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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.01.2025

Einblick in eine andere Welt

Only Margo
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Margo ist 20, als sie ein Kind bekommt, von ihrem verheirateten Collegeprofessor Mark. Natürlich war er für eine Abtreibung, aber Margo hat sich allen Ratschlägen zum Trotz für Bodhi entschieden. Nach ...

Margo ist 20, als sie ein Kind bekommt, von ihrem verheirateten Collegeprofessor Mark. Natürlich war er für eine Abtreibung, aber Margo hat sich allen Ratschlägen zum Trotz für Bodhi entschieden. Nach der Geburt steht sie gleich vor mehreren Problemen: Sie hat kein Geld, weil sie aufgrund der fehlenden Kinderbetreuung ihren Job verloren hat und wird von niemandem, schon gar nicht von ihrer Mutter unterstützt. OnlyFans scheint ihr eine geeignete Lösung und sie hat Erfolg, auch dank ihres Vaters Jinx, ein berühmter Wrestler, der ihr tatkräftig unter die Arme greift. Doch nicht nur Mark verurteilt sie dafür.
„Only Margo“ von Rufi Thorpe ist ein komplexerer Roman, als ich erwartet hatte. Nicht nur Margos frühe Mutterschaft und deren Folgen spielen eine Rolle, sondern auch Sexarbeit und die Sicht der Gesellschaft darauf. Ich selbst kenne OnlyFans nur vom Hörensagen, fand daran aber nie etwas verwerflich und nach dem Roman noch weniger, vor allem wenn man bedenkt, wie viel Arbeit in den Accounts steckt und womit (gerade) Frauen dort konfrontiert werden.
Margo ist mir ziemlich schnell ans Herz gewachsen. Sie hat sich nie als Opfer von Machtmissbrauch gesehen, obwohl sie es ganz offensichtlich ist, sie kümmert sich herzzerreißend um Bodhi und nimmt jede Fallgrube, die ihr in den Weg geschoben wird, auch wenn sie kurz vorm Verzweifeln ist. Die anderen Charaktere sind ebenfalls gut gezeichnet, werden mir aber nicht so stark in Erinnerung bleiben.
Etwas irritiert haben mich die beiden Erzählperspektiven Margos, die der Leserschaft vorgaukeln sollen, dass der Roman möglicherweise real ist und/oder eine Metaebene damit öffnen will, was ich unnötig fand. Nach einiger Zeit hab ich mich aber daran gewöhnt. Sprachlich ist es solide, aber keine Überraschung. Es lebt von den Dialogen und dem Zwischenmenschlichen.
Es ist wunderbarer, kurzweiliger Roman, der sich mit wichtigen Themen unserer Zeit beschäftigt.

Veröffentlicht am 13.01.2025

Wiederentdeckung einer großen Dichterin

BILLIE »Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden«
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Billie ist noch ein Kind, als Greifswald belagert und ihr Haus von den Katholiken besetzt wird. Hautnah bekommt sie den 30-jährigen Krieg mit und versucht ihn zu überstehen. Ihr größter Trost ist die Poesie. ...

Billie ist noch ein Kind, als Greifswald belagert und ihr Haus von den Katholiken besetzt wird. Hautnah bekommt sie den 30-jährigen Krieg mit und versucht ihn zu überstehen. Ihr größter Trost ist die Poesie. Sie will eine große Dichterin werden, dabei darf sie nicht mal lesen oder schreiben. Frauen und Mädchen haben strenge Rollen zu erfüllen und müssen dem Mann gehorchen.

„Billie - ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“ von Stefan Cordes erzählt das Leben von Sibylla Schwarz, die im 17. Jh. eine der wenigen Dichterinnen war. Dabei orientiert er sich bei diesem Roman dicht an ihrem Leben und lässt sie auch selbst mit ihren Gedichten, die ins heutige Deutsch transkribiert wurden, zu Wort kommen.

