Profilbild von Paperboat

Paperboat

Lesejury Star
offline

Paperboat ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Paperboat über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.06.2025

Über das êzîdische (jesidische) Leben in zwei Welten

Die Sommer
0

Wir sind wieder als feministischer Buchclub zusammengekommen, um über „Die Sommer“ von Ronya Othmann zu sprechen.

Leyla lebt ein geteiltes Leben. Zu drei Vierteln lebt sie mit ihren Eltern nahe München ...

Wir sind wieder als feministischer Buchclub zusammengekommen, um über „Die Sommer“ von Ronya Othmann zu sprechen.

Leyla lebt ein geteiltes Leben. Zu drei Vierteln lebt sie mit ihren Eltern nahe München ein deutsches Leben, während die Sommer der Familie des Vaters in einem kleinen Dorf im Mittleren Osten gehören. Besonders der Großmutter fühlt Leyla sich tief verbunden. Kommt das Mädchen jedoch nach dem Sommer zurück nach Deutschland und erzählt nach Ferienende von der Zeit in Kurdistan, bekommt sie von türkischen Mitschüler:innen vorgeworfen, sie lüge, denn Kurdistan gibt es nicht. Leyla lernt, ihre êzîdische Herkunft nur noch bedingt zu erwähnen.
Als êzîdische Kurd:innen haben alle Menschen im Dorf von Leylas Großmutter einen gepackten Koffer mit den Notwendigkeiten, denn das Risiko von Verfolgung besteht immer.
Weder in der einen noch in der anderen Welt gewollt und geduldet, wächst Leyla mit einer inneren Zerrissenheit auf, die sie auch nach dem Auszug von zu Hause nach der Aufnahme ihres Studiums nicht abschütteln kann. Und dann, eines Tages, sind die Nachrichten voll vom Ausbruch des Krieges in Syrien und der durch den IS ausgelösten Völkermord an den Êzîd:innen. Leylas Vater, der auch zuvor die Nachrichten im Fernsehen verfolgt hat, ist nun gar nicht mehr vom Fernseher wegzubekommen. Wie auch er, empfindet Leyla eine zunehmende Verzweiflung, für die sie allerdings ein anderes Ventil benötigt als aus der Ferne zuzuschauen, wie ihr Volk vernichtet wird und geht den ersten Schritt ihrer ganz eigenen Empanzipation.

Einheitlich fanden wir Ronya Othmanns Debütroman sehr wertvoll. Ganz abgesehen davon, dass sich die Geschichte der vielen Sommer so liest, als wäre man mittendrin im Hause von Leylas Großmutter, enthält das Buch so viel Wissenswertes über eine Kultur, eine Ethnie, ein Volk, das bisher keine von uns wirklich kannte. Ich selbst habe beim Lesen immer wieder innegehalten und im Internet beispielsweise recherchiert, wie das Haus von Leylas Großmutter wohl aussehen mag, wenn es im Text hieß, im heißen Sommer schlafe die Familie nachts auf dem Dach; oder was die hochgelobte Stimme des kurdischen Musikers ausmacht, dessen Kassetten im Laufe der Handlung zum politischen Problem werden.
Dieser Roman hat uns allen, die wir im Buchclub anwesend waren, mehr gegeben als eine lesenswerte Geschichte.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Bilderbuch als Allegorie für Migration?

Weg mit den Schweinchen!
0

Heute möchte ich euch dieses schnuckelige Bilderbuch vorstellen. Darin lebt Wolf in seinem Haus im Wald in Ruhe und Routine. Morgens gibt’s Frühstück, einen Waldspaziergang und Arbeit, mittags Garten- ...

