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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.06.2025

Alles ein bisschen anders

Sturm überm Winkelhaus
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Sam zieht mit ihrer Mama und den zwei Brüdern in wenigen Tagen nach Gørja. Sams Mutter erträgt es nicht mehr, dass Sam an ihrer Schule geärgert wird. Überhaupt ist Sams Mutter sehr besorgt um ihre Kinder ...

Sam zieht mit ihrer Mama und den zwei Brüdern in wenigen Tagen nach Gørja. Sams Mutter erträgt es nicht mehr, dass Sam an ihrer Schule geärgert wird. Überhaupt ist Sams Mutter sehr besorgt um ihre Kinder und versucht immer alles richtig zu machen, damit sie bestmöglich aufwachsen. Ihr Wissen nimmt Sams Mutter aus dem Internet und aus Büchern. Jedenfalls zieht die kleine Familie nach Gørja, einen kleinen Ort mit einer kleinen Schule, ein paar Geschäften und einem Kiosk. Um diesen Ort drehen sich aber auch einige Legenden, denn vor vielen Jahren sind schon mal Kinder aus der Stadt verschwunden und nie wieder aufgetaucht.
In der Schule lernt Sam die schlagfertige Karla kennen und möchte so gerne mit ihr befreundet sein, denn Karla lässt sich nichts gefallen. Als Sams und Karlas Mitschüler Truls plötzlich verschwindet und nicht wieder auftaucht, vermuten die beiden Kinder sofort einen Zusammengang mit der Legende der zuvor verschwundenen Kinder. Derweil benimmt sich Sams Mutter immer seltsamer, doch das darf Karla und Sam nicht davon abhalten, Truls wiederfinden zu wollen.

In diesem Kinderbuch sind einfach alle irgendwie ein bisschen anders. Jeder auf seine Weise besonders. Trotz der Eigenheiten der vielen verschiedenen im Buch vorkommenden Personen schwingt immer irgendwie Wertschätzung für ihre Besonderheiten mit. Das mochte ich an dem Buch sehr, ebenso wie die Spannung um die Geheimnisse, die sich nach und nach um den Sturm überm Winkelhaus entspinnen.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Schonungslos ehrlich zu sich selbst

Dialoge mit mir selbst 1
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Liebe Kabi Nagata,

So beginnt jede der zwölf Episoden aus dem Leben der Autorin dieses Pseudonyms. Die Mangaka verarbeitet in diesem biografischen Buch ihre Depression, Einsamkeit, Intimität und fehlende ...

Liebe Kabi Nagata,

So beginnt jede der zwölf Episoden aus dem Leben der Autorin dieses Pseudonyms. Die Mangaka verarbeitet in diesem biografischen Buch ihre Depression, Einsamkeit, Intimität und fehlende Eigenständigkeit. Denn ihrer Meinung nach müsste Kabi Nagata doch mittlerweile fähig sein auf eigenen Beinen zu stehen. Sie sucht sich eine eigene Wohnung und hofft, dass das Einkommen aus ihrem selbstständigen Zeichnerinberuf reichen wird. Ein selbstständiges Leben fällt ihr schwer, immer wieder fällt sie zurück in den Schoß ihrer Familie, und das obwohl Kabi Probleme hat mit ihrer Familie zurecht zu kommen. Das liegt nicht zuletzt darin, dass ihre Familie im kürzlich erschienenen ersten autobiografischen Manga, „Meine lesbische Erfahrung mit Einsamkeit“, nicht sonderlich positiv dargestellt war, was die Spannung im Familienleben noch verstärkt. Kabi versucht auch in diesem Band ihres biografisch verarbeiteten Manga ihre Einsamkeit mit neuen Kontakten zu bewältigen. Dies führt sie zwar nicht in eine erhoffte Beziehung, jedoch zu mehr oder weniger unangenehmen Erkenntnissen über sich selbst.

Die Manga-Reihe um Kabi Nagatas Probleme des Lebens sind unbequem ehrlich und behandeln therapiewürdige Themen. Ich mag die Reihe sehr trotz ihrer Schwere. Den Folgeband „Dialoge mit mir selbst 2“ sowie „Der Filmriss – meine Flucht vor der Realität“ liegen sehnlichst bereits bereit.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Mein Highlight des Jahres 2024

Geliebte Mutter – Canım Annem
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Aynur ist eine Frau moderner Erziehung. Als in Istanbul die Tulpen blühen, zerbricht Aynur unter der Entscheidung, die ihr Leben prägen soll. Gegen ihren Wunsch wird sie mit Alvin verheiratet, der in Deutschland ...

Aynur ist eine Frau moderner Erziehung. Als in Istanbul die Tulpen blühen, zerbricht Aynur unter der Entscheidung, die ihr Leben prägen soll. Gegen ihren Wunsch wird sie mit Alvin verheiratet, der in Deutschland als Gastarbeiter malocht und all das ist, was Aynur verachtet: fromm, ungebildet, traditionell.
Die Jahre in Deutschland vergehen, aus der Ehe gehen die beiden Kinder, Meryem und Ada hervor. Alvin regiert seine Familie mit Gewalt, Aynur prägt ihren Kindern ein, dass sie besser und fleißiger sein, um ein besseres Leben zu haben als ihre Eltern. Ada und Meryem erleben eine Kindheit mit prägenden Entbehrungen, die sie hinter sich zu lassen versuchen. Am Ende des Lebens werden sie von ihren Traumata wieder eingeholt und versuchen sich den aus den tiefen ihres Bewusstseins an die Oberfläche drängenden Fragen zu stellen. Warum hat Aynur Alvin nicht verlassen, sondern ein halbes Jahrhundert Ehe unter diesem Damiliendespoten erduldet? Warum fehlte es den Kindern an der Liebe, die ihre Mutter selbst so schwer vermisst hat? Wie sehr können sich die zerbrochenen Teile einer Familie im Altern und Sterben bei all den zugefügten Wunden annähern?

