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Veröffentlicht am 04.09.2025

Sehr emotionaler, Trost spendender Roman

Die Buchhandlung der Erinnerungen
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Sieben Jahre nach dem Tod ihrer Mutter fühlt Jiwon sich noch immer nicht, wie sie selbst. Sie ist depressiv, hat Schlafstörungen, Alpträume und das Atmen fällt ihr schwer. Der Arzt, den sie daraufhin aufsucht, ...

Sieben Jahre nach dem Tod ihrer Mutter fühlt Jiwon sich noch immer nicht, wie sie selbst. Sie ist depressiv, hat Schlafstörungen, Alpträume und das Atmen fällt ihr schwer. Der Arzt, den sie daraufhin aufsucht, antwortet ihr ganz lapidar, dass diese Trauerphase ja nun schon wirklich etwas lang dauere und verschreibt ein Schlafmittel. Aber wie soll das Jiwon weiterhelfen, wenn sie jeden Tag noch die Schwere der Trauer in sich spürt? Doch dann flüchtet sie sich vor dem Regen in eine Buchhandlung, in der ihr ein besonderes Angebot gemacht wird.

„Die Buchhandlung der Erinnerungen“ ist der erste Roman der Selfpublisherin Yu-jeong Song und war in Korea so erfolgreich, dass er schließlich von einem Publikumsverlag erneut veröffentlicht wurde. Die Geschichte beruht, so die Autorin in ihrem Nachwort, auf eigenen Erfahrungen und dem Wunsch, nach einem solchen Wunder, wie es Jiwon zuteil wird. Sie verspricht keine Heilung, sondern will lediglich zeigen, dass auch die Leser*innen mit ihren Verlusten nicht allein sind. Die deutsche Übersetzung verfasste Philipp Haas.

Die Buchhandlung im Roman hält genau das, was der Titel verspricht. Sie bewahrt alle Erinnerungen einer Person auf und die Buchhändlerin macht Jiwon ein Angebot: insgesamt drei Mal kann sie zu einem Moment in der Vergangenheit zurück reisen und versuchen, etwas an der Gegenwart zu ändern. Dafür muss sie jedoch mit ihrer noch verbleibenden Lebenszeit bezahlen. Jiwon willigt natürlich ein und entwickelt eine wahre Obsession für den Gedanken, den Tod ihrer Mutter verhindern zu können.

„Die Buchhandlung der Erinnerungen“ ist ein sehr emotionaler Roman, dessen Protagonistin ihre Verzweiflung und tiefe Trauer mit uns teilt. Der Wunsch, ihre Mutter vor dem Tod zu retten, entspringt aus Schuldgefühlen und Einsamkeit. Dennoch sind die Zeitreisen, die sie im Buch unternimmt, nicht einfach nur eine Möglichkeit, um Vergangenes ungeschehen zu machen. Sie helfen ihr auch, sich mit der Gegenwart auszusöhnen und das eigene Leben wieder als lebenswert zu empfinden. Eine schöne, Trost spendende Geschichte!

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Über koreanisches Gebäck und Trauer

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei
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Nach dem Tod ihrer Großmutter erbt Yeonhwa deren kleine Konditorei am Rande Seouls. Im Testament sind jedoch einige Bedingungen genannt, die sie unbedingt befolgen muss: mindestens einen Monat muss sie ...

Nach dem Tod ihrer Großmutter erbt Yeonhwa deren kleine Konditorei am Rande Seouls. Im Testament sind jedoch einige Bedingungen genannt, die sie unbedingt befolgen muss: mindestens einen Monat muss sie das „Hwawoldang“ weiterführen und sie darf nur zwischen 22 Uhr und Mitternacht öffnen. Noch dazu warten Schulden von 100 Millionen Won auf sie. Wie soll Yeonhwa die jemals abbezahlen? Was hat es mit den nächtlichen Öffnungszeiten auf sich? Und was hat es mit Sawol auf sich, der schon ihre Großmutter unterstützt hat und sich Yeonhwa gegenüber manchmal so seltsam verhält?

„Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei“ stammt aus der Feder einer – laut Verlagsmarketing – preisgekrönten Bestsellerautorin, die Lee Onhwa als ihr neues Pseudonym ausgewählt hat; die deutsche Übersetzung verfasste Alexandra Dickmann. Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonistin Yeonhwa in der Ich- und Vergangenheitsform, wobei aber auch die Lebensgeschichten der unterschiedlichsten Kunden und Kundinnen der Konditorei in die Handlung einfließen.