Heute möchte ich euch dieses schnuckelige Bilderbuch vorstellen. Darin lebt Wolf in seinem Haus im Wald in Ruhe und Routine. Morgens gibt’s Frühstück, einen Waldspaziergang und Arbeit, mittags Garten- und Küchenarbeit, und Abends wird Schach gespielt, gelesen und gebadet vor dem Schlafengehen. Wolf hat einen Plan vom geregelten Leben. Dieser wird nachhaltig gewaltig durcheinandergebracht von den drei auftauchenden Schweinchen, die sich in Wolfs Nachbarschaft niederlassen und gehörig Krach machen. Wolf ist genervt, will seine geliebte Ruhe wiederhaben und die Schweinchen loswerden. Doch weder sprechen die Schweine die Wolfssprache noch spricht der Wolf die Schweinchensprache, und so gehen alle Versuche die drei Nervensägen loszuwerden ins Leere. Als dann eines flockigen Wintermorgens der Wald ganz ruhig ist und der Wolf schon denkt, die Schweinchen sind weg, wird er doch ein bisschen wehmütig, als hätte er sich an den Rummel auf der Lichtung gewöhnt. Er zieht sich Stiefel an, geht raus und findet die frierenden Schweinchen in ihrer Hütte vor. Das geht dem Wolf doch ein bisschen zu weit – er nimmt die drei mit zu sich nach Hause, pflegt sie gesund und alle lernen dabei einander besser kennen. Da sie nun einander besser verstehen, kommen sie auch besser miteinander aus, werden richtige Freunde und ziehen sogar beim Wolf ein. Und dann passiert das Ungeheuerliche – ney, das findet ihr selbst raus, höhö!

Ein in warmen Farben illustriertes Bilderbuch mit einer Botschaft über offene Arme und Empathie füreinander. Würden die von der AfD das Buch mal gemeinsam lesen, wären die nicht mehr so griesgrämig und hasserfüllt. Na wenn das mal kein Argument ist, dieses Buch als neuen Mitbewohner zu sich zu holen!

Veröffentlicht am 21.06.2025

Das Buch hab ich nicht so gefühlt

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
0

Era lebt mit ihrer Mutter in einer Hütte am Rande des Waldes, der von Tag zu Tag weiter abbrennt. Sie dokumentiert in ihrem Notizbuch das Aussterben der Vögel. Wie ein ablaufender Countdown sammeln sich ...

Era lebt mit ihrer Mutter in einer Hütte am Rande des Waldes, der von Tag zu Tag weiter abbrennt. Sie dokumentiert in ihrem Notizbuch das Aussterben der Vögel. Wie ein ablaufender Countdown sammeln sich die Namen der verschwundenen Arten. In einem Stream beobachtet sie ihre Mitschülerin Maja und deren Schwester Merle, Töchter von Momfluencerinnen. Im Wald jagen sie Festplatten in die Luft als Ausdruck ihres Wutes. Wut darüber, nicht über ihre eigene Sichtbarkeit entscheiden zu dürfen. Als Era die beiden Schwestern vor Ort beobachtet und von ihnen erwischt wird, schließt sie sich an. Zwischen Maja und Era knistert es.
Die Feuer wüten weiter und nehmen den Mädchen nicht nur den Ort ihres Kennenlernens, sondern auch einen Ort, an dem sie durch ihren Ausdruck ihre Identität definieren konnten.

Das Zusammentreffen von Maja und Era findet in einer nahen Zukunft statt, in der sich die Klimakatastrophe derart weiterentwickelt hat, dass die Menschen sie nicht mehr ignorieren können. Die Mädchen befinden sich in einem Szenario, das uns heute bereits Angst machen sollte. Während Maja mit ihrer Schwester versucht, etwas auszulöschen, ist es Eras Bestreben, zu erhalten. Vögel sind ihre Passion, und es bricht ihr das Herz, dass immer mehr Arten ihren Lebensraum verlieren und für unwiederbringlich verschwinden.
Aus einem Grund, der sich mir nicht erschlossen hat, hat mich das Buch nicht wirklich berührt. Die Wut von Maja sowie die Angst von Era konnte ich nachvollziehen, und dennoch hat mich irgendeine Distanz davon abgehalten, die Geschichte wirklich zu fühlen.

Veröffentlicht am 21.06.2025

All Cats Are Beautiful

Alles nur Einzelfälle?
0

Die Polizei, „dein Freund und Helfer“- die Phrase ist in unser aller Köpfe, aber verlassen wir uns vielleicht ein wenig zu sehr auf die Polizei? Dieser Frage geht Mohamed Amjahid in seinem Buch „Alles ...

Die Polizei, „dein Freund und Helfer“- die Phrase ist in unser aller Köpfe, aber verlassen wir uns vielleicht ein wenig zu sehr auf die Polizei? Dieser Frage geht Mohamed Amjahid in seinem Buch „Alles nur Einzelfälle?“ äußerst kritisch nach.