Çidem Akyols Roman um die Gastarbeiterfamilie war mein letztes Highlight des Jahres 2024. Akyols Stil, die anklagende Stimme der Tochter oft sprechen zu lassen, hat für mich ein großes Identifikationspotential gehabt. Dabei hat sie sie all die Fragen stellen lassen, die auch mich umtrieben hätten in ihrem Familienumfeld. Das Buch konnte nicht anders als mir unter die Haut zu gehen, der literarisch verarbeitete Schmerz sickert unabwendbar in die lesende Seele. Und auch, wenn man mentale Wunden versteht, offenbart sich in dieser Geschichte, die mich so stark an Fatih Çevikkollus Sachbuch "Kartonwand" erinnert hat, ein generationsübergreifendes Elend, das man nicht verstehen kann, wenn man keine migrantischen Wurzeln hat.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Absolut bewegendes Buch! Jeder sollte es lesen, plus es sollte Schullektüre werden!

Die Straße im Kopf
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Dominik hat es geschafft - von der Straße. Nach über zehn Jahren Obdachlosigkeit hat er wieder eigene vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Doch so viel hat Dominik noch nicht geschafft, als er in dieser ...

Dominik hat es geschafft - von der Straße. Nach über zehn Jahren Obdachlosigkeit hat er wieder eigene vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Doch so viel hat Dominik noch nicht geschafft, als er in dieser Wohnung ankommt. Die alltäglichen Dinge, die uns leicht von der Hand gehen, die sind für Dominik noch immer schwer. Den Kühlschrank schließt er nicht an, kühlt seine Lebensmittel auf dem Balkon. Im Bett schläft er nicht, seine Schlafgewohnheiten sind noch immer die auf der Straße.

Dominik schämt sich nicht, seine Schwächen aufs Papier zu schreiben, um der Welt zu zeigen, mit welchem Problemen (Ex-)Obdachlose zu kämpfen haben. Er zeigt eine Welt, vor der wir den Blick abwenden. Und er zeigt, dass es sich lohnt, hinzuschauen. Es sind Menschen wie wir, die wir ignorieren, denn jede und jeder von uns könnte von heute auf morgen auf der Straße landen.

Ein Buch über Realität, aber auch über Hoffnung. Ein Buch, das man das ganze Jahr über lesen sollte, dessen Thema um Obdachlosigkeit aber vor allem während der dekadenten Adventszeit präsent ist. Meine Empfehlung: Lesen und vieles daraus mitnehmen.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Hat mir gut gefallen!

Wenn Engel brennen
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Die Straße durch Cambell's Run ist gesperrt, seit Polizeichefin Carnahan denken kann. Jahrzehntelang schon schwelt unter der einstigen Stadt ein Kohlebrand, knorrige Bäume ohne Blätter strecken ihre trockenen ...

Die Straße durch Cambell's Run ist gesperrt, seit Polizeichefin Carnahan denken kann. Jahrzehntelang schon schwelt unter der einstigen Stadt ein Kohlebrand, knorrige Bäume ohne Blätter strecken ihre trockenen Äste wie Knochenhände aus dem Boden in einer Einöde, in der eingestürzte Reste von Häusern und schlaglöchrige Straßen daran erinnern, dass diese Gegend mal bewohnt war.
Hier kommt niemand mehr hin, der es nicht muss, und doch steht Carnahan vor einem dieser schwelenden Gruben im Boden und betrachtet die Leiche eines Teenagers, die hier „entsorgt“ wurde.

Der Fall ist zu groß fürs County, und so erhält Carnahan Hilfe von der State Police in Form von Corporal Greely. Die Identität des Mädchens ist schnell ermittelt. Es handelt sich um die 17-jährige Camio aus der Familie Truly. White Trash. Wie die Flodders, nur ohne Humor. Camio hatte einen Freund, der als Hauptverdächtiger untersucht wird. Während Carnahan in den laufenden Ermittlungen von ihrer Vergangenheit eingeholt und Probleme ganz eigener Art zu bewältigen hat, strecken sie und Greely ihre Fühler in alle Richtungen aus, um den Mörder des Mädchens zu finden.

Tawni O'Dell setzt das Setting ihres Krimis in den fiktiven Ort Campbell's Run, der vermutlich seinen realen Ursprung in Centralia im US-Bundesstaat Pennsylvania hat. Dort brach vor 61 Jahren ein Feuer aus, das sich in verlassene Kohleflöze fraß. Es brannte unter Tage in einem Gebiet von 15 Quadratkilometern und schwelt bis heute unter der evakuierten Stadt.
Der Country Noir hat mich in dem Tempo in seine Geschichte gezogen, wie ich mir die Mentalität dieser Landbevölkerung vorstelle. Ihre Charaktere sind Schwarz, Weiß sowie die Graustufen dazwischen und zeigen in auf begreifliche Art das Unvollkommene in Menschen.