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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.01.2024

Erschreckend akkurat dargestellt

Rote Augen
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Eine Frau bekommt eine Nachricht auf Facebook. Er stellt sich als Bewunderer vor. Ihre Radiosendung sei ja so erfrischend anders, in ihrer Meinung erkenne er sich wieder.
Um es sich mit dem unbekannten ...

Eine Frau bekommt eine Nachricht auf Facebook. Er stellt sich als Bewunderer vor. Ihre Radiosendung sei ja so erfrischend anders, in ihrer Meinung erkenne er sich wieder.
Um es sich mit dem unbekannten Mann, der einen eigenen Blog betreibt, nicht zu verscherzen, geht die Frau zögernd auf seine Nachrichten ein. Reagiert, aber nicht zu viel - um keine falschen Signale zu setzen. Doch die wenigen, knappen Nachrichten von ihr reichen ihrem Fan bald nicht mehr aus. Er wird forsch, drängt auf ein Treffen in einem Café, besser noch ein Abendessen. Sie ahnt, dass dies bereits zu viel Aufmerksamkeit wäre, verknappt den Kontakt noch mehr. Dann werden seine Äußerungen zunehmend unerträglicher, er driftet ins Rassistische und Sexistische ab. Hier zieht sie die Reißleine, ent-freundet ihren Fan. Ihre Zurückweisung ruft einen unbändigen Hass in ihm hervor. Er will sie nicht nur beleidigen, er will sie gesellschaftlich vernichten.

Myriam Leroy hat mit diesem Buch eine Schublade geöffnet, deren Inhalt wahrscheinlich nur allzu vielen Frauen bekannt vorkommt. Ich habe mich gefragt, wie Männer das Buch wohl lesen, erkennen sie sich darin wieder oder kommt ihnen das Geschilderte wie ein Märchen vor? Ich frage mich deshalb, weil mich nichts, was der Fan der Radiomoderatorin äußert, wirklich überrascht hat. Und trotz dessen, dass ich nicht verwundert war, hat mich die Geschichte verstört und verärgert, weil sie in abgewandelter Form so vielen von uns passiert.
Der einzige, wirklich einzige Kritikpunkt in diesem Buch war für mich der Konjunktiv, in dem Dreiviertel der Geschichte verfasst waren. Ansonsten ein phänomenal akkurates Buch täglicher digitaler Misogynie.

Veröffentlicht am 03.01.2024

Ein unglaublich wichtiges Sachbuch!

Femina
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Dass uns das Mittelalter Europas als düster, grausam und frauenfeindlich vermittelt wurde, liegt u.a. daran, dass die Deutungshoheit der Geschichte lange Zeit Männer innehatten. Archäologische Grabstelle ...

Dass uns das Mittelalter Europas als düster, grausam und frauenfeindlich vermittelt wurde, liegt u.a. daran, dass die Deutungshoheit der Geschichte lange Zeit Männer innehatten. Archäologische Grabstelle ausgebuddelt, Waffen gefunden – kann ja nur ein Mann sein. Wie falsch diese Annahmen überwiegend männlicher Historiker, Archäologen und Konsorten ist, darin gibt dieses Buch einen Einblick, indem es anhand derselben Fakten und Belege untersucht wie Aberdutzende Historiker:innen zuvor und den Fokus hin zu einer diversen Betrachtung des Mittelalters verschiebt.

Ein Blick ins Mittelalter hält so viel mehr bereit als Jeanne d'Arc und Hildegard von Bingen. Janina Ramirez gibt beispielsweise Einblicke in Æthelflæd, eine umsichtige frühmittelalterliche Herrscherin des angelsächsischen Königreichs Mercia. Auch mit Hedwig von Anjou, heilige Hedwig von Polen, die im 14. Jahrhundert den Titel König (nicht Königin) von Polen innehatte, stellt Ramirez eine weitere hochinteressante historische Persönlichkeit vor. Ein richtiges It-Girl war Margery Kempe, die im 15. Jahrhundert als Mystikerin mit ihrem Book of Margery Kempe eine Art erste Autobiografie der englischen Sprache verfasste, in der sie ausgedehnt über ihre Pilgerreisen zu den heiligen Stätten Europas berichtet und mit ihrem exzentrischen Verhalten die kirchlichen Autoritäten unter dem Blick der Häresie auf sich zieht.

