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Veröffentlicht am 04.12.2024

Therapiezwischenräume füllen

Jein!
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„Jein“, mein zweites gelesenes Buch von Stefanie Stahl. Gefühlt ist es mehr mein Thema als „Das Kind in dir muss Heimat finden“, dennoch habe ich mich von diesem Inhalt in seiner Gesamtheit weniger abgeholt ...

„Jein“, mein zweites gelesenes Buch von Stefanie Stahl. Gefühlt ist es mehr mein Thema als „Das Kind in dir muss Heimat finden“, dennoch habe ich mich von diesem Inhalt in seiner Gesamtheit weniger abgeholt gefühlt. Teile des Buches haben mich unberührt gelassen, weil sie nicht auf meine Situation passen. Der Titel des Buches suggeriert ja schon eine umfassende Ratgeberfunktion für Betroffene und deren Partner:innen. Vornehmlich wollte ich Antworten für mich und habe daher nicht wenige Seiten, die sich an Partner:innen richten, schlicht überblättert, weil sie für mich nicht interessant genug waren.

Die Autorin und Psychotherapeutin erläutert die verschiedenen Bindungsstile, die mensch in frühkindlichem Alter entwickelt und geht auf die Abwehrstrategien von Bindungsängsten und geht sogar auf geschlechterbezogene Unterschiede ein (bedingt durch unsere Sozialisation). Einen Teil zur Ursache bzw. Entstehung von Bindungsängsten gibt es ebenfalls.
In manchen Erklärungen und Beispielen habe ich mich wiedererkannt, wie in der Aussage, dass bei bindungsängstlichen Menschen das Erlebnis von intensiver Nähe eine Angst auslöst, nie mehr ohne diese Nähe sein zu wollen. Weil diese Betroffenen als Kinder in ihrem Wunsch nach Nähe und Geborgenheit nie satt geworden sind, stellt sich auf einmal ein überwältigender Hunger danach ein. Das normalerweise sorgfältig verdrängte Bedürfnis nach Nähe bricht mit solcher Macht über sie herein, dass sie es nicht mehr verwalten können, es sie völlig zu überschwemmen droht, nachdem sie sich jahrelang darin geübt haben, den Hunger asketisch zu ignorieren. Yep, sounds just like me...

Das Buch bietet, wie auch schon „Das Kind in dir muss Heimat finden“, Erklärungsansätze. Diese sind gut für einen Einstieg in Bindungsstörungen, ersetzen aber weiterhin keine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst unter professioneller Hilfe.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Hat mir sehr gefallen (erinnerte ein bisschen an Hansens "Zur See")

Leute von früher
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Marlene reist als Saisonkraft auf die Nordseeinsel Strand. Dort gibt es ein Erlebnisdorf, in dem alles so ist wie um das Jahr 1900 - die Gebäude, die Bräuche, die Kostümierung. Aber eigentlich ist alles ...

Marlene reist als Saisonkraft auf die Nordseeinsel Strand. Dort gibt es ein Erlebnisdorf, in dem alles so ist wie um das Jahr 1900 - die Gebäude, die Bräuche, die Kostümierung. Aber eigentlich ist alles eine große touristische Inszenierung. Für die wenigen auf der Insel Geborenen ist diese Hälfte des Jahres lediglich ein Schauspiel, während die andere Hälfte kalt und bisweilen einsam ist. So auch für Janne, die in der Fischräucherei nebenan arbeitet. Sie fasziniert Marlene vom ersten Augenblick an. Die verschlossene Janne ist für Marlene fast so mysteriös wie die Geschichte um die bei einer Sturmflut versunkenen Insel Rungholt, von der man in manchen Nächten das Läutern der Kirchenglocke im Meer hören soll. Je näher Marlene Janne kommt, umso seltsamere Dinge passieren, die mit der Vergangenheit der Inselregion zu tun haben.