Das Buch hat mich tief beeindruckt. Billie war mir sehr nah. Sie war ein unglaublich starkes, mutiges und schlaues Mädchen, das sich allen Widrigkeiten zum Trotz ihrer Leidenschaft gewidmet hat und auch die anderen Frauen in ihrem Leben haben sich nicht unterkriegen lassen. Da ist Ide, die Magd, die mich immer zum Lachen gebracht hat und Billies Schwester Emi, die sich ihr Strahlen, trotz der Grausamkeit der Zeit, bewahren konnte. Die Männer waren hingegen, bis auf einige Ausnahmen und nicht anders zu erwarten, sagen wir, schwierig. Sie haben sich eingerichtet in Patriarchat und Misogynie, inklusive der (Zwangs)Heirat von Mädchen, die meist nicht mehr waren als Haushälterinnen und Analphabetinnen, und Hexenverbrennungen. Das alles schildert Stefan Cordes ungeschönt, was ich ihm als Mann hoch anrechne. Er verschließt die Augen nicht oder versucht etwas zu beschönigen.

Er hat es geschafft, der Ich-Erzählerin Billie eine passende und poetische Sprache zu verleihen, die nie anstrengend wird. Man taucht darin ein und merkt gar nicht, wie die kurzen Kapitel an einem vorbeirauschen. Er macht das 17. Jh. nahbar, kleidet es in besonderer Form in ein modernes Gewand und schenkt uns die Wiederentdeckung einer großen Dichterin, die von ihrer Zeit und den Männern zum Schweigen gebracht werden sollte.

Veröffentlicht am 26.12.2024

Überraschungshighlight des Jahres

Die Wortlosen
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Moon ist klein, als ihr Bruder Ulli stirbt und das Schweigen um seinen Tod wird noch durch einen Umzug verstärkt. Als Teenager versucht sie die verlorene Verbindung zu ihm wiederzuerwecken, doch ihre Mutter ...

Moon ist klein, als ihr Bruder Ulli stirbt und das Schweigen um seinen Tod wird noch durch einen Umzug verstärkt. Als Teenager versucht sie die verlorene Verbindung zu ihm wiederzuerwecken, doch ihre Mutter ertränkt ihren Kummer und ihr Vater geht lieber arbeiten, was wohl auch besser so ist. Dann kommt es zu komischen Aussetzern, welche die lang verdrängten Bilder heraufbeschwören und Moon muss sich der Vergangenheit stellen. Nur Freundin und Nachbarin Tessa steht ihr bei, was wirklich nicht immer leicht ist.
„Die Wortlosen“ von Marion Haass-Pennings ist mein Überraschungshighlight diesen Jahres und keine leichte Kost. Schon ab dem Prolog merkt man, dass das etwas ganz schön im Argen liegt. Schnell hatte ich das Gefühl, dass da etwas in der Familie passiert ist und Ullis Tod kein Badeunfall war. Moon ist die einzige Erzählerin und keinesfalls zuverlässig, was umso authentischer ist, da sie stark traumatisiert zu sein scheint - sie weiß es einfach nicht besser, kann Erinnerungen nicht richtig abrufen und verliert später sogar Zeit. Doch irgendwann wird ihr klar, dass etwas schrecklich passiert sein muss und das es totgeschwiegen wird.
Marion Haass-Pennings versteht es, Lücken zu lassen und einem beim Lesen genau den richtigen Raum zu geben. Sie deutet an, zeigt, aber erklärt nichts. Sie beherrscht „Show don’t tell“ und zieht einen so in eine Geschichte, die verwirrend und schmerzhaft ist und mich noch länger nicht loslassen wird. Auch sprachlich hat es mich tief beeindruckt. Ich freue mich sehr, dieses Debüt entdeckt zu haben und auf zahlreiche weitere Romane aus Marion Haass-Pennings Feder.

Veröffentlicht am 12.12.2024

Ursprung des Vampirromans

Carmilla
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Laura lebt mit ihrem Vater auf einem entlegenen Schloss, da ist jede Abwechslung willkommen. Doch aus dem angekündigten Besuch einer Bekannten wird leider nichts. Was für ein Glück, dass gerade vor ihrem ...