Schon nach kurzer Zeit wird deutlich, dass es bei „Hwawoldang“ nicht um ein normales Ladengeschäft handelt, sondern einen Ort, an dem Verstorbene in ihr nächsten Leben hinübergehen. Demzufolge ist der Roman keine reine Wohlfühlgeschichte, sondern thematisiert auch Tod und Trauer. Gut hat mir dabei gefallen, dass wir ganz unterschiedliche Besucher*innen und ihre Angehörigen kennenlernen. So geht es beispielsweise um eine Mutter und ihre Tochter, um einen Mann und seine große Liebe, um Freundinnen oder Stiefgeschwister.

Diese sehr menschlichen Geschichten über die Schwere des Abschiednehmens haben mir gut gefallen, die Handlung um Yeonhwa selbst, ihre Großmutter und den mysteriösen Sawol, der im Laden aushilft, habe ich als deutlich schwächer empfunden. Die Autorin arbeitet im Prinzip das ganze Buch hindurch auf mehrere Szenen hin, die dann viel zu kurz ausfallen, zu konstruiert oder zu unspektakulär wirken. Somit bleibt die eigentliche Kernhandlung hinter den Schicksalen der Verstorbenen deutlich zurück – schade!

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Nicht wie erhofft

Das Jahr, bevor ich verschwand
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Die namenlose Erzählerin fühlt sich in ihrem Leben gefangen. Sie hat zwar ihre Tochter Kim, ihren Partner Darling und ihre Arbeit als Lehrerin, aber sollte da nicht noch mehr sein? Sie denkt an ihre Vergangenheit ...

Die namenlose Erzählerin fühlt sich in ihrem Leben gefangen. Sie hat zwar ihre Tochter Kim, ihren Partner Darling und ihre Arbeit als Lehrerin, aber sollte da nicht noch mehr sein? Sie denkt an ihre Vergangenheit zurück, an frühere Beziehungen und verpasste Chancen, und beschließt, ein Sabbatical einzulegen. Dann will sie reisen, ganz ohne Mann und Kind, am besten nach Vietnam, aber was passiert in der Zwischenzeit mit ihrer Familie? Und wonach ist sie eigentlich genau auf der Suche?

„Das Jahr, bevor ich verschwand“ ist der Debütroman der Autorin, freien Journalistin und Lehrerin Anette Selg, wobei der Titel genau das hält, was er verspricht: Im Präsens und der Ich-Form erzählt die Protagonistin von diesem einen Jahr, bevor sie ihr Sabbatical antreten wird. Die Sprache ist dabei sehr poetisch, voller stimmungsvoller Bilder und fängt gut ein, wie die Erzählerin sich fühlt. Faktisch gesehen wird allerdings einiges offen gelassen, seien es der ihr eigener Name oder der ihres Mannes, das Alter des Kindes usw., so dass die Geschichte anonym und vertraut zugleich wirkt.

Die Idee des Roman ist grundsätzlich eine interessante, es ist mir aber den gesamten Text hinweg nicht gelungen, eine Beziehung zu den Figuren aufzubauen. Erhofft hatte ich mir ein Nachdenken über existenzielle Fragen, ein Ringen mit der Mutterrolle oder eine berufliche Neuorientierung, aber alles, was die Protagonistin tut, ist im Prinzip ihren Mann zu betrügen (und das einmal sogar mit einem Jungen, der noch zur Schule geht!). Den Mann, den sie noch nicht einmal vorher zurate zieht, als sie sich für ihr Sabbatical entscheidet, obwohl man doch meinen sollte, dass das mit einem gemeinsamen Kind von großer Bedeutung wäre. Als er das kritisiert, ist sie beleidigt und ich frage mich: mag sie ihn eigentlich?

„Das Jahr, bevor ich verschwand“ ist stark in Momenten der Freundschaft oder als die Protagonistin sehr eindrücklich vom Tod ihrer geliebten Großmutter spricht. Ansonsten kann ich mich der Begeisterung leider nicht anschließen und hätte mir mehr Tiefgang und mehr Persönlichkeit gewünscht.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Herrlich skurrile Kurzgeschichten

Broccoli Punch
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Einem Boxer wächst eines Tages anstatt seiner Hand ein Broccoli. Seine Freundin ist ratlos; wie kann sie ihn unterstützen? Eine Frau treibt an einen Koffer geklammert in einer Bucht vor Incheon und kann ...

Einem Boxer wächst eines Tages anstatt seiner Hand ein Broccoli. Seine Freundin ist ratlos; wie kann sie ihn unterstützen? Eine Frau treibt an einen Koffer geklammert in einer Bucht vor Incheon und kann trotzdem immer nur an das Schicksal ihres Schützlings denken. Ein Mann verlässt seine Partnerin und lässt nur einen Leguan in einem verschmutzten Terrarium zurück – auf einmal beginnt er zu sprechen und hat einen letzten Wunsch.

