Die Datscha
Das Leben vor unsAnja und Milka wachsen im Moskau der 80er Jahre auf. In der Datscha der Eltern verbringen sie ganze Sommer. Ihr Alltag wird von Mangel und politischer Unsicherheit bestimmt. Anja ist fasziniert von der ...
Anja und Milka wachsen im Moskau der 80er Jahre auf. In der Datscha der Eltern verbringen sie ganze Sommer. Ihr Alltag wird von Mangel und politischer Unsicherheit bestimmt. Anja ist fasziniert von der lebenshungrigen, abenteuerlustigen Milka, die laut und vulgär ist und sich nichts sagen lassen will und doch eine seltsame Ernsthaftigkeit hat. Sie sind unzertrennlich, bis sich eine Tragödie ereignet. Fast 20 Jahre später kehrt die inzwischen in den USA lebende Anja zurück, da die Datscha ihrer Eltern von einem Invenstor gekauft werden soll.
Kristina Gorcheva-Newberry wuchs selbst in Moskau auf und emigrierte wie die Hauptperson in die USA. Man merkt dem Text an, dass sie aus eigenen Erfahrungen oder vielleicht Erzählungen von Bekannten schöpfen kann. Man hat als Leser*in das Gefühl einen sehr ehrlichen, ungeschönten Blick auf das Aufwachsen der Jugendlichen zu bekommen. Es tauchen nur wenige Personen auf, die jedoch umso sorgfältiger betrachtet werden. Die Jugendlichen sind fasziniert von westlicher Musik und Kultur, sehnen sich nach Paris, Rom, New York, wohl wissend, dass ihr Leben ganz anders ablaufen wird. Gewalt, Missbrauch und Ungerechtigkeit werden stoisch ertragen und als selbstverständlicher Teil des Alltages in Russland hingenommen. Trotz Wissens um die Fehler der Politik stehen die meisten hinter der politischen Führung, wurschteln sich mehr oder weniger legal durch oder wählen die Emigration. Gleichzeitig beschreibt die Autorin sehr schön die Freundschaft der Jugendlichen, alltägliches Glück und berührende Erlebnisse. Referenzpunkt ist immer wieder Tschechows "Kirschgarten", zu dem es sehr viele Paralellen, nicht nur in der Auswahl der Namen der Charaktere, gibt. Während bei Tschechow aus der Leibeigenschaft befreite Neureiche das Gut der verarmten Adligen aufkaufen um Datschen zu errichten, sind es nun die Schergen zwielichtiger Oligarchen, die die Datschen einebnen und Hotels bauen möchten.
Ein fesselndes, bittersüßes Buch, das trotz schwerer Themen leicht lesbar daherkommt. Die Autorin wirft einen kritischen Blick auf die russische Gesellschaft, macht es ihrer Hauptperson dabei aber nicht zu leicht. Sie lässt erkennen, wie komplex die Zusammenhänge sind und wie sehr die Menschen, und dadurch auch die Gesellschaft, von den vergangenen Ereignissen, ob nun persönlich oder "gesellschaftlich-historisch" beeinflusst sind. Auch wenn man sich so gar nicht für Russland/die UdSSR interessiert empfehlenswert. Eine schöne, grausame, beunruhigende Geschichte über Freundschaft, Familie und Heimat.