen, verbringt unbeschwerte Tage und führt tiefgehende Gespräche. Sie zeigt Kiyoshi die Orte ihrer Kindheit und er beginnt, sie auch in seine beruflichen Projekte mit einzubinden. Dennoch wissen beide, dass ihre gemeinsame Zeit erst einmal nur geborgt ist – doch wäre ihre Beziehung noch genauso, wenn Mizuki sich von ihrem Mann trennt? Will sie das überhaupt? Ein toller Roman über die Erwartungen an Frauen.

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