Von manchen der vorgestellten Frauenfiguren gibt es so gut wie keine überlieferten Belege. Im Zuge der Reformationsbewegungen wurden Bibliotheken immer wieder nach kontroversen Texten durchsucht, weibliche Autorenschaft mit der Randnotiz „Femina“ versehen und damit oftmals direkt als nicht aufbewahrenswert gekennzeichnet. Heute würden wir wohl „Ablage P“ sagen. Im Laufe der Jahrhunderte sind viele Texte verloren gegangen, und an manche historische Frauen kann man sich nur annähern, indem man Texte männlicher Historienfiguren auf ihre Anwesenheit hin untersucht.
Ramirez hat mit ihrem Buch einen ganz wundervollen Ansatz geschaffen, der hoffentlich einen großen Trend widerspiegeln wird, um Frauen in der Geschichte den würdigen Platz zu bescheren, den sie verdient haben.

Veröffentlicht am 30.12.2023

Was für ein leises, melodisches, schönes, weiches Buch

Der Klang der Wälder
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Tomura ist im Abschlussjahr seiner weiterführenden Schule fern seiner Heimat in den Bergen. Statt sich wie seine Mitschüler:innen in den freien Nachmittag ins Wohnheim zu flüchten, kommt er der Bitte seines ...

Tomura ist im Abschlussjahr seiner weiterführenden Schule fern seiner Heimat in den Bergen. Statt sich wie seine Mitschüler:innen in den freien Nachmittag ins Wohnheim zu flüchten, kommt er der Bitte seines Lehrers nach, den Klavierstimmer in die Halle zu lassen, wo dieser den großen Konzertflügel stimmen soll. Er sieht dem Mann bei seiner Arbeit zu, und während dieser prüfend die Tasten des Instruments anschlägt, lassen die Töne in Tomura eine Landschaft aus den Wäldern seiner Heimat entstehen.
Die Begegnung mit dem Klavierstimmer lässt ihn nicht los, und im folgenden Jahr besucht er die Fachschule für Klavierstimmer:innen, um das Handwerk zu erlernen. Zwei Jahre später hat Tomura das Glück, eine Stelle in dem Instrumentenhandel zu ergattern, in der auch der Klavierstimmer von damals angestellt ist. Von ihm und seinen neuen Kollegen hofft er zu lernen, um besser zu werden. Denn irgendwann will auch er in der Lage sein für andere Menschen die Wälder seiner Heimat in den Bergen vor dem inneren Auge entstehen lassen. Doch stets ist da die Angst zu versagen, nicht genug Talent zu besitzen und nicht auszureichen.
Bei dem Termin eines Zwillingsschwesternpaars lauscht Tomura dem gemeinsamen Klavierspiel der beiden und erfährt ein schicksalhaftes Gefühl von Verantwortung, dieses Spiel auf das höchste Niveau begleiten zu wollen mit seinen Fähigkeiten als Klavierstimmer.

Autorin Natsu Miyashita kannte ich schon durch ihre autobiografische Reportage „Der Spielplatz der Götter“, dessen Erzählweise mir ungemein gefiel. Nun also habe ich es endlich geschafft, „Der Klang der Wälder“ zu lesen, und dieses Buch ist ein so stilles, ruhiges, dass es einem komplett den Alltag entschleunigt. Die Erzählung ist so unglaublich sinnlich und poetisch, dass auch ich, die sich mit Musik gar nicht auskennt, hineinfühlen konnte wie in wohltemperiertes Badewasser. Es ist ein ganz und gar wunderbarer Roman mit einer eigenen Wirkung. Die Geschichte selbst hat, anders als Melodien, wenige Höhen und Tiefen, und doch habe ich mich von den Schilderungen dermaßen einfangen lassen.

Veröffentlicht am 25.12.2023

Eine Welt ohne Männer?

Die andere Hälfte der Welt
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Als Dr. Amanda Maclean im Krankenhaus drei Männer mit Fieber behandelt, die alle kurz nacheinander sterben, ist ihr schnell klar, dass sie es mit dem Beginn einer Pandemie zu tun hat. Ihre bedrohliche ...