Das Flair der "Leute von früher" hat für mich beim Lesen eine ähnliche Atmosphäre wie Dörte Hansens "Zur See" oder Jarka Kubsovas "Marschlande" erzeugt. Ich mag diese Art Bücher sehr, bei denen ich das Gefühl habe, wieder zurück in Schleswig-Holstein zu sein, wo ich so lange gelebt habe, Meeresluft einzuatmen und den norddeutschen Nieselregen im Nacken zu spüren.
Als Leser:in spürt man zudem ganz nah an Marlene in das Annähern an Janne heran und fühlt, dass die auf der Insel groß gewordenen Frau ein Geheimnis umgibt, über das sie mit Auswärtigen nicht spricht. Dieses Buch zu lesen, bedeutet ein Stück weit ins Watt einzutauchen. Mochte ich sehr!

Veröffentlicht am 04.12.2024

Eigentlich ganz nice, aber letztlich nicht meins.

Zazie in der Metro
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Paris in den 1950er Jahren - Zazie wird übers Wochenende bei Onkel Gabriel einquartiert, damit ihre Mutter sich dem Liebhaber zuwenden kann. Die 13-Jährige ist mit einem Mundwerk ausgestattet, für die ...

Paris in den 1950er Jahren - Zazie wird übers Wochenende bei Onkel Gabriel einquartiert, damit ihre Mutter sich dem Liebhaber zuwenden kann. Die 13-Jährige ist mit einem Mundwerk ausgestattet, für die ihr nach manchen Erziehungsmaßstäben noch immer der Mund mit Seife ausgewaschen werden würde. Beim Kennenlernen von Gabriels Bekanntenkreis, wie den Bistrochef Turandot, seinen auf einen Satz beschränkten Papagei Laverdure, der Kellnerin Mado und deren Lebensgefährten Charles, geizt Zazie nicht mit frechen Worten, denn irgendwie ist sie auch angepisst, hatte sie doch gehofft, beim Besuch in Paris auch mal mit der Metro zu fahren. Die wird allerdings gerade bestreikt, also geht es ausschließlich zu Fuß oder mit dem Auto durch die Stadt. Während ihrer Zeit in Paris lernt Zazie noch allerhand andere illustre Leute kennen, die sich allesamt als ziemlich liebenswerte Charakterköpfe herausstellen.

Für mich lässt sich die Handlung des Buches am ehesten beschreiben mit dem Film "Die fabelhafte Welt der Amélie", aber ausschließlich aus Dialogen bestehend. Das Buch lebt von einer zotigen Sprache, die sehr viel mit dialektalen Wortschöpfungen spielt. Allein dies macht das Buch lesenswert. Man muss diesen Stil mögen. Für mich war dann allerdings doch irgendwie zu wenig Handlung darin, dass es mich wirklich überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Literatur mal aus nem anderen Blickwinkel (echt jetzt)

But Make It Classy!
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Wer Teresa Reichl (wie ich) auf Instagram folgt, der weiß: Sie ist schon ein kleiner Klassiker-Nerd. Was offensichtlich leicht angesoffen als Drunk Classivs auf YouTube begann, hat sie nun zwischen zwei ...

Wer Teresa Reichl (wie ich) auf Instagram folgt, der weiß: Sie ist schon ein kleiner Klassiker-Nerd. Was offensichtlich leicht angesoffen als Drunk Classivs auf YouTube begann, hat sie nun zwischen zwei Buchdeckel gepackt und spricht so nahbar über Literatur, wie ich es mir von Lehrkräften in der Schule zu meiner Zeit gewünscht hätte. Daher eignet sich "But make it classy!" auch voll dafür, es Heranwachsenden in die Hand zu drücken, deren Augen beim Gedanken an den Deutschunterricht besorgniserregend gelangweilt weit in den Schädel hinein rotieren.

In ihrem Close-up eröffnet Reichl einen Einblick in Werke und Wirken von Lessing, Sibylla Schwarz, Grimmelshausen, Christiane Karoline Schlegel, mit Goethe und Schiller die bekannteste Bromance der deutschen Geschichte, E.T.A. Hoffmann, und wendet sich einem rührenden Briefwechsel zwischen Bettina von Arnim und Karoline von Günderrode zu, der mich neugierig auf diesen Austausch gemacht hat.