Laura lebt mit ihrem Vater auf einem entlegenen Schloss, da ist jede Abwechslung willkommen. Doch aus dem angekündigten Besuch einer Bekannten wird leider nichts. Was für ein Glück, dass gerade vor ihrem Tor eine Kutsche heranrast und umkippt. Eine junge Frau, Carmilla, wird in der Obhut von Lauras Vater gelassen. Sie nehmen diese wunderschöne Fremde auf, nicht nur, um der Mutter einen Gefallen zu tun, sondern auch damit Laura Gesellschaft hat. Nur kurze Zeit später beginnen, junge Frauen in der Umgebung dahinzusiechen und auch Laura wird von ungewöhnlichen Begegnungen heimgesucht.
„Carmilla“ von Joseph Thomas Sheridan le Fanu ist einer der erste Vampirroman und noch 26 Jahre vor Bram Stokers Dracula erschienen. Im Mittelpunkt steht ein weiblicher Vampir, doch an der Geschichte an sich hat sich nicht viel geändert. Da hat sich wohl jemand stark inspirieren lassen. Leider muss ich gestehen, dass der Roman nicht gut gealtert ist. Sprachlich ist es sehr anstrengend. Lange Schachtelsätze, hochgestochene Sprache. Ja ich weiß, früher war es so, aber ich muss es nicht gut finden und ich habe mich oft dabei erwischt, wie ich abgedriftet bin. Außerdem empfinde ich das Thema Vampir als auserzählt. Ist die Zeit der Vampire nicht schon längst vorbei?
Drangeblieben bin ich, weil es nur 144 Seiten sind, eher eine Erzählung als ein Roman und natürlich alles sehr vorhersehbar. Die ausdrücklich erwähnte sexuelle Spannung hab ich dabei irgendwie überlesen. Trotzdem fand ich es interessant und ich kann mir vorstellen, dass es damals (Mitte des 19. Jahrhunderts) ungewöhnlich war, dass nicht nur eine Frau die Erzählerin und das Opfer war, sondern auch die Übeltäterin. Wahrscheinlich beantwortet das auch meine Frage, warum Dracula so viel größer geworden ist. Ein Mann als grausamer Täter, Mina als Opfer und Jonathan als Erzähler, sind halt auch zwei Männer der Tat und ein weibliches Opfer. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Veröffentlicht am 28.11.2024

Ein ganz besonderer letzter Wille

Lorettas letzter Trip
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Caro hat ein geordnetes Leben, es läuft bei ihr. Sie hat einen guten Job, der ihr Spaß macht, einen Partner, den sie liebt und sie achtet auf ihre Körper: gesunde Ernährung, Yoga, keine Exzesse. Doch dann ...

Caro hat ein geordnetes Leben, es läuft bei ihr. Sie hat einen guten Job, der ihr Spaß macht, einen Partner, den sie liebt und sie achtet auf ihre Körper: gesunde Ernährung, Yoga, keine Exzesse. Doch dann klingelt die Polizei an ihrer Tür und teilt ihr mit, dass ihre Ehefrau Loretta gestorben ist. Sie würde dem am liebsten keine Bedeutung zu messen, aber die Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abschütteln.
„Lorettas letzter Trip“ von Edie Calie ist ein wunderbarer Roman. Er ist witzig und absurd, aber auch ernsthaft und kritisch. Caro begibt sich eher ungewollt gleich auf mehrere Trips, die immer amüsant sind und absolut den Zeitgeist treffen. Er verbindet Welten, die nicht zusammenpassen und öffnet Grenzen, so wie Caro sich öffnet.
Der Roman lebt von den Figuren, allen voran Caro selbst, die mir anfangs etwas unsympathisch war, die aber Seite um Seite mein Herz erobert hat, vor allem in den Tagebuchkapiteln. Aber auch Anna und August, Lorettas Mitbewohner*innen, die mit dabei sind, um ihren letzten Willen zu erfüllen und der eigentlich ein Schmäh war, geben noch mal ordentlich Würze hinein. Edie Calie hat für mich die perfekte Mischung gefunden. Zum einen in den Wechseln aus personaler Erzählung im Heute und den Zeitsprüngen in den Tagebuchkapiteln, die uns in Lorettas und Caros Freundschaft und dessen Bruch mitnehmen. Zum anderen hat sie das Wienerische perfekt dosiert, sodass ich die Atmosphäre aufsaugen konnte, ohne über Worte und Formulierungen zu stolpern. Auch sprachlich liefert sie ab, baut gelungene Metaphern ein und hält die Spannung oben, sodass man das Buch gar nicht zur weglegen möchte. Wirklich ein ganz besondere Trip. Und wer wissen möchte, welche Rolle die Beatles bei all dem spielen, muss es wohl lesen.