Als Dr. Amanda Maclean im Krankenhaus drei Männer mit Fieber behandelt, die alle kurz nacheinander sterben, ist ihr schnell klar, dass sie es mit dem Beginn einer Pandemie zu tun hat. Ihre bedrohliche Entdeckung teilt sie der Gesundheitsbehörde mit, doch Amandas Warnung bleibt ungehört, und dann ist es zu spät. Das Virus, das nur Männer befällt, durchdringt innerhalb kürzester Zeit die schottische Bevölkerung und breitet sich über die Landesgrenzen hinaus aufs Festland und auf der ganzen Welt aus.
Die folgenden Wochen und Monate werden von Angst, Tod und Trauer beherrscht. Die Zivilisation versinkt im Chaos, und doch waren Frauen für sich nie so sicher, denn sie können zwar (Über-)Trägerinnen des Virus sein, selbst aber nicht daran sterben. Auf der Suche nach abgelegenen Orten, an denen Männer die tödliche Pandemie auszusitzen vermögen, brächten sie sich in Lebensgefahr, wenn sie Frauen zu nahe kämen. Vergewaltigungen und Plünderungen, wie sie es sonst gäbe, bleiben so aus. Doch auch wenn die Frauen nicht am Virus sterben können, so haben sie Väter, Brüder, Partner, Söhne und Enkel, die sie durch das Virus verlieren können.
In Episoden wird die Pandemie aus der Sicht verschiedener Frauen erzählt. Frauen, die bereits wissen, dass ihre Männer und Jungen erkranken werden. Jede dieser Frauen durchlebt auf ihre Weise einen Verlust. Und nach der Zeit der Trauer gilt es, die Zivilisation wieder aufzubauen. Frauen müssen männlich konnotierte Rollen und Berufe übernehmen, alle müssen einen staatlich verortneten Beitrag leisten.

Bei dieser gesellschaftlichen Dystopie komme ich gar nicht umhin, Parallelen zur Covid-Pandemie zu ziehen. Doch genauso denke ich an die Frauen im und zum Ende des Zweiten Weltkrieges, die ob der vielen im Krieg gebliebenen Soldaten, welche die Wirtschaft am Leben und das Land wiederaufbauen mussten. Ein interessantes Gedankenspiel, diese männervernichtende Pandemie.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich zeitweise Probleme dabei hatte, mir all die Frauen und ihre Beziehungsgeflechte zu merken. Manche Stelle hätte gekürzt werden können, bei manchen Charakteren hätte ich gerne länger verweilt. Auf jeden Fall gibt es von mir eine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 25.12.2023

Das war leider kein Buch für mich

Dopamin & Pseudoretten
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Janis ist 25, hat eine Aushilfsstelle am Theater, lebt am Kottbusser Tor in einer WG und ist arg auf der Suche nach sich selbst. Als Transperson versucht sich Janis in Männersachen an seinem Bruder Marcel ...

Janis ist 25, hat eine Aushilfsstelle am Theater, lebt am Kottbusser Tor in einer WG und ist arg auf der Suche nach sich selbst. Als Transperson versucht sich Janis in Männersachen an seinem Bruder Marcel zu orientieren, der zum Vorbild eigentlich nur bedingt taugt.
Am Theater himmelt Janis die Schauspielerin Giuliana an, landet aber irgendwie bei Kostümbildnerin Irina. Sie akzeptiert ihn in seinem für ihn unvollkommenen Stadium, doch Janis ist weiterhin auf der Suche nach der eigenen Identität, die ihn durch Rauschmittel, Kneipen, OkCupid, in die Klapse und wieder hinaus bringt.

Wenn ich offen bin, weiß ich nicht, was ich über diesen Roman schreiben soll. Ich habe mich nicht in Janis Problematiken oder in seinem Leben wiedergefunden, so dass dieses Buch ereignislos an mir vorbeigeplätschert ist. Oder es ist zu intellektuell, damit kann ich auch leben, denn es waren lediglich knapp 200 Seiten, also keine Lebenszeit verschwendet – aber eben auch kein Fazit, das über ein Schulterzucken hinausgeht.