Das sind nur drei Beispiele der herrlich skurrilen Kurzgeschichten, die in der Sammlung „Broccoli Punch“ der südkoreanischen Autorin Lee Yuri zu finden sind; die deutsche Übersetzung stammt von Tamina Hauser. Die insgesamt acht Erzählungen folgen keinem bestimmten Schema und begleiten die unterschiedlichsten Figuren durch eine große Veränderung, die plötzlich in ihrem Leben eintritt. Mal bleiben sie dabei, wie in „Der Graureiher-Club“ auf dem Boden der Tatsachen, in vielen Fällen verlassen sie ihn aber auch und gleiten ins Wundersame ab.

In jeder Geschichte werden dabei ganz grundlegende Gefühle und Situationen verarbeitet. In „Rote Frucht“ hat eine junge Frau ihren Vater verloren und weiß nicht recht, was sie mit seiner Asche anfangen soll, bis sie diese in einen Topf einpflanzt und daraus etwas wächst. In „Fingernagelschatten“ kehrt ein Verstorbener sogar zu seiner ehemaligen Partnerin zurück, die inzwischen wieder geheiratet hat. Auch Unzufriedenheit im Job, Obsession mit einer bestimmten Person oder Konflikte in der Familie sind Thema.

Besonders berührt hat mich „Käsemond und Biscotti“, eine Erzählung über einen zurückhaltenden jungen Mann, der im Schatten seiner erfolgreichen Mutter steht und ihr einfach nicht genügen kann. Der schönste Tag in seinem Leben ist der, als er feststellt, dass er mit Steinen sprechen kann. Endlich, so denkt er, ist er nicht mehr allein. Endlich wird er Freunde haben – bis eine andere Person in diese für ihn so sichere Welt eindringt.

Fazit: „Broccoli Punch“ ist eine motivisch und sprachlich sehr ansprechende Sammlung mit Kurzgeschichten von gleichbleibend hoher Qualität, die Fans von Bora Chung oder Sayaka Murata gut gefallen dürften.

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Bunte Kulisse, nichts dahinter

Water Moon
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Hana und ihr Vater Toshio betreiben in Tokio ein ganz besonderes Pfandhaus. Dort können Menschen Entscheidungen eintauschen, die sie bereuen und ihr Bedauern darüber für immer loswerden. Nun ist endlich ...

Hana und ihr Vater Toshio betreiben in Tokio ein ganz besonderes Pfandhaus. Dort können Menschen Entscheidungen eintauschen, die sie bereuen und ihr Bedauern darüber für immer loswerden. Nun ist endlich der Tag gekommen, an dem Hana das Pfandhaus übernehmen soll, doch am Morgen sind die Räume verwüstet und ihr Vater verschwunden – mit einer besonderen Entscheidung aus dem Tresor. Mit Keishin, einem Kunden, macht Hana sich auf die Suche. Wird sie ihren Vater wiederfinden – und das, bevor die Shīkuin ihre Entscheidung zurückfordern.

„Water Moon“ ist der Debütroman von Samantha Sotto Yambao und wurde von Sonja Hagemann ins Deutsche übersetzt. Die Handlung folgt den Protagonisten Hana und Keishin durch eine Art Parallelwelt, in der das Pfandhaus angesiedelt ist und man muss von Beginn an eines ganz klar sagen: Japan und seine Kultur sind hier eine bloße Kulisse, ein nettes buntes Abziehbild, das durch das Einstreuen von japanischen Begriffen und Dingen illustriert werden soll. Ramen, Papierkraniche und Lotus – schon sind wir in Japan. Dabei hätte die Geschichte an jedem anderen Ort auch funktioniert, an ihr ist nichts speziell Japanisches.

Die Handlung hingegen ist aus einzelnen Versatzstücken zusammengesetzt, die wie Aufgaben aus einem Kurs für Kreatives Schreiben daherkommen. Die Autorin erfindet ein Pfandhaus für Entscheidungen, ein Dorf, das die Sterne an den Nachthimmel bringt oder einen fliegenden Nachtmarkt. Aber all diese Orte sind wie Kulissen in Westernfilmen, flach und es verbirgt sich nichts dahinter. Die Konzepte werden aneinander gereiht, aber keines erhält die verdiente Aufmerksamkeit. Dazu noch ein wenig Studio Ghibli-Flair, etwas Makoto Shinkai mit seinen Parallelwelten und Matt Haigs „Mitternachtsbibliothek“ – nur Vibes, keine stringente Handlung.

Noch dazu verlieben sich Hana und Keishin sofort, als sie einander das erste Mal sehen. Diese Liebe wirkt unglaubwürdig und hölzern und sieht sich natürlich vielen Hindernissen gegenüber. Die beiden kommen aus zwei Welten (Hana aus der Parallelwelt, Keishin aus der Realität) und noch dazu ist Hana einem anderen versprochen. Puh, anstrengend!

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