Die Polizei hat ein strukturelles Problem. Das ist ein Fakt. Es häufen sich Fälle rassistischer, antisemitischer, nationalsozialistischer Polizei-Chats mit Verstrickungen in rechtsextreme Netzwerke; die Kultur der Polizei ist durchzogen von Männlichkeitsritualen, die geprägt sind von Überheblichkeit; Blicke von außen sind unerwünscht; Polizei ist gerne „unter sich“; Verstöße und Dienstaufsichtsbeschwerden werden von benachbarten Dienststellen untersucht. Wenn also Polizeigewalt ausschließlich bei der Polizei gemeldet werden kann und die Polizei darüber entscheidet, wie mit solchen Fällen umgegangen wird, wie kann es dann unabhängige Gerechtigkeit geben?

Für sein Buch hat Amjahid zehn Jahre lang investigativ recherchiert, angestoßen durch eigene Erfahrungen. Denn niemand ist so sehr gefährdet davon, Opfer von polizeilichem Machtmissbrauch zu werden, wie junge Männer mit Migrationshintergrund, dicht gefolgt von Menschen mit psychischer Erkrankung. Fälle von Menschen, die unverhältnismäßig oder gänzlich zu Unrecht von Polizeibeamt:innen traktiert werden, psychisch oder physisch bis hin zum Tod, sind eben keine Einzelfälle. Unabhängige Beschwerdestellen, um Polizeigewalt aufzuzeigen, gibt es nicht. Wer Polizei anzeigen will, muss zur Polizei. Über dieses missbräuchliche System hält die Polizeigewerkschaft die schützende Hand über Täter:innen.
Mögliche Lösungsansätze unterschiedlichen Aufwandes fügt Amjahid gegen Ende seines Buches zu.

Da ich kürzlich selbst mit der Polizei zu tun hatte, die eine Ansprache von so geringen Ausmaßen, für die normalerweise das Ordnungsamt zuständig wäre, derart hat eskalieren lassen, kann ich dieses Sachbuch als Lektüre nur empfehlen. Jede:r - das habe ich selbst gesehen und kann eigentlich froh sein, dass lediglich mein Klugfon beschlagnahmt wurde und ich nicht selbst mit dem Kopf auf dem Bordstein geendet bin – kann Opfer von Polizeigewalt werden. Seid wachsam, bildet Banden, informiert euch.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Dieser Roman ist außergewöhnlich in Stil, Setting, Geschichte

Es währt für immer und dann ist es vorbei
0

Es gab eine große Katastrophe, davor nichts. Zumindest nichts, an das sie sich erinnern könnte. Im Jenseits lebt sie im Hotel der Zombies mit anderen ihresgleichen, die sich neue Namen gegeben haben, weil ...

Es gab eine große Katastrophe, davor nichts. Zumindest nichts, an das sie sich erinnern könnte. Im Jenseits lebt sie im Hotel der Zombies mit anderen ihresgleichen, die sich neue Namen gegeben haben, weil sie sich nicht erinnern.

»Aber dein Name ist nicht Carlos«, sagte ich.
»Carlos ist der Name, den ich meinem Namen gegeben habe«, sagte er.
»Carlos passt zu dir«, sagte ich.

Ihre Erinnerung hat sie schon verloren, ihren rechten Arm verliert sie jetzt. Sauber abgetrennt wie das Vorher vom Jetzt. Statt dieses Arms hat sie nun eine Krähe. Unbeweglich, wie tot. Die Krähe bindet sie sich fest in ihren Brustkorb, und plappernd begleitet die Krähe sie nach Westen. Zum Meer. Zu den Dünen zieht es sie, auf die Suche nach sich selbst. Die leise Erinnerung an eine Person, an Sehnsucht, an Liebe wird immer wieder unterbrochen durch den Hunger auf Fleisch. Nahrung, die doch nicht sättigt. Nur die Dünen und was sie dort findet, können sie hoffentlich sättigen.

Dieser Roman ist außergewöhnlich in Stil, Setting, Geschichte. Man wiederhole nur nicht meinen Fehler und lese das Buch in Etappen, wenn einem gerade selbst viel durch den Kopf geht. Für dieses Buch schafft man sich am besten einen zeitlichen Freiraum, um ganz in die philosophische, hoffnungsvolle Tristesse einzutauchen. Wer ein ausgesuchtes Buch sucht, greife zu Anne de Marckens „Es währt für immer und dann ist es vorbei“.