Teresa Reichl driftet in ihren Erklärungen nie ins Lehrerhafte ab. Ihre Stärke ist es, zu erkennen, was Jugendliche bewegt und dies in frühere Epochen zu verknüpfen. Denn was Klassiker ja üblicherweise zu solchen macht, ist die über ihre Zeit hinausgehende Relevanz des Werks, und genau die kriegen viele Lehrer:innen einfach nicht an ihre Schüler:innen transportiert. Reichl gelingt das vor allem auch durch den Slang, den sie im Buch verwendet. Zwar bin ich selbst der Jugendsprache seit vielen Monden entwachsen und halte den Sprech von Leuten halb so alt wie ich manchmal für eine eußereuropäische Pidginsprache, aber ich erkenne den Reiz darin, wenn Literaturgeschichte sprachlich nah an den Kiddos ist, die sie zwangsweise in der Schule lernen müssen, und nicht so hochgestochen, dass man sich abgehängt fühlt und gar keinen Bock hat mitzureden.

Kauft es, schenkt es euren Kindern und euren Freundeskindern.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Salat alles drauf? Scharf auch?

Döner
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Eberhard Seidel ist eine deutsche Koryphäe des Döners, praktisch ein Dönerprofessor. Bereits 1996 veröffentlichte er ein erstes Buch zu einem der Lieblingsfastfoods der Deutschen, 2022 erscheint vorliegendes ...

Eberhard Seidel ist eine deutsche Koryphäe des Döners, praktisch ein Dönerprofessor. Bereits 1996 veröffentlichte er ein erstes Buch zu einem der Lieblingsfastfoods der Deutschen, 2022 erscheint vorliegendes Döner-Buch, dem ich mich mit aufkommendem Appetit (1. Hunger, 2. Lesen, in genau dieser Reihenfolge) nicht entziehen konnte.

Wo die Wiege des Döner Kebap ist, darüber ist sich Seidel selbst nach eingehenden Recherchen nicht sicher. In Deutschland jedenfalls soll 1971 in Berlin der erste Imbiss eröffnet haben, an dem vom senkrechten Drehspieß Fleisch in ein gevierteltes Fladenbrot zum Verzehr für unterwegs geschaufelt wurde. Denn auch wenn es die Dönertasche in der Türkei durchaus bereits gab, ist die heutige Form eine Erfindung ehemaliger Gastarbeiter der ersten und zweiten Generation. In der Türkei isst man offensichtlich lieber im Sitzen, während der Deutsche sich lieber im Stehen oder Gehen mit Soße bekleckert. Die in den 1970er/80er Jahren als erstes aus den deutschen Unternehmen entlassenen Männer, im Zuge des Gastarbeiterabkommens angeworben wurden, mussten sich neue Einkommensquellen erschließen, und so wurde der Döner geboren, der als Reimport eine Beliebtheit auch im Ursprungsland Türkei erfahren hat.
Wurden die ersten Dönerspieße noch in irgendwelchen Hinterhöfen zusammengeklöppelt, entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahre eine Döneridustrie, die heute mehr Umsatz generiert als die zehn größten Fast-Food-Ketten.

Bei der kulturgeschichtlichen Betrachtung des Döners kommt man nicht umhin, sich auch dem Rassismus, genauer gesagt der Türkenfeindlichkeit, die mir als Kind in den 1990er Jahren bereits diffus bewusst war, zuzuwenden. Dabei richtet Seidel seinen Blick auch dem Osten der Republik, wo türkische Gastronomen es nicht nur schwerer hatten, sondern auch häufiger Opfer rechter Gewalt wurden.

Ich mochte das Buch. Wenn ihr mal nicht wisst, was ihr verschenken sollt an jemanden, der gerne isst, dann schenkt doch einfach das Buch und wünscht guten